Freitag, 29. Januar 2010

Die Geschichte von Gus, the Singing Tomato


Tomaten sind eine sensible Spezies. Wer näher mit ihnen zu tun hat, weiß das. Es fällt nicht schwer, in der Beziehung zu einer oder mehreren von ihnen bleibenden Schaden anzurichten. Wohl aufgrund dieser sprichwörtlichen Sensibilität liegt den Tomaten das Künstlerische im Blut. Und ‚Blut‘ ist auch schon das Stichwort. Wenden wir uns der CD zu, die vor uns auf dem Tisch liegt: ein schwarzes Cover, darüber – in kongenialem Rot – der Schriftzug SANGUINISCHE ARIEN. Es handelt sich um das neueste Album des wahrscheinlich berühmtesten Tenors der Welt – Gus, the Singing Tomato.

Kaum erschienen, hat es schon weltweit Rezensenten und Kritiker zu Lobeshymnen hingerissen: „Bloody good ...“ (TIMES); „ ... mir hat es buchstäblich das Herz zerrissen, ja, Unterfertigter konnte überhaupt erst feststellen, ein Herz zu besitzen ...“ (DIE ZEIT); „ ... öffnet eine Wunde und dreht das Messer darin herum ...“ (KLASSIKFORUM); „ ... it’s not simply music, it is the blood of a soft-gloved heart, spilled drop by drop …” (OPERA TODAY); „ ... che emozione! …” (L’ESPRESSO).
Und nur zu passend erscheint die Wortwahl. Denn der Interpret hat für dieses sein neuestes Werk aus seinem breiten Repertoire ausschließlich Arien gewählt, die um das Motiv des Blutes kreisen. An solchen ist die Opernliteratur, zumal die italienische, nicht gerade arm.

„Zu Anfang war ich dagegen“, sagt Herr Heinz, schon seit vielen Jahren Manager des großen Gus, und fährt schmunzelnd fort: „Ausnahmsweise, versteht sich, denn eigentlich sind wir uns über nichts uneins, Gus und ich, außer über die Finanzen, Engagements, Soloauftritte, über die Kontakte zu den Medien und die Auswahl für die Tonträger. Aber diesmal hat er recht behalten. Die neue Platte ist ein Hit.“

Die Jahre waren gut zu Herrn Heinz. Noch immer wirkt er rund, prall und rot in seinem stufenlos verstellbaren Schreibtischsessel, mit abgespreiztem Finger in einem winzigen Espresso-Tässchen rührend. Er hat gut an diesem einen Künstler mit der überragenden Stimme verdient, wenn auch dessen Launen und Idiosynkrasien bestimmt nicht immer leicht zu ertragen waren. Vor allem in den letzten Jahren häuften sich die abgesagten Konzerte, was Gus unter Intendanten den Spitznamen „Treulose Tomate“ eingebracht hat. Legendär ist seine Flugangst, ebenso wie sein Bedarf an Mineralwasser, um sich „frisch zu halten“. Nicht selten hat Gus auf der Bühne in seinen Rezitativen Ermahnungen an Kolleginnen und Kollegen improvisiert, die er für nicht auf der Höhe der Anforderungen hielt.

Nichts von alldem deutet auf die schlichten Anfänge dieses überragenden Künstlers hin. Herr Heinz zündet sich eine teure Zigarre an. Er nimmt ein gerahmtes Foto vom Schreibtisch, das seinen Schützling in ganz jungen Jahren zeigt, und bläst ein amüsiertes Wölkchen. Langsam zieht es sich zu einem melancholischen Rauchzeichen auseinander.

Der Rauch verweht, und es kommt eine flache, von heißer Sonne überglühte Landschaft im Neapolitanischen zum Vorschein, die Heimaterde des großen Gus. Hier lebt noch immer – im wohlverdienten Ruhestand – Signora Loretta Pomana, trotz der Jahre, die vergangen sind, steckt sie voller Saft. Sie erzählt, dass Gus hier unter dem bürgerlichen Namen Gustavo Garofalo geboren wurde, als Sohn von Mangio Garofalo und Mara Garofalo, geb. Polpa, zwei einfachen Leuten mit Jobs in der Lebensmittelindustrie. Nachdem sie den kleinen Gustavo zur Welt gebracht hatte, bekam Mara von ihrem Arzt mitgeteilt, dass sie keine weiteren Kinder bekommen könne. Eine Welt brach für sie zusammen. Sie hatte sich schon als Oberhaupt einer vielköpfigen Familie gesehen, gewissermaßen eines ganzen Feldes von Söhnen, Töchtern, Enkeln, Enkelinnen und so fort. In stiller Einfalt fügte sie sich in ihr Schicksal. Ihr Glaube stützte sie. All ihre Fürsorge wandte sie nun an den kleinen, unscheinbaren Gustavo, der sich zu einem in sich gekehrten Kind entwickelte. Er spielte nicht mit seinen Altersgenossen, mit Ausnahme seiner Mutter ließ er sich von niemandem berühren. Vor allem sprach er kaum zwölf Wörter im Verlauf eines Tages. Der Grund war eine partielle Gesichtslähmung. Wenn er den Mund aufmachte, gehorchten die Muskeln nicht, und die Worte kamen undeutlich heraus. Die anderen Kinder verspotteten Gustavo, wenn er versuchte, mit ihnen zu reden, perfide ahmten sie seine Sprechweise nach. Gustavo las eine Biografie seines Idols, des großen italienischen Schauspielers Sylvester Stallone, und diese Lektüre veränderte sein Leben. Denn der Junge entnahm dem Buch, dass sein bewundertes Vorbild an derselben Behinderung gelitten hatte wie er selbst, die eigene Sprechfähigkeit jedoch durch hartes Training verbessern konnte.

„Und da hat er sich an mich gewandt“, erinnert sich Loretta Pomana und lächelt in sich hinein. „Es war ein heißer Mittag, die anderen Kinder waren schon aus der Klasse gestürmt. Gustavo saß immer noch stumm in seiner Bank und rührte sich nicht. Ein eigenartiges Strahlen umgab ihn, es lag auf seinen roten Wangen, und ich weiß noch, dass ich dachte, dieser Junge hat heute entweder eine gute Nachricht bekommen oder einen bedeutenden Entschluss gefasst. Ich fragte ihn, ob er nicht mit seinen Kameraden nach Hause gehen wolle, und da gab er sich einen Ruck und sagte, er wolle besser sprechen lernen. Ob ich ihm dabei helfen könne. Ich bewunderte seine Geradlinigkeit, und außerdem ist man als Lehrerin ja regelrecht geschmeichelt, wenn ein Kind mal von sich aus mit dem Wunsch an einen herantritt, etwas zu lernen. Ich sagte, er solle nach Hause gehen, am Nachmittag aber wiederkommen, dann würden wir zusammen üben. Das war zugleich ein Test, verstehen Sie? So konnte ich sehen, ob es ihm wirklich ernst war mit seinem Anliegen. Ich ging in meine Wohnung und holte ein Buch mit Sprechübungen. Es enthielt kurze Texte, mit Sätzen à la Mein Mark muss man mehr marinieren, ohne viel Sinn, dafür aber mit hohem Anspruch an die Sprechwerkzeuge.“ Als sie in die Schule zurückkehrte, stellte Signora, damals Signorina Pomana fest, dass der kleine Gustavo gar nicht erst nach Hause gegangen war, sondern in der sengenden Hitze vor dem Schulgebäude auf ihre Rückkehr gewartet hatte. Die Lehrerin gab ihm reichlich Wasser, bevor sie mit dem Unterricht begann. Stundenlang sprach Gustavo Sätze wie Tolle Tomaten tänzeln trübe tödlichen Tango. Tänzeln war eines jener Worte, die ihm besondere Schwierigkeiten bereiteten. „Tänzeln ... tänzeln ... tänzeln ... tänzeln.“

In seiner Freizeit bewegte sich Gustavo durch die Straßen und über die Felder und sprach das Wort immer wieder vor sich hin. Tänzeln. Die Laute n, z und l waren wie die drei Musketiere, die ihn mit ihren Degen in den Gaumen und die Zunge piekten, sodass der Speichel reichlich floss. Oft wurde er von Kindern verfolgt, die nachäfften, wie er die Übungssätze mühevoll herauspresste. Gustavo war das gleichgültig. Gustavo gab nicht auf. Er trainierte allein, und zweimal die Woche übte er nachmittags mit Signorina Pomana. Bald zeigten sich die ersten Fortschritte. Nach einem Jahr sprach er sehr gut. Es traf sich, dass es wieder ein heißer Nachmittag war, als die Lehrerin ihrem fleißigsten Schüler eröffnete, er habe alle Hürden gemeistert und sei nun zu einem vorbildlichen Sprecher geworden, sowohl auf dem Gebiet der Vokale, als auch auf jenem der Konsonanten. Gustavo jubelte. Vor lauter Freude begann er Tolle Tomaten tänzeln trübe tödlichen Tango lauthals zu singen. Er sang und sang, bis er plötzlich erschrocken innehielt.

„Ich muss wie versteinert dagestanden sein und ihn angestarrt haben“, kichert Signora Pomana bei dieser Erinnerung. „Aber, wissen Sie, ich hatte ja zum ersten Mal seine Stimme gehört. Ich meine: so gehört. Früher hatte er, weil er wegen seiner Behinderung so schüchtern war, immer nur geflüstert. Mit steigendem Selbstbewusstsein hatte er sich dann eine klarere und sichere Stimme zugelegt. Jetzt aber hörte ich ihn nicht irgendwelche Nonsens-Verschen aufsagen. Ich hörte ihn singen. Und wie er singen konnte!“

So entpuppte sich eines der herrlichsten Talente, welche diese Erde je gehört hat, wieder einmal nur durch Zufall.

Signorina Pomana stellte eine alte, lange nicht genutzte Verbindung wieder her. Aus der Stadt, aus dem Konservatorium kam ein skeptischer dicker Herr mit spiegelnd roter Glatze, klagte über die Hitze, ließ sich ständig Eiswasser bringen und schielte, wann immer er glaubte, keiner bemerke es, in seinen Busfahrplan. Signorina Pomana führte ihm ihren Gustavo vor, mit dem sie für die Gelegenheit ein einfaches Marienlied einstudiert hatte. Nach der ersten Strophe war der Busfahrplan zu Boden gefallen, der Herr aus der Stadt rührte kein Gramm seines beträchtlichen Gewichts, ließ auch den Schweiß an sich herunterlaufen, ohne etwas dagegen zu unternehmen – er hörte nur zu. Nachdem Maria nicht nur mit ihrem Körper, sondern auch mit ihrem vollständigen Satz an Accessoires – Sonnenbrille von Laura Biagotti, Schmuck von Bulgari (zugegeben, etwas grobschlächtig an der zarten Frau), Kostüm von Estée Lauder und Schuhen von Manolo Blahnik – in die himmlischen Regionen aufgefahren war, erhob sich der dicke Herr, nunmehr weder skeptisch noch launisch, und spendete großzügigen Beifall. Es gab ein Gespräch mit der Lehrerin unter vier Augen.

Am nächsten Tag wurde Mara Polpa, verwitwete Garofalo, brieflich zur Lehrerin in eine Sondersprechstunde zitiert. Mutter Mara nahm sich für den Nachmittag frei, zog ein schwarzes Kopftuch über und kam in die Schule. Sie erschrak, als sie ihren Sohn erblickte, der auf einem Stuhl neben dem Pult saß, klein und so rot, als schäme er sich für irgendetwas. Sie fuhr ihn an: „Was hast du angestellt? Gesteh’s nur gleich! Ach, wenn dein Vater noch bei uns wäre, der würde dich lehren ...“ Die Lehrerin beruhigte die erregte Frau und erklärte ihr im Verlauf von zwei Stunden die Situation; mehrmals. „In die Stadt?“ Mara war bleich geworden. „Gesangsunterricht? Das kann ich mir nicht leisten. Niemals. Und Gustavo – ganz allein in der Stadt? In seinem Alter?“

Signora Pomana amüsiert sich noch heute über die Ängstlichkeit der einfachen Frau. „Ich habe den Kopf gesenkt, sie von unten herauf angesehen, so richtig mit Eindringlichkeit, und dann habe ich zu Mara gesagt, sie soll ihren Job aufgeben, in der Lebensmittelindustrie wird man sowieso nicht alt, das ist ein zynisches Geschäft, und sie soll bloß an ihren armen Mann zurückdenken, wie es dem ergangen ist. Und dann habe ich vorgeschlagen, sie soll mit Gustavo in die Stadt ziehen, der Kleine werde ein Stipendium für sein Studium erhalten, wohnen und essen könnten sie beide im bischöflichen Palais, dort seien eine Menge Zimmer frei, es sei schon alles abgesprochen. Sie war so überrumpelt, dass sie nichts mehr gesagt hat. Das hätte noch gefehlt, dass sie mit ihrer Einfalt meinem Gustavo die Karriere vermasselt hätte. Ein bisschen geweint hat sie, aber eine Prise Oregano hat ihr gleich die Lebensgeister zurückgebracht.“

Herr Heinz hörte Gustavo, als der Kleine, nach fünf Jahren Gesangsausbildung nun ein junger Tenor, mit seiner Klasse das Abschlusskonzert gab. Gustavos Soloauftritt war die Krönung des Abends. Herr Heinz nahm das Supertalent unter Vertrag und machte es unter dem Künstlernamen Gus, the Singing Tomato auf beiden Hemisphären bekannt. Gus sang sogar, als die Scheiche ihren künstlichen Louvre inmitten von Sanddünen und riesigen Skihallen eröffneten. Herr Heinz zeigt eine Fotografie. Dann verschafft er uns zehn Minuten mit seinem eigenwilligen Schützling.

Der große Gus sitzt in einem Ledersessel, wirkt ungesund aufgebläht, sein Masseur ist eben gegangen. Ächzend widmet er sich seinem Mineralwasser, beschwert sich über das grelle Sonnenlicht. Ein beflissener Assistent schließt rasch die Vorhänge. Wir möchten natürlich als erstes wissen, wie es zu dieser blutigen Anthologie, die das neue Album darstellt, gekommen ist. (Wir erinnern noch einmal an den Titel: SANGUINISCHE ARIEN.)
„Ahimè!“ ruft Gus aus. Wie durch ein Fingerschnippen beschworen, ist sein südländisches Temperament da (war vielleicht auch ein Grund für den Album-Titel). Er trocknet sich die Augen mit einem riesigen Taschentuch, fächelt sich anschließend damit Luft zu. „Meine Mamma! Sie ist gestorben!“ Natürlich, das ist bekannt. Aber das war vor zwei Jahren.

