Freitag, 15. Januar 2010

FORUM LITERATUR # 3: Wieder Literatur im Radio




Willkommen zu Forum Literatur, es ist die dritte Ausgabe des Jahres 2010. Noch immer sind wir bei Norbert Conrad Kaser und beim Nachhall seiner Brixner Rede, gehalten am 27. August 1969 auf einer Veranstaltung der Südtiroler Hochschülerschaft, die von Gerhard Mumelter organisiert worden ist. Kasers Auftritt plus Rede gelten als mutmaßliche Geburtsstunde der modernen Südtiroler Literatur. Genau 40 Jahre später würdigte die Dokumentationsstelle für neuere Südtiroler Literatur dieses Ereignis mit einer Veranstaltung (Programm).

Teil dieser Veranstaltung war auch eine Podiumsdiskussion: Andreas Maier, Raoul Schrott, Maria E. Brunner, Joseph Zoderer und Herbert Rosendorfer diskutierten über die Bedeutung Kasers und dessen, was er 1969 nicht ohne Echo an Gedanken geäußert hat. Wir haben es letztes Mal schon angekündigt – heute ist es soweit: Es gibt einen Originalmitschnitt von dieser Veranstaltung zu hören, uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Martin Hanni, dem Leiter der Dokumentationsstelle. Er hat die Diskussion am 27. August letzten Jahres auch moderiert. Für Maria E. Brunner war Kaser vor allem in ihren Anfängen eine Leitfigur; sie beharrt wider alle Einwände auf der Bedeutung Kasers für die Südtiroler Literatur und für sich selbst als Schreibende. Andreas Maier beschreibt in seinem 2002 erschienenen Roman Klausen eine Figur namens Auer, die – nach den Worten des Autors – ein recht genaues Porträt Kasers darstellt. Die Erzählstimme des Romans spricht mit großer Hochachtung von Auer, was vielleicht den Respekt für das Vorbild der Figur spiegeln soll, dem Maier bei seinen Recherchen in Südtirol begegnet ist („Da hat er gesessen, da hat er seinen Wein getrunken“). Joseph Zoderer datiert seine Erinnerungen an die in Frage stehende Zeit nach der Entstehung der eigenen Werke; seine Reminiszenzen an Kaser und seinen Vortrag sind freundlich-distanziert. Raoul Schrott würdigt die Leistung der Regionalliteratur im Allgemeinen – schon in der Antike sei die kulturelle Erneuerung stets von den geographischen Rändern ausgegangen und weit weniger von den Zentren („Homer war nicht aus Athen, Vergil nicht aus Rom“) – und vor diesem Hintergrund Kasers Kunststück im Besonderen: Jener habe es geschafft, innerhalb seines regionalen Kontextes zu bleiben und dabei so interessant zu schreiben, dass seine Texte auch jenseits der regionalen Grenzen gelesen und verstanden würden. Herbert Rosendorfer schließlich legt unverblümtes Unverständnis an den Tag, sowohl in Bezug auf Kasers Erfolg als Lyriker („Bei Gedichten bin ich farbenblind. Alles, was nach Heinrich Heine an Lyrik entstanden ist, sagt mir nichts“), als auch bei der Beurteilung der Brixner Rede: Was Kaser denn wolle? Eine Katakombenliteratur, die niemand lese? In Blei eingeschweißte Manuskript-Unikate, unzugänglich irgendwo in einem Keller? (Lesen Sie dazu die Stellungnahme von Alaistair Chapman Kinbote!)
Interessant erscheint in der Diskussion der Blick jener, die die kulturelle Situation von außen betrachten (in der nächsten Sendung wird uns das in der Antwortrede von Margareth Obexer wieder begegnen), allen voran Raoul Schrott – zu Recht fordert er die Brückenfunktion Südtirols ein: Die Vermittlung zwischen deutsch- und italienischsprachiger Literatur sollte hier schon längst an der Tagesordnung sein, sogar auf akademischen Niveau. Dies sei Südtirols nicht-erfüllte Bestimmung. Anders würde die Situation wohl von jemandem beurteilt, der die Lebenswirklichkeit dieses Landes von innen kennt. Diese ist ja nicht selten von einer Atmosphäre gekennzeichnet, die so manchem eine gewisse Unlust erzeugt, sich groß zu rühren. Das hat ausschließlich politische Gründe. Hier eine Auswahl an Publikationen der diskutierenden Autoren und der Autorin:
Andreas Maier: Klausen. Roman. Frankfurt (M): Suhrkamp 2002.
Kirillow. Roman. Frankfurt (M): Suhrkamp 2005.
Sanssouci. Frankfurt (M): Suhrkamp 2009.
Raoul Schrott: Ilias. Neu übertragen von R.S. München/Wien: Hanser 2008.
Die fünfte Welt, ein Logbuch. Innsbruck: Haymon 2007.
Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde. Roman. München: Hanser 2003.
Herbert Rosendorfer: Richard Wagner, der fröhliche Heide oder Die Aufhebung der dramatischen Zentralperspektive. Stuttgart: Franz Steiner 2009.
Der Mann mit den goldenen Ohren. Ein Italienroman. Köln: Kiepenheuer + Witsch 2009.
Der Hilfskoch oder wie ich beinahe Schriftsteller wurde. München: Nymphenburger 2005.
Maria E. Brunner: Indien. Ein Geruch. Bozen/Wien: Folio 2009.
Was wissen die Katzen von Pantelleria. Bozen/Wien: Folio 2006.
Berge Meere Menschen. Bozen/Wien: Folio 2005.
Joseph Zoderer: Liebe auf den Kopf gestellt. Gedichte. München/Wien: Hanser 2007.
Der Himmel über Meran. Erzählungen. München/Wien: Hanser 2005.
Der Schmerz der Gewöhnung. Roman. München/Wien: Hanser 2002.
Abschließend möchte ich hier noch einmal auf die Eröffnung der Ausstellung der PolColls des Autors und Übersetzers Christoph Wilhelm Aigner verweisen, zu sehen im Literaturhaus am Inn. Die Vernissage findet dortselbst am Mittwoch, 20. Jänner um 20 Uhr statt. Jetzt ergeht noch ein Dank an Daniel Chizzali, der für die Technik zuständig war, an Martin Hanni, der uns mit Originalmaterial versorgt hat, und selbstverständlich an alle Hörerinnen und Hörer sowie Leserinnen und Leser.
Musik spielte uns heute der Meister der Gitarre Andrés Segovia ein, und zwar das Allegro moderato aus Hommage à Franz Schubert, qui amait la guitare von Manuel Ponce.



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