Donnerstag, 21. Januar 2010

FORUM LITERATUR # 4: Noch mehr Kaser



Unsere Norbert-C.-Kaser-Reihe nähert sich ihrem Ende. Noch einmal soll Kaser heute Abend Bezugsperson sein für Gedanken über Literatur, Provokation, Stagnation und geistige Bewegung. Am 27. August 2009 hat die Südtiroler Autorin Margareth Obexer auf der Franzensfeste eine Rede gehalten mit dem Titel "Maßstäbe für eine Literatur – Gedanken zu Kasers Brixner Rede". Gleich vorausgeschickt: In voller Länge abgedruckt finden Sie die Rede in der Sondernummer der Zeitschrift KULTURELEMENTE (Nr. 85/2009), und zwar auf den Seiten (4) und (5). Herbert Rosendorfer fragte in der Diskussion ohne allzu viel Interesse, was Kaser eigentlich gewollt habe. Auch Margareth Obexer stellt sich diese Frage: Ob Kaser damals in Brixen vielleicht nur provozieren wollte? Aus schierer Freude am Genre der Brandrede einmal so richtig mit der Sense durch den literarischen Blätterwald gehen? „Doch Schimpfen und Wettern allein drückt noch lange keinen Geist aus, der etwas anderes will als das, worüber er schimpft und wettert.“ Obexer beschwört die politische Dimension, die jeder Kunst innewohne und um die auch Kaser gewusst habe. Gezielt habe er sich konservativen, machtbewussten Instanzen gegenübergestellt. Wie Raoul Schrott sieht auch Obexer Kasers Leistung und gleichzeitig den Anspruch an Künstler im Allgemeinen, dass ein regionaler Kontext transzendiert werde zugunsten einer Verständigung jenseits aller geographischen Einschränkungen. Nicht nur mit seiner Rede sei Kaser einer Herausforderung nachgekommen, sondern mit seinem ganzen Werk. Die Herausforderung habe darin bestanden, den Veränderungsbedarf der eigenen Zeit nicht nur wahrzunehmen, sondern auch offen kundzutun, womit er sich sofort in die Rolle eines unbequemen Zeitgenossen begeben habe. In der zweiten Hälfte ihrer Rede untersucht Obexer, was heute – vierzig Jahre nach Kasers Kampfansage – im Land Südtirol los ist. Und sie ist nicht amüsiert! Sie zitiert Südtirols peinliches Versagen angesichts der Ausstellung von Martin Kippenbergers Plastik "Zuerst die Füße", in Medien und Leserzuschriften als „der gekreuzigte Frosch“ oder „la rana blasfema“ bezeichnet. (Nur für den Fall, dass sich jemand nicht erinnern sollte:)
In einem Moment, in dem Südtirol sich als Veranstaltungsort der manifesta als kultureller Standort, mit dem zu rechnen ist, etablieren hätte können, sei dies durch einen Skandal torpediert worden, ausgerufen vom selben Tagblatt, das seinerzeit schon die Hetze gegen Kaser angezettelt hatte. Im Kampf gegen solche Kräfte sei es wichtig, genau zu wissen, was man wolle, sagt Obexer, denn der Feind wisse es immer schon früh, und deswegen sei er gefährlich schnell. Nur wer genau wisse, was er wolle – Veränderungsbedarf dürfe also nicht ein Postulat ohne Inhalt bleiben – sei imstande, sich zur Wehr zu setzen. Und hier scheint sie wirklich einen Schwachpunkt getroffen zu haben – warum sonst war seinerzeit die Gegenrede gegen die Verunglimpfung von Kunst und Kultur aufgrund einer einzelnen Plastik kaum zu vernehmen?

Margareth Obexer:

Gelbsucht
Theaterstück in vier Akten
UA Berlin 2001 im Theaterdock,
Gast bei Hope & Glory, Zürich 2001

Offene Türen
Einakter
UA Berlin 2000 im Schillertheater

Die Liebenden
Theaterstück WDR 1999
Zweifache Auszeichnung
an der internationalen Autoren-Hörspieltagung in Rust, 1999

Das Herz eines Bastards
Geschichten und Essays
Athesia 2002

Falsche Helden und Der falsche Mann
Hrsg. von Wolfgang Bauer. Texte meiner Studenten
Passagenverlag, Wien 1995

Texte meiner Studenten
Passagenverlag, Wien 1995

Die Wortlose
Vertonung durch die RAI Bozen, Sept. 2001
In: Das Herz eines Bastards. Athesia 2002


Kaser war auch der Schutzherr einer Literaturnacht im Brunecker Jugendzentrum UFO am 10. Dezember 2009. Schüler, die sich mit Kasers Literatur auseinandergesetzt hatten, präsentierten durch seine Literatur inspirierte eigene Texte, Variationen oder Lieder. Diese Lesungen sind – zusammen mit Musik von Matschedonia, den Rabauken sowie Ausschnitten aus der Zirkusoper "Circulus vitiosus" des Komponisten Anton Prestele – auf einer CD erschienen. Sie trägt den Titel „Schräges Bruneck II – Literarische und musikalische Variationen zu N.C. Kaser“.
Wir präsentieren einen Ausschnitt aus der CD, Musik von Matschedonia („ich krieg ein kind“), den Rabauken („Bruneck 271275“) und Jammin Void („mein lieb“), sowie stellvertretend für die ganze kreative Truppe Sophia Watschinger mit ihrem Gedicht „NCC“ sowie Freia M. Ruegenberg mit ihrem Text „Nichts“. Die beiden Autorinnen haben – neben anderen Kollegen und Kolleginnen – in dem von Reinhold Giovanett herausgegebenen Fanzine UHURA Texte veröffentlicht, und zwar in dieser Ausgabe:

                                                 
Reinhold Giovanett ist Autor des ausgezeichneten Blogs Radio Freier Fall, den ich allen zusammen mit der gleichnamigen Radiosendung ans Herz legen möchte, die sich für Jugendkultur interessieren – entweder weil sie jung bzw. jung geblieben sind oder weil sie mit Jugendlichen arbeiten. Mr. Giovanett hat den BockshornBlog sehr freundlich allen Literaturinteressierten empfohlen, wofür wir uns hier herzlich bedanken möchten. Der Link zum Blog Radio Freier Fall ist auch am Ende jedes Bockshorn-Posts zu finden.


Zum Abschluss dieser Folge von FORUM LITERATUR hören Sie Dietmar Grieser, den produktiven Autor literarischer Reportagen, aus der Schule des Schriftstellers plaudern. Er schlägt sein „Fahrtenbuch eines Literaturtouristen“ auf und erzählt von solchen und anderen Lesern. Auf seiner Website erfahren Sie mehr über Herrn Grieser. Seine Publikationsliste ist sehr lang, deswegen hier nur die neuesten Bücher:

Dietmar Grieser: Der Onkel aus Pressburg. Auf österreichischen Spuren durch die Slowakei. Wien Amalthea 2009; Die guten Geister. Sie dienten den Großen dieser Welt. Wien: Amalthea 2008; Der erste Walzer und andere Sensationen von anno dazumal. Wien: Amalthea 2007.


Die Technik besorgte dies- (wie schon das letzte) Mal Daniel „animal“ Chizzali. Dankeschön.
Noch ein Wort zur Musik: Von der Compilation "Red, Hot & Blue" (Cole Porter gewidmet) hörten wir Les Negresses Vertes mit "I Love Paris" und Annie Lennox mit "Ev'rytime We Say Goodbye", von der Doppel-CD des Vienna Art Orchestra war von CD 1 Track 1 "Artful Noise" zu hören.



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