„Zwei Jahre!“ schreit Gus erzürnt. „So ist es! Aber was sind zwei Jahre für das liebende Herz eines Sohnes? Wenn seine Mamma nicht mehr ist, dann blutet es und blutet es und blutet es und hört nicht damit auf. Zwei Jahre habe ich zurückgezogen gelebt. Mit all dem Blut! Es war entsetzlich. Was hätte ich tun sollen? Und so habe ich beschlossen, dass ich mir das Blut von der Seele singen muss. Für meine Mamma! Was für ein tragischer Unglücksfall! In der schönsten, ruhigsten Stadt von ganz Italia, wo alle Menschen wohnen, die die Ruhe lieben, in Belluno, da steckt ‚bello‘ drin, dort habe ich ihr ein Haus gekauft, ganz für sie allein, ein wunderbares Haus, und einen Garten hatte es. Sie hat es so geliebt, sie hat das Haus geliebt, sie hat den Garten geliebt, sie hat die Stadt geliebt, einfach alles! Tutto! Alles war perfekt! Und dann fährt ein Bus in die Stadt hinein! Ein Reisebus! In der Stadt, in der kein Verkehr sein darf, nur Fahrräder, sonst nichts. Der Busfahrer war ein Finne, er hatte fünf Kinder und zwei Hypotheken, ich habe ihn ausfindig machen und bestrafen lassen. Wie konnte er ... meine Mamma! Sie wollte nur einen Kaffee trinken gehen. Sie hat in bella Belluno die Straße überquert, an einem heißen Nachmittag. Und niemand war da, um dem Bus das Einfahren in die Innenstadt zu verwehren! Niemand! Kein Schutzmann! Kein Schutzengel!“

Noch bevor uns das Wort ‚Schutzengel‘ mit seinem Flügel streifen kann, hat uns Herr Heinz schon hinauskomplimentiert. Gus, in der Kunst wie im Leiden überragend, muss ruhen.



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Dienstag, 26. Januar 2010

POESIE DES ALLTAGS # 1


Wie Magie und Technologie ist uns auch die Poesie immer einen Schritt voraus. Sehr vieles diente schon als Projektionsfläche für poetische Gedanken, ganze Häuserwände wurden zu lyrischen Tafeln umgewidmet. Und jetzt, immer mehr, konkrete Poesie im Alltagsraum, im Bereich des kommunikativen Miteinanders, im schwarzen (oder schwarz-braunen) Zentrum des Austauschs und der Erfrischung. Der Kaffeeautomat ist zur Poesie-Maschine geworden. Zusammen mit dem heißen Getränk erhält man Verse serviert, sprachspielerische, kreative Zeilen, über die man beim Umrühren still in sich hineinlächelnd nachdenken kann.

Daheim:


Aber auch im Ausland (Amsterdam, Diamantmuseum):


 





Sonntag, 24. Januar 2010

HOBBIT-KULTUR



Ich beziehe mich hier auf den Artikel „Die Kultur, dieser fremde Planet“ von Georg Mair, abgedruckt in der Südtiroler Illustrierten FF Nr. 3 vom 21. Jänner 2010 (48/49). Es geht darin um eine Veranstaltung des „KulturforumCultura“, eines Vereins, der sich die Förderung der liberalen Kultur in Südtirol aufs Banner geschrieben hat. Eine Politikerrunde war eingeladen, um über Visionen für eine Kulturpolitik zu diskutieren. Redakteur Mair zeigt sich vom Ergebnis enttäuscht – die Politik, allen voran die ubiquitär-unsägliche (meine Worte) Landesrätin Kasslatter-Mur, habe nur mit leeren Phrasen aufgewartet. Heikle Themen – Museion, grandioser Skandal aufgrund Martin Kippenbergers Plastik – seien ausgespart worden. Dabei hätte man – so Georg Mair – „an diesem Beispiel analysieren können, woran die Vision von einem Museum zeitgenössischer Kunst mit internationalem Zuschnitt (bislang) gescheitert ist, warum Direktoren von auswärts regelmäßig vertrieben werden, was die Politik tun und was sie lassen muss, was wir haben und was wir brauchen, wie man die Kultur fördern will, wie man zu einer Kulturpolitik kommt, die die Sprachgrenzen überschreitet (jenseits von einem löblichen gemeinsamen -Geschichtsbuch).“ Ja, fragt man sich, warum endete auch diese Initiative wieder in dieser einzigartigen Südtiroler Erbärmlichkeit? Mair nennt sie die „Verzagtheit“, den „(Irr)Glaube(n), es ginge nicht besser“.

Gute Frage. Warum geht’s nicht besser in der Kultur? Haben wir ein Klimahaus, werfen sich alle in die Brust, sackt das Museion ab, heißt es: Wir sind nur ein kleines Land.

Wieso muss zum Beispiel eine „Kultur des Zuhörens“ – so Susanne Barta vom „KulturforumCultura“ – gepflegt werden? Zuhören? Wem denn? Den Politikern? Das führt nur zu solchen Enttäuschungen, wie sie Redakteur Mair aufgrund seiner Teilnahme an besagter Diskussion erlebt hat; an einer Diskussion, bei der wir – deutsch- wie italienischsprachige Südtiroler – uns wieder einmal als Hobbits erwiesen haben, die unter der Erde über Kultur diskutieren, in Harmonie und seliger Erwartung der anstehenden Marende. „Kultur des Zuhörens“. Sehr schmeichelhaft. Intellektueller Weichspüler. Zum Einschlafen süß. *** RICHTIGSTELLUNG AM ENDE DES POSTS ***

Wem zuhören? Politikern, die über ihrem eigenen Leisten verkehrte Schuhe schustern (siehe jenes gräuliche Paar Stiefel „Doppelstaatsbürgerschaft“)? Wem zuhören? Unserer notorisch uninspirierten Landesrätin, die immer – egal, ob es um Bildung (FUTURUM 09) oder Kultur geht – nach abgefeuerten Nicht-Äußerungen in einem Haufen leergeschossener Worthülsen watet? Die es meisterhaft beherrscht, jedes unbequeme Nachfragen professionell niederzuknattern? Im Übrigen kann sie sich ganz auf die Strahlkraft ihres landesrätlich-fürstlichen Geldsäckels verlassen, der ihr nicht zuletzt als (demnächst nicht mehr) wählbare Funktionärin Sichtbarkeit garantiert.

Womit wir bei dem von Georg Mair angeschnittenen Thema „Förderung“ wären. Bei den Diskussionen um Kultur in Südtirol, an denen ich teilgenommen habe, ging es vor allem um „Gießkannenprinzip oder nicht“, wobei man sich – entgegen Argumenten wie jenen von Markus Vallazza, es sei sinnvoller, arrivierte Künstler zu fördern, die dafür aber ordentlich – stets auf die Sinnhaftigkeit einer möglichst breiten Förderung verständigte. Nun ist aber auch eine der Konsequenzen dieses Finanzierungssystems, dass damit eine Vielzahl von Institutionen ins Leben gerufen werden, die sich mit einer Vielzahl von Veranstaltungen – in Musik, bildender Kunst, mitunter auch Literatur – für die erhaltenen Förder-Batzen rechtfertigen wollen. Natürlich schließt dies auch eine verkrampft inszenierte Bedankung an die Frau Landesrätin ein, die das Geld der Steuerzahler lockergemacht hat, und natürlich auch eine geknatterte Rede-Salve von ihr.

Was das zentral gesteuerte Förderungssystem darüber hinaus verhindert, ist eine Kultur, die in der Opposition Stellung bezieht. Dort ist nämlich ihr Platz: in der Opposition. Die Politik zu beobachten und auf hohem Niveau zu kritisieren, ist ihre Aufgabe – nicht, ihren Funktionären die Räuberleiter hinauf aufs Rednerpult zu machen. Aber nicht nur das – im „System Südtirol“ geschieht es immer wieder, dass Schriftsteller, Journalisten, Kabarettisten gar sich von der dunklen Seite der Macht schlucken lassen und im Flug die Fronten wechseln. Ich erinnere an die Kandidatur von Manfred Schweigkofler während der letzten Landtagswahlen und an seine Aussagen in einem sich darauf beziehenden Interview: Er sei eigentlich nicht so sehr Theatermann, vielmehr ein ausgesprochen politischer Mensch, er habe Frau und Kinder, welchletztere wiederum zur Schule gingen, und das mache ihn, Schweigkofler, zum Beispiel äußerst sensibel für Themen wie Familie und Bildung.

