Freitag, 5. Februar 2010

FORUM LITERATUR # 5: Jause, Brotzeit, Marende ... ?


In dieser Sendung geht es einmal nicht um Plots, Figuren, Verwicklungen oder literarische Traditionen, sondern um das Handwerkszeug des Schreibens, die Wörter, die kleinen Legobausteine, aus denen literarische Texte sich zusammensetzen. Welche Heimat aber haben diese Wörter? Ist es notwendigerweise der Herkunftsort der Schreibenden? Oder, anders gefragt: Wo würden diese selbst ihre Heimat ansiedeln? Trennen sie zwischen Geburtsort und geistiger Heimat? Und wie sieht es bei dieser Grenzziehung mit den „Sprachen“ aus, die dies- und jenseits geistig-individueller und geographischer Territorien gesprochen werden? Aus welcher Sprache oder welchen Sprachen wird das Erzählen gewoben?
Es gibt ja verschiedene Varianten des Deutschen – das Variantenwörterbuch des Deutschen, hg. von Ulrich Ammon, Hans Bickel, Jakob Ebner verzeichnet die Standardsprache jeweils in Österreich, der Schweiz, in Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol.


All diese Varianten treffen potenziell im deutschsprachigen Literaturbetrieb und auf dem Buchmarkt aufeinander, und Schreibende, Lektoren, Rezensenten und natürlich Lesende sind genötigt, sich auf einen Kompromiss zu verständigen. Der österreichische Autor Robert Schindel beispielsweise versah seinen 1994 erschienenen Erzählungsband Die Nacht der Harlekine am Schluss mit einem Glossar (als Ersteller von Glossaren wird er in der Diskussion, um die es heute geht, auch gewürdigt). Nicht jedes deutsche Wort wird also überall, wo „Deutsch“ gesprochen wird, auch verstanden. Angenommen, ein Einwohner von Eckernförde hoch oben im Norden Deutschlands macht nicht regelmäßig Urlaub in Südtirol, ist also mit Land, Leuten, Gebräuchen nicht vertraut. Selbiger Leser stößt nun in einem Roman einer Südtiroler Autorin auf das Wort „Marende“ und kann nichts damit anfangen. Würde ihn das dazu veranlassen, das Buch verärgert, ja gekränkt aus der Hand zu legen?

Die Sprachstelle im Südtiroler Kulturinstitut wollte sich genauer mit diesen – zugegeben: vielleicht aufs erste Hören hin überspitzt klingenden – Fragen auseinandersetzen. Deshalb berief sie am Samstag, 6. Dezember 2009 eine Diskussionsrunde ins Waltherhaus von Bozen ein. Es nahmen teil: von der schreibenden Zunft Selma Mahlknecht aus Süd- und aus Osttirol Christoph W. Bauer, der Lektor des Studienverlags Georg Hasibeder sowie die Sprachwissenschaftlerin Margit Oberhammer. Ausgehend von der Frage „Jause, Brotzeit oder doch Marende?“ streifen sie eine Vielzahl interessanter Themen.

Selma Mahlknecht: Ausgebrochen. Erzählungen. Bozen: Edition Raetia 2004; Rosa leben. Prosa. Bozen: Edition Raetia 2005; Im Kokon. Erzählung. Bozen: Edition Raetia 2007. Es ist nichts geschehen. Roman. Bozen: Edition Raetia 2009.


Christoph W. Bauer: Wege verzweigt. Gedichte. Innsbruck: Haymon 1999; Die Mobilität des Wassers müsste man mieten können. Gedichte. Innsbruck: Haymon 2001; Fontanlia. Fragmente. Gedichte. Innsbruck: Haymon 2003; Aufstummen. Roman. Innsbruck: Haymon 2004; Supersonic. Logbuch einer Reise ins Verschwinden. Gedichte. Wien: Edition Korrespondenzen 2005; Im Alphabet der Häuser. Roman einer Stadt. Innsbruck: Haymon 2007; Graubart Boulevard. Innsbruck: Haymon 2008; Als Kind war ich weise. Innsbruck: Haymon 2009; Der Buchdrucker der Medici. Erzählung. Innsbruck: Haymon 2009.
Margit Oberhammer (Hg.in): Wortkörper. Bozen: Edition Raetia 2007.


Nächstes Mal, so viel sei jetzt schon angekündigt, beschäftigen wir uns näher mit den Romanen von Christoph Ransmayr, der die diesjährige Ausgabe der BÜCHERWELTEN mit einer Lesung eröffnet hat. An der Technik war diesmal "Franz-Schubert-extremely-lookalike" Matthias Höglinger.

 
 
 

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