Donnerstag, 25. Februar 2010

Pat Metheny spielt mit seinem mechanischen Riesen


(Pat Metheny. Photo: Wikipedia)

Das Südtirol Jazzfestival in Zusammenhang mit Veneto Jazz präsentierte gestern eine Sensation. Pat Metheny und sein Orchestrion, live in der Bozner Stadthalle! Leider war das Konzert nicht ausverkauft, zu viele leere Plätze für ein Ereignis wie dieses, aber die Hobbits blieben lieber hinterm Ofen: „Ich geh nicht zum Konzert, ich kann mir ja mal die CD kaufen, leihen, brennen.“ Mag sein, liebe Hobbits, so kann man auch denken. Aber sich nur mit der Aufnahme zu befassen, bringt einen in diesem Fall um einen Großteil des Vergnügens. Lauscht man zu Hause am Ofen der komplexen und auch neuartig klingenden Musik, so erlebt man zwar seinen Hörgenuss, aber das Eigentliche geht an einem vorbei – dass es nämlich nicht menschliche Musiker sind, die die Becken, Trommeln, Glasflaschen schlagen, all die kleineren und größeren Perkussionsinstrumente bedienen, die zu hören sind; und am Piano sitzt auch kein Mann aus New Orleans mit Kreissäge, offener Weste und feuchter Zigarette auf der Unterlippe.
Analog dazu, wie die Idee zu diesem einzigartigen Projekt in ihm wuchs, hat Metheny auch seine Show aufgebaut. Er erscheint zuerst allein auf der Bühne, ein paar Instrumente stehen herum, erwecken den Eindruck, von einer zuvor probenden Band einfach stehen gelassen worden zu sein. Mitten hinein setzt sich Metheny, seit seinem 13. Lebensjahr der Gitarre verbunden. Sein Gesicht verschwindet unter der Haarmatte, seine Aufmerksamkeit gehört ganz dem Instrument. Es folgen Stücke auf der Solo-Gitarre, mit der wir den Methenyschen Klangraum betreten, verträumte Harmonien, die einem immer ein wenig Fernweh machen (eine bekannte Doppel-CD von Metheny heißt „Travels“). Auch die fantastisch und tatsächlich wie einem Bild des spanischen Meisters entsprungene Pikasso I aus der Werkstatt von Linda Manzer kommt zum Einsatz. Der Eindruck, unterwegs zu sein, zu reisen, wird durch eine treibende Dynamik erzeugt, die sich in sehr vielen Kompositionen Methenys findet. Abrupte Stimmungswechsel sind ein anderes Markenzeichen. Unter den dargebotenen Stücken ist auch „Unity Village“ aus Methenys erstem, 1976 erschienenen Album „Bright Size Life“.




Jetzt hat er unsere volle Aufmerksamkeit, und so beginnt er mit einem kleinen rhythmischen Instrument, das ihm - blaue Funken stiebend - den Takt zur Gitarre schlägt, bevor er dann endlich das bis zu diesem Moment hinter Purpur verborgene mechanische Instrumentarium enthüllt – damit hat der zweite Star dieses Abends die Bühne betreten. Ein gewaltiger Setzkasten, in farbiges Licht getaucht – Instrument neben Instrument, Segmente eines mechanischen Orchesters, und doch scheint alles zusammenzuhängen, einen Organismus zu bilden. Metheny spielt vier Teile aus der Orchestrion-CD, und man bestaunt durchs Fernglas das Schauspiel, das irgendwo zwischen Kirmes und Science fiction liegt (die Vermählung von Alt und Modern war Metheny bei diesem Projekt ein Anliegen). Einzig zu bedauern: Es war verboten, mit Blitzlicht zu fotografieren, was durchaus zu verstehen ist – warum aber wurde das Publikum seinerseits nach jedem Stück durch zwei scharfe Flutlichter, die links und rechts von der Bühne angebracht waren, geblendet? Man hätte Metheny auch in wohligem Dunkel beklatscht wie verrückt.
Nach einer Ansage, in der er Bozen als Aufführungsort seine Reverenz erwies und kurz auf sein Orchestrion-Projekt einging, spielte der Meister das Finale seiner Suite. Danach war es ihm ein Anliegen, uns sein Orchestrion noch etwas näher zu bringen: In der Theorie zu erklären, wie alles funktioniere, sei einfach zu schwierig – daher werde er die Funktionsweise einzelner Komponenten sowie des ganzen Ensembles anhand verschiedener Musikstücke und Improvisationen vorführen. Natürlich war das interessant. Doch wollte man eigentlich gar nicht so sehr verstehen, sondern sich von diesem Gesamtkunstwerk gern noch weiter verzaubern lassen.




Immer schon war Metheny fasziniert von der Frage, wie Musik eigentlich hervorgerufen wird. Wie gelangt sie in die Welt, an unsere Ohren? Seine Suche nach Antworten begann, als er im Keller seines Großvaters mütterlicherseits, der selbst ein hervorragender Musiker war, ein Player Piano, also ein mechanisches Klavier, entdeckte.

(Mechanisches Klavier. Photo: Wikipedia)

Schon damals fragte sich Metheny, warum diese Musik so simpel war bzw. bleiben musste, warum niemand sie mit modernen Mitteln erforschte, vielleicht veränderte. Die Epoche, die auf die Player Pianos folgte, begeistert den Musiker besonders – mit ihren Orchestrions, die alle möglichen Instrumente in ihrer Maschinerie zusammenführten: Trommeln, Pfeifen sowie verschiedene mechanische Komponenten, die in irgendeiner Weise Töne hervorbrachten.
(Orchestrion. Photo: Wikipedia)

Die Vorstellung, die Metheny nicht mehr losließ, war: Ein Mann und eine ganze Menge von Instrumenten spielen zusammen. 1979 erschien sein Album „New Chatauqua“, bei dessen Einspielung Metheny dies zum ersten Mal versuchte – er spielte alle Gitarren selbst, das Ganze blieb auf eine reine Studio-Angelegenheit beschränkt.




Auf seiner Website erzählt Metheny, dass er neben dem eigentlichen Musikmachen immer auch von den Möglichkeiten der Technik fasziniert war. Wie könnten neue Technologien die Musik einen Schritt weiterführen, auf bisher unbekanntes Territorium? 1979/80 kam das Synclavier auf den Markt.

(Synclavier. Photo: Wikipedia)

1982 nahm Metheny damit das Stück „Are You Going With Me“ auf (zu finden auf dem Album „Offramp“). Außerdem haben mit dem Synclavier gearbeitet: The Cure, New Order, George Duke, Sting, Stevie Wonder, Foreigner, Michael Jackson, Pink Floyd, Kraftwerk, Depeche Mode, Genesis, Kim Wilde, The Cars, Soft Cell, Geoff Downes, Frank Zappa und Filmkomponist Alan Silvestri.


Den letzten Schubs erhielt Metheny nach eigener Aussage, als er 2006 zum 70. Geburtstag von Steve Reich „Electric Counterpoint“ spielte (siehe unseren Post über Christoph Ransmayrs Romane): Die Komposition wurde für zwölf Gitarren geschrieben, Metheny führte sie aber unter Verwendung von vorgefertigten Aufnahmen zur Begeisterung der Zuhörer allein auf. Was, so fragte er sich, würde passieren, spielte er gleich ein ganzes Album auf diese Weise ein? 

(Steve Reich. Photo: Wikipedia)

Ums Jahr 2005 wurde es für Metheny interessant, als ein genialer Gitarrenmechaniker – Mark Herbert aus Boston – es mit seiner Erfindungsgabe dem an technischer Weiterentwicklung interessierten Musiker aus Missouri ermöglichte, ein bestimmtes Gitarrenmodell mit den Füßen zu spielen. Entscheidend dabei waren sogenannte Solenoide, Zylinderspulen zum Erzeugen eines elektromagnetischen Feldes. Durch diesen ersten Schritt wurde es Metheny möglich, das wunderbare Potenzial, das diese Zylinderspulen bargen, zu erkennen.


Aus diesem Potenzial erwuchs das Orchestrion-Projekt, ein Ensemble aus 25 Instrumenten, die Metheny allein steuern kann. Dabei erhält jedes Instrument seine Anweisungen aus mehreren Quellen, allen voran natürlich seine Gitarre – zupft er eine Note auf ihren Saiten, folgen ihm damit auch die Schlegel des Vibraphons. Dasselbe gilt für alle anderen „Ensemblemitglieder“. Ein weiteres Steuerungselement sind die Fußpedale. Metheny wollte und will durch das Erlernen der Parameter, die er mit seiner Anlage ausloten kann, ein eigenes musikalisches Universum für sein Orchestrion erschaffen, in dem es seine Möglichkeiten unter besten Voraussetzungen entfalten kann. Was ihm dabei besonders gefällt, ist, dass jede musikalische Komponente, die innerhalb des komplexen Ganzen zu hören ist, eigenhändig von ihm erzeugt wurde – bei zuvor aufgenommenen Kompositionselementen – oder wird – wenn er Lust hat, den großen Tambourmajor spontan improvisieren zu lassen. Da er dabei overdubbing mit sich selbst betreibt, hat er das Gefühl äußerster Kohärenz, denn natürlich gefällt ihm, was der „Mann an den Trommeln“ tut oder wie die Becken geschlagen werden. Musik, so Metheny, ist so individuell wie ein Fingerabdruck – daher dieses Gefühl größter Übereinstimmung. Auf diese Weise sind Schwung und Dynamik der erzeugten Musik sehr auf seinen, Methenys, Geschmack abgestimmt und kommen auch der Art, wie er persönlich Musik wahrnimmt, sehr entgegen.


(Disklavier. Photo: Wikipedia)

Eine wichtige Rolle im Orchestrion spielt auch das Disklavier. So lautet der Markenname für eine Reihe von Reproduktionsklavier-Modellen, die von der Yamaha-Gruppe hergestellt werden. In den USA sind sie seit 1987 bekannt. Es handelt sich um automatische Klaviere, die über Solenoide und optische Sensoren, die mit Lichtdioden (LEDs) verbunden sind, funktionieren. Die Pedale werden ohne Mitwirkung eines menschlichen Spielers bedient. Ein Disklavier kann Daten speichern, zum Beispiel die komplette Darbietung eines menschlichen Pianisten, und diese dann auch exakt wiedergeben. Darüber hinaus kann es Daten abrufen von MIDIs, CD-Roms, Disketten sowie über serielle Schnittstellen und USB. Ein solches bildet auch ein wichtiges Bestandteil von Methenys Orchestrion.
Es war eine der faszinierendsten musikalischen Erfahrungen, ihn auf seiner Reise durch diese hybride Universum, erschaffen aus althergebrachter und brandneuer Technologie, zu begleiten. Am schönsten dabei war der Eindruck, dass diese Reise für den Musiker selbst alles andere als abgeschlossen, das Universum nichts weniger als zu Ende erforscht ist.



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