Und schließlich brütet unser Förderungssystem eine eigene Art von Künstlern aus, die sich sofort nach Geld umsehen und darob gutes Networking und günstige Kontakte in ihrem Wertesystem weit vor Kreativität und Intelligenz ansiedeln. Eine spezielle Art von Karrierismus, die – mit sehr geringem Unterschied – etwaigen kulturellen Neuzugängen von einer ungemütlichen Spezies von SVP-Politikern vorgelebt wird. Künstler dieser Prägung mucken nicht auf, sondern bleiben geschmeidig. Oppositionelles Denken muss gelernt, kann auch verlernt werden. Dass es bei uns überhaupt nicht weit her ist damit, hat die Aufregung um Kippenbergers Skulptur sehr schön gezeigt. Alle, wirklich alle haben wir uns von politisch verklüngeltem, medial inszeniertem Dunkelmännertum kopfscheu machen lassen!

Wo bleibt bei all dem die Kultur? Georg Mair vergleicht sie mit einem fremden Planeten, mir kommt oft vor, dass „Kultur“ bei uns vor allem in Diskussionen wie ein geheimer Schatz behandelt wird, und nicht selten beschleicht einen dabei das Gefühl, als sehe man auf der Bühne Siegfried und Hagen sich über den Nibelungenhort unterhalten und welche Anlagemöglichkeiten es dafür gebe, anstatt das klingende, brodelnde Drama des „Rings“ verfolgen zu dürfen. Tatsächlich besteht Kultur aus einer Vielzahl von Initiativen und Aktivitäten, insofern ist eine breiter angelegte Förderung auch nicht ausschließlich negativ zu sehen. Aber um ein wenig Ordnung in die oben erwähnte Vielzahl an Angeboten zu bringen, könnte man so etwas wie eine integrative Schaltstelle für Kulturangebote errichten, und ich meine nicht ein neues Amt mit alten Funktionären, sondern so etwas wie eine Internet-Plattform. Hier könnten zentral und graphisch einheitlich die verschiedenen Kulturangebote angezeigt werden, was nach einer Weile zu Erkenntnissen führen könnte wie: Was haben wir doppelt oder dreifach? Wo lassen sich Förder-Ressourcen bündeln? In welchen Bereichen bieten wir nichts? usw. Mit Hilfe einer einfachen Registrierung könnten Kultur-Nutzer ihre Kommentare auf einem mit der Internet-Plattform verknüpften Blog posten oder Wünsche abgeben oder auf eigene oder verwandte Aktionen aufmerksam machen. Es wäre finanziell nicht besonders aufwändig, müsste aber gut gemacht sein, mehrsprachig, von der Politik meinetwegen mitgetragen, aber inhaltlich unbedingt unabhängig.

Und wann wird mal nicht bloß den Geistesblitzen von Pöder und Seppi zugehört, sondern eine inhaltliche Diskussion geführt? Wann geht es mal nicht um Geld und Repräsentation, sondern um Themen? Am 27. August 2009 gab es auf der Franzensfeste eine von der Dokumentationsstelle für neuere Südtiroler Literatur initiierte Veranstaltung, bei der N.C. Kasers Brixner Rede vor genau 40 Jahren gedacht wurde, auch diese in ihrer Art eine Stellungnahme zu Kultur und Kulturpolitik in Südtirol. Im Rahmen einer Diskussion unterstrich der Tiroler Autor und Übersetzer Raoul Schrott die Brückenfunktion Südtirols – schon längst müsste es hier bei uns Veranstaltungen geben, die der Vermittlung zwischen Geschriebenem in deutscher und italienischer Sprache gewidmet seien, und auch ein Institut, das diese Arbeit auf akademischem Niveau betreibe, sei längst überfällig. Dies, so Schrott, sei Südtirols nicht-eingelöste Bestimmung. Das wäre ein Thema. Oder was ist mit Kunst und Literatur der Einwanderer?

Es scheint nicht nur an kulturpolitischen Visionen zu mangeln, sondern auch an kulturproduktiven. Das ist vermutlich eine weitere Frucht der Erziehung durch ein zentral gesteuertes Förderungssystem. Was das Warten aufs „Geld vom Land“ nicht fördert, ist Eigeninitiative und ein sich-Abkoppeln von Aktualitäts- und Erfolgsdruck (ich erinnere: Legitimierung der Subventionen). Ein wunderbares Gegenbeispiel findet sich auf der Seite von TED, und zwar hier: Der US-Autor Dave Eggers erzählt von einer herrlichen Initiative, die nicht nur einen Nachbarschaftsnachhilfe-Pool ins Leben rief für Schüler nicht-englischer Muttersprache, nein, mit den jungen Leuten werden inzwischen auch Zeitungen und Anthologien verfasst, gestaltet, gedruckt, und das alles finanziert durch einen witzig, originell, kreativ gestalteten Laden für – Piraten-Zubehör! Die gesamte Aktion verschlang keinen einzigen Cent Steuergeld. Und sie macht Schule. Und noch etwas: Es handelt sich hier um einen großartigen Beleg dafür, wie Gutes, Kreatives und kulturell Wertvolles geschehen kann, lange bevor irgendein Medium hinsieht.

Was das Visionen-Haben auch unterbinden kann, ist natürlich die Kultur, wie die Kulturwissenschaften sie verstehen – das einer bestimmten Population gemeinsame Set an Gewohnheiten, Verhaltensregeln, Erinnerungen, also praktisch die ganze Art dieser Menschengruppe, die Welt zu sehen und in ihr zu wirtschaften, vieles davon unbewusst, weil schon über eine lange Generationenreihe hinweg tradiert, aber trotzdem für individuelles wie kollektives Verhalten ausschlaggebend. Wir Südtiroler mögen rhetorisch völlig unbegabt sein, zwischen italienischem Improvisieren und österreichischem Fortwursteln groß gewordene Chaoten, aber unsere Geschichte und eine anhaltende Bevormundung durch Kirche und Politik haben uns schlau werden lassen. Wie wir sind, spiegelt sich in unserer Vorstellung von Kultur im Sinne kultureller Leistungen. Wir sind schlaue Hobbits mit Vorliebe für Garten, Gastronomie, Rebe und Reibach, wir sind findig darin, unsere Schäfchen ins Trockene zu bringen, nach außen hin so zu tun, als ob nichts wär, und wenn uns jemand kritisiert, schlüpfen wir rasch in die Opferrolle des unterdrückten Völkchens. Dr. Eckart von Hirschhausen hat im Gehirn der Deutschen neben dem Stirnlappen und dem Schläfenlappen auch noch den Jammerlappen gefunden – er sollte mal die Südtiroler unter die Lupe nehmen. Auch über mangelnde Kulturvisionen unserer Obrigkeit jammern wir gern. In dieser – wie unser Ministerpräsident nicht müde wird, uns zu versichern – besten aller Welten, sollte Kultur nicht von den Mächtigen erdacht werden, sondern in denkender Opposition zu diesen stehen. Die Mächtigen aber sollten die Größe haben, dies zuzulassen und vielleicht – in seltenen Sternstunden – etwas daraus zu lernen. Vielleicht würd’s im Klimahaus Südtirol dann erträglicher sein.


*** RICHTIGSTELLUNG ***
Eine G'nackwatsch'n von Seiten der Realität und eine Lektion in Akkuratesse. Man darf sich nie auf eine einzige Quelle verlassen, wenn man zu Dingen Stellung nimmt. Susanne Barta hat mir am Mo:08/03/2010 mitgeteilt, dass sie nicht den sowohl im zitierten FF-Artikel als auch in obenstehendem Post wiedergegebenen Ausdruck verwendet hat, man müsse "eine Kultur des Zuhörens" pflegen. Ihre Worte waren vielmehr: "Auch Zuhören ist Kultur." Eine Ansicht, die von den Teilnehmern der Diskussion an jenem Abend überhaupt nicht geteilt wurde, wie Susanne erzählte. Ich entschuldige mich an dieser Stelle für das falsche Zitat.








