Donnerstag, 11. Februar 2010

FORUM LITERATUR # 6: Letzte und andere Welten – die Romane von Christoph Ransmayr



Am Dienstag, 26. Jänner 2020 hat Christoph Ransmayr mit einer Lesung aus seinem jüngsten Roman Der fliegende Berg um 18:00 im Bozner Waltherhaus die Veranstaltungsreihe BÜCHERWELTEN eröffnet (viel offizielles Blabla hat es auch wieder gegeben, I heard it through the grapevine; unsere Hobbit-Politiker kannten keinen Genierer!). Am Mittwoch, 10. Februar sind die BÜCHERWELTEN zu Ende gegangen.
Ransmayrs Lesung gab uns vom Radio die Idee ein, wir könnten doch in einer Schwerpunkt-Sendung die Romane des oberösterreichischen Autors vorstellen. 

Es sind dies:
Die Schrecken des Eises und der Finsternis. Wien: Christian Brandstätter 1984.
Die letzte Welt. Nördlingen: Greno 1988.
Morbus Kitahara. Frankfurt/M: S. Fischer 1995.
Der fliegende Berg. Frankfurt/M: S. Fischer 2006.

Die Schrecken des Eises und der Finsternis ist eine Art Collage-Arbeit. Der Text besteht nicht aus einer durchgehenden Erzählung, sondern aus Erzähltem und aus Quellen Zitiertem. Es ist eine Mischung aus Reportage (Ransmayr hat viel recherchiert), Erzählung und Essay, eine Meditation über das Reisen und die Notwendigkeit bzw. Sinnlosigkeit, die hinter menschlicher Rastlosigkeit steckt. Dabei stellt sich der Autor nicht auf Pascals Standpunkt, alles Übel in der Welt komme bloß davon, dass die Menschen nicht ruhig in ihren Zimmern sitzen könnten. Ransmayr will – so geht zumindest aus einer einleitenden Notiz hervor – die Dimensionen des Reisens, wie sie uns Menschen eigentlich angemessen wären, abstecken und bestimmen: Physiognomisch gesehen, seien wir Fußgänger und Läufer. Dem gegenüber stellt er jenen Eroberungswillen, der im 19. Jahrhundert die Nationalstaaten zur Finanzierung unterschiedlichster Expeditionen motiviert.  Dabei geht es ums Entdecken und Benennen, als könne sich ein Nationalstaat ein weit entferntes Stück Erde einfach dadurch aneignen, dass einer seiner Vertreter es als erster mit einem Namen versieht und die heimische Flagge auf seinem sandigen, steinigen, grasigen Untergrund aufzieht. In Die Schrecken des Eises und der Finsternis ist es eisiger Untergrund, es sind die Gletscher und schwarzen Geröllhalden der Inselgruppe Franz-Joseph-Land, entdeckt und getauft – man ahnt es – von der Österreichisch-Ungarischen Nordpolarexpedition, gefördert vom Grafen Wilczek, finanziert durch das Polarcomitee in Wien. Auf (24 ff.) des Romans steht eine Liste der Expeditionsteilnehmer. Neben Schiffslieutenant Carl Weyprecht aus Michelstadt in Hessen und Oberlieutenant Julius Payer aus Teplitz in Böhmen sind Männer aus Mähren, Ungarn und Istrien mit an Bord, außerdem zwei Südtiroler, Johann Haller und Alexander Klotz, zwei Jäger, Heiler und Hundetreiber aus St. Leonhard in Passeier. 24 Männer sind es insgesamt. Sie reisen an Bord der Tegetthoff, eines Segelschiffs mit Hilfsmotor, das nördlich von Nowaja Semlja auf 79°51′ vom Packeis eingeschlossen wird und zwei Jahre lang durch Polarnächte steuerlos dahin driftet. Ransmayr zitiert ausführlich aus den Tagebüchern der Expeditionsteilnehmer – allen voran Weyprecht und Payer, aber auch Johann Haller und der Maschinist Otto Krisch (er ist das einzige Todesopfer im Verlauf der Reise) machen Aufzeichnungen. Und so wie die Zusammensetzung der Mannschaft die Geographie der k.u.k.-Monarchie spiegelt, so zeigt sich in der persönlichen Berichterstattung das soziale Gefälle:
„Auch in der kleinen Gesellschaft an Bord der Tegetthoff waren die Journale der Untertanen von denen der Befehlshaber so verschieden, dass es manchmal schien, als würde in den Kojen und Kajüten nicht an einer einzigen, sondern an der Chronik mehrerer einander ganz fremder Expeditionen geschrieben. Jeder berichtete aus einem anderen Eis.“ (38)

Weyprecht und Payer sind die treibenden Kräfte, der eine im Dienst wissenschaftlicher Erkenntnis, der andere besessen von der Lust zu erobern und zu benennen. Als nach zwei Jahren des eingeschlossenen Driftens entschieden werden muss, dass man den Weg zurück zu Fuß übers Eis wagen wird, unternimmt Payer noch drei qualvolle Schlitten-Expeditionen, um das neu entdeckte Franz-Joseph-Land zu vermessen und die Inseln, Grate, Fjorde mit entsprechenden Namen zu versehen: Insel Klagenfurt, Kronprinz-Rudolf-Land, Erzherzog-Rainer-Insel, Cap Fiume, Cap Tyrol usw. Endlich müssen sie aufbrechen, an den Schlitten zerrend, zehn Stunden lang, dann sind sie gerade mal einen Kilometer vom Schiff entfernt und müssen rasten. Weyprecht muss hart bleiben, denn die Matrosen würden am liebsten auf die Tegetthoff zurückkehren, um dort in den Kojen zu schlafen. So mühen sie sich ab, steigen irgendwann in ihre Boote und fahren zur See weiter, bis sie schließlich am 24. August 1874 von den russischen Transchonern Wassilij und Nikolaj aufgegriffen werden. Ihre Heimkehr ist triumphal, ihr Ruhm hält sich nicht allzu lange. Weyprecht stirbt 42jährig an Tuberkulose, Payer – von Franz Joseph I. in den Adelsstand erhoben – muss miterleben, dass die Exaktheit seiner Kartographierung des Franz-Joseph-Landes, dass sogar die Existenz der Insel selbst in Zweifel gezogen wird. Payer wird Maler, malt u.a. ein eindrucksvolles Gemälde über die Expedition mit dem Titel Nie zurück, hält Vorträge und schreibt Beurteilungen von Gasthöfen und Berghotels für den Baedeker. Als er 1915 in Slowenien stirbt, ist der Erste Weltkrieg bereits im Gang. An seine alpinistische Karriere erinnert die Julius-Payer-Hütte in Sulden.


Parallel zu diesem Erzählstrang gibt es noch einen zweiten, im 20. Jahrhundert angesiedelten, dessen einsamer Protagonist Josef Mazzini ist, geboren in Triest als Sohn eines österreichischen Vaters und einer italienischen Mutter, einer Nachfahrin des Matrosen Scarpa, Mitglied der k.u.k-Nordpol-Expedition. Ihren Sohn füttert sie von klein auf mit Heldengeschichten. Als Erwachsener zieht Mazzini nach Wien, gerät in den intellektuellen Kreis rund um die Buchhändlerin Anna Koreth und stößt schließlich stöbernd auf die Quellen zur Expedition, an der sein Vorfahre teilgenommen hat. Mazzini versteht sich selbst als Konstrukteur der Vergangenheit. Über Vergangenes denkt er sich Fiktionen aus, und erst in einem zweiten Schritt forscht er nach, ob irgendetwas in der Geschichte dem von ihm Entworfenen vielleicht entspricht. Jetzt will er die Österreichisch-Ungarische Nordpolarexpedition nachvollziehen. Beobachtet von einem Ich-Erzähler (die dritte Instanz in diesem vielschichtigen Roman), macht er sich auf, landet mit einer Empfehlung des Ozeanographen Kjetil Fyrand im Polarinstitut von Oslo, fährt dann weiter nach Tromsö und Spitzbergen und geht schließlich an Bord des Forschungsschiffes Cradle, um es auf einer Routinefahrt zu begleiten. Noch bevor sie aber das Franz-Joseph-Land erreicht haben, muss das Schiff, das Zoologen und Geologen an Bord führt, umkehren und wieder den Hafen Longyearbyen in Spitzbergen ansteuern. Dort bleibt Mazzini zurück. Er lernt den Umgang mit einem Hundeschlitten und verschwindet eines Tages in der Weißen Leere von Spitzbergen. Letzteres scheint er vor allem auf Befehl seines Autors zu tun, der mehr an den Landschaften, die er für seine Beschreibungen wählt, interessiert scheint, als an der Psychologie der Figuren, die er in dieselben Landschaften jagt, um sie dort verschwinden zu lassen. Ransmayr ist fasziniert von der Leere, was sich besonders im vierten Buch, das wir heute auf der Liste haben, zeigt: im Roman Der fliegende Berg. Das Verschwinden Mazzinis bleibt eine Geste. Vielleicht ist darin nur ausgedrückt, dass sein Erzähler, der inmitten eines papierenen Meeres von Landkarten zurückbleibt, ihn nicht mehr braucht. (Eine wissenschaftliche Arbeit über Ransmayr trägt den Titel „Die autistische Psyche im Spiegel der Landschaft“). Oder Mazzinis Unternehmung soll als ähnlich nutzlos entlarvt werden wie all die kompetitiven Expeditionen nach dem Nordpol, der, wie Weyprecht notiert, ein Nichts ist.


Auf unserer Reise durch das Eisland hat uns der Musiker Geir Jenssen mit seinen Klanggebilden begleitet. Er veröffentlicht seine CDs, in denen er Feldaufnahmen mit musikalischen Klängen verbindet, unter dem Künstlernamen Biosphere. Seine Polar Sequences – erstellt unter Mitwirkung von Bobby Bird (Higher Intelligence Agency) – wurden just in Tromsö aufgenommen, einer Durchreisestation sowohl für die Expedition der Monarchie, als auch für ihren ihr nachfahrenden Nachfahren Mazzini.

Hier biete ich Ihnen das exklusive Foto eines antiken Bücherschrankes mit Falttüren, aufgenommen anlässlich der Ausstellung Lectori Salutem im Allard Pierson Museum, Oude Turfmarkt 127, Amsterdam um 13:30 am Donnerstag, 17. Juli 2008.


Warum dieses Foto? Nun, es fungiert als eine visuelle Überleitung zum nächsten Roman auf unserer Liste, auf den uns Andy Milne und Grégoire Maret musikalisch mit einer Improvisation auf Mundharmonika und Klavier eingestimmt haben:
Es handelt sich um Ransmayrs Meisterstück, den Roman Die letzte Welt. Entstanden ist das Buch eigentlich als Auftragswerk, Ransmayr sollte die Metamorphosen des Ovid nacherzählen. Was dann allerdings entstand, ist sozusagen das Modell des Ransmayerschen Romans, der alles hat, was dem Autor wichtig ist: eine beschwerliche Reise an einen entlegenen Ort, eine verfallende, vom Rost zerfressene Stadt voller dubioser Existenzen, Mythisches am Horizont, das Aufgehen eines Individuums in einer kargen und rauen Landschaft. Die letzte Welt hat Ransmayrs internationalen Ruhm als Schriftsteller begründet, das Buch wurde in über 30 Sprachen übersetzt.

Gleich zu Beginn befinden wir uns (wieder) an Bord eines Schiffes, nämlich der Trivia. Sie überquert das Schwarze Meer und steuert den Hafen von Tomi (heute Constanța) an. An Bord ein seekranker Römer aus der besseren Gesellschaft, Cotta mit Namen. Er kommt aus der Ewigen Stadt, weil er sich auf den Spuren eines echten Dichters befindet. Publius Ovidius Naso ist vor Jahren von einem langsam operierenden Beamtenapparat (großartige Schilderung: (69) bis (73)) in diese gottverlassene Gegend verbannt worden – er hat ein Stück geschrieben mit dem Titel Midas, in dem der eine oder andere Senator verunglimpft wird; er hat bei eine Festrede anlässlich der Eröffnung des Stadions Zu den Sieben Zufluchten vergessen, eingangs alle Honoratioren, zuvörderst natürlich Augustus, den Imperator, zu begrüßen und zu behuldigen, seine Ausführungen stattdessen nur mit einem schlichten „Bürger von Rom“ begonnen; und er hat ein Buch in Arbeit gehabt, das den Titel Metamorphosen trägt und dem Motto „Keinem bleibt seine Gestalt“ unterworfen ist – was würde ein Herrscher, der im Range eines Gottes steht, weniger gern hören als so einen Satz? Ovid hat vor seiner Abreise aus Rom in seinem Schreibzimmer alle Manuskripte verbrannt. Jahre später langt die Nachricht, oder besser: das Gerücht von seinem Tod ein. Man plant von offizieller Seite, die Gebeine des im Sterben Rehabilitierten nach Rom heimzuholen, wo schon eine Gedenktafel an Ovids Haus prangt. Cotta will dem zuvorkommen und begibt sich auf die Reise, um vielleicht, vielleicht – eine Abschrift der Metamorphosen aus Tomi mitzubringen. Und so krümmt er sich seekrank auf dem Deck des Schiffes, und hier sei ein Satz aus den ersten Seiten des Romans zitiert, der – wie es beste Literatursprache leistet – seinen Inhalt auch in seiner Struktur ausdrückt:
„Aber die Dünung hob ihn, hob das Schiff, hob die ganze Welt hoch über den salzigen Schaum der Route hinaus, hielt alles einen Herzschlag lang in der Schwebe und ließ dann die Welt, das Schiff und den Erschöpften wieder zurückfallen in ein Wellental, in die Wachheit und die Angst.“ (8)
In Tomi geht Cotta an Land, und von diesem Moment an wächst er mehr und mehr, zunächst ohne es zu merken, in die Welt und die Geschichten des gesuchten Dichters hinein. Diesen trifft er nicht an. Alles, was er über ihn hört, erzählen ihm die Bewohner von Tomi. Zum Beispiel der alte Pythagoras, der mit Ovid (im Roman fast durchgehend „Naso“ genannt) in Trachila, einem halb verschütteten Weiler, gehaust und die Worte des Dichters in Steinmale gehauen hat, die jetzt von Schnecken überzogen sind; oder Echo, die Frau mit dem wandernden Schuppenfleck auf der Haut, die bei Lycaon, Cottas Vermieter, sauber macht und der Ovid erzählend sein Buch der Steine anvertraut hat, Geschichten über Versteinerungen, vollzogen an Mensch und Tier; oder Arachne, die taubstumme Weberin, die dem Dichter die Geschichten über Vogelverwandlungen von den Lippen abgelesen und in ihre Teppiche hineingewoben hat, aus denen sie wiederum dem forschenden Cotta entgegentreten. Überall sind die Spuren von Ovids Kunst, und sie äußern sich nicht nur in Erzählungen und Berichten, sondern in tatsächlich stattfindenden Verwandlungen – läuft nicht Lycaon in Mondnächten als Wolf durchs Gebirg? Wird nicht Battus, der an Epilepsie leidende Sohn der Krämerin Fama, zu Stein, als sich niemand mehr für sein – angeblich über Heilkräfte verfügendes – Episkop interessiert? – Ja, Episkop. Da kommen wir auf eine Besonderheit dieses Romans zu sprechen, auf die erzählte Zeit. Die letzte Welt spielt einerseits zur Zeit des antiken Rom, während der Herrschaft des Augustus; er spielt andererseits auch in einer nicht näher definierten Gegenwart, denn es gibt Busse, Episkope, Telefone. Ransmayr gelingt hier eine reizvolle Mischung, die ihn gleichzeitig der Schule des postmodernen Erzählens zuweist. – Zurück zu den Metamorphosen. Auch dem Schlachter Tereus verwandeln sich Ehefrau Procne und Schwägerin Philomela unter seinen mörderischen Händen in Vögel, Schwalbe und Nachtigall, und Tereus folgt ihnen als Wiedehopf nach. Am Ende hat Cotta keinen anderen Wunsch, als dass auch sein Schicksal zu Ende erzählt werden möge, und er bricht – nach zwei unglückseligen Unternehmungen – ein drittes Mal nach Ovids ehemaligem Unterschlupf auf, um dort sein Schicksal zu vollenden.


