Freitag, 22. Januar 2010

NECRYPTONOMICON



Vor etwa zehn Jahren lag es in allen Buchhandlungen, in englischer Sprache, dann auch als Übersetzung ins Deutsche. Ein massiges Buch, durchaus in der Kategorie von Thomas Pynchons Gravity’s Rainbow, Infinite Jest von David Foster Wallace, Mark Z. Danielewskis House of Leaves oder Roberto Bolaños 2666, und obwohl ich Lektüre dieses Kalibers schätze und auch dem Genre durchaus zugeneigt bin, habe ich das CRYPTONOMICON von Neal Stephenson in der Vergangenheit bei oftmaligem Herumlungern in Buchhandlungen nie zur Kasse gebracht, bezahlt, glückselig nach Hause getragen, um auf dem Sessel, in eine Decke gewickelt die erste seiner 1181 Seiten aufzuschlagen. Da ich für die Sendung FORUM LITERATUR eine Reihe über das Genre Cyberpunk plane, habe ich jetzt doch zu diesem massigen Ziegel gegriffen und ihn – während nebenan Radio Freier Fall live im RAI-Auditorium lief – in Angriff genommen. Durch die ersten 50 Seiten schimmert gleich die Douglas-Hofstadter-Matrix – nix wie Orgelspiel + Mathematik + Intelligenz. Auch Alan Turing hat einen Auftritt, für die Dauer eines kurzen Gastspiels an der Universität von Princeton fungiert er als Mentor von Lawrence Pritchard Waterhouse, einem autistisch angehauchten Mathematik-Genie. Lawrence ist eine der Hauptfiguren und seines Zeichens fiktiv, was ich via Web-Recherche nachgeprüft habe. Dabei kann ich gleich von meinem ersten Fund berichten, nämlich von einer Internetseite namens Everything 2, auf der die unterschiedlichsten Autoren zu einer Myriade von Themen schreiben, unter anderem auch zum CRYPTONOMICON, und wenn man zum Beispiel William-Gibson-Fan ist und sich schon lange gefragt hat, woher eigentlich der in „Neuromancer“ prominente Name „Wintermute“ kommt, dann kann man auch das auf Everything 2 erfragen.


Der Romantitel setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Der erste – CRYPTO – verweist auf ein Hauptthema des Buches, nämlich auf die Entschlüsselung von kryptographierten Informationen, und zwar nicht nur einfach Entschlüsselung, sondern Entschlüsselung im Wettlauf; wie damals während des 2. Weltkriegs, als die Briten sich in Bletchley Park (mit Alan Turings Hilfe, by the way) abmühten, die auf der ENIGMA-Maschine codierten Nachrichten ihrer deutschen Gegner zu knacken. (Siehe dazu den Roman „Enigma“ von Robert Harris, auch in deutscher Übersetzung einzusehen; ich sag’s lieber gleich, die Verfilmung bereitet kaum Spaß.) Der zweite Teil des Romantitels beschwört das NECRONOMICON herauf, das düster-okkulte Buch des wahnsinnigen Arabers Abl-Al-Hazred.

Dieser Artikel beschreibt ausführlich, was es mit den beiden – Buch und Autor – auf sich hat (etwa, dass beide Schöpfungen von H.P. Lovecraft sind), und hier steht das NECRONOMICON als E-Book zur Online-Lektüre bereit: Aber bitte Vorsicht, falls Sie die Angewohnheit haben, das, was Sie lesen, halblaut vor sich hinzumurmeln! Im Übrigen kann ich diese schön gemachte Website nur allen, die genügend Mut aufbringen, empfehlen. Im Kapitel BOOK OF YE DEAD NAMES findet man sogar einen seltenen Zeugenbericht des ausgerasteten Abl-Al-Hazred mit Sätzen wie: „I have raised demons, and the dead“; oder: „I have found fear.“ Wollen also auch Sie die Angst finden und empfinden – das ist der Ort, wo sie hinmüssen.

Nun stelle ich mich also darauf ein, dass mir auch bei Neal Stephenson Unheimliches begegnen wird, wenn auch nicht in Gestalt der Great Ancient Ones, der Lovecraftschen Götter aus vormenschlicher Zeit (dem Namen Chtulhu etwa sind Sie sicher schon mal begegnet, in einem Buch, im Kino, an der Wand einer U-Bahn-Station oder im Malbuch Ihrer Tochter oder Ihres Sohnes): Nein, das Unheimliche erscheint im CRYPTONOMICON – so viel glaube ich jetzt schon sagen zu können – in seinen durchaus bekannten Kostümen „Gier“ und „Zerstörungswut“. Das nur vorweg: Es geht um Goldreserven, angelegt und versteckt von Japanern und Deutschen während des 2. Weltkriegs.
Nun, die Begleitrecherche zu Neal Stephensons Roman hat mich aber nicht nur auf die Tatsache gestoßen, dass der wahnsinnige Abl-Al-Hazred im Weltweiten Web herumspukt. Ich bin in der virtuellen Realität auch noch auf andere Dinge gestoßen, zum Beispiel auf Neal Stephensons persönliche Website (also, seine private, seine berufliche ist hier).

In einem kurzen Text erzählt der Autor, wie er vor zwanzig Jahren mit seinem Schwager Steve Wiggins an einem kalten Tag den windüberblasenen Parkplatz vor einem K-Mart in Ames, Iowa überquerte. Steve hatte gerade seinen Abschluss an der Universität von Edinburgh gemacht – Fachgebiet: alte Religionen des Nahen Ostens (ja, die Realität ist ein Gewebe, nicht? Deswegen sind wir übers Internet so froh!). Jedenfalls, Mr. Wiggins erzählte Mr. Stephenson von einer semitischen Göttin namens Asherah, woraufhin diese eine tragende Rolle in SNOW CRASH erhielt, dem Roman, an dem Stephenson zur Zeit der Parkplatzüberquerung arbeitete. Am Ende seines Berichts verweist Neal auf das Blog von Steve Wiggins: SECTS AND VIOLENCE IN THE ANCIENT WORLD – Sekten und Gewalt in der Alten Welt.

Und nichts anderem ist dieses hochinformierte Blog gewidmet – all den verwirrenden, verworrenen, verwirrten Fanclubs von big G. in seinen abertollsten Rollenspielen – wenn auch das Bemühen des Blog-Autors erkennbar ist, immer wieder Zusammenhänge zu rezenteren Epochen zu finden, beispielsweise und siehe da: zur Ära George W. Bush! (Ich frage mich, ob Al-Hazred diesen speziellen „Dämon“ in seinen windüberblasenen, von Wüstenstürmen gefolterten, heulenden, von gezackten Blitzen durchzuckten Visionen gesehen hat und verzweifelt ist … es heißt, ein unsichtbares Wesen habe Al-Hazred am hellichten Tag vor den Augen von Zeugen zerrissen; klingt nach einer im Sand vergrabenen Tellermine.)
Noch ein interessanter Fund – eine Vorlesung von Neal Stephenson am Londoner Gresham College über das von ihm mit Vorliebe betriebene Genre speculative fiction (wofür bei ihm die Abkürzung SF steht; nicht für Science fiction), über die kulturelle Bifurkation zwischen SF World und mundane World, über Intelligenz und darüber, dass Stephenson zufolge Hugo Weaving der einzige Schauspieler ist – mit Ausnahme des Prototypen Leonard Nimoy, natürlich – der einen Vulkanier überzeugend verkörpern kann („by projecting intelligence“). Außerdem geht es im vierten Teil auch um den Unterschied zwischen „vegging out“ und „geeking out“ – zwischen zwei möglichen Haltungen, die es erlauben, im Riesentheaterlaboratorium der Realität zu überleben. Bonne chance!

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