Freitag, 29. Januar 2010

Die Geschichte von Gus, the Singing Tomato


Tomaten sind eine sensible Spezies. Wer näher mit ihnen zu tun hat, weiß das. Es fällt nicht schwer, in der Beziehung zu einer oder mehreren von ihnen bleibenden Schaden anzurichten. Wohl aufgrund dieser sprichwörtlichen Sensibilität liegt den Tomaten das Künstlerische im Blut. Und ‚Blut‘ ist auch schon das Stichwort. Wenden wir uns der CD zu, die vor uns auf dem Tisch liegt: ein schwarzes Cover, darüber – in kongenialem Rot – der Schriftzug SANGUINISCHE ARIEN. Es handelt sich um das neueste Album des wahrscheinlich berühmtesten Tenors der Welt – Gus, the Singing Tomato.

Kaum erschienen, hat es schon weltweit Rezensenten und Kritiker zu Lobeshymnen hingerissen: „Bloody good ...“ (TIMES); „ ... mir hat es buchstäblich das Herz zerrissen, ja, Unterfertigter konnte überhaupt erst feststellen, ein Herz zu besitzen ...“ (DIE ZEIT); „ ... öffnet eine Wunde und dreht das Messer darin herum ...“ (KLASSIKFORUM); „ ... it’s not simply music, it is the blood of a soft-gloved heart, spilled drop by drop …” (OPERA TODAY); „ ... che emozione! …” (L’ESPRESSO).
Und nur zu passend erscheint die Wortwahl. Denn der Interpret hat für dieses sein neuestes Werk aus seinem breiten Repertoire ausschließlich Arien gewählt, die um das Motiv des Blutes kreisen. An solchen ist die Opernliteratur, zumal die italienische, nicht gerade arm.

„Zu Anfang war ich dagegen“, sagt Herr Heinz, schon seit vielen Jahren Manager des großen Gus, und fährt schmunzelnd fort: „Ausnahmsweise, versteht sich, denn eigentlich sind wir uns über nichts uneins, Gus und ich, außer über die Finanzen, Engagements, Soloauftritte, über die Kontakte zu den Medien und die Auswahl für die Tonträger. Aber diesmal hat er recht behalten. Die neue Platte ist ein Hit.“

Die Jahre waren gut zu Herrn Heinz. Noch immer wirkt er rund, prall und rot in seinem stufenlos verstellbaren Schreibtischsessel, mit abgespreiztem Finger in einem winzigen Espresso-Tässchen rührend. Er hat gut an diesem einen Künstler mit der überragenden Stimme verdient, wenn auch dessen Launen und Idiosynkrasien bestimmt nicht immer leicht zu ertragen waren. Vor allem in den letzten Jahren häuften sich die abgesagten Konzerte, was Gus unter Intendanten den Spitznamen „Treulose Tomate“ eingebracht hat. Legendär ist seine Flugangst, ebenso wie sein Bedarf an Mineralwasser, um sich „frisch zu halten“. Nicht selten hat Gus auf der Bühne in seinen Rezitativen Ermahnungen an Kolleginnen und Kollegen improvisiert, die er für nicht auf der Höhe der Anforderungen hielt.

Nichts von alldem deutet auf die schlichten Anfänge dieses überragenden Künstlers hin. Herr Heinz zündet sich eine teure Zigarre an. Er nimmt ein gerahmtes Foto vom Schreibtisch, das seinen Schützling in ganz jungen Jahren zeigt, und bläst ein amüsiertes Wölkchen. Langsam zieht es sich zu einem melancholischen Rauchzeichen auseinander.

