Sonntag, 24. Januar 2010

HOBBIT-KULTUR



Ich beziehe mich hier auf den Artikel „Die Kultur, dieser fremde Planet“ von Georg Mair, abgedruckt in der Südtiroler Illustrierten FF Nr. 3 vom 21. Jänner 2010 (48/49). Es geht darin um eine Veranstaltung des „KulturforumCultura“, eines Vereins, der sich die Förderung der liberalen Kultur in Südtirol aufs Banner geschrieben hat. Eine Politikerrunde war eingeladen, um über Visionen für eine Kulturpolitik zu diskutieren. Redakteur Mair zeigt sich vom Ergebnis enttäuscht – die Politik, allen voran die ubiquitär-unsägliche (meine Worte) Landesrätin Kasslatter-Mur, habe nur mit leeren Phrasen aufgewartet. Heikle Themen – Museion, grandioser Skandal aufgrund Martin Kippenbergers Plastik – seien ausgespart worden. Dabei hätte man – so Georg Mair – „an diesem Beispiel analysieren können, woran die Vision von einem Museum zeitgenössischer Kunst mit internationalem Zuschnitt (bislang) gescheitert ist, warum Direktoren von auswärts regelmäßig vertrieben werden, was die Politik tun und was sie lassen muss, was wir haben und was wir brauchen, wie man die Kultur fördern will, wie man zu einer Kulturpolitik kommt, die die Sprachgrenzen überschreitet (jenseits von einem löblichen gemeinsamen -Geschichtsbuch).“ Ja, fragt man sich, warum endete auch diese Initiative wieder in dieser einzigartigen Südtiroler Erbärmlichkeit? Mair nennt sie die „Verzagtheit“, den „(Irr)Glaube(n), es ginge nicht besser“.

Gute Frage. Warum geht’s nicht besser in der Kultur? Haben wir ein Klimahaus, werfen sich alle in die Brust, sackt das Museion ab, heißt es: Wir sind nur ein kleines Land.

Wieso muss zum Beispiel eine „Kultur des Zuhörens“ – so Susanne Barta vom „KulturforumCultura“ – gepflegt werden? Zuhören? Wem denn? Den Politikern? Das führt nur zu solchen Enttäuschungen, wie sie Redakteur Mair aufgrund seiner Teilnahme an besagter Diskussion erlebt hat; an einer Diskussion, bei der wir – deutsch- wie italienischsprachige Südtiroler – uns wieder einmal als Hobbits erwiesen haben, die unter der Erde über Kultur diskutieren, in Harmonie und seliger Erwartung der anstehenden Marende. „Kultur des Zuhörens“. Sehr schmeichelhaft. Intellektueller Weichspüler. Zum Einschlafen süß. *** RICHTIGSTELLUNG AM ENDE DES POSTS ***

Wem zuhören? Politikern, die über ihrem eigenen Leisten verkehrte Schuhe schustern (siehe jenes gräuliche Paar Stiefel „Doppelstaatsbürgerschaft“)? Wem zuhören? Unserer notorisch uninspirierten Landesrätin, die immer – egal, ob es um Bildung (FUTURUM 09) oder Kultur geht – nach abgefeuerten Nicht-Äußerungen in einem Haufen leergeschossener Worthülsen watet? Die es meisterhaft beherrscht, jedes unbequeme Nachfragen professionell niederzuknattern? Im Übrigen kann sie sich ganz auf die Strahlkraft ihres landesrätlich-fürstlichen Geldsäckels verlassen, der ihr nicht zuletzt als (demnächst nicht mehr) wählbare Funktionärin Sichtbarkeit garantiert.