Publius Ovidius Naso ist am 20. März 43 vor 0 in Sulmo (heute Sulmona) im Osten von Rom geboren; gestorben ist er vermutlich Anfang 18 nach 0, und zwar in der Verbannung. Er hat sein Heimweh in seinen Büchern verewigt, in den Klageliedern (Tristia) und in den Pontusbriefen (Epistulae ex Ponto). Darin hat er vermutlich die Unwirtlichkeit von Tomi (die bei Ransmayr eine Tatsache ist, endzeitmäßig ungemütlich ist es da) übertrieben – zum Beispiel gingen die Menschen immer so vermummt, schreibt er, dass man nur ihr Gesicht sehe, und in ihrem Haar klingelten Eiszapfen. Ovid will die in Rom herrschenden Vorurteile gegenüber der äußeren Provinz, in der er sich befindet, ausnutzen, um Mitleid zu erregen. Geholfen hat es ihm nicht, das Verbannungsurteil wird trotz verschiedener Fürsprachen nicht aufgehoben. Großartige Bücher sind auf uns gekommen und immer noch in verschiedenen Ausgaben erhältlich.

In seiner Monographie Ovid. Eine Einführung (Stuttgart: Reclam 2003) erörtert Michael von Albrecht die beiden Gründe für die Verbannung, die Ovid selbst in seinen Klageliedern andeutet: ein carmen und einen error. Bei dem carmen (Dichtung) dürfte es sich – anders als in Ransmayrs Roman – nicht um  die Metamorphosen handeln, sondern um die Liebeskunst (Ars amatoria). Dieses Werk wurde aus Roms öffentlichen Bibliotheken entfernt. Warum? Hier ist eine Leseprobe:
„Liebesstellungen: Ich schäme mich, in meinen Belehrungen weiter zu gehen, aber die gnadenvolle Venus spricht: ‚Das, wessen man sich schämt, ist in besonderem Maße meine Sache.‘ Eine jede erkenne sich selbst. Lasst euch von eurem Körper die festen Normen diktieren. Nicht für alle schickt sich ein und dieselbe Liebesstellung. Die Frau, die ein besonders schönes Gesicht hat, soll zurückgelehnt daliegen; den Rücken sollen diejenigen sehen lassen, denen ihr Rücken gefällt. Milanion trug Atalantes Schenkel auf den Schultern: Sind sie gut gewachsen, muss man sie in dieser Stellung anschauen. Die Kleine soll reiten: Andromache saß nie rittlings auf Hektor, weil sie himmellang war. Eine Frau, deren lange Flanke sehenswert ist, möge die Knie auf das Lager drücken und den Nacken etwas zurückbiegen. Hat sie jugendliche Schenkel und untadelige Brüste, so stehe der Mann, und sie selbst liege schräg auf das Lager hingegossen. (...)“
Offenbar war es nach antiker Anschauung Aufgabe der Frau, beim Liebesakt auch ein möglichst anspornendes ästhetisches Schauspiel zu bieten, weshalb sie sich von vornherein ihrer physischen Vorzüge bewusst sein sollte („Eine jede erkenne sich selbst“). Ähnlich subtile Aufgaben verlangt Ovid dem Mann nicht ab. Insgesamt war die Stellung der Frau im antiken Rom keine sehr erfreuliche.
Soweit das carmen. Beim error könnte es sich um etwas handeln, was Ovid unwillentlich mit angesehen hat, in den Klageliedern schwört er Stein und Bein, sein Vergehen sei ein Versehen, aber kein Verbrechen mit Vorbedacht gewesen. Möglich, dass der Dichter Zeuge einer sittlichen Verfehlung von Seiten einer dem Kaiserhaus angehörenden Dame gewesen ist. Oder dass er von dem Versuch der jüngeren Iulia wusste, Agrippa Postumus, den einzigen lebenden Nachkommen des Augustus, auf den Thron zu hieven. Augustus selbst hat Livia Drusilla aus dem Geschlecht der Claudier zu seiner Frau gemacht und ihren Sohn adoptiert. Letzterer wird als Tiberius Gaius Iulius Caesar Augustus herrschen bzw. von 42 vor 0 bis 37 nach 0 am Leben sein.
Solche Informationen können Sie übrigens dem Ovidischen Repertoire entnehmen, das Ransmayr seinem Roman nachgestellt hat. In zwei Spalten ist es gedruckt; links finden Sie die Gestalten der letzten Welt, rechts jene der alten Welt, so haben sie die antike Vorlage mit Ovids Figuren bzw. den Menschen, die sein Leben bestimmt haben, und Ransmayrs Adaption in einer direkten Gegenüberstellung.
Christoph Ransmayr ist übrigens nicht der einzige moderne Autor, der sich Ovids Verbannung zum Stoff gewählt hat. Hier sind weitere Bearbeitungen:

