Mittwoch, 31. März 2010

Wenn es Frühling wird ...



The wintry Guards have lost their grip.
Ice and Frost have jumped the ship.
Nature now will pull Her String:
Hail to thee, new-clothéd Spring!
Thomas Laurens, 16th century



















(Jemand sollte sich wirklich mal um eine Gesamtausgabe der Gedichte des genialen Thomas Laurens (oder Lawrence, wie wir's heute schreiben würden) kümmern; 's wär eine schöne Herausforderung für einen der verdienten britischen oder amerikanischen Universitätsverlage; man könnte jetzt noch anregen, dass ein deutscher Verlag, der auf sich hält, sich gleich die Rechte für eine Übertragung sichern könnte - Laurens ist einer der ganz frühen Modernen - aber diese Anregung würde nun vollends verpuffen - wie ein Fußtritt in eine Popcorn-Wolke ...)
Ich bin ein bisschen in Eile, immerhin ist eben gerade Dr. Spencer Reid von einem gefährlichen, in seelischer Hinsicht janusköpfigen Psychopathen namens Raphael (genau: nach dem Erzengel - bei Zeus, diese Religiösen!) entführt worden. Ich befürchte Schlimmes. Deswegen muss ich bald wieder vor die "Glas-Zitze" ((c) Harlan Ellison) und mir den zweiten Teil der Doppelfolge ansehen.
Zuvor möchte ich es aber nicht verabsäumen und - meiner Pflicht als Realitätsbeobachter nachkommend - darauf hinweisen, dass sich wieder einmal alles verändert. Nicht wenige von uns spüren das Ziehen und Reißen in Kopf und Gliedern, so als nähme die Welt plötzlich wieder Fahrt auf. Und waren die graubraunen Brüder Februar und März nicht sehr träge, ja statisch? Eine schlechte Saison für Fotografen, daran merkt man's auch. Trotzdem ist die Realität niemals untätig. Man steht zum Beispiel morgens auf, und sie präsentiert sich als Schmuckkästchen:


Untertags macht man die Erfahrung, dass der Betreiber des Rahmen- und Bildergeschäftes, der in diesem Gedicht erwähnt wird, auch ein Aikido-Meister ist und Unterricht in Selbstverteidigung hält. Und wieder ist man einer Täuschung gewahr geworden! (Von wegen "traurige Gestalt".)


In der Nähe des Doms betrachtet man die Auslage eines Geschäfts, nichtsahnend ... und schon krümmt die Realität ihren Rücken und schlägt absurde Wellen ins Raum-Zeit-Kontinuum. Es handelt sich um ein Schuhgeschäft, dessen Auslage betrachtet wird, wohlgemerkt. Wir sind zwar ganz in der Nähe des Doms, rechtfertigt dieser simple Umstand aber, dass man in besagter Auslage auf das da stoßen muss?


Was ist da nur wieder passiert? Das böseste Gesicht, das den Vatikan seit langem verunziert hat? Soll das Kunden anlocken? Geben Sie doch mal ganz nonchalant die Suchbegriffe "Missbrauch" und "Kirche" in das geduldige Fenster ihrer Lieblingssuchmaschine ein (hier eine Alternative zu Google). Sie werden feststellen, dass Ihnen der Dienst etwa ausgesuchte 60 Seiten hinplatziert, die er aus über 21 Millionen thematisch nahen Einträgen zu einer vorgeschmacklichen Hitparade zusammengestellt hat. Sehen Sie übrigens den Zettel unter dem großen B-XVI-Poster? Da drauf steht: "Theologischer Papst". (Hä?) Wie gern hätte ich an dieser Konferenz teilgenommen. Vielleicht würd ich's besser begreifen ...
Gleichwohl - müde vom Beobachten und von den beruflichen Anstrengungen kann man am Ende des Tages immerhin feststellen, dass sich die Realität in ein Schmuckkästchen zurückverwandelt hat:


Jetzt muss ich leider dringend zum zweiten Teil! Es gibt immer Hoffnung, aber Sie müssen's nicht glauben.











Freitag, 19. März 2010

FORUM LITERATUR # 10: Future Reading / Der Handy-Roman


Wie der Titel schon anklingen lässt, geht es in dieser Ausgabe von FORUM LITERATUR um Erweiterungen unseres Lesehorizonts. Wir leben ja schon eine Weile mit den elektronischen Medien, was unseren Umgang mit dem geschriebenen Wort verändert hat. Texte begegnen uns im Alltag längst nicht mehr nur in ihrer papiernen Form, sondern auch in digitaler Gestalt auf allen möglichen Bildschirmen (PC, Handy, Palmtop, auf Bahnhöfen und Flughäfen usf.). Jemand, der ein Auge auf diese Entwicklung hat und sie auch aktiv nachvollzieht, kommt diesmal in unserer Sendung zu Wort. Er ist Amerikaner, Historiker von Rang, produktiver Autor, hervorragender Stilist. Die Rede ist von Anthony Grafton, Professor für Geschichte an der Universität von Princeton.



Professor Grafton ist Jahrgang 1950 und in einem Haushalt aufgewachsen, in dem Intellektuelle und Personen aus dem kulturellen Leben ein und aus gingen. Sein Vater war Starkolumnist bei der New York Post, damals noch eine liberal denkende Zeitung. Anthony zeigte früh ein Interesse für Altgriechisch, studierte Geschichte in London und an der Universität von Chicago, wo er seinen Abschluss machte. Seit 1975 ist er Mitglied des Instituts für Geschichte der Universtität Princeton in New Jersey. Dort hat - neben anderen wissenschaftlichen Größen - auch Albert Einstein von 1932 bis 1955 gelehrt und geforscht. Professor Grafton ist das Abbild eines Gelehrten, mit Bart, Brille, oft in Pullover und Cordhose (die von Einstein etablierte und von Woody Allen einzementierte Uniform des Intellektuellen). Sein Gang ist etwas wackelig geworden, da sein Rücken vom vielen Sitzen und Lesen in Mitleidenschaft gezogen ist. Apropos Lesen: Worum ich den Professor besonders beneide, ist sein Bücherrad, das er in seinem Studierzimmer zu Hause stehen hat.

(Abbildung: Wikipedia)

Grafton legt die etwas mehr als drei Kilometer von zu Hause zu seinem Büro auf dem Campus jeden Morgen zu Fuß zurück. Dabei hat er die Nase in einem Buch. Er spricht in druckreifen Sätzen, hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis und spricht bzw. liest acht Sprachen. In deutscher Sprache liegt seine umfassende Monografie über Leon Battista Alberti vor, erschienen 2002 unter dem Titel "Leon Battista Alberti: Baumeister der Renaissance" im Berlin Verlag.


Ein anderes Werk, das Grafton - zusätzlich zu seinen anderen Verdiensten - auch als originellen Forscher ausweist, sich aber dennoch seinem Gegenstand mit aller wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit nähert, ist das Buch "Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote", leider im Augenblick vergriffen (im englischen Original hier zu finden). Bekannt wurde Anthony Grafton mit seiner - leider nicht ins Deutsche übertragenen - Biografie des französischen Gelehrten Joseph Justus Scaliger (16./17. Jahrhundert). Darin beschäftigt er sich u.a. auch mit Fragen der Chronologie. Zeit war in der frühen Neuzeit ein wichigtes Thema, man war besessen davon, die Zeit, die man zur Verfügung hatte, ökonomisch zu nutzen. Darüber hinaus war es den Gelehrten ein Anliegen, eine vollständige Zeitachse zu rekonstruieren, das heißt, den Strom der vergangenen Ereignisse möglichst lückenlos nachzuvollziehen, beginnend mit dem Moment der Schöpfung, den man auf ca. 4000 vor 0 berechnete. Um einzelne Ereignisse zu datieren, wurden klassische und biblische Texte herangezogen, studiert, verglichen, was ein gewaltiges Wissen in Sprachen, Geschichte und Astronomie erforderte. Da Grafton als Beobachter zweiter Ordnung die verschiedenen Chronologisierungsversuche dokumentiert und zu verstehen versucht, benötigt auch er ein ähnliches Wissen in diesen Fachbereichen. Es sei nur erwähnt, dass er sich etwa mit Keplers Schriften beschäftigt, um dessen Experimente mit der Zeit zu erforschen.
Als Historiker ist Grafton immer wieder mit dem Auffinden, Lesen, Bearbeiten, Aufbewahren von Informationen (in seinem Fall: über die Vergangenheit) befasst. Er muss diese Tätigkeiten als Forscher ausüben, aber sