Sonntag, 14. Februar 2010

Darwins Handtücher


Ich bin total fertig. Am Ende. Ich kann kaum noch schreiben. Es kam alles zu plötzlich, wie soll ich mit dieser ... Panik fertigwerden, die wie eine ... Halskrause um meine Gurgel liegt? Wie soll ich das alles, diesen Ultra-Horror dokumentieren? Wo fange ich überhaupt an? Bei dem Moment, in dem das Grauen am schlimmsten ist. Wann war der? Vor fünf Minuten? Gestern? Oder damals, als ich ihnen zum ersten Mal auf die Schliche gekommen bin? Keine Ahnung, wann das Grauen am schlimmsten ist, das kann jederzeit wieder eine neue Spitze erreichen. Der Pegel muss nur entsprechend ausschlagen. Oh, Mann. Besser, ich beginne mit jenem Tag, als die Welt und alles, was darin war, noch ihre vertraute Gestalt hatten.


Ich stand in dem mir wohlvertrauten Supermarkt vor den wohlvertrauten Regalen, und da schien es mir eine wohlvertraut-gute Idee zu sein. Mein Vorrat an Handtüchern musste aufgestockt werden. Zu Hause lagen einige Stücke im Kasten, die seinerzeit die Hochzeitsgäste dagelassen hatten. Dann gab es noch einige, die waren buchstäblich Fetzen, weil sie schon meine Mutter im Arsenal ihrer Aussteuer gehabt hatte. Mit dieser Ausrüstung ließ sich gerade mal so wirtschaften, Baden, Schwimmen, Duschen sind aber unterhaltsame und regelmäßig vollzogene Tätigkeiten – warum soll man sie sich also nicht so angenehm wie möglich machen?

Ich gebe zu, mich lockte der korporative Kapitalismus mit einer seiner Fangschlingen, dem Sonderangebot – stapelweise Handtücher, Grundfarbe rot, mit aparten Streifenmustern in aufeinander abgestimmten Farben, zu günstigem Preis, in zwei Größen (Hände, ganzer Körper). Der Fangschlinge gewahr geworden, fing ich an zu überlegen, ließ es jedoch nicht zu einem neurotisch bewegten Gefecht zwischen inneren Instanzen geraten, denn immerhin, so sagte ich mir, sind Handtücher – zumindest nicht ausschließlich – der Unterhaltungsindustrie zuzurechnen, weshalb es selbst nach puritanischen Maßstäben als moralisch vertretbar bezeichnet werden kann, dass ich diesmal zugreife. Habe ich gemacht. Ich kaufte je zwei große (ganzer Körper) und zwei kleine (Hände).

Heimfahrt: Leuchtend rot, brav, harmlos guckten die neuen Handtücher aus den vollgestopften Einkaufstaschen hinten auf dem Rücksitz des Wagens.

Am Abend des nächsten Tages stopfte ich die neuen Handtücher in die Waschmaschine (man ist ein sorgfältiger Hausmann), und schon vierundzwanzig Stunden später hing eine frisch gewaschene, frequenter Benutzung harrende Garnitur im Badezimmer. Ansprechend, wie die Sonne durch das Fenster hereinfiel, und durch die Farbstreifen der Handtücher das Ambiente wärmer, ja sommerlicher wurde.
Was für ein geglückter Kauf! Mein innerer Konsument rieb sich die Hände. Während der folgenden Tage benutzte ich die Handtücher immer wieder, wie es halt so Sitte ist, wenn man eine Zivilisiertheit hat, bis mir am Ende dieser sieben buntgestreiften Tage ein seltsames Phänomen auffiel (ja, passt nur auf, ihr von Peter Moosleitners interessantem Magazin ...!). Der Boden des Badezimmers war mit feinen roten Fusseln bedeckt. Ich will’s kurz machen, weil es tatsächlich nicht lang gedauert hat, dass ich den Urheber dieser Fusselproduktion ausfindig machen konnte – es waren die neuen Handtücher! Wenn ich sie rubbelnd mit meiner Haut in Kontakt brachte, löste sich dadurch von ihnen ein feiner rötlicher Abrieb. Sehr schnell hatte sich dieser binnen einer katholischen Schöpfungsperiode (7 Tage) im Badezimmer ausgebreitet und alle verfügbaren Oberflächen besetzt. In dem Moment, als ich diese Beobachtung machte, hatte ich keine Zeit, um mit dem Staubsauger durchs Badezimmer zu tigern, verschob also die ordnungshüterische Aufgabe auf später, aus diesem ‚Später‘ wurde ein „Später“ und schließlich ein >Später<, und so erlebte der Komparativ noch so manche morphologische Abwandlung zwei weitere Tage hindurch, und das Innere der Nasszelle nahm immer mehr die Farbe Rot an, wobei zu sagen ist, dass ich schon mal ein rotes Schlafzimmer hatte, aber noch nie ein rotes Bad, und empfehlen würde ich das auch niemandem. Denn: Jeder Aufenthalt in diesem rot und röter werdenden Badezimmer versetzte mich in eine aggressive Laune, und immer länger hielt diese an, nachdem ich das Bad längst verlassen hatte. Endlich war die Wut so groß, dass sie sich gegen den eigentlichen Feind richtete, ich also mit einer Rolle Küchenpapier im Badezimmer einfiel und die meisten rötlichen Fusseln entfernte. Es war Nacht, als ich fertig war. Nach der Säuberung sah ich mich im Raum um. Die Handtücher hingen auf ihren Stangen. Alles normal, offenbar. Ich löschte das Licht. Legte mich ins Bett.
Am nächsten Tag erlebte ich einen Schock. Ich trat müde ins Badezimmer, stellte aber schon bei der ersten Verrichtung fest, dass alles wie am Vortag war. Und zwar wie am Vortag VOR meiner sorgsamen Reinigung mit Hilfe von Küchenpapier! Es war, als habe diese Reinigung überhaupt keine Wirkung gezeitigt! Nicht im mindesten! Der geflieste Boden war dicht mit den rötesten Fusseln bedeckt, ja, wie mir schien, noch dichter als am Vortag! Und niemand, das wusste ich genau, niemand-niemand-niemand hatte während der Nacht auch nur eins der Handtücher bewegt!


Ursachenforschung: Wer/was hatte das Badezimmer in den Zustand des Vorabends zurückversetzt? Eine Klärung war nicht in Sicht, meine Tage waren mit Arbeit ausgefüllt, langwierige Ermittlungen vertrug das Zeit-Budget nicht, für Erledigungen im Haushalt war auch nicht eine Stunde abzuzwacken. Alles ging weiter wie in der Woche zuvor – wieder wuchs der rote Teppich, erneut wuchsen Wut und Aggressivität, wann immer ich ins Badezimmer kam, bald war ich so weit, dass ich mit dem Klobesen auf die Fliesen einschlagen wollte. So von Sinnen war ich allerdings nicht, dass ich nicht bemerkt hätte, wie in den Ecken die Fusseln sich zu einer Art Wollmäusen zusammengerafft hatten, zusammengeschlungen, fest verbunden, und im leichten Wind, den meine Bewegungen verursachten, huschten sie allesamt hierhin, dahin. Flink, flink, flink ... Das Aussehen dieser Kreaturen kam mir äußerst niederträchtig vor. Sie drückten sich hinter der Badezimmertür, in der Nähe der Waschmaschine, unter dem Bidet herum, wie Spione oder Attentäter, die im Begriff sind, irgendwo einen geheimen Tunnel zu graben, dies aber unter allen Umständen verheimlichen wollen.


Ein verdächtiges Geräusch hinter mir!


Ich drehte mich um, den Klobesen hoch erhoben ...


... und ich sah – ich schwöre es beim Großen Philip K. Dick – ich sah, wie das große Badehandtuch, verstehen Sie ...?


... wie es erschlaffte!


Es erschlaffte! Das bedeutet: Es musste sich zuvor, als meine Aufmerksamkeit von den hinterhältigen Wollmäusen auf dem Boden abgelenkt gewesen war – von einer selbst-erzeugten oder fremd-induzierten Energie gespannt – bewegt haben! Was ging vor?


Was?


Ging?


Vor?


