Freitag, 5. Februar 2010

Mimesis und Schnee-Torus


Die Realität und ihre Nachahmung, meine Damen und Herren, auch MIMESIS genannt – das Verhältnis dieser beiden Prinzipien zueinander definieren wir einmal wertfrei als Kunst. Literaturwissenschaftler Ingo Meyer nennt „die schlichte Freude an der Verdoppelung der Wirklichkeit, von Lascauxschen Höhlen bis zum dokumentarischen und dem Goetzschen Roman eines Jahres, so der Untertitel von Abfall für alle (1999) als Mitschrift kurrenter Ereignisse, der übrigens Realismus explizit für sich in Anspruch nimmt. Das mag man Regression schimpfen – und Mimesis hat noch nie etwas erklärt.“ (Ingo Meyer: Die Kehrseite der Moderne. In: MERKUR Heft 9/10; 59. Jahrgang Sept./Okt. 2005. (918)-(929). Zitat (927)).
Hinter diesen wenigen Sätzen verbirgt sich eine ganze Kunstauffassung, ein Bild vom geistesgeschichtlichen Voranschreiten der Erkenntnis im Allgemeinen, das immer wieder obsolet-Werdendes, also Untaugliches, auf seinem Weg zurücklässt. Alle Deutschen sind Hegelianer. Immer noch. Als sei die Herstellung von Dokumentarischem Regression; als gebe es tatsächlich den Hegelschen Geist als Mähdrescher, der synthetisiert und synthetisiert und die überwundene Spreu durch sein metallenes After in die Atmosphäre bläst. Als hätte es Niklas Luhmann nie gegeben, der Hegel zwar als Vorbild vor Augen hatte (nicht nur in seiner Leidenschaft als Exzerptenmacher), jedoch selbst an festen Konstrukten und Konstruktionen zweifelte. Prof. Luhmanns gesamte Theorie entfaltet sich vor dem Hintergrund der Kontingenz der Wirklichkeit, und so ist die geistige und kulturelle Situation einer gegebenen Gesellschaft immer ein Versuch, dieser Kontingenz Herr zu werden bzw. die Komplexität der Wirklichkeit zu reduzieren. Hier gibt es keine Fortschritte, hier muss vielmehr davon ausgegangen werden, dass immer alles potenziell gleichzeitig da ist, und nur eine getroffene Auswahl bestimmt die Art der Komplexitätsreduktion, also die Beschaffenheit der kulturellen Situation einer Gesellschaft zu einem gegebenen Zeitpunkt. Man betrachte nur einmal die Philosophie von Slavoj Žižek. Man lese nach, auf welche Ahnherren Milan Kundera sich als Romancier beruft.
Natürlich hat Mimesis nie etwas „erklärt“. So war das auch nie gedacht. Mimesis ist die Nachahmung der Natur, eine Imitation des göttlichen Schöpfungsaktes, der niemals den theoretisch erhobenen Anspruch der Demut einlöste – sagen wir: klerikale Auftraggeber brüsteten sich mit dem Besitz von Gemälden, die hergestellt zu haben Caravaggio durchaus sehr stolz war.
Mimesis erklärt nicht. Sie feiert das Staunen.
Das Staunen darüber, was die Natur (früher: big G.) so kann, aber vor allem darüber, wozu der Mensch imstande ist. Aber bleiben wir doch mal bei dem, was die Natur kann. Die Postmoderne ist gelaufen, schreibt Meyer, „doch ist seitdem nicht mehr viel passiert, sodass wir die wahre Postmoderne als entropischen Zustand vermutlich erst jetzt erfahren“ (929). Ja, vielleicht: Entropie und ein Dahinschwinden menschlicher Vorräte an UV α/ω (= Unterscheidungsvermögen). Oder vielleicht gehen uns einfach die Innendekorationsideen für die kontingente Wirklichkeit aus.
Na und? Ich spüre da vor allem große Befreiung, denn ich wittere die Chance auf Relativierung des anthropozentrischen Menschenbildes, von dem die Naturwissenschaften schon seit einer Weile nichts mehr wissen wollen (siehe dazu: Lee Smolin: Warum gibt es die Welt? Die Evolution des Kosmos. München: C.H. Beck 1999; passim – ja, ich hab die genauen Seitenangaben nicht mehr parat, aber das Kapitel über das anthropische Prinzip führt selbiges im Titel ).
Wir müssen uns deshalb nicht gleich in einem Akt Foucaultscher Selbstbestrafung aus der Gleichung hinausstreichen; aber manchmal, manchmal, wenn ich nicht einschlafen kann und vom Bahnhof herüber der Nachtzug pfeift, denke ich – vielleicht könnten wir uns als Menschen weiterentwickeln, wenn wir die Welt philosophisch mal so betrachteten, als ob es darin nicht primär um uns ginge. Wir könnten zum Beispiel damit beginnen, die Leistungen der Natur zu bewundern und zu dokumentieren, allenfalls sie zu benennen – anstatt immer zu versuchen, sie zu übertreffen (was sowieso nie gelingt).
Widmen wir uns doch nur mal dieser Auswahl an vorzüglichen Eisskulpturen, von niemand anderem hervorgebracht als von der Natur selbst. Die Titel sind Vorschläge von mir – ein eventuell verzichtbares Minimum an Gestaltung der Realität. Wer bessere Titel weiß, soll sie bitte unten am Ende des Posts in den Kommentar-Kasten eintragen. Vielen Dank.

Wozu – frage ich angesichts solcher Leistungen – brauchen wir noch diese Modellierungskonteste an Gefrorenem, verübt mit spritzenden Motorsägen? Oder sind es Motormeißel? Werden diese aufgeblasenen Wettbewerbe von der Firma Hilti gesponsert?
„Hiltiprant enti Hadubrant“ mit ihren motorisierten Kettenschwertern, könnten man kalauern.
Und wir – wenn wir noch einmal zum Mimesis-Thema zurückkehren – wir wollen die Natur imitieren? Wo wir sie, die uns in jedem Augenblick mit Information überlädt, noch nicht einmal verstehen. Wir würden uns zutrauen, mit außerirdischen Intelligenzen zu kommunizieren, dabei hätten wir wohl kaum eine Chance, uns zu verständigen. Siehe dazu Stanislaw Lems Roman Solaris (wenn es Sie interessiert, lesen Sie bitte das Buch; das Anschauen der beiden Verfilmungen – des sterbenslangweiligen Lebertrans von Andrei Tarkovsky (1972) und der nichtssagenden, weil mit Zitaten überfrachteten Asepsis von Steven Soderbergh (2002) – ist reine Zeitverschwendung).
Jetzt komme ich noch auf ein Artefakt, das mir die Natur in diesem Winter vor die Füße gelegt hat und dessen Rätsel ich niemals werde lösen können. Es handelt sich um den hier abgebildeten H2O-Torus in gefrorenem Zustand, salopp als Schnee-Doughnut bezeichnet.
Dieses unglaubliche Gerät übersteigt, wie gesagt, mein Begriffsvermögen. Mir ist nichts anders übriggeblieben, als es zu dokumentieren, was ich nicht für eine Regression halte, sondern für den legitimen Versuch, meinem Erstaunen Ausdruck zu verleihen. Dieser zarte Gegenstand erinnert mich an das Buch Picknick am Wegesrand von Arkadi und Boris Strugatzki (ja, der in dem die „Stalker“ vorkommen – da hat auch Tarkovsky wieder zugeschlagen und alles zunichte gemacht). Picknick schildert die Begegnung des Menschen – nicht mit den Außerirdischen – sondern mit deren auf der Erde zurückgelassener Technologie. In einem bestimmten Wüstenstreifen auf der Erde liegen diese Apparate, halb im Sand vergraben, und in einem Umkreis von ungewisser Ausdehnung sind die Naturgesetze außer Kraft. Nur weiß man nicht wo. Diese Stellen sind so verborgen wie Minen. Zum Teil ist dies die Wirkung der zurückgelassenen Technologie, die die Menschen unbedingt besitzen wollen (die „Stalker“ verhelfen manchen von ihnen dazu, gegen gutes Geld, versteht sich, denn die Sache ist lebensgefährlich), an der sie aber herumrätseln, ohne klüger zu werden.
So viel also zum schelmischen Optimismus, der hinter UMMO steckte.
)+(









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