 


Freitag, 22. Januar 2010

NECRYPTONOMICON



Vor etwa zehn Jahren lag es in allen Buchhandlungen, in englischer Sprache, dann auch als Übersetzung ins Deutsche. Ein massiges Buch, durchaus in der Kategorie von Thomas Pynchons Gravity’s Rainbow, Infinite Jest von David Foster Wallace, Mark Z. Danielewskis House of Leaves oder Roberto Bolaños 2666, und obwohl ich Lektüre dieses Kalibers schätze und auch dem Genre durchaus zugeneigt bin, habe ich das CRYPTONOMICON von Neal Stephenson in der Vergangenheit bei oftmaligem Herumlungern in Buchhandlungen nie zur Kasse gebracht, bezahlt, glückselig nach Hause getragen, um auf dem Sessel, in eine Decke gewickelt die erste seiner 1181 Seiten aufzuschlagen. Da ich für die Sendung FORUM LITERATUR eine Reihe über das Genre Cyberpunk plane, habe ich jetzt doch zu diesem massigen Ziegel gegriffen und ihn – während nebenan Radio Freier Fall live im RAI-Auditorium lief – in Angriff genommen. Durch die ersten 50 Seiten schimmert gleich die Douglas-Hofstadter-Matrix – nix wie Orgelspiel + Mathematik + Intelligenz. Auch Alan Turing hat einen Auftritt, für die Dauer eines kurzen Gastspiels an der Universität von Princeton fungiert er als Mentor von Lawrence Pritchard Waterhouse, einem autistisch angehauchten Mathematik-Genie. Lawrence ist eine der Hauptfiguren und seines Zeichens fiktiv, was ich via Web-Recherche nachgeprüft habe. Dabei kann ich gleich von meinem ersten Fund berichten, nämlich von einer Internetseite namens Everything 2, auf der die unterschiedlichsten Autoren zu einer Myriade von Themen schreiben, unter anderem auch zum CRYPTONOMICON, und wenn man zum Beispiel William-Gibson-Fan ist und sich schon lange gefragt hat, woher eigentlich der in „Neuromancer“ prominente Name „Wintermute“ kommt, dann kann man auch das auf Everything 2 erfragen.


Der Romantitel setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Der erste – CRYPTO – verweist auf ein Hauptthema des Buches, nämlich auf die Entschlüsselung von kryptographierten Informationen, und zwar nicht nur einfach Entschlüsselung, sondern Entschlüsselung im Wettlauf; wie damals während des 2. Weltkriegs, als die Briten sich in Bletchley Park (mit Alan Turings Hilfe, by the way) abmühten, die auf der ENIGMA-Maschine codierten Nachrichten ihrer deutschen Gegner zu knacken. (Siehe dazu den Roman „Enigma“ von Robert Harris, auch in deutscher Übersetzung einzusehen; ich sag’s lieber gleich, die Verfilmung bereitet kaum Spaß.) Der zweite Teil des Romantitels beschwört das NECRONOMICON herauf, das düster-okkulte Buch des wahnsinnigen Arabers Abl-Al-Hazred.

Dieser Artikel beschreibt ausführlich, was es mit den beiden – Buch und Autor – auf sich hat (etwa, dass beide Schöpfungen von H.P. Lovecraft sind), und hier steht das NECRONOMICON als E-Book zur Online-Lektüre bereit: Aber bitte Vorsicht, falls Sie die Angewohnheit haben, das, was Sie lesen, halblaut vor sich hinzumurmeln! Im Übrigen kann ich diese schön gemachte Website nur allen, die genügend Mut aufbringen, empfehlen. Im Kapitel BOOK OF YE DEAD NAMES findet man sogar einen seltenen Zeugenbericht des ausgerasteten Abl-Al-Hazred mit Sätzen wie: „I have raised demons, and the dead“; oder: „I have found fear.“ Wollen also auch Sie die Angst finden und empfinden – das ist der Ort, wo sie hinmüssen.

Nun stelle ich mich also darauf ein, dass mir auch bei Neal Stephenson Unheimliches begegnen wird, wenn auch nicht in Gestalt der Great Ancient Ones, der Lovecraftschen Götter aus vormenschlicher Zeit (dem Namen Chtulhu etwa sind Sie sicher schon mal begegnet, in einem Buch, im Kino, an der Wand einer U-Bahn-Station oder im Malbuch Ihrer Tochter oder Ihres Sohnes): Nein, das Unheimliche erscheint im CRYPTONOMICON – so viel glaube ich jetzt schon sagen zu können – in seinen durchaus bekannten Kostümen „Gier“ und „Zerstörungswut“. Das nur vorweg: Es geht um Goldreserven, angelegt und versteckt von Japanern und Deutschen während des 2. Weltkriegs.
Nun, die Begleitrecherche zu Neal Stephensons Roman hat mich aber nicht nur auf die Tatsache gestoßen, dass der wahnsinnige Abl-Al-Hazred im Weltweiten Web herumspukt. Ich bin in der virtuellen Realität auch noch auf andere Dinge gestoßen, zum Beispiel auf Neal Stephensons persönliche Website (also, seine private, seine berufliche ist hier).

In einem kurzen Text erzählt der Autor, wie er vor zwanzig Jahren mit seinem Schwager Steve Wiggins an einem kalten Tag den windüberblasenen Parkplatz vor einem K-Mart in Ames, Iowa überquerte. Steve hatte gerade seinen Abschluss an der Universität von Edinburgh gemacht – Fachgebiet: alte Religionen des Nahen Ostens (ja, die Realität ist ein Gewebe, nicht? Deswegen sind wir übers Internet so froh!). Jedenfalls, Mr. Wiggins erzählte Mr. Stephenson von einer semitischen Göttin namens Asherah, woraufhin diese eine tragende Rolle in SNOW CRASH erhielt, dem Roman, an dem Stephenson zur Zeit der Parkplatzüberquerung arbeitete. Am Ende seines Berichts verweist Neal auf das Blog von Steve Wiggins: SECTS AND VIOLENCE IN THE ANCIENT WORLD – Sekten und Gewalt in der Alten Welt.

Und nichts anderem ist dieses hochinformierte Blog gewidmet – all den verwirrenden, verworrenen, verwirrten Fanclubs von big G. in seinen abertollsten Rollenspielen – wenn auch das Bemühen des Blog-Autors erkennbar ist, immer wieder Zusammenhänge zu rezenteren Epochen zu finden, beispielsweise und siehe da: zur Ära George W. Bush! (Ich frage mich, ob Al-Hazred diesen speziellen „Dämon“ in seinen windüberblasenen, von Wüstenstürmen gefolterten, heulenden, von gezackten Blitzen durchzuckten Visionen gesehen hat und verzweifelt ist … es heißt, ein unsichtbares Wesen habe Al-Hazred am hellichten Tag vor den Augen von Zeugen zerrissen; klingt nach einer im Sand vergrabenen Tellermine.)
Noch ein interessanter Fund – eine Vorlesung von Neal Stephenson am Londoner Gresham College über das von ihm mit Vorliebe betriebene Genre speculative fiction (wofür bei ihm die Abkürzung SF steht; nicht für Science fiction), über die kulturelle Bifurkation zwischen SF World und mundane World, über Intelligenz und darüber, dass Stephenson zufolge Hugo Weaving der einzige Schauspieler ist – mit Ausnahme des Prototypen Leonard Nimoy, natürlich – der einen Vulkanier überzeugend verkörpern kann („by projecting intelligence“). Außerdem geht es im vierten Teil auch um den Unterschied zwischen „vegging out“ und „geeking out“ – zwischen zwei möglichen Haltungen, die es erlauben, im Riesentheaterlaboratorium der Realität zu überleben. Bonne chance!

Donnerstag, 21. Januar 2010

FORUM LITERATUR # 4: Noch mehr Kaser



Unsere Norbert-C.-Kaser-Reihe nähert sich ihrem Ende. Noch einmal soll Kaser heute Abend Bezugsperson sein für Gedanken über Literatur, Provokation, Stagnation und geistige Bewegung. Am 27. August 2009 hat die Südtiroler Autorin Margareth Obexer auf der Franzensfeste eine Rede gehalten mit dem Titel "Maßstäbe für eine Literatur – Gedanken zu Kasers Brixner Rede". Gleich vorausgeschickt: In voller Länge abgedruckt finden Sie die Rede in der Sondernummer der Zeitschrift KULTURELEMENTE (Nr. 85/2009), und zwar auf den Seiten (4) und (5). Herbert Rosendorfer fragte in der Diskussion ohne allzu viel Interesse, was Kaser eigentlich gewollt habe. Auch Margareth Obexer stellt sich diese Frage: Ob Kaser damals in Brixen vielleicht nur provozieren wollte? Aus schierer Freude am Genre der Brandrede einmal so richtig mit der Sense durch den literarischen Blätterwald gehen? „Doch Schimpfen und Wettern allein drückt noch lange keinen Geist aus, der etwas anderes will als das, worüber er schimpft und wettert.“ Obexer beschwört die politische Dimension, die jeder Kunst innewohne und um die auch Kaser gewusst habe. Gezielt habe er sich konservativen, machtbewussten Instanzen gegenübergestellt. Wie Raoul Schrott sieht auch Obexer Kasers Leistung und gleichzeitig den Anspruch an Künstler im Allgemeinen, dass ein regionaler Kontext transzendiert werde zugunsten einer Verständigung jenseits aller geographischen Einschränkungen. Nicht nur mit seiner Rede sei Kaser einer Herausforderung nachgekommen, sondern mit seinem ganzen Werk. Die Herausforderung habe darin bestanden, den Veränderungsbedarf der eigenen Zeit nicht nur wahrzunehmen, sondern auch offen kundzutun, womit er sich sofort in die Rolle eines unbequemen Zeitgenossen begeben habe. In der zweiten Hälfte ihrer Rede untersucht Obexer, was heute – vierzig Jahre nach Kasers Kampfansage – im Land Südtirol los ist. Und sie ist nicht amüsiert! Sie zitiert Südtirols peinliches Versagen angesichts der Ausstellung von Martin Kippenbergers Plastik "Zuerst die Füße", in Medien und Leserzuschriften als „der gekreuzigte Frosch“ oder „la rana blasfema“ bezeichnet. (Nur für den Fall, dass sich jemand nicht erinnern sollte:)
In einem Moment, in dem Südtirol sich als Veranstaltungsort der manifesta als kultureller Standort, mit dem zu rechnen ist, etablieren hätte können, sei dies durch einen Skandal torpediert worden, ausgerufen vom selben Tagblatt, das seinerzeit schon die Hetze gegen Kaser angezettelt hatte. Im Kampf gegen solche Kräfte sei es wichtig, genau zu wissen, was man wolle, sagt Obexer, denn der Feind wisse es immer schon früh, und deswegen sei er gefährlich schnell. Nur wer genau wisse, was er wolle – Veränderungsbedarf dürfe also nicht ein Postulat ohne Inhalt bleiben – sei imstande, sich zur Wehr zu setzen. Und hier scheint sie wirklich einen Schwachpunkt getroffen zu haben – warum sonst war seinerzeit die Gegenrede gegen die Verunglimpfung von Kunst und Kultur aufgrund einer einzelnen Plastik kaum zu vernehmen?

Margareth Obexer:

Gelbsucht
Theaterstück in vier Akten
UA Berlin 2001 im Theaterdock,
Gast bei Hope & Glory, Zürich 2001

Offene Türen
Einakter
UA Berlin 2000 im Schillertheater

Die Liebenden
Theaterstück WDR 1999
Zweifache Auszeichnung
an der internationalen Autoren-Hörspieltagung in Rust, 1999

Das Herz eines Bastards
Geschichten und Essays
Athesia 2002

Falsche Helden und Der falsche Mann
Hrsg. von Wolfgang Bauer. Texte meiner Studenten
Passagenverlag, Wien 1995

Texte meiner Studenten
Passagenverlag, Wien 1995

Die Wortlose
Vertonung durch die RAI Bozen, Sept. 2001
In: Das Herz eines Bastards. Athesia 2002


Kaser war auch der Schutzherr einer Literaturnacht im Brunecker Jugendzentrum UFO am 10. Dezember 2009. Schüler, die sich mit Kasers Literatur auseinandergesetzt hatten, präsentierten durch seine Literatur inspirierte eigene Texte, Variationen oder Lieder. Diese Lesungen sind – zusammen mit Musik von Matschedonia, den Rabauken sowie Ausschnitten aus der Zirkusoper "Circulus vitiosus" des Komponisten Anton Prestele – auf einer CD erschienen. Sie trägt den Titel „Schräges Bruneck II – Literarische und musikalische Variationen zu N.C. Kaser“.
Wir präsentieren einen Ausschnitt aus der CD, Musik von Matschedonia („ich krieg ein kind“), den Rabauken („Bruneck 271275“) und Jammin Void („mein lieb“), sowie stellvertretend für die ganze kreative Truppe Sophia Watschinger mit ihrem Gedicht „NCC“ sowie Freia M. Ruegenberg mit ihrem Text „Nichts“. Die beiden Autorinnen haben – neben anderen Kollegen und Kolleginnen – in dem von Reinhold Giovanett herausgegebenen Fanzine UHURA Texte veröffentlicht, und zwar in dieser Ausgabe:

                                                 
Reinhold Giovanett ist Autor des ausgezeichneten Blogs Radio Freier Fall, den ich allen zusammen mit der gleichnamigen Radiosendung ans Herz legen möchte, die sich für Jugendkultur interessieren – entweder weil sie jung bzw. jung geblieben sind oder weil sie mit Jugendlichen arbeiten. Mr. Giovanett hat den BockshornBlog sehr freundlich allen Literaturinteressierten empfohlen, wofür wir uns hier herzlich bedanken möchten. Der Link zum Blog Radio Freier Fall ist auch am Ende jedes Bockshorn-Posts zu finden.


Zum Abschluss dieser Folge von FORUM LITERATUR hören Sie Dietmar Grieser, den produktiven Autor literarischer Reportagen, aus der Schule des Schriftstellers plaudern. Er schlägt sein „Fahrtenbuch eines Literaturtouristen“ auf und erzählt von solchen und anderen Lesern. Auf seiner Website erfahren Sie mehr über Herrn Grieser. Seine Publikationsliste ist sehr lang, deswegen hier nur die neuesten Bücher:

Dietmar Grieser: Der Onkel aus Pressburg. Auf österreichischen Spuren durch die Slowakei. Wien Amalthea 2009; Die guten Geister. Sie dienten den Großen dieser Welt. Wien: Amalthea 2008; Der erste Walzer und andere Sensationen von anno dazumal. Wien: Amalthea 2007.


Die Technik besorgte dies- (wie schon das letzte) Mal Daniel „animal“ Chizzali. Dankeschön.
Noch ein Wort zur Musik: Von der Compilation "Red, Hot & Blue" (Cole Porter gewidmet) hörten wir Les Negresses Vertes mit "I Love Paris" und Annie Lennox mit "Ev'rytime We Say Goodbye", von der Doppel-CD des Vienna Art Orchestra war von CD 1 Track 1 "Artful Noise" zu hören.