Eckart von Naso: Liebe war sein Schicksal. Hamburg: Krüger 1958.
Vintila Horia: Gott ist im Exil geboren. Wien: Neff Verlag 1961.
Jacek Bocheʼnski: Der Täter heißt Ovid. Wien: Europaverlag 1975.
Cees Nooteboom: Die folgende Geschichte. Frankfurt/M: Suhrkamp 1991. (Als Taschenbuch bei Suhrkamp erhältlich.)

Und hier sind andere Geschichten aus der Antike, bearbeitet mit den Erzählmitteln des 20. Jahrhunderts:

Hermann Broch: Der Tod des Vergil. Zürich: Rhein Verlag 1952. (Als Taschenbuch bei Suhrkamp erhältlich.)
Arno Schmidt: Alexander oder Was ist Wahrheit. 3 Erzählungen. Frankfurt/M: Fischer 2005. (Enthalten sind: Enthymesis ° Gadir ° Alexander)
Bertolt Brecht: Cäsar und sein Legionär. In: Bertolt Brecht: Kalendergeschichten. Frankfurt/M: Suhrkamp 2001. (64)-(83).
Bertolt Brecht: Der verwundete Sokrates. In: Bertolt Brecht: Kalendergeschichten. Frankfurt/M: Suhrkamp 2001. (91)-(109)

Steve Reich und das Kronos Quartet bauen eine Brücke zum nächsten Roman, und zwar mit einer Komposition, die Different Trains (verschiedene Züge) betitelt ist. Die Tracks heißen: 1) America – Before the War 2) Europe – During the War 3) After the War. (Wir spielen Nr. 2 ein). Es geht hier um die Züge, die während des Zweiten Weltkriegs die verschiedenen Länder kreuz und quer durchfahren haben, Züge mit Waffen an Bord, mit Truppen, aber auch mit der schauerlichen Fracht der Deportierten. Auch in Ransmayrs Morbus Kitahara spielen diese Züge eine Rolle.

Wir befinden uns in Moor, einem fiktiven Gebirgsort in einem alternativen Österreich, das eine Art nationalsozialistische Vergangenheit hinter sich hat – auch wenn dieser Begriff an keiner Stelle im Roman genannt wird. Moor liegt an einem See, auf dem ein alter Raddampfer vor sich hin dümpelt, Symbol für eine versunkene bessere Zeit, in der sich hier Kurgäste aufgehalten haben. Sie sind stets mit dem Zug eingetroffen, doch haben nicht alle in Moor eintreffenden Züge Kurgäste befördert. An einer speziellen Weiche (das Kreuz von Moor) schieden sich die Schicksale – die „weißen“ Züge fuhren in die Richtung der Hotels weiter, die „blinden“ beförderten ihre Passagiere zu einem Steinbruch, wo sie schwere Zwangsarbeit leisten mussten. Als der Roman einsetzt, herrscht der „Friede von Oranienburg“. In Moor stehen Besatzungstruppen, der amerikanische Major Elliot führt das Kommando. Die Moorer sollen büßen, sie sollen die Schande und das Leiden der Zwangsarbeiter für Filmaufnahmen nachstellen. Keiner muss für den Film dieselben schweren Lasten die Stufen hochschleppen, wie das die tatsächlichen Gefangenen tun mussten, alle Theatertricks sind erlaubt, es muss nur glaubhaft wirken. Der Major hat einen Günstling, einen ehemaligen Fotografen namens Ambras. Dieser war im Arbeitslager, weil er eine jüdische Frau geliebt hat (von ihr ist ihm nur mehr ein Foto geblieben), jetzt wird er, bevor sich der Major mit seinen Leuten ins Tiefland zurückzieht, zum Verwalter des Steinbruchs ernannt. Ambras hat den Spitznamen „der Hundekönig“, weil er ein Rudel blutrünstiger Hunde gezähmt hat, mit dem er nun in einer heruntergekommenen Villa haust. Zu seinem Gefolge zählt auch Bering, der Sohn des Schmieds, der Vögel liebt und ihre Stimmen nachmachen kann, deshalb „der Vogelmensch“ genannt wird. Sein Vater ist mit dem Zug aus dem Afrika-Krieg heimgekehrt und schafft es kaum, mit seinen Erinnerungen fertig zu werden. Berings Mutter hält ihren Sohn für verdammt und stürzt sich in einen wahnhaften Gebetseifer, der sie schließlich das Leben kostet. Bering kann alles Mechanische reparieren und macht daher den Studebaker, den Ambras von Major Elliot übernommen hat, nicht nur wieder flott, er verleiht ihm regelrecht das Aussehen eines mit Krallen bewehrten Vogels. Fortan wird der Wagen nur mehr „die Krähe“ genannt.
Bering wird auch Ambras‘ Leibwächter, da dieser – eine Nachwirkung erlittener Foltern – seine Arme nicht mehr heben kann. Und dann ist da noch Lily, die Grenzgängerin. Sie bewegt sich zwischen den Besatzungszonen, ohne je Schwierigkeiten zu bekommen. Sie handelt mit allerlei, Ambras etwa bezieht von ihr Smaragde, die er sehr liebt („Der Hundekönig war den Steinen verfallen“). Lily ist die Tochter eines Kriegsverbrechers, ihr größter Wunsch ist es, nach Brasilien zu reisen (dorthin wollte seinerzeit ihr Vater entkommen), und ab und zu macht sie mit einem Präzisionsgewehr Jagd auf die kahlköpfigen Schlägerbanden, die sich im Gebirge verstecken und die Menschen von Moor terrorisieren. Bering verliebt sich in Lily, als sie ihn während eines Rockkonzertes küsst. Dies alles zu etablieren, braucht der Roman etwa zwei Drittel seines Umfangs. Als Berings Vater nach dem Tod der Mutter mehr und mehr den Verstand verliert, immer weiter in seine soldatische Vergangenheit zurückdriftet, beschließen Lily und Bering, ihn ins Tiefland zu bringen, in einen Ort namens Brand, wo es ein Asyl für Kriegsveteranen gibt. Als sie Brand erreichen, werden sie gewahr, dass nun auch der Krieg im Pazifik zu Ende ist. Der Tenno hat die Kapitulation unterschrieben, nachdem die Atombombe auf Nagoya gefallen ist. In einem Lazarett wird Bering, der schon länger schwarze Wolken sieht, wo keine sein dürften, mit der Augenkrankheit Morbus Kitahara diagnostiziert: eine Trübung des Blicks. Mit dem Hubschrauber kehrt Bering nach Moor zurück, Lily folgt auf den ihr angemessenen Pfaden. Hier wird inzwischen die Nachricht verbreitet, dass der Steinbruch aufgelassen werden soll.


