Freitag, 5. Februar 2010

Skandal! Madame Elch im Museum


(Madame Elch in einer realen Situation)

Die Glocken läuten in unserem gottesfürchtigen Städtchen zum Sonntagsgottesdienst, alles strömt in die Kirche, netzt sich mit Weihwasser und bereitet hinter der genetzten Stirn einen Beitrag vor zum nachgottesdienstlichen Geplauder auf dem Kirchhof, später in der Schankstube. Während der Predigt wird überarbeitet, man feilt an Pointen, überdenkt noch einmal seinen Standpunkt. Nach der Feierlichkeit kann man es kaum erwarten, aus dem Gotteshaus zu strömen, auf den Platz hinaus in die Sonne, die scharfe Schatten zwischen den Gräbern auf dem Gottesacker produziert, sich nunmehr den Hut aufs Haupt zu drücken, das Kopftuch ums Kinn zu wickeln und endlich seine geschliffenen Formulierungen an die Frau und den Mann zu bringen.
Was regt die Menschen in diesen Tagen so an und auf? Was kann so beunruhigend sein, dass es sogar in Konkurrenz tritt zu den milden bis mahnenden Worten, die der Herr Pfarrer von der Kanzel spendet?
Nicht weit von der Pfarrkirche entfernt hat sich eine kleinere Gemeinde eingefunden, die einer ganz anderen Göttin huldigt. Wir befinden uns im STÄDTISCHEN MUSEUM FÜR MODERNE KUNST, das schon als es selbst eine Menge Wut hat hochkochen lassen:


Nun aber ist es vollends zum Aufreger geworden mit einer Ausstellung, die so noch nicht dagewesen ist, und die – sobald sie unser gottesfürchtiges Städtchen verlassen wird – weiterreisen soll nach Hollabrunn, London, Tokio, Stockholm, New York ...
Nun aber ist es vollends zum Aufreger geworden mit einer Ausstellung, die so noch nicht dagewesen ist, und die – sobald sie unser gottesfürchtiges Städtchen verlassen wird – weiterreisen soll nach Hollabrunn, London, Tokio, Stockholm, New York.

27 großformatige Fotos. Sie zeigen die prominenteste Bürgerin dieser Stadt, die auf allen exklusiven Parketts der Welt zu Hause ist – Frau Aplysia Elch. Dementsprechend trägt die Exposition den Titel Madame Elch im Museum. Drei Jahre lang hat sich die Society Lady von einem Fotografen begleiten lassen, sie hat, wie sie schelmisch verrät, „der Kamera Zutritt zu ihrem Leben gewährt“. Wir sehen Madame in verschiedenen Posen – in Hotels, auf Empfängen, beim Einsteigen in eine Kabine des Wiener Riesenrads, in der Oper beim Betreten der Loge (wo sie offenbar mit ihrem Auftritt verruchtes Treiben unterbricht), beim Schaukeln überm Abgrund, gelangweilt beim Auspacken von Weihnachtsgeschenken, charmant strahlend beim Pfahlsitzen im Heide-Park in Soltau, beim Speisen mit Arafat („beim Grillen trug er kurze Hosen“).
Obwohl scheinbar so offenherzig gegenüber einer neugierigen Öffentlichkeit, will Frau Elch nun doch nicht alles von sich preisgeben. Verschiedene Themen sind im Gespräch mit ihr nicht erlaubt – wie sie es geschafft hat, ihren sehr viel älteren Gatten zu angeln und ihn sich frisch zu halten; warum ihre Hände nicht ohne lange Vorankündigung fotografiert werden dürfen; ob sie ihren Reichtum, über dessen Höhe sie nicht redet, auch mal zu karitativen Zwecken einsetzt.

*

„Um die Arrangements hat sich Didier gekümmert ...“


Int: Frau Elch, es erscheint kaum möglich, diese Bilder nicht mit einem klassenkämpferischen Blick zu sehen.
Frau Elch: Gott bewahre! Ein Kommunist!
Int: Noch nicht. Doch ist mir aufgefallen, dass auf den Fotos, die Sie mit anderen Personen zeigen, diese anderen immer zu Statisten degradiert werden. Sie sind so arrangiert, dass sie wie Ihre Dienstboten wirken. Bestenfalls Ihre Hofnarren.
Frau Elch: Ja mei, viele sind halt Dienstboten. So wie die Taxichauffeure in St. Moritz.
Int: Und gilt das dann auch für Ihre Freunde, die mit auf den Weihnachtsfotos sind?
Frau Elch: Um die Arrangements hat sich Didier gekümmert.
Int: Wer ist das? Ihr Image-Berater?
Frau Elch: Waren das schöne Zeiten, als Reporter noch vorbereitet zu ihren Interviews kamen. Didier Camargue ist natürlich der Fotograf. Da drüben – der mit dem Glas und der Rothaarigen.