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Freitag, 15. Januar 2010

FORUM LITERATUR # 3: Wieder Literatur im Radio




Willkommen zu Forum Literatur, es ist die dritte Ausgabe des Jahres 2010. Noch immer sind wir bei Norbert Conrad Kaser und beim Nachhall seiner Brixner Rede, gehalten am 27. August 1969 auf einer Veranstaltung der Südtiroler Hochschülerschaft, die von Gerhard Mumelter organisiert worden ist. Kasers Auftritt plus Rede gelten als mutmaßliche Geburtsstunde der modernen Südtiroler Literatur. Genau 40 Jahre später würdigte die Dokumentationsstelle für neuere Südtiroler Literatur dieses Ereignis mit einer Veranstaltung (Programm).

Teil dieser Veranstaltung war auch eine Podiumsdiskussion: Andreas Maier, Raoul Schrott, Maria E. Brunner, Joseph Zoderer und Herbert Rosendorfer diskutierten über die Bedeutung Kasers und dessen, was er 1969 nicht ohne Echo an Gedanken geäußert hat. Wir haben es letztes Mal schon angekündigt – heute ist es soweit: Es gibt einen Originalmitschnitt von dieser Veranstaltung zu hören, uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Martin Hanni, dem Leiter der Dokumentationsstelle. Er hat die Diskussion am 27. August letzten Jahres auch moderiert. Für Maria E. Brunner war Kaser vor allem in ihren Anfängen eine Leitfigur; sie beharrt wider alle Einwände auf der Bedeutung Kasers für die Südtiroler Literatur und für sich selbst als Schreibende. Andreas Maier beschreibt in seinem 2002 erschienenen Roman Klausen eine Figur namens Auer, die – nach den Worten des Autors – ein recht genaues Porträt Kasers darstellt. Die Erzählstimme des Romans spricht mit großer Hochachtung von Auer, was vielleicht den Respekt für das Vorbild der Figur spiegeln soll, dem Maier bei seinen Recherchen in Südtirol begegnet ist („Da hat er gesessen, da hat er seinen Wein getrunken“). Joseph Zoderer datiert seine Erinnerungen an die in Frage stehende Zeit nach der Entstehung der eigenen Werke; seine Reminiszenzen an Kaser und seinen Vortrag sind freundlich-distanziert. Raoul Schrott würdigt die Leistung der Regionalliteratur im Allgemeinen – schon in der Antike sei die kulturelle Erneuerung stets von den geographischen Rändern ausgegangen und weit weniger von den Zentren („Homer war nicht aus Athen, Vergil nicht aus Rom“) – und vor diesem Hintergrund Kasers Kunststück im Besonderen: Jener habe es geschafft, innerhalb seines regionalen Kontextes zu bleiben und dabei so interessant zu schreiben, dass seine Texte auch jenseits der regionalen Grenzen gelesen und verstanden würden. Herbert Rosendorfer schließlich legt unverblümtes Unverständnis an den Tag, sowohl in Bezug auf Kasers Erfolg als Lyriker („Bei Gedichten bin ich farbenblind. Alles, was nach Heinrich Heine an Lyrik entstanden ist, sagt mir nichts“), als auch bei der Beurteilung der Brixner Rede: Was Kaser denn wolle? Eine Katakombenliteratur, die niemand lese? In Blei eingeschweißte Manuskript-Unikate, unzugänglich irgendwo in einem Keller? (Lesen Sie dazu die Stellungnahme von Alaistair Chapman Kinbote!)
Interessant erscheint in der Diskussion der Blick jener, die die kulturelle Situation von außen betrachten (in der nächsten Sendung wird uns das in der Antwortrede von Margareth Obexer wieder begegnen), allen voran Raoul Schrott – zu Recht fordert er die Brückenfunktion Südtirols ein: Die Vermittlung zwischen deutsch- und italienischsprachiger Literatur sollte hier schon längst an der Tagesordnung sein, sogar auf akademischen Niveau. Dies sei Südtirols nicht-erfüllte Bestimmung. Anders würde die Situation wohl von jemandem beurteilt, der die Lebenswirklichkeit dieses Landes von innen kennt. Diese ist ja nicht selten von einer Atmosphäre gekennzeichnet, die so manchem eine gewisse Unlust erzeugt, sich groß zu rühren. Das hat ausschließlich politische Gründe. Hier eine Auswahl an Publikationen der diskutierenden Autoren und der Autorin:
Andreas Maier: Klausen. Roman. Frankfurt (M): Suhrkamp 2002.
Kirillow. Roman. Frankfurt (M): Suhrkamp 2005.
Sanssouci. Frankfurt (M): Suhrkamp 2009.
Raoul Schrott: Ilias. Neu übertragen von R.S. München/Wien: Hanser 2008.
Die fünfte Welt, ein Logbuch. Innsbruck: Haymon 2007.
Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde. Roman. München: Hanser 2003.
Herbert Rosendorfer: Richard Wagner, der fröhliche Heide oder Die Aufhebung der dramatischen Zentralperspektive. Stuttgart: Franz Steiner 2009.
Der Mann mit den goldenen Ohren. Ein Italienroman. Köln: Kiepenheuer + Witsch 2009.
Der Hilfskoch oder wie ich beinahe Schriftsteller wurde. München: Nymphenburger 2005.
Maria E. Brunner: Indien. Ein Geruch. Bozen/Wien: Folio 2009.
Was wissen die Katzen von Pantelleria. Bozen/Wien: Folio 2006.
Berge Meere Menschen. Bozen/Wien: Folio 2005.
Joseph Zoderer: Liebe auf den Kopf gestellt. Gedichte. München/Wien: Hanser 2007.
Der Himmel über Meran. Erzählungen. München/Wien: Hanser 2005.
Der Schmerz der Gewöhnung. Roman. München/Wien: Hanser 2002.
Abschließend möchte ich hier noch einmal auf die Eröffnung der Ausstellung der PolColls des Autors und Übersetzers Christoph Wilhelm Aigner verweisen, zu sehen im Literaturhaus am Inn. Die Vernissage findet dortselbst am Mittwoch, 20. Jänner um 20 Uhr statt. Jetzt ergeht noch ein Dank an Daniel Chizzali, der für die Technik zuständig war, an Martin Hanni, der uns mit Originalmaterial versorgt hat, und selbstverständlich an alle Hörerinnen und Hörer sowie Leserinnen und Leser.
Musik spielte uns heute der Meister der Gitarre Andrés Segovia ein, und zwar das Allegro moderato aus Hommage à Franz Schubert, qui amait la guitare von Manuel Ponce.



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GASTKOMMENTAR! von Alastair Chapman Kinbote


Hau den Pichler!