Die Menschen meutern, Gewalt liegt in der Luft. An Ambras‘ „Krähe“ wird von einer Meute Feuer gelegt. Aber es gibt ein Entkommen: 
"Das Oberkommando im Tiefland habe beschlossen, die gesamten Förderanlagen und Maschinen aus dem Moorer Granitbruch, jedes verfluchte Stück Metall, das am Blinden Ufer jemals in Verwendung gestanden war und nun am Dampfersteg unter Wellblech verrostete, nach Brasilien zu verschiffen. Alles Eisen aus dem Steinbruch nach Brasilien!“
In Moor wird nämlich eine besondere Art von grünem Granit abgebaut, sehr beliebt bei allerlei Bauvorhaben; der weltweit einzige Ort, an dem dieses Gestein noch vorkommt, liegt günstiger weise in Brasilien. Lily lässt ihre Beziehungen zur Soldateska spielen und erreicht, dass nicht nur sie, sondern auch Ambras und Bering die Ladung in ihr Traumland begleiten dürfen. Dort nimmt eine Frau namens Murya die Reisenden in Empfang, der haltlose Bering verliebt sich Hals-über-Kopf in sie (von diesem Moment an empfindet er Lilys Anwesenheit nur noch als Störung). Murya bringt sie auf die Fazenda Auricana, auf das Anwesen von Senhor Plínio, der mit Hilfe der Ladung aus Moor nun ins Bergbaugeschäft einzusteigen plant. Doch ein Geschäftstreffen will und will nicht zustande kommen, der Senhor hat keine Zeit, auch die Witterung macht dicke Striche durch alle möglichen Rechnungen. Schließlich unternehmen Lily, Bering, Murya und Ambras einen Ausflug auf die unbewohnte Ilha do Cão, die Hundeinsel. Dort erfolgt der Showdown. Lily schenkt Murya ihren Regenmantel und fährt mit dem Boot wieder zurück. Sie will endlich nach Santos, zu ihrem eigentlichen Ziel. Murya bleibt in Lilys Regenmantel auf der Hundeinsel zurück, wird von Bering, der sie für die störende Lily hält, erschossen, Bering und Ambras klettern in eine Felswand und stürzen zu Tode.


