Montag, 28. Dezember 2009

FORUM LITERATUR # 1: Wallace - Bolaño - Nabokov



Hallo, liebe Hörerin, lieber Hörer. Wenn Sie auf diese Seite geraten sind, haben Sie vielleicht Interesse an der Sendung Forum Literatur, die 2010 immer an drei Samstagen im Monat im RAI-Sender Bozen läuft, von 20.10 bis ca. 21.00 Uhr. Themen: stets rund ums Literarische.

 Während draußen die Weihnachtsvorbereitungen tobten, bereiteten wir drinnen im gemütlichen Funkhaus am Mazziniplatz 23 die erste Ausgabe von FORUM LITERATUR vor, die am 2. Januar 2010 auf Sendung geht.
Wir, das sind Thomas Rieder (siehe nebenstehendes Porträt), ein immer noch viel zu wenig gewürdigtes kreatives wie technisches Universalgenie aus Steinegg, sowie Yours Truly.
Mehr als alles andere war es uns ein Anliegen, die Sendung abwechslungsreich und interessant zu gestalten, obwohl man eigentlich immer nur den Pichler erzählen  hört. Immerhin gibt's auch Musik.

Für den Jahresauftakt standen drei gewichtige Neuerscheinungen auf dem Programm, insgesamt türmten sich nahezu 3000 Seiten auf meinem Tisch - verteilt auf drei Bücher, wie gesagt:


Hier sind die drei Papierbullen gleich mit Cover aufgereiht:





David Foster Wallace:
Unendlicher Spaß.
Übersetzt von Ulrich Blumenbach.
Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch im August 2009.
1648 Seiten.




             Roberto Bolaño:
        2666.
              Übersetzt von Christian Hansen.
              Erschienen im Hanser Verlag im
              September 2009.
              1096 Seiten.









Vladimir Nabokov:
Das Modell für Laura. Sterben macht Spaß.
Übersetzt von Dieter E. Zimmer und Ludger Tolksdorf.
Erschienen im Rowohlt Verlag im November 2009.
318 Seiten.







Für Unendlicher Spaß gehen Sie am besten zu diesem Blog - hier finden Sie eine ganze Menge zu David Foster Wallace' großem Roman. Eine Leseprobe mit digitaler Blätterfunktion finden Sie hier, und hier das PDF zum Ausdrucken. Bevor Sie sich das Buch anschaffen (der Verkaufspreis in Italien beträgt € 42,80), können Sie sich mal diesen Auszug (es ist der Beginn des Romans) ansehen und feststellen, ob Ihnen diese Art von Literatur überhaupt behagt. Die deutsche Wikipedia-Seite zu Unendlicher Spaß ist leider mager, mehr bietet Ihnen auf jeden Fall die englische Version. Hier wird wirklich versucht, eine erste Orientierungshilfe für die Romanlektüre zu geben. Auch die biografische Wikipedia-Seite über David Foster Wallace ist in englischer Sprache umfassender als in deutscher. Interessant ist dieser Artikel in der FAZ von Ulrich Blumenbach, der sechs Jahre lang an der Übersetzung von Infinite Jest in Unendlicher Spaß gearbeitet hat, und auch dieses Interview mit dem Erbringer dieser herkulischen Sprachfergen-Leistung. Für jene von Ihnen, die Englisch lesen, habe ich noch ein paar Leckerbissen: Hier ein Interview, das David Foster Wallace Larry McCaffery gegeben hat; hier eine Rede über ein Leben voller Aufmerksamkeit und Mitgefühl, die Wallace 2005 für eine Abschlussklasse am Kenyon College gehalten hat und die dem posthum erschienenen Buch This is Water zugrunde liegt. Und schließlich diesen Artikel aus dem Magazin The New Yorker, in dem in extenso über das Manuskript mit dem Titel The Pale King, das Wallace unvollendet zurückgelassen hat, berichtet wird. Es soll im Lauf des Jahres 2010 als Buch erscheinen. Und hier sehen Sie ein TV-Interview, das der US-amerikanische Journalist Charlie Rose 1997 mit David Foster Wallace geführt hat.

Gottes Rückkehr, des Papstes Salto und wie kommt eigentlich das Gute in die Welt?

Die Realität – ihr Pegel schlägt sehr hoch aus in diesen Tagen. Oder? Vor Weihnachten spitzt sich die Realität doch stets aufs Neue in einem Maße zu, das zu Sorgen Anlass gibt und mitunter auch zur Hoffnung, „diese Tage“ möchten bald vorbei sein.
Das am weitesten verbreitete Tagblatt in unserer Gegend hier hat sich in seiner Weihnachtsausgabe für folgende Schlagzeile entschieden:

Eine merkwürdige Nachricht, zumal man lange Zeit dachte, dass Friedrich Nietzsche IHN umgebracht hätte und damit basta. Nun soll ER also wieder da sein, und je nachdem, welchen Standpunkt man zu Organisierter Religion einnimmt, hält man die Meldung für wahrscheinlich oder nicht.
Mich erinnert sie an gewisperte Gebete – etwa für den Empfang eines neuen Fahrrads, dessen Marke – ergänzt durch technische Daten wie die Anzahl der Gänge – ich mit aller Intensität eines adoleszenten Sportlerherzens nach oben sandte. Oder ein bestimmtes Mädchen möge mir endlich einen exklusiven kornblumenblauen Blick herüber schießen, auf dass er mir so richtig durch Mark und Bein ginge, sowie eine klamm-erfreuliche Perspektive sich auftäte. Heute nennt man diese Form der metaphysischen Bettelei den Kosmischen Bestellservice. (Seit ich A Serious Man gesehen habe, weiß ich, dass in anderen Religionen die Not noch größer sein kann; allerdings auch der Humor, mit der man ihr begegnet.)
Dann hat man sich endlich durch langes Nachdenken und Lernen und (gelegentlich!) durch Aufputschmittel von diesem metaphysischen Über-Ich-Druck einer katholisch eingefärbten Kindheit und Jugend befreit, um sich nun - an Weihnachten - mit dieser Nachricht konfrontiert zu sehen: die Phantom-Bedrohung ist wieder da, make no mistake about it! Und kein Nietzsche mehr, sich des Schlamassels anzunehmen. Nun gut, sagen wir mal, the big G ist wieder da. Stärker, schlauer, schneller als jemals zuvor. Nehmen wir mal gedankenexperimentierend an, dies sei Realität. Wie wird nun aus Realität Kultur? Durch Forschen und Fragen, also fragen wir: Wer freut sich über die Rückkehr Gottes?
Sagen wir mal: der Papst.
B-XVI hat Heiligabend in seiner vatikanischen Weihnachtspredigt beklagt, Gott befinde sich auf unser aller christlichen Prioritätenlisten auf dem letzten, dem – so fürchte er gar – allerletzten Platz. Wobei wir Seiner Heiligkeit den „heroischen Tugendgrad“ zusprechen wollen (wie er wiederum Pius XII., den durch die Archive zu rehabilitierenden Schweigepapst): Nicht so sehr dafür, dass er seinen Job erledigte und uns weise Worte spendete – wir sollten der Gewalt entsagen und nur die Waffen der Wahrheit und der Liebe benutzen; sondern weil er dies tat, obwohl ihm etwas geschehen war, was – nach einer plausiblen Interpretation – genau diese Botschaft im Vorhinein außer Kraft setzte. B-XVI war beim Einzug in die Kirche von einer Frau aus der Gemeinde, von einem seiner Schafe gewissermaßen, angefallen worden. Dieses rätselhafte Ereignis lässt mehrere Auslegungen zu:
1) Die Frau war geistig verwirrt, sie wusste nicht, was sie tat (kommt in der Heilsgeschichte immer wieder vor).
2) Die Frau hasste B-XVI (auch negative Gefühle driften hier mitunter an die Oberfläche, hier, hier und hier ) und wollte ihn vom Antlitz der Erde tilgen.
3) Es handelte sich bei diesem Aufsehen erregenden Ereignis nicht um eine Attacke auf Seine Heiligkeit, sondern ganz im Gegenteil um den Ausdruck einer überschäumenden Bewunderung von Seiten des Menschenkinds und um die Kundgebung seines zuinnigst verspürten Wunsches, dem Brückenbauer des orbis terrarum ganz, ganz, ganz nahe zu sein.
Ja, auch die dritte ist eine ernst zu nehmende Möglichkeit. Ich würde sogar bis zu einem offenen Plädoyer dafür gehen, dass wir uns in Italien für die nächste Zeit auf dergleichen Vorkommnisse einstellen, damit wir in Zukunft nicht jedes Mal aufs Neue erschrecken, uns womöglich in Furcht und Zittern begeben um das Wohl unserer um Hut und Wartung der Herde hochverdienten Hirten: Hier in Italien ist anscheinend die Verehrung, die Zuneigung, die ... ja, scheuen wir nicht davor zurück ... die Liebe zu den Vertretern der Obrigkeit in einem Ausmaß aufgeflammt, das die Gesten, durch deren Vermittlung diese Gefühlslava an die Oberfläche kocht, von der kommunikativen Geste des Attentats ununterscheidbar macht. Vielleicht sollte bei einer noch gar nicht fernen, sich in Mailand abspielenden Gelegenheit einfach ein schönes Gips-Souvenir überreicht werden. Doch der Überbringer stolperte in der Aufregung darüber, dass er seinem Ministerpräsidenten ins der imminenten Zerstörung entgegensehende Angesicht blicken durfte. Und die Kirche landete im Dorf, nein, in der Larv‘ (Verzeihung!). Und an Bozens Wänden zeigt man sich gar nicht erfreut über den Pechvogel:

Kann ja sein, und all das ist ein großes Missverständnis. Aber wie immer sollte etwas Lektüre mehr Licht in die Sache bringen und uns zumindest darin unterstützen, in das WirrWarr menschlichen Handelns und Kommunizierens einen (wenn auch engen) Pfad zu schlagen. Hier also eine entsprechende Empfehlung (die v.a. an die Sicherheitsleute unserer Verweser ergeht):






Alexander Demandt (Hg.): Das Attentat in der Geschichte. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1999.







4) Noch eine letzte Interpretation fällt mir ein. Sie ergibt sich aus unserem Gedankenexperiment. Angenommen, die PHANTOM-BEDROHUNG sei in all ihrer Macht und Stärke + Bonusenergie zurückgekehrt. Was, wenn sie sich nun – sozusagen für ihren ersten Streich – in dieser Frau manifestiert hätte? Was, wenn es sich bei dem heftigen Aufeinandertreffen von Schafskopf und Hirtenämtchen weder um Verwirrung, noch um Hass und auch nicht wirklich um Liebe gehandelt hätte; sondern? Sondern um den zurückgekehrten Gott selbst, gekleidet in die Gestalt einer Frau, derart seinem Ersten Diener auf Erden einen kräftigen Schubs verpassend, so à la „Was soll denn das, was bitte bedeutet dieses Chaos, jetzt stell dich auf die Hinterbeine und bring das hier unten in Ordnung!“ (Da ich Herr über mein Gedankenexperiment bin, gefiele mir die Annahme, dass diese Chef-Rüge an B-XVI auch beinhaltet, auf keinen Fall noch weitere Bücher zu veröffentlichen, aber das würde nicht dazu beitragen, dass the big G wieder unsere Priorität Nr. 1 wird, und das ist – sofern auch Gott darwinistischem Karrieredenken unterliegt –big Gs Priorität Nr. 1.)
Bis zur Mittagsstunde des 24.12. spitzt sich die Realität zu, wie schon eingangs gesagt, dann nimmt sie wieder ab, und in diesen heimeligen Zeiten zwischen den Jahren weiß sie dann nicht so recht, was sie auf die Beine stellen könnte. Ihr Pegel flacht zusehends ab. Es herrscht eine eigenartige Stimmung, so als stünde man in einem Riesentheater, und es werde gerade die Kulisse der eben beendeten Aufführung hinausgetragen, jene für die nächste Darbietung hereingezerrt; als falle aber zwischen diesen beiden bemalten Wänden für kurze Zeit das Licht eines ungeahnten Scheinwerfers herein, der einen Verborgenes – für gewöhnlich durch
Pomp and Circumstance der Realität verdeckt – sehen lasse.
Tja, wenn ich mal die Augen zukneife und blinzle - - was sehe ich?
Einen Ministerpräsidenten, der seinen Weihnachtspunsch durch einen Strohhalm nuckelt, mit denselben Lippen- und Gaumengeräuschen, die er sonst für die Rückansichten junger Mädchen reserviert hat. Und nicht sehr weit von dieser Szene entfernt – B-XVI: im Nachthemd auf sein Prunkbett hingebreitet (den Himmel noch nicht zugezogen), Füße an den Knöcheln überkreuz, wie er – entspannt ein Jojo bedienend, das die Geräusche eines Blitzkriegs täuschend echt nachahmt – überlegt, ob seine Angreiferin sich wohl was gebrochen hat und was, dazu mit Elvis Costello leise vor sich hin summend:
„The Angels Wanna Wear My Red Shoes.“