Es war nur eine Frage der Zeit, bis der scheue, langsam lernende Pichler das Medium World Wide Web für seine produktiven Zwecke entdecken würde. Ich selbst war anwesend, wie ihm jemand schon Ende der Neunziger diesen Vorschlag machte, Pichler davon aber nichts wissen wollte. Slow Learner heißt ein Band mit Erzählungen von Thomas Pynchon; es erstaunt nicht, dass Pichler allein das Vorwort etwa 17 Mal lesen musste, um halbwegs schlau daraus zu werden. Seit über einem Jahr kündigt er nun eine Website an, hat wohl auch im Verborgenen allerlei Vorbereitungen getroffen, da er die Seite vorwiegend seiner fiction widmen wollte. Verschiedenste Vorwände rechtfertigten die Nicht-Verwirklichung des Projekts. In seiner relativen Hilflosigkeit verfiel der nicht mehr ganz Junge auf die jugendlich anmutende Idee, ein Blog anzufangen und – nach bestem Wissen und Gewissen – auch weiterzubetreiben. Ich führe dieses „nach bestem Wissen und Gewissen“ wie ein Anwalt eine Klausel ein, denn ich kenne Pichlers Hang zur prokrustischen Prokrastination, zur Verschleppung sämtlicher selbstauferlegter Pflichten, zum Verzetteln und sich-Verheddern in Weben, gesponnen aus den Fäden flüchtig aufgenommener Interessen. „Ich lebe mein Leben in sich verdichtenden Weben“, um es frei nach Rilke dem Leser zu illustrieren. So war es gut, dass ich mit meinen ca. 94, einem Alter, das ich seit einigen Jahren zu halten imstande bin (zu verdanken einem Moos, das ich mir nach jedem Aufenthalt aus Karakorum City mitbringe und in Tee umwandle), dass ich also auf diese neue, etwas lästige Aktivität Pichlers aufmerksam wurde. Schon seine literarischen Gehversuche habe ich mit verschiedenen Vorbehalten beobachtet. Und jetzt dies. Leider ist es mir nicht möglich, die kritischen Röntgenstrahlen von diesem Weblog zu nehmen: 1. aus einer gewissen Faszination dafür, was Pichler sich nur immer anzupacken bemüßigt fühlt (ein wohl vom Großteil seines Bekanntenkreises geteiltes Erstaunen); 2. um Schlimmstes dadurch zu verhindern, dass ich mitunter einige scharfe Analysen, interessante Forschungsergebnisse, amüsante Glossen aus eigener Aktentasche beisteuere; 3. um die paar von Pichler in diesem digitalen Heuhaufen versteckten Nadeln für ein mit Zeit knapp ausgestattetes Lesepublikum sichtbar zu machen, indem ich sie einer notwendigen kritischen Durchleuchtung unterziehe; 4. weil ich seine mehr als unebene Laufbahn – wie gesagt – seit seinen Anfängen verfolge, und hat man sich als Kritiker einmal einen Autor ausgesucht, kann es geschehen, dass man eine Art Symbiose miteinander eingeht und einer sich vom anderen auf dem Buckel mitschleppen lässt (wie die Werwölfe der Bochumer Gegend, die dort „Klüngelpelze“ genannt werden), mehr der Autor vom Kritiker allerdings, als umgekehrt, obwohl ich der um Jahrzehnte Ältere bin; 5. weil ich von Pichlers Wunsch weiß, auch seine während der letzten Jahre entstandene fiction im Web zu publizieren, ein Plan, der mir nach Kenntnis seiner beiden Bücher jetzt schon einen frisson das heute auch nicht mehr jeden Tag geschmeidige Rückgrat hinunterjagt. Ein wenig Hoffnung darauf, dass es nicht so weit kommen möge, liegt in der Möglichkeit, dass Pichler sich mit seinen sonstigen Blog-Einträgen in einem Ausmaß verhaspelt, das ihn weiterreichende literarische Ambitionen vergessen lässt. Oder sie bleiben aus Zeitgründen unverwirklicht. Die Realität zu beobachten ist nämlich ein 24/7-Job. Ziemlich sicher wird er meine Hilfe brauchen. Wir werden sehen. Wir lassen uns überraschen. Im besten Falle wird das alles äußerst amüsant. Und im schlimmsten auch.
Lesen Sie Prof. Kinbotes Brief an einen Leser englischer Muttersprache.


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Freitag, 8. Januar 2010

FORUM LITERATUR # 2: Ein Gespräch über Kaser und seine Brixner Rede mit Martin Hanni



Verehrte Damen und Herren, guten Abend. Ebenfalls begrüße ich den ERRL, den Ersten Registrierten Regelmäßigen Leser dieser Online-Betrachtungen!
Das Urban Dictionary weist darauf hin, dass das Neue Jahr schon vor einer Woche angefangen hat, mithin solle man also nicht mehr "Happy New Year" wünschen, sobald man jemanden im Jahr 2010 zum ersten Mal treffe. Vielmehr sei es angebracht, ihn mit einem coolen "Happy Late Year" zu begrüßen oder damit zu antworten, falls der Betreffende selbst mit seinem Gruß noch ein wenig hinten sei in der Zeit-Wahrnehmung.
Dies eigentlich nur als Ermahnung an mich selbst, um mich an der Kandare zu nehmen und ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass bereits die zweite Sendung FORUM LITERATUR läuft, am Samstag, 09/01/2010, ab ca. 20.10 im RAI-Sender Bozen. (Post zur ersten Sendung.)
Im Studio besucht uns Martin Hanni (Photo: Raetia-Verlag) der Leiter der Südtiroler Dokumentationsstelle. Zusammen mit ihm sprechen wir über die Veranstaltung 40 Jahre Brixner Rede, zu der die Dokumentationsstelle am 27. August 2009 auf die Franzensfeste eingeladen hat. Der letztangebrachte Link hier führt Sie zum Programm der Veranstaltung. Im Gespräch mit Martin Hanni beschäftigen wir uns mit der sogenannten Brixner Rede (eigentlich: Südtirols Literatur der Zukunft und der letzten vierzig Jahre; nachzulesen in: Norbert C. Kaser: Prosa. Geschichten, Schultexte, Stadtstiche, Glossen, Kritik. Hg. v. Benedikt Sauer (u.a.). Innsbruck: Haymon 1988. (109)-(119)). Norbert Conrad Kaser hat diese Rede am 27. August in Brixen gehalten, und wir unterhalten uns darüber, womit er abgerechnet und welches Echo seine harsche Kritik am Zustand der Südtiroler Literatur hervorgerufen hat. Ferner beschäftigen wir uns mit Kasers Position innerhalb derselben Südtiroler Literatur heute, und wie diese Position von den Teilnehmern der Podiumsdiskussion - Andreas Maier, Raoul Schrott, Maria E. Brunner, Joseph Zoderer, Herbert Rosendorfer - auf der Franzensfeste beurteilt wurde.

In diesem Zusammenhang möchte ich Sie auf die Sondernummer der Zeitschrift KULTURELEMENTE hinweisen. Darin finden Sie einen Bericht über die Tätigkeit der Dokumentationsstelle für Südtiroler Literatur, Exzerpte der Beiträge zur Podiumsdiskussion und die Antworten auf Kasers Rede, abgeliefert von Margareth Obexer und Toni Bernhart. Ich kann diese Nummer nur empfehlen.
Ein Dank ergeht an Martin Hanni, der uns vom FORUM LITERATUR mit einem Originalmitschnitt der Veranstaltung auf der Franzensfeste versorgt hat. Dieses Material wird die Grundlage bilden für die nächste Sendung am Samstag, 16/01/2010 ab ca. 20.10 Uhr im RAI-Sender Bozen.

Hier ist das Cover der Publikation, über die wir in der Sendung sprechen: neue literatur aus südtirol. Zusammengestellt von Gerhard Mumelter. Hg. v. d. Südtiroler Hochschülerschaft. Dezember 1970.
Das Buch ist ein Jahr nach der Brixner Rede erschienen. Passend dazu schreibt Gerhard Mumelter in seinem Vorwort: "Dieses Buch ist ein Aufbruch ins Ungewisse. Es stellt Fragen, wirft Probleme auf, eröffnet Perspektiven. Vor allem stellt es die Frage nach dem Bestehen einer neuen Literatur in Südtirol. Antwort darauf vermag diese Auswahl wohl kaum zu geben: was hier vorgestellt wird, ist eine Literatur im Werden, ein Neubeginn nach Jahren des Stillstands. Es ist gleichzeitig der Versuch der Bestandsaufnahme einer Literatur, die sich unter widrigen Verhältnissen durchzusetzen beginnt in einer Gesellschaft, für die Neues jederzeit suspekt war und die erst allmählich Vorurteile abzubauen beginnt." (neue literatur aus südtirol (4)). Es stellt sich die Frage, wie viel sich in dieser Beziehung seither geändert hat. In der nächsten Sendung wird dieser Frage nachgegangen. Kasers Texte, die er - wie die anderen Autorinnen und Autoren - für die Publikation selbst ausgesucht hat, finden sich in dieser Anthologie übrigens auf den Seiten (53) bis (74).


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