Womit wir bei dem von Georg Mair angeschnittenen Thema „Förderung“ wären. Bei den Diskussionen um Kultur in Südtirol, an denen ich teilgenommen habe, ging es vor allem um „Gießkannenprinzip oder nicht“, wobei man sich – entgegen Argumenten wie jenen von Markus Vallazza, es sei sinnvoller, arrivierte Künstler zu fördern, die dafür aber ordentlich – stets auf die Sinnhaftigkeit einer möglichst breiten Förderung verständigte. Nun ist aber auch eine der Konsequenzen dieses Finanzierungssystems, dass damit eine Vielzahl von Institutionen ins Leben gerufen werden, die sich mit einer Vielzahl von Veranstaltungen – in Musik, bildender Kunst, mitunter auch Literatur – für die erhaltenen Förder-Batzen rechtfertigen wollen. Natürlich schließt dies auch eine verkrampft inszenierte Bedankung an die Frau Landesrätin ein, die das Geld der Steuerzahler lockergemacht hat, und natürlich auch eine geknatterte Rede-Salve von ihr.

Was das zentral gesteuerte Förderungssystem darüber hinaus verhindert, ist eine Kultur, die in der Opposition Stellung bezieht. Dort ist nämlich ihr Platz: in der Opposition. Die Politik zu beobachten und auf hohem Niveau zu kritisieren, ist ihre Aufgabe – nicht, ihren Funktionären die Räuberleiter hinauf aufs Rednerpult zu machen. Aber nicht nur das – im „System Südtirol“ geschieht es immer wieder, dass Schriftsteller, Journalisten, Kabarettisten gar sich von der dunklen Seite der Macht schlucken lassen und im Flug die Fronten wechseln. Ich erinnere an die Kandidatur von Manfred Schweigkofler während der letzten Landtagswahlen und an seine Aussagen in einem sich darauf beziehenden Interview: Er sei eigentlich nicht so sehr Theatermann, vielmehr ein ausgesprochen politischer Mensch, er habe Frau und Kinder, welchletztere wiederum zur Schule gingen, und das mache ihn, Schweigkofler, zum Beispiel äußerst sensibel für Themen wie Familie und Bildung.

Und schließlich brütet unser Förderungssystem eine eigene Art von Künstlern aus, die sich sofort nach Geld umsehen und darob gutes Networking und günstige Kontakte in ihrem Wertesystem weit vor Kreativität und Intelligenz ansiedeln. Eine spezielle Art von Karrierismus, die – mit sehr geringem Unterschied – etwaigen kulturellen Neuzugängen von einer ungemütlichen Spezies von SVP-Politikern vorgelebt wird. Künstler dieser Prägung mucken nicht auf, sondern bleiben geschmeidig. Oppositionelles Denken muss gelernt, kann auch verlernt werden. Dass es bei uns überhaupt nicht weit her ist damit, hat die Aufregung um Kippenbergers Skulptur sehr schön gezeigt. Alle, wirklich alle haben wir uns von politisch verklüngeltem, medial inszeniertem Dunkelmännertum kopfscheu machen lassen!

Wo bleibt bei all dem die Kultur? Georg Mair vergleicht sie mit einem fremden Planeten, mir kommt oft vor, dass „Kultur“ bei uns vor allem in Diskussionen wie ein geheimer Schatz behandelt wird, und nicht selten beschleicht einen dabei das Gefühl, als sehe man auf der Bühne Siegfried und Hagen sich über den Nibelungenhort unterhalten und welche Anlagemöglichkeiten es dafür gebe, anstatt das klingende, brodelnde Drama des „Rings“ verfolgen zu dürfen. Tatsächlich besteht Kultur aus einer Vielzahl von Initiativen und Aktivitäten, insofern ist eine breiter angelegte Förderung auch nicht ausschließlich negativ zu sehen. Aber um ein wenig Ordnung in die oben erwähnte Vielzahl an Angeboten zu bringen, könnte man so etwas wie eine integrative Schaltstelle für Kulturangebote errichten, und ich meine nicht ein neues Amt mit alten Funktionären, sondern so etwas wie eine Internet-Plattform. Hier könnten zentral und graphisch einheitlich die verschiedenen Kulturangebote angezeigt werden, was nach einer Weile zu Erkenntnissen führen könnte wie: Was haben wir doppelt oder dreifach? Wo lassen sich Förder-Ressourcen bündeln? In welchen Bereichen bieten wir nichts? usw. Mit Hilfe einer einfachen Registrierung könnten Kultur-Nutzer ihre Kommentare auf einem mit der Internet-Plattform verknüpften Blog posten oder Wünsche abgeben oder auf eigene oder verwandte Aktionen aufmerksam machen. Es wäre finanziell nicht besonders aufwändig, müsste aber gut gemacht sein, mehrsprachig, von der Politik meinetwegen mitgetragen, aber inhaltlich unbedingt unabhängig.