Mal was anderes: Wie kommt eigentlich das Gute in die Welt? Diese sehr vernünftige und herausfordernde Schlagzeile brüllte harmlos herumglitschenden Passanten an einem schneereichen Nachmittag vom Titelblatt einer durchfeuchteten Ausgabe der ZEIT (Nr. 53, 22/12/2009) entgegen. Folgt man der impliziten Aufforderung und blättert durch die Ausgabe, findet man in der Sektion DOSSIER den zur Schlagzeile gehörigen Artikel. Er stammt von dem Biophysiker Stefan Klein , besonders sympathisch durch seinen Werdegang. Herr Klein ist von der wissenschaftlichen Forschung zum Schreiben gewechselt, aus der Erkenntnis heraus, die Realität sei spannender als ein Krimi und daher berichtenswert (siehe z.B. dieses Interview, das Herr Klein mit Steven Weinberg geführt hat).
Lesen Sie v.a. den ZEIT-Artikel, denn er macht Mut. Er beinhaltet in etwa folgende Kerngedanken:
1. Es gibt Altruismus in der Welt (zitiert wird das Beispiel des Bauarbeiters Wesley Autrey, der im Januar 2007 unter Einsatz des eigenen Lebens einen Epileptiker davor bewahrte, von der New Yorker U-Bahn zerquetscht zu werden).
2. Der Altruismus nimmt zu (Hollywood-Filme wie Operation Walküre zum Thema Aufopferung; ehrenamtlich erstellte Wikipedia-Artikel; kostenlose Open-Source-Programme als Konkurrenz zu Microsoft).
3. Altruismus muss uns nicht aufgezwungen werden, wir Menschen haben schon früh die Veranlagung zur Hilfeleistung, und dazu entwickeln sich mit etwa fünf Jahren unsere Bereitschaft zu teilen und unser Gerechtigkeitsempfinden (ja, -empfinden! so Stefan Klein, denn diese Regung habe so gut wie nichts mit Denken, hingegen fast ausschließlich mit Emotion zu tun, und diese könne man schon bei Tieren finden).
4. Experimente wie jene der US-Psychologin
Kathleen Vohs haben gezeigt, dass die natürliche Hirn-Veranlagung zum Altruismus korrumpierbar ist, etwa schon durch Bewusstseinsmanipulationen mit Hilfe der Wort- und Bild-Felder „Geld“. Die Überbetonung des Geldes schafft offenbar eine Illusion von übersteigerter Autonomie, die die vermeintlich Bevorzugten von anderen, die möglicherweise benachteiligt sind, abrücken lässt, in der Meinung, jene seien selbst dafür verantwortlich, ihre Nachteile auszugleichen. Herrn Kleins Fazit: „Behandelt man Personen, als seien sie eigennützig, werden sie es.“
5. Vorkommen und Wertung von Altruismus in einer Gesellschaft sind kulturell bestimmte Faktoren. Eine Forschungsgruppe rund um den US-amerikanischen Anthropologen
Joseph Henrich hat in der größten weltweiten Vergleichsstudie (von L.A. bis Java) das Egoismus/Altruismus-Verhältnis der verschiedensten Gesellschaften untersucht. Ihr Instrument dazu war das sogenannte Ultimatumspiel. Dabei wird einem Mitglied der Probandengruppe eine interessante Summe angeboten, doch nur unter der Voraussetzung, dass der Empfänger das Geld mit einem zweiten Gruppenmitglied teilt. Anbieter und potenzieller Empfänger bleiben füreinander anonym. Die in der Untersuchung erhobenen Werte richten sich nach der Höhe des Anteils an der Gesamtsumme, die der Empfänger bereit ist anzubieten, aber auch nach der Höhe der Summe, die der potenzielle Empfänger eventuell auszuschlagen geneigt ist. Demnach sind das geizigste Volk der Erde die
Machiguenga im Regenwald Perus, das großzügigste die Lamalera, ein indonesischer Stamm von Walfängern. Erstere sind Individualisten in ihrer auf die Familie konzentrierten Lebensführung, letztere sind als Walfänger mehr als alles andere auf eine auf Kompetenzen basierende Zusammenarbeit angewiesen. „Notwendigkeit macht Menschen altruistisch“, schreibt Stefan Klein. Bis zu welcher Ebene, fragt man sich. Jürgen Habermas, befragt zur drohenden Weltwirtschaftskrise, sagte in der ZEIT Nr. 46 vom 6/11/2008: „Die Nationalstaaten müssten sich zunehmend, und zwar im eigenen Interesse, als Mitglieder der internationalen Gemeinschaft verstehen. Das ist das dickste Brett, das in den nächsten Jahrzehnten zu bohren wäre.“ Gut, Kopenhagen haben wir schon mal nicht gebohrt. Aber Herr Habermas spricht ja auch von Jahrzehnten.
6. Altruismus ist als gefühlsgesteuertes Verhalten dazu angetan, die Grenze zwischen „Ich“ und „den anderen“ verschwimmen, manchmal sogar verschwinden zu lassen (hierfür zitiert Herr Klein
Donald Pfaff, einen Hirnforscher der Rockefeller-Universität von New York). Als Wesley Autrey auf die Geleise sprang, um dem Epileptiker beizustehen, handelte er unter diesem Gesichtspunkt so, „als müsse er seine eigene Haut retten“.
Ohnehin scheint mir einer der wichtigsten Sätze in Herrn Kleins Artikel zu sein: „Oft ist nicht einmal klar auszumachen, wo die eigenen Belange aufhören und fremde beginnen.“ Dies ist ja die Ursache für das ganze Kud
delmuddel, würde Frederic Vester jetzt sagen und wieder einmal darauf hinweisen, dass wir in unserem zur Erstarrung verdammten Klassifizierungs-Universum nicht weiterkommen. Systemtheoretisch denken, Regelkreise analysieren, verstehen, in Betracht ziehen, ein Relations-Universum schaffen, in welchem die Dinge „durch ihre Beziehung zur dynamischen Wirklichkeit“ (F. Vester: Die Kunst, vernetzt zu denken. München: dtv 2005 (175)) erklärt werden und nicht durch abstrakte Begriffe.
Denn ohne Kenntnisse der Zusammenhänge kann auch der Wohlstmeinende in die Falle gehen und mit seinem Tun Wirkungen erzielen, bei denen sich ihm die Haare sträuben. Ein m.E. gutes Beispiel findet sich in DIE WELT vom 21/11/2008 (10) unter dem Titel „
Es gab noch nie so viele Sklaven (Titel in der Online-Ausgabe verändert). Hier steht zu lesen ein Interview mit dem Journalisten E. Benjamin Skinner, der seine in zwölf Ländern angestellten Recherchen über Menschenhandel in einem Buch (E.Benjamin Skinner (u.a.): Menschenhandel. Sklaverei im 21. Jahrhundert. Lübbe 2008) verarbeitet hat. Im Verlauf des Gesprächs erzählt er von einer Gruppe evangelikaler Christen, der Christian Solidarity International (CSI), die im Südsudan im großen Stil Sklaven freikaufte. Er halte das, sagt Skinner, der eine dieser Transaktionen miterlebt hat, für eine fragwürdige Methode. Warum? Ich zitiere seine Antwort: „Ich bin überzeugt, dass Sklaven-Freikäufe den Handel zusätzlich ankurbeln. Im Sudan waren die Umstände besonders problematisch: Die Freikäufe wurden über eine der Kriegsparteien im Sudan abgewickelt, der südsudanesischen Miliz SPLM. Im Laufe von acht Jahren hat CSI angeblich 87000 Sklaven freigekauft und dafür drei Millionen Dollar Spendengelder gezahlt. Das war 2003 die größte Einnahmequelle für die SPLM, und währenddessen liefen im Land Friedensverhandlungen! Das Geld hätte genutzt werden können, um den Wohlstand der betroffenen Minderheiten für ein Jahrzehnt zu sichern und sie damit gegen die Sklaverei zu immunisieren. Stattdessen wurde damit der Bürgerkrieg finanziert. Das absurdeste an der Geschichte: Die Befreier aus der Schweiz hatten kaum einen Überblick über die tatsächlichen Sklavenzahlen im Land, ihre Angaben bekamen sie von der SPLM selbst.“

Man muss nicht nur das Gute tun wollen, sagt – glaub ich – Diderot, man muss es auch geschickt angehen. Wie das Gute in die Welt kommt? Durch uns. Aber Vorsicht.
P.S. Frederic Vesters Kunst, vernetzt zu denken können Italiener nicht in ihrer Muttersprache lesen. Ins Italienische übertragen wurden lediglich Vesters Bücher über Mobilität und Stress.

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