Freitag, 15. Januar 2010

GASTKOMMENTAR! von Alastair Chapman Kinbote


Hau den Pichler!


Es war nur eine Frage der Zeit, bis der scheue, langsam lernende Pichler das Medium World Wide Web für seine produktiven Zwecke entdecken würde. Ich selbst war anwesend, wie ihm jemand schon Ende der Neunziger diesen Vorschlag machte, Pichler davon aber nichts wissen wollte. Slow Learner heißt ein Band mit Erzählungen von Thomas Pynchon; es erstaunt nicht, dass Pichler allein das Vorwort etwa 17 Mal lesen musste, um halbwegs schlau daraus zu werden. Seit über einem Jahr kündigt er nun eine Website an, hat wohl auch im Verborgenen allerlei Vorbereitungen getroffen, da er die Seite vorwiegend seiner fiction widmen wollte. Verschiedenste Vorwände rechtfertigten die Nicht-Verwirklichung des Projekts. In seiner relativen Hilflosigkeit verfiel der nicht mehr ganz Junge auf die jugendlich anmutende Idee, ein Blog anzufangen und – nach bestem Wissen und Gewissen – auch weiterzubetreiben. Ich führe dieses „nach bestem Wissen und Gewissen“ wie ein Anwalt eine Klausel ein, denn ich kenne Pichlers Hang zur prokrustischen Prokrastination, zur Verschleppung sämtlicher selbstauferlegter Pflichten, zum Verzetteln und sich-Verheddern in Weben, gesponnen aus den Fäden flüchtig aufgenommener Interessen. „Ich lebe mein Leben in sich verdichtenden Weben“, um es frei nach Rilke dem Leser zu illustrieren. So war es gut, dass ich mit meinen ca. 94, einem Alter, das ich seit einigen Jahren zu halten imstande bin (zu verdanken einem Moos, das ich mir nach jedem Aufenthalt aus Karakorum City mitbringe und in Tee umwandle), dass ich also auf diese neue, etwas lästige Aktivität Pichlers aufmerksam wurde. Schon seine literarischen Gehversuche habe ich mit verschiedenen Vorbehalten beobachtet. Und jetzt dies. Leider ist es mir nicht möglich, die kritischen Röntgenstrahlen von diesem Weblog zu nehmen: 1. aus einer gewissen Faszination dafür, was Pichler sich nur immer anzupacken bemüßigt fühlt (ein wohl vom Großteil seines Bekanntenkreises geteiltes Erstaunen); 2. um Schlimmstes dadurch zu verhindern, dass ich mitunter einige scharfe Analysen, interessante Forschungsergebnisse, amüsante Glossen aus eigener Aktentasche beisteuere; 3. um die paar von Pichler in diesem digitalen Heuhaufen versteckten Nadeln für ein mit Zeit knapp ausgestattetes Lesepublikum sichtbar zu machen, indem ich sie einer notwendigen kritischen Durchleuchtung unterziehe; 4. weil ich seine mehr als unebene Laufbahn – wie gesagt – seit seinen Anfängen verfolge, und hat man sich als Kritiker einmal einen Autor ausgesucht, kann es geschehen, dass man eine Art Symbiose miteinander eingeht und einer sich vom anderen auf dem Buckel mitschleppen lässt (wie die Werwölfe der Bochumer Gegend, die dort „Klüngelpelze“ genannt werden), mehr der Autor vom Kritiker allerdings, als umgekehrt, obwohl ich der um Jahrzehnte Ältere bin; 5. weil ich von Pichlers Wunsch weiß, auch seine während der letzten Jahre entstandene fiction im Web zu publizieren, ein Plan, der mir nach Kenntnis seiner beiden Bücher jetzt schon einen frisson das heute auch nicht mehr jeden Tag geschmeidige Rückgrat hinunterjagt. Ein wenig Hoffnung darauf, dass es nicht so weit kommen möge, liegt in der Möglichkeit, dass Pichler sich mit seinen sonstigen Blog-Einträgen in einem Ausmaß verhaspelt, das ihn weiterreichende literarische Ambitionen vergessen lässt. Oder sie bleiben aus Zeitgründen unverwirklicht. Die Realität zu beobachten ist nämlich ein 24/7-Job. Ziemlich sicher wird er meine Hilfe brauchen. Wir werden sehen. Wir lassen uns überraschen. Im besten Falle wird das alles äußerst amüsant. Und im schlimmsten auch.
Lesen Sie Prof. Kinbotes Brief an einen Leser englischer Muttersprache.


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