Ich überwältigte das Handtuch, das neben dem Waschbecken hing, und unterzog es einer sorgfältigen Leibesvisitation. Ich drehte und wendete es, wrang es sogar, als sei es eben aus dem Waschwasser gekommen, und niemand wird mir je die Überzeugung ausreden können, dass ich während der ganzen Prozedur ein leises Pfeifen und Ächzen habe vernehmen können. Ja, nein, ich versteh schon – auch meine Vernunft, auch mein Verstand wollten es nicht wahrhaben, ganz und gar nicht. Aber man weiß doch, was man hört. Nachdem ich das Handtuch wieder über seine Stange gehängt hatte, sah ich zufällig nach unten. Meine Füße waren von einem Kreis aus Wollmäusen umgeben, die von einer einzigen Absicht durchdrungen schienen, einer kriegerischen, so machte es mir den Eindruck. Ich kam mir vor wie weiland Gulliver. Mit einem ärgerlichen Ausfahren meines Fußes fegte ich die Fussel-Liliputaner zur Seite und stürmte aus dem Badezimmer.
Gleich danach rief ich beim Supermarkt an. Ich wurde mehrmals verbunden, landete am Schluss wieder bei der ersten Durchwahl, deren Inhaberin noch immer keine Ahnung hatte, wer ich sei, was ich wolle, wovon ich eigentlich redete. Ich sah Rot. Mit dieser apokalyptischen Farbe vor Augen sprang ich ins Auto, bretterte die paar Meilen zum Supermarkt herunter wie nicht gescheit und legte dort einen Auftritt hin. Es kam der Manager. Ich beschrieb ihm meine Handtücher. Er bedauerte: Der ganze Posten sei restlos verkauft, eine Nachlieferung nicht zu erwarten, leider könne er meinem Wunsch nicht nachkommen. Wenn ich aber den Newsletter der Supermarktkette abonnieren wollte, würde ich auf diesem Weg schnell und sicher über jedes ähnliche Angebot informiert ...

Ich mit Nachdruck meinem Wunsch nach Aufklärung über die Herkunft besagter Handtücher zu Protokoll gegeben. Warum? Was denn mit den Handtüchern sei? Ratloser Manager. Diese Handtücher, polterte ich, seien keine Handtücher. Es handle sich offenbar um Lebewesen, regelrechte ... Kreaturen, die, die, die ... offenbar aus den Handtüchern, wie wir sie bisher gekannt hätten, hervorgegangen seien, und wie jede Art von Lebewesen seien sie nur darauf aus, sich so rasch und vielfältig wie möglich fortzupflanzen. Wenn ich dies aber zuließe, davon sei ich überzeugt, würden sie mich ganz schnell aus meinem angestammten Habitat vertreiben, eine Absicht, mit deren Umsetzung sie ja schon begonnen hätten, als naturwissenschaftlich interessierter Laie habe man ein Auge für so etwas und beobachte scharf. Ob der Herr Manager jetzt mein Problem verstanden habe!


Er führte mich hinter ein Regal mit Staubsauger-Beuteln und bot mir aus seinem Flachmann zu trinken an. Seine Stimme wurde tief und warm. Er wisse, wie das sei. Fehlkäufe kämen vor. Seine Gemahlin sei auch manchmal unzufrieden mit Dingen, die er für günstige Einkäufe gehalten habe, sie setze ihn dann sehr unter Druck, damit er beim Umtausch möglichst gute Konditionen aushandle, das könne dem Fass schon mal den Boden ausschlagen, aber Ruhe bewahren helfe immer, oftmals türmten sich eben die kleinen Unannehmlichkeiten des Alltags zu großen Katastrophen auf, aber das sei rein psychisch, der Stress, das gehe jedem mal so, hier, noch einen Schluck, so, genau.


Zu Recht war er der Manager eines großen Supermarktes. Er war gut. Er wusste mit Menschen umzugehen. Er nahm meine Wut und machte ein Kissen daraus. Ein Stück Kuchen. Warmen Schnaps. So beruhigte er mich.


Als ich zu Hause die Wohnungstür aufschloss und das Licht im Vorzimmer einschaltete, sah ich noch, wie verschiedene Abteilungen roter Fusseln, jeweils angeführt von einer Wollmaus, sich in alle Richtungen davonmachten. Diesen Bewegungen lag offensichtlich ein strategischer Plan zugrunde, an den sich die Einzelglieder jeder Kette hielten, ferngelenkt und diszipliniert wie Ameisen. Ebenso offensichtlich war für mich, dass ich Zeuge wurde, wie die Evolution einen ihrer Schritte vollzog. Wie aus den stillen, geduldigen, hingebungsvollen Frottee-Dienstboten, die seit – man kann sagen – Jahrhunderten unser menschliches Badevergnügen abrunden, eine mit allen Mitteln um ihr Überleben kämpfende Spezies geworden war. Und ich hatte mir die ersten Exemplare dieser neuen Spezies ins Haus geholt! Ich war von ihnen bedroht! Sie unterwanderten meinen Lebensraum, das lag ganz klar auf der Hand! Der feine Abrieb der Handtücher, hervorgerufen durch Rubbel-Kontakt mit meiner Haut, war der Grundstoff für die etwas größeren, gröberen Fusseln, welche sich wiederum – wie Muskeln und Sehnen aus Staub und Fasern – zur Anatomie der Wollmäuse zusammenschlossen. Die Wollmäuse dann würden sich binnen kürzester Zeit wahrscheinlich zu geschmeidigen, alerten, kampflustigen Handtüchern zusammenflechten.


Ich bin bedroht.


Wir Menschen sind bedroht.


Zunächst einmal bin ich bedroht.


Sehr geehrter Professor Richard Dawkins! Stets habe ich den Mut und die intellektuelle Redlichkeit bewundert, mit der sie die Evolutionslehre gegen die extremen Dumpf-Flaschen der Kreationisten verteidigt haben. Doch nach den durchlebten, durchlittenen Erfahrungen denke ich mit äußerst angeschlagenem psychischem Apparat an jene (in meiner Ausgabe durch ein dazugeklebtes Post-it sofort auffindbar gemachte) Stelle in Darwins Die Entstehung der Arten: „... es wird eine lange Reihe von Jahrhunderten erfordern, bis sich ein Organismus einer neuen und eigentümlichen Lebensweise anpasst, zum Beispiel dem Flug durch die Luft; wenn aber diese Anpassung einmal bewirkt ist und dadurch etliche Arten einen Vorteil über andere erlangt haben, so ist nur verhältnismäßig kurze Zeit nötig, um viele auseinanderstrebende Formen hervorzubringen, die sich sehr rasch und weit über die Erde verbreiten.“ (457/458)


Es geht mir kalt meinen unfrottierten Rücken hinunter, wenn ich diese Zeilen wiederlese. Ich bin Zeuge dessen, was da steht. Um dies zu dokumentieren, habe ich diesen kurzen Bericht verfasst. Während ich diese letzten Zeilen zu Papier bringe, bin ich bereits vollständig aus meinem Badezimmer verbannt. Den ersten Raum meiner Wohnung haben die Biester also bereits erobert. Dort drinnen lauern sie und bringen Nachkommenschaft hervor. Ich weiß genau, würde ich versuche, auch nur einen Fuß ins Bad zu setzen, er würde mir auf das Grausamste abgerissen oder –gebissen.
Abteilungen sind, wie ich oben notiert habe, bereits unterwegs, um den Rest der Wohnung zu sondieren – clear, build and hold! Ich habe mit einem weißen Handtuch gewunken, um meine Bereitschaft zu Friedensverhandlungen zu signalisieren. Was ist geschehen? Das weiße Handtuch ist schnurstracks zum Feind übergelaufen! Ja, gibt es denn keine Loyalität mehr?

Herr Professor, meine Hygiene lässt nach. Schritt für Schritt werde ich zu einem immer abstoßenderen Individuum. Ich kann die Wohnung nicht verlassen, weil man mir bei meiner Rückkehr den Eintritt verweigern würde, die Handtuch-Armeen warten nur darauf, dass ich diesen Fehler mache. Meine Mitmenschen meiden mich schon, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal Besuch hatte. Am Telefon höre ich, wie sie angesichts eines schüchternen Besuchsvorschlags meinerseits die Nase rümpfen. Lieber Professor Dawkins, meine Geschichte klingt unglaublich, und ich habe nur diese Aufzeichnungen und ein paar hastig geschossene Fotos als Beweise. Vielleicht – und darin liegt mein einziger Trost – ist dieses Material irgendwann einmal Ihnen oder einem Ihrer illustren Kollegen von Nutzen.


Ich wiederhole und schließe damit: Eine neue Spezies steht bereit, um den Planeten zu übernehmen; sie ist stärker, genügsamer, ausdauernder als wir. Karel Čapek dachte, dies würden die Molche sein. Er hatte ja keine Ahnung.





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