Der Rauch verweht, und es kommt eine flache, von heißer Sonne überglühte Landschaft im Neapolitanischen zum Vorschein, die Heimaterde des großen Gus. Hier lebt noch immer – im wohlverdienten Ruhestand – Signora Loretta Pomana, trotz der Jahre, die vergangen sind, steckt sie voller Saft. Sie erzählt, dass Gus hier unter dem bürgerlichen Namen Gustavo Garofalo geboren wurde, als Sohn von Mangio Garofalo und Mara Garofalo, geb. Polpa, zwei einfachen Leuten mit Jobs in der Lebensmittelindustrie. Nachdem sie den kleinen Gustavo zur Welt gebracht hatte, bekam Mara von ihrem Arzt mitgeteilt, dass sie keine weiteren Kinder bekommen könne. Eine Welt brach für sie zusammen. Sie hatte sich schon als Oberhaupt einer vielköpfigen Familie gesehen, gewissermaßen eines ganzen Feldes von Söhnen, Töchtern, Enkeln, Enkelinnen und so fort. In stiller Einfalt fügte sie sich in ihr Schicksal. Ihr Glaube stützte sie. All ihre Fürsorge wandte sie nun an den kleinen, unscheinbaren Gustavo, der sich zu einem in sich gekehrten Kind entwickelte. Er spielte nicht mit seinen Altersgenossen, mit Ausnahme seiner Mutter ließ er sich von niemandem berühren. Vor allem sprach er kaum zwölf Wörter im Verlauf eines Tages. Der Grund war eine partielle Gesichtslähmung. Wenn er den Mund aufmachte, gehorchten die Muskeln nicht, und die Worte kamen undeutlich heraus. Die anderen Kinder verspotteten Gustavo, wenn er versuchte, mit ihnen zu reden, perfide ahmten sie seine Sprechweise nach. Gustavo las eine Biografie seines Idols, des großen italienischen Schauspielers Sylvester Stallone, und diese Lektüre veränderte sein Leben. Denn der Junge entnahm dem Buch, dass sein bewundertes Vorbild an derselben Behinderung gelitten hatte wie er selbst, die eigene Sprechfähigkeit jedoch durch hartes Training verbessern konnte.

„Und da hat er sich an mich gewandt“, erinnert sich Loretta Pomana und lächelt in sich hinein. „Es war ein heißer Mittag, die anderen Kinder waren schon aus der Klasse gestürmt. Gustavo saß immer noch stumm in seiner Bank und rührte sich nicht. Ein eigenartiges Strahlen umgab ihn, es lag auf seinen roten Wangen, und ich weiß noch, dass ich dachte, dieser Junge hat heute entweder eine gute Nachricht bekommen oder einen bedeutenden Entschluss gefasst. Ich fragte ihn, ob er nicht mit seinen Kameraden nach Hause gehen wolle, und da gab er sich einen Ruck und sagte, er wolle besser sprechen lernen. Ob ich ihm dabei helfen könne. Ich bewunderte seine Geradlinigkeit, und außerdem ist man als Lehrerin ja regelrecht geschmeichelt, wenn ein Kind mal von sich aus mit dem Wunsch an einen herantritt, etwas zu lernen. Ich sagte, er solle nach Hause gehen, am Nachmittag aber wiederkommen, dann würden wir zusammen üben. Das war zugleich ein Test, verstehen Sie? So konnte ich sehen, ob es ihm wirklich ernst war mit seinem Anliegen. Ich ging in meine Wohnung und holte ein Buch mit Sprechübungen. Es enthielt kurze Texte, mit Sätzen à la Mein Mark muss man mehr marinieren, ohne viel Sinn, dafür aber mit hohem Anspruch an die Sprechwerkzeuge.“ Als sie in die Schule zurückkehrte, stellte Signora, damals Signorina Pomana fest, dass der kleine Gustavo gar nicht erst nach Hause gegangen war, sondern in der sengenden Hitze vor dem Schulgebäude auf ihre Rückkehr gewartet hatte. Die Lehrerin gab ihm reichlich Wasser, bevor sie mit dem Unterricht begann. Stundenlang sprach Gustavo Sätze wie Tolle Tomaten tänzeln trübe tödlichen Tango. Tänzeln war eines jener Worte, die ihm besondere Schwierigkeiten bereiteten. „Tänzeln ... tänzeln ... tänzeln ... tänzeln.“

In seiner Freizeit bewegte sich Gustavo durch die Straßen und über die Felder und sprach das Wort immer wieder vor sich hin. Tänzeln. Die Laute n, z und l waren wie die drei Musketiere, die ihn mit ihren Degen in den Gaumen und die Zunge piekten, sodass der Speichel reichlich floss. Oft wurde er von Kindern verfolgt, die nachäfften, wie er die Übungssätze mühevoll herauspresste. Gustavo war das gleichgültig. Gustavo gab nicht auf. Er trainierte allein, und zweimal die Woche übte er nachmittags mit Signorina Pomana. Bald zeigten sich die ersten Fortschritte. Nach einem Jahr sprach er sehr gut. Es traf sich, dass es wieder ein heißer Nachmittag war, als die Lehrerin ihrem fleißigsten Schüler eröffnete, er habe alle Hürden gemeistert und sei nun zu einem vorbildlichen Sprecher geworden, sowohl auf dem Gebiet der Vokale, als auch auf jenem der Konsonanten. Gustavo jubelte. Vor lauter Freude begann er Tolle Tomaten tänzeln trübe tödlichen Tango lauthals zu singen. Er sang und sang, bis er plötzlich erschrocken innehielt.

„Ich muss wie versteinert dagestanden sein und ihn angestarrt haben“, kichert Signora Pomana bei dieser Erinnerung. „Aber, wissen Sie, ich hatte ja zum ersten Mal seine Stimme gehört. Ich meine: so gehört. Früher hatte er, weil er wegen seiner Behinderung so schüchtern war, immer nur geflüstert. Mit steigendem Selbstbewusstsein hatte er sich dann eine klarere und sichere Stimme zugelegt. Jetzt aber hörte ich ihn nicht irgendwelche Nonsens-Verschen aufsagen. Ich hörte ihn singen. Und wie er singen konnte!“

So entpuppte sich eines der herrlichsten Talente, welche diese Erde je gehört hat, wieder einmal nur durch Zufall.

Signorina Pomana stellte eine alte, lange nicht genutzte Verbindung wieder her. Aus der Stadt, aus dem Konservatorium kam ein skeptischer dicker Herr mit spiegelnd roter Glatze, klagte über die Hitze, ließ sich ständig Eiswasser bringen und schielte, wann immer er glaubte, keiner bemerke es, in seinen Busfahrplan. Signorina Pomana führte ihm ihren Gustavo vor, mit dem sie für die Gelegenheit ein einfaches Marienlied einstudiert hatte. Nach der ersten Strophe war der Busfahrplan zu Boden gefallen, der Herr aus der Stadt rührte kein Gramm seines beträchtlichen Gewichts, ließ auch den Schweiß an sich herunterlaufen, ohne etwas dagegen zu unternehmen – er hörte nur zu. Nachdem Maria nicht nur mit ihrem Körper, sondern auch mit ihrem vollständigen Satz an Accessoires – Sonnenbrille von Laura Biagotti, Schmuck von Bulgari (zugegeben, etwas grobschlächtig an der zarten Frau), Kostüm von Estée Lauder und Schuhen von Manolo Blahnik – in die himmlischen Regionen aufgefahren war, erhob sich der dicke Herr, nunmehr weder skeptisch noch launisch, und spendete großzügigen Beifall. Es gab ein Gespräch mit der Lehrerin unter vier Augen.

Am nächsten Tag wurde Mara Polpa, verwitwete Garofalo, brieflich zur Lehrerin in eine Sondersprechstunde zitiert. Mutter Mara nahm sich für den Nachmittag frei, zog ein schwarzes Kopftuch über und kam in die Schule. Sie erschrak, als sie ihren Sohn erblickte, der auf einem Stuhl neben dem Pult saß, klein und so rot, als schäme er sich für irgendetwas. Sie fuhr ihn an: „Was hast du angestellt? Gesteh’s nur gleich! Ach, wenn dein Vater noch bei uns wäre, der würde dich lehren ...“ Die Lehrerin beruhigte die erregte Frau und erklärte ihr im Verlauf von zwei Stunden die Situation; mehrmals. „In die Stadt?“ Mara war bleich geworden. „Gesangsunterricht? Das kann ich mir nicht leisten. Niemals. Und Gustavo – ganz allein in der Stadt? In seinem Alter?“

Signora Pomana amüsiert sich noch heute über die Ängstlichkeit der einfachen Frau. „Ich habe den Kopf gesenkt, sie von unten herauf angesehen, so richtig mit Eindringlichkeit, und dann habe ich zu Mara gesagt, sie soll ihren Job aufgeben, in der Lebensmittelindustrie wird man sowieso nicht alt, das ist ein zynisches Geschäft, und sie soll bloß an ihren armen Mann zurückdenken, wie es dem ergangen ist. Und dann habe ich vorgeschlagen, sie soll mit Gustavo in die Stadt ziehen, der Kleine werde ein Stipendium für sein Studium erhalten, wohnen und essen könnten sie beide im bischöflichen Palais, dort seien eine Menge Zimmer frei, es sei schon alles abgesprochen. Sie war so überrumpelt, dass sie nichts mehr gesagt hat. Das hätte noch gefehlt, dass sie mit ihrer Einfalt meinem Gustavo die Karriere vermasselt hätte. Ein bisschen geweint hat sie, aber eine Prise Oregano hat ihr gleich die Lebensgeister zurückgebracht.“

Herr Heinz hörte Gustavo, als der Kleine, nach fünf Jahren Gesangsausbildung nun ein junger Tenor, mit seiner Klasse das Abschlusskonzert gab. Gustavos Soloauftritt war die Krönung des Abends. Herr Heinz nahm das Supertalent unter Vertrag und machte es unter dem Künstlernamen Gus, the Singing Tomato auf beiden Hemisphären bekannt. Gus sang sogar, als die Scheiche ihren künstlichen Louvre inmitten von Sanddünen und riesigen Skihallen eröffneten. Herr Heinz zeigt eine Fotografie. Dann verschafft er uns zehn Minuten mit seinem eigenwilligen Schützling.

Der große Gus sitzt in einem Ledersessel, wirkt ungesund aufgebläht, sein Masseur ist eben gegangen. Ächzend widmet er sich seinem Mineralwasser, beschwert sich über das grelle Sonnenlicht. Ein beflissener Assistent schließt rasch die Vorhänge. Wir möchten natürlich als erstes wissen, wie es zu dieser blutigen Anthologie, die das neue Album darstellt, gekommen ist. (Wir erinnern noch einmal an den Titel: SANGUINISCHE ARIEN.)
„Ahimè!“ ruft Gus aus. Wie durch ein Fingerschnippen beschworen, ist sein südländisches Temperament da (war vielleicht auch ein Grund für den Album-Titel). Er trocknet sich die Augen mit einem riesigen Taschentuch, fächelt sich anschließend damit Luft zu. „Meine Mamma! Sie ist gestorben!“ Natürlich, das ist bekannt. Aber das war vor zwei Jahren.

„Zwei Jahre!“ schreit Gus erzürnt. „So ist es! Aber was sind zwei Jahre für das liebende Herz eines Sohnes? Wenn seine Mamma nicht mehr ist, dann blutet es und blutet es und blutet es und hört nicht damit auf. Zwei Jahre habe ich zurückgezogen gelebt. Mit all dem Blut! Es war entsetzlich. Was hätte ich tun sollen? Und so habe ich beschlossen, dass ich mir das Blut von der Seele singen muss. Für meine Mamma! Was für ein tragischer Unglücksfall! In der schönsten, ruhigsten Stadt von ganz Italia, wo alle Menschen wohnen, die die Ruhe lieben, in Belluno, da steckt ‚bello‘ drin, dort habe ich ihr ein Haus gekauft, ganz für sie allein, ein wunderbares Haus, und einen Garten hatte es. Sie hat es so geliebt, sie hat das Haus geliebt, sie hat den Garten geliebt, sie hat die Stadt geliebt, einfach alles! Tutto! Alles war perfekt! Und dann fährt ein Bus in die Stadt hinein! Ein Reisebus! In der Stadt, in der kein Verkehr sein darf, nur Fahrräder, sonst nichts. Der Busfahrer war ein Finne, er hatte fünf Kinder und zwei Hypotheken, ich habe ihn ausfindig machen und bestrafen lassen. Wie konnte er ... meine Mamma! Sie wollte nur einen Kaffee trinken gehen. Sie hat in bella Belluno die Straße überquert, an einem heißen Nachmittag. Und niemand war da, um dem Bus das Einfahren in die Innenstadt zu verwehren! Niemand! Kein Schutzmann! Kein Schutzengel!“

Noch bevor uns das Wort ‚Schutzengel‘ mit seinem Flügel streifen kann, hat uns Herr Heinz schon hinauskomplimentiert. Gus, in der Kunst wie im Leiden überragend, muss ruhen.



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