Und wann wird mal nicht bloß den Geistesblitzen von Pöder und Seppi zugehört, sondern eine inhaltliche Diskussion geführt? Wann geht es mal nicht um Geld und Repräsentation, sondern um Themen? Am 27. August 2009 gab es auf der Franzensfeste eine von der Dokumentationsstelle für neuere Südtiroler Literatur initiierte Veranstaltung, bei der N.C. Kasers Brixner Rede vor genau 40 Jahren gedacht wurde, auch diese in ihrer Art eine Stellungnahme zu Kultur und Kulturpolitik in Südtirol. Im Rahmen einer Diskussion unterstrich der Tiroler Autor und Übersetzer Raoul Schrott die Brückenfunktion Südtirols – schon längst müsste es hier bei uns Veranstaltungen geben, die der Vermittlung zwischen Geschriebenem in deutscher und italienischer Sprache gewidmet seien, und auch ein Institut, das diese Arbeit auf akademischem Niveau betreibe, sei längst überfällig. Dies, so Schrott, sei Südtirols nicht-eingelöste Bestimmung. Das wäre ein Thema. Oder was ist mit Kunst und Literatur der Einwanderer?

Es scheint nicht nur an kulturpolitischen Visionen zu mangeln, sondern auch an kulturproduktiven. Das ist vermutlich eine weitere Frucht der Erziehung durch ein zentral gesteuertes Förderungssystem. Was das Warten aufs „Geld vom Land“ nicht fördert, ist Eigeninitiative und ein sich-Abkoppeln von Aktualitäts- und Erfolgsdruck (ich erinnere: Legitimierung der Subventionen). Ein wunderbares Gegenbeispiel findet sich auf der Seite von TED, und zwar hier: Der US-Autor Dave Eggers erzählt von einer herrlichen Initiative, die nicht nur einen Nachbarschaftsnachhilfe-Pool ins Leben rief für Schüler nicht-englischer Muttersprache, nein, mit den jungen Leuten werden inzwischen auch Zeitungen und Anthologien verfasst, gestaltet, gedruckt, und das alles finanziert durch einen witzig, originell, kreativ gestalteten Laden für – Piraten-Zubehör! Die gesamte Aktion verschlang keinen einzigen Cent Steuergeld. Und sie macht Schule. Und noch etwas: Es handelt sich hier um einen großartigen Beleg dafür, wie Gutes, Kreatives und kulturell Wertvolles geschehen kann, lange bevor irgendein Medium hinsieht.

Was das Visionen-Haben auch unterbinden kann, ist natürlich die Kultur, wie die Kulturwissenschaften sie verstehen – das einer bestimmten Population gemeinsame Set an Gewohnheiten, Verhaltensregeln, Erinnerungen, also praktisch die ganze Art dieser Menschengruppe, die Welt zu sehen und in ihr zu wirtschaften, vieles davon unbewusst, weil schon über eine lange Generationenreihe hinweg tradiert, aber trotzdem für individuelles wie kollektives Verhalten ausschlaggebend. Wir Südtiroler mögen rhetorisch völlig unbegabt sein, zwischen italienischem Improvisieren und österreichischem Fortwursteln groß gewordene Chaoten, aber unsere Geschichte und eine anhaltende Bevormundung durch Kirche und Politik haben uns schlau werden lassen. Wie wir sind, spiegelt sich in unserer Vorstellung von Kultur im Sinne kultureller Leistungen. Wir sind schlaue Hobbits mit Vorliebe für Garten, Gastronomie, Rebe und Reibach, wir sind findig darin, unsere Schäfchen ins Trockene zu bringen, nach außen hin so zu tun, als ob nichts wär, und wenn uns jemand kritisiert, schlüpfen wir rasch in die Opferrolle des unterdrückten Völkchens. Dr. Eckart von Hirschhausen hat im Gehirn der Deutschen neben dem Stirnlappen und dem Schläfenlappen auch noch den Jammerlappen gefunden – er sollte mal die Südtiroler unter die Lupe nehmen. Auch über mangelnde Kulturvisionen unserer Obrigkeit jammern wir gern. In dieser – wie unser Ministerpräsident nicht müde wird, uns zu versichern – besten aller Welten, sollte Kultur nicht von den Mächtigen erdacht werden, sondern in denkender Opposition zu diesen stehen. Die Mächtigen aber sollten die Größe haben, dies zuzulassen und vielleicht – in seltenen Sternstunden – etwas daraus zu lernen. Vielleicht würd’s im Klimahaus Südtirol dann erträglicher sein.


*** RICHTIGSTELLUNG ***
Eine G'nackwatsch'n von Seiten der Realität und eine Lektion in Akkuratesse. Man darf sich nie auf eine einzige Quelle verlassen, wenn man zu Dingen Stellung nimmt. Susanne Barta hat mir am Mo:08/03/2010 mitgeteilt, dass sie nicht den sowohl im zitierten FF-Artikel als auch in obenstehendem Post wiedergegebenen Ausdruck verwendet hat, man müsse "eine Kultur des Zuhörens" pflegen. Ihre Worte waren vielmehr: "Auch Zuhören ist Kultur." Eine Ansicht, die von den Teilnehmern der Diskussion an jenem Abend überhaupt nicht geteilt wurde, wie Susanne erzählte. Ich entschuldige mich an dieser Stelle für das falsche Zitat.








 


1 Kommentar:

  1. My Music Blog

    In Totenstadt kann Nichts wachsen,
    Nacht bebaut die grüne Bezirke.
    Wache, Kind, wache!
    Es kommt ein Mann zum Haus.

    Es läuft das Gerücht um schwarze
    Schein von brennende Schächte.
    Wache, Kind, wache!
    Er öffnet die Tür zum Zimmer.

    Das Mond der Nachkriegszeit fällt
    seine Auge über allen Gärten.
    Wache, Kind, Wache!
    Der König hat er gestürzt.

    Deine Atemwende wird leicht als Tod
    führt Erwartung zur Himmelskapelle.
    Träume, Kind, träume!
    Dein Vater ist immer bei dir.

    Meine deutsche Gedichte

    SONNET XXXIX FOR KATIE

    I went downtown, saw Katie in the nude
    on Common Avenue, detracted soltitude
    as it were, like a dream-state rosely hued,
    like no one else could see her; DAMN! I phewed;

    was reciprokelly then, thank heaven, viewed,
    bestowed unique hard-on! but NOT eschewed,
    contrair-ee-lee, she took a somewhat rude
    'n readidy attude of Sex Prelude; it BREWED!

    And for a start, i hiccuped "Hi!", imbued
    with Moooood! She toodledooed: "How queued
    your awe-full specie-ally-tee, Sir Lewd,
    to prove (alas!), to have me finely screwed,

    and hopef'lly afterwards beloved, wooed,
    alive, huh? Don't you even DO it, Duu-uuude!"

    My English Poetry Blog

    N'est-que pas que la solitude elle-mème eveille quelque attente fébrile? Voici l'entrée, vide, discrètetement illuminée comme une musée nocturne – la terasse, avec ses torchères ondoyantes par un soir d'Avent étrangement doux – laissant le vestibule et les murmures de voix – la chambre immaculée immaculée et la musique de danse derrière le mur – et le bar à cocktails mondains – le bassin où le nageur s'entrâine, longeur après longeur, il en n'a jamais assez, il doit y mettre de sien – enfin, tournant vers le haut au coin du sombre couloir vient la fille noire et pâle, altière, déterminée et de style épuré, ainsi qu'un moderne avion de chasse suédois.

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    - Peter Ingestad, Sweden

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