Morbus Kitahara ist eindeutig Ransmayrs schwächster Roman. Das über die historischen Schicksale von Zwangsarbeitern im Nazi-beherrschten Österreich recherchierte Material soll in ein Ransmayersches Universum gepresst werden. Mythologisches wird angedeutet, um auf Die letzte zu Welt verweisen: Menschen werden zumindest in ihren Übernamen in die Nähe von Tieren gerückt. Veränderte historische Fakten sollen sich der fiktionalen Welt geschmeidig einfügen. Dabei hätte ein realistischer Roman oder eine Reportage, in der die Recherche aufbereitet wird, der Sache mehr gedient. Der Sache: Denn Ransmayr folgt der selbstgewählten Mission, die Schicksale der Geknechteten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen; er will aber auch einen Roman erzählen. Diese beiden Bestrebungen zerren am Buch und lassen es in keine Richtung zum Erfolg geraten. Die erzählten Ereignisse erscheinen eher belanglos – ausgedehnte Reparaturen, der Besuch eines Rockkonzertes, der Weg nach Brand – doch wird immer wieder auf den durch das Schreckliche bedeutsam gewordenen Hintergrund gezeigt. Das Schrecklichste aber liegt in der Vergangenheit des Romans, darunter ein Ereignis, das Bering verfolgt: Er hat in einem Akt der Selbstverteidigung ein Mitglied der kahlköpfigen Schlägertrupps erschossen. Nichtsdestotrotz wird der Sohn des Schmieds im Verlauf des Romans zum schießwütigen Waffennarr. Diese Entwicklung der Figur ist psychologisch nicht nachvollziehbar, sie wird mehr behauptet als erzählt. Hier zeigt sich Ransmayrs Unwille, sich in das Innere seiner Figuren zu begeben. Lieber bleibt er an der Oberfläche, lässt die Menschen nur durch große oder kleinere Gesten sprechen. Dem Roman fehlt eine innere Notwendigkeit, aus der heraus alles Erzählte sich entfaltet. Die Motive der Figuren bleiben im Unklaren – warum sollte Bering Lily am Ende gar erschießen? Warum verliert Ambras in der Zwischenzeit den Verstand und lebt wie Berings Vater plötzlich nur mehr in der Vergangenheit? Was haben die beiden Männer eigentlich in der Felswand verloren? Der Eindruck drängt sich auf, die Dinge folgten einer vom Autor erzwungenen Dramaturgie, man bleibt alles in allem eher ratlos zurück. Auch was es mit der Titel-gebenden Augenkrankheit auf sich hat, begreift man nicht recht. Sie erscheint als ein isoliertes Motiv, das keinerlei Auswirkungen auf den Plot hat.

Das Motiv der beiden Männer in der Felswand hat Ransmayr offenbar nicht losgelassen, denn er entwickelt es in extenso in seinem nächsten Roman: Der fliegende Berg. Nobukazu Takemuras Musik führt uns dorthin, der Titel aus seinem Album scope heißt kepler – und Astronomie spielt in Der fliegende Berg durchaus eine gewisse Rolle.
Der Ire Liam lebt auf Horse Island, wo er das Haus seiner Eltern renoviert hat. Er entwickelt am Computer Animationen für digitale Atlanten, Landschaften entstehen aus seinen Berechnungen in berückender Dreidimensionalität, darunter auch das Profil eines mythischen Gipfels in Tibet, des Phur-Ri, des fliegenden Berges. Im Universum des Romans handelt es sich um den letzten weißen Fleck auf der Landkarte, und Liam will ausziehen, ihn zu erkunden. Als Begleiter wünscht er sich seinen Bruder Pádraic (den Ich-Erzähler), also Patrick, der als Matrose unterwegs ist, sich eigentlich mehr dem Meer verbunden fühlt als den Felswänden (daran haben die Grafiker wohl gedacht, als sie für das Buch-Cover nicht einen schneeumwehten Gipfel wählten, sondern zwei leuchtende Medusen im tiefblauen Meer).
„Du musst aus dem Wasser“, schreibt Liam an seinen Bruder in Karten, Briefen, aber nie in E-Mails. Die beiden sind Söhne eines Vaters (in Rückblenden wird er oft Captain Daddy genannt), der vom Auswandern träumt, es aber nie wagt, sondern die Schicksale anderer irischer Auswanderer in einem Korridor seines Hauses an den Wänden dokumentiert. Hier hängt auch eine Weltkarte, darauf sind alle irischen Gemeinden gekennzeichnet, von denen der Vater Kenntnis erlangt hat. Von ihm haben seine Söhne das Naturburschenhafte, er unternimmt mit ihnen Ausflüge, auf denen in Zelten übernachtet und in Steinwänden geklettert wird. Der Vater ist Anhänger der IRA, seine Frau Shona hat er aus Belfast mitgebracht, wohin sie mit einem Elektriker namens Duffy wiederum ausbüchst. Das alles wird in Rückblenden erzählt. Ransmayr hat mitunter Schwierigkeiten bei der Organisation seines Materials; das Berichten der Hintergrundgeschichten hat er auf jene Episoden im Roman portioniert, in denen Figuren einfach nur unterwegs sind. Das führt dazu, dass es oftmals viel Hin und Her gibt, weil wieder eine nicht immer verständliche Assoziation das Bewusstsein des Ich-Erzählers in die Vergangenheit führt. Indes bereiten sich die beiden Brüder auf ihre Expedition vor. Auf Horse Island erklettern sie die Steilwände, vom Meer hinauf auf die Schafweiden. Dann geht es los, sie reisen nach Kham in Osttibet, in eine notorisch unruhige Region, weil von den Chinesen besetzt, aber Liam hat mit Hilfe seiner ostasiatischen Handelspartner alles organisiert – in diesem Zusammenhang wird die Analogie des „Programmierers“ überstrapaziert. In Tibet schließen sich die Brüder einem von Weidegrund zu Weidegrund ziehenden Nomadenstamm an, der ihnen zur Tarnung dienen soll. Eine Frau namens Nyema gehört diesem Stamm an, deren Mann als Hochgebirgsträger für Everest-Besteiger sein Leben gelassen hat. In sie verliebt sich der Ich-Erzähler Patrick, und von diesem Moment an ist er zerrissen zwischen dieser Liebe, die erwidert wird (wir finden hier eine für Ransmayrs Verhältnisse überraschend gut funktionierende Beziehung vor) und der Loyalität zu seinem Bruder. Das zeigt sich vor allem, als Liam beschließt – zur Vorbereitung auf den fliegenden Berg – den Te-Ri, den Wolkenberg, zu besteigen. Die Nomaden raten ihm ab. Dort oben hause der Dhjemo: ein Ungeheuer, das auf zwei Beinen geht und mit krallenbewehrten Tatzen jeden Menschen in seine Höhle verschleppt, der den Wolkenberg mit seiner Anwesenheit entweiht.
Neben dem Handlungskern der zwei bergsteigenden Brüder ist dies die zweite Spur Reinhold Messners, der mit Ransmayr befreundet ist, in diesem Roman. Denn der Dhjemo, Chemo, Chemong, Dremo oder populärer: Yeti ist das Wesen, dem Messner in jahrelanger ausdauernder Recherche auf die Spur gekommen ist. Es handelt sich dabei um eine Bären-Art, die es ins Reich der Legenden geschafft hat. Nachzulesen ist das alles in Reinhold Messner: Yeti – Legende und Wirklichkeit. Frankfurt/M: Fischer 2000.