*
Bei der Rothaarigen könnte es sich um ein Ablenkungsmanöver halten. Denn Gerüchte – dick wie Küchendämpfe – steigen auf, dass die Elch-Fotos Camargues erster großer Auftrag seien und dass der blutjunge Künstler sein Objekt nicht bloß mit der Linse gestreichelt habe. Es fällt schwer, den Altersunterschied zwischen den beiden zu schätzen, also zwischen Objekt und Linse, gewissermaßen.

Ein farbiger Punkt

Frau Elch: Didier hat mir geholfen, meine Arbeit zu tun.
Int: Sie arbeiten?
Frau Elch: ‘türlich. Sehen Sie sich um. Gutes Aussehen ist harte Arbeit.
Int: Was sagen Sie zur Botox-Flatrate?
Frau Elch: Lächerlich. Zum guten Aussehen braucht’s Talent. Und Arbeit, wie gesagt. Mein Mann fragt mich oft, wieso ich mir die ganze Arbeit antue.
Int: Worin besteht Ihre Arbeit?
Frau Elch: Ich will den Menschen Freude machen. Sie sollen in ihrem grauen, schlechtsitzenden Alltag einen Punkt der Farbe und des Lichts haben. Das bin ich.
Int: Und Ihr Mann ist ...
Frau Elch: Er heißt Robert und ist Unternehmer.
Int: Ein Understatement, möchte ich meinen. Er ist der erfolgreichste Sägewerkbesitzer der Region. Und der reichste.
Frau Elch: ‚Segen durch Sägen‘, wie ich zu sagen pflege. (Kichert.)
Int: Wenn man sich Ihre Bilder ansieht, fällt auf, dass Ihr Mann auf keinem der Fotos mit Ihnen zu sehen ist. Deutet das auf Zank hin? Auf Uneinigkeit in Hinblick auf dieses Projekt?
Frau Elch: Mein Mann ist so süß. (Kichert.)
Int: Schon, aber trotzdem ist er nirgends drauf.
Frau Elch: Er ist soooo süß ...!
Int: Frau Elch ...
Frau Elch: Er will nicht auf den Fotos sein. Er ist süß. Er will, dass ich in Ruhe meine Mission erfüllen kann.
Int: Genau. Ihre Mission. Und die ist nochmal ...
Frau Elch: Lieber Mann, wenn ich es noch oft wiederholen muss, wird es bald zur leeren Floskel.
Int: Viele Leute sagen, dass Sie nur provozieren wollen. Stimmt das?
Frau Elch: Ich tue, was sonst keiner tut. Ich fahre zum Wett-Laubsägen nach St. Moritz. Und am selben Abend wieder zurück, wenn ich Lust habe und der Chauffeur nicht zu betrunken ist. Was die Leute darüber sagen, ist mir egal.
Int: Doch nicht alle sind gegen Sie.
Frau Elch: Ist mir auch egal! Ich bin der Farbklecks auf der Fingerkuppe der Wirklichkeit.
Int: Was ist Wirklichkeit für Sie?
Frau Elch: Endlich mal eine leichte Frage. Also, Wirklichkeit für mich ist – ein wunderschönes Fest mit Lichtern und Musik. Menschen sind da in geschmackvoller Kleidung, höflich und rundherum perfekt erzogen, alles ist farbenfroh und gut, nicht wie dieser schwarz-beige-graue Alltag, der mich umgibt, kaum gehe ich aus dem Haus. Doch wenn ich mal aus dem Haus gehe, erstrahlen die Gesichter der Menschen in Freude.
Int: Und sie freuen sich über ...
Frau Elch: Über mich, natürlich, den Farbfleck auf der Wange der Wirklichkeit.
Int: Ich dachte: auf der Fingerkuppe ...
Frau Elch: Ist mir egal!


*

Buntheit liegt Madame ganz besonders. Sie beehrt keine einzige Boutique auf der Welt mit ihren Einkäufen, sondern entwirft alles selbst. Geschneidert und angepasst werden die Kleider in einem Atelier in Pforzheim. Um ihre Entwürfe zu schützen, hat Frau Elch ein eigenes Label gegründet – KDF: „Kraft durch Farbe“. Jedes Gewand existiert nur als Einzelstück. Frau Elch hat ihre Paramente für die Fotos besonders sorgfältig ausgesucht. Denn auf dem einen Bild gilt es einem abgeschabten erbsengrünen Wohnzimmerteppich Paroli zu bieten (im Hintergrund sind einige Alphornbläser zu sehen); auf einem anderen ist Madame vor der Bibliothek abgebildet – einem Regal mit dem zweibändigen Brockhaus, Registerband abgängig – neben der ein Fenster mit kanariengelben Vorhängen zu sehen ist. Dabei scheint Aplysia Elch die Rolle des Paradiesvogels nicht unbedingt in die Wiege gelegt worden zu sein. Eigentlich hat alles anders angefangen, denn Madame stammt aus einer bürgerlich soliden Unternehmer-Familie. Ihre Eltern betrieben eine Fleischfabrik in Nordrhein-Westfalen, um die heute die Geschwister – Bruder und Schwester von Frau Elch – prozessieren:

„Ob gebraten
oder geselcht –
kauf den Braten
nur bei Elch.“


Int: Ein irgendwie mäßiger Spruch.
Frau Elch: Meine Eltern waren Unternehmer, keine Dichter. Sie haben hart gearbeitet. Sie haben mir den Wert harter Arbeit vermittelt.
Int: Ihr Sohn ...
Frau Elch: Mars-Olaf Elch, er ist Ende Zwanzig und ein Schatz.
Int: Man sagt, er versuche sich als Unternehmer in Bad Godesberg. Man fragt sich, was für ein Unternehmen das wohl sein mag.
Frau Elch: Er hat viele Talente.
Int: Das kann ich mir vorstellen.
Frau Elch: Werden Sie deutlicher. Keine Anspielungen!
Int: Es ist nur ... die Fotos, auf denen er mit Ihnen zu sehen ist ... dieses schon schüttere blonde Haar, die Fass-Figur im Smoking, er ist ja nicht gerade vom Fleisch gefallen, die glänzenden Lippen im gepuderten Gesicht ... Und dann flüstert er Ihnen auch noch ins Ohr, während er Ihre Taille umfangen hält, mit dem Blick zum Betrachter, als solle man für sein Treiben den Komplizen abgeben ... Immerhin ist er doch Fleisch von Ihrem Fleisch.
Frau Elch: Um die Arrangements hat sich Didier gekümmert. Und wie’s scheint, sind Sie seiner Inszenierung voll aufgesessen. Dem Braten ist oft nicht zu trauen.
Int: Wie? Inszenierung? Den Braten hab ich nicht gerochen. Sie meinen, Sie beide stellen etwas dar?
Frau Elch: Klar. Uns. Das ist harte Arbeit.
Int: Wieso ist das harte Arbeit?
Frau Elch: Wir wollen den Leuten zeigen, dass es schön sein kann, auf der Welt zu sein. Sie sollen wissen, dass es bei all ihrem Frust, ihrer Unzufriedenheit, ihren Konsumzwängen noch Menschen gibt, die dieses Leben schön finden. Die von dieser Schönheit anderen gern etwas abgeben wollen.
Int: Und Sie wollten nie jemand anders darstellen als sich selbst?
Frau Elch: Nie.

*


Was nicht so ganz stimmt, wie gründliche Recherchen ergeben haben. Madame Elch wurde einmal in ihrem Leben gecastet, und zwar für eine Schulaufführung von 101 Dalmatiner, an der ihr Sohn mitwirkte. Sie erhielt die Rolle der Bösewichtin.

Postscriptum: Eine Rolle, die Madame im Augenblick wieder mit Bravour zu spielen beliebt. Nachdem sie die Korrekturfahnen für dieses Interview gesehen hat, ist sie nun fuchsteufelswild und droht mit den Anwälten ihres Mannes. „Diesen Artikel bringen Sie nicht, verstanden? Wenn Sie das tun – mit all den Unterstellungen und Seitenhieben und verdrehten Sätzen – dann werde ich zur Kamikaze, ist das klar?“ Na dann: fröhliches Tora-Tora-Tora!



(Photo: LIFE Magazine)












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