Nun kommt es so weit, dass Liam den Wolkenberg allein besteigt. Als seine Rückkehr sich hinauszögert, klettert Patrick – nachdem er eine Nacht lang angesichts eines phantastischen Sternenhimmels über die astronomischen Beobachtungen seines Bruders nachgedacht hat – Liam wider alle Warnungen Nyemas hinterher. Patricks Aufstieg ist eine Gelegenheit für Rückblenden und Meditationen über die Leere jenseits der Gipfel. Ein Wettersturz zwingt ihn zur Umkehr, Nyema nimmt Patrick in Empfang und bedeutet ihm, dass sein Bruder ebenfalls wohlbehalten zurückgekehrt ist. In der folgenden Nacht öffnen sich die Wolken, Patrick sieht für einen Moment den fliegenden Berg, und da erwacht – trotz aller Liebe zu seiner Nyema – in ihm der heftige Wunsch, diesen Gipfel zu besteigen. Er bricht mit seinem Bruder auf, die Schinderei ist groß, Patrick erkrankt. Liam pflegt ihn gesund und ist bereit zur Umkehr. Patrick aber fühlt sich ihm verpflichtet, er will seinem Bruder den Gipfel schenken, weil er weiß, wie viel Liam an der Besteigung liegt. Er überredet ihn zum Weitergehen. Daraus wird Patrick später das Fazit ziehen: „Ich habe meinen Bruder getötet.“ Sie lassen das Zelt und einen Teil der Ausrüstung zurück, steigen auf, Durst und Halluzinationen plagen sie. Patrick sieht Wolken sich über dem Stein auftürmen: „Wie zart, hauchzart die Linie verlief, die den Gipfelgrat von diesem Wolkenturm trennte und ununterscheidbar machte, was Berg und was Wolke war.“ Oben schreibt Patrick ihre beiden Namen mit dem Eispickel in den Schnee, beim Zurückklettern geraten sie in eine Lawine, die Liam mit sich fortreißt. Patrick überlebt und wird von einem Hirten gerettet. Im Epilog des Buches befindet sich der jüngere Bruder wieder auf Horse Island, wo er Liams Nachlass zusammenpackt. Dann wartet er nur noch darauf, dass die See sich beruhigt, um zu Nyema zurückkehren zu können.


Ransmayr ist selbst Bergsteiger, und das merkt man seinen Schilderungen an. Wieder einmal gibt er seinen Landschaftsbeschreibungen viel Raum, was gut ist, denn hierin liegt seine Stärke. Er bemüht sich aber auch, die Psychologie der Figuren, die in diesen Landschaften agieren, verständlich zu machen. Nicht immer gelingt es. Verhalten wird oft monokausal auf ein entscheidendes Erlebnis zurückgeführt, das Motiv von Liams unerfüllter Homosexualität bleibt im Raum hängen, man weiß nicht, ist die Kletterei eine Ersatzhandlung dafür, will der ältere Bruder seinem Vater nacheifern oder von ihm wegklettern – nichts wird hier so richtig weiterentwickelt.
Das Buch ist im Flattersatz gedruckt, denn – wie der Autor vorausschickt – diese Druckform sei keineswegs den Gedichten vorbehalten, der Flattersatz gehöre allen. Auch hier ist nicht ganz klar, was das Layout bewirken soll – vielleicht will Ransmayr damit an die Wimpel und Gebetsfähnchen erinnern, mit denen Tibeter die Landschaft schmücken.
Wenn Sie jetzt neugierig auf Ransmayrs Bücher geworden sind, prüfen Sie am besten selbst, was es damit auf sich hat. Kann leicht sein, dass Sie Welten betreten, aus denen Sie nicht als derselbe Mensch wiederkehren. Falls Sie überhaupt wiederkehren ...
Die Technik betreute für diese Folge von FORUM LITERATUR der scheue, aber erfahrene Karl Pfeifer, bei dem ich mich hiermit bedanke.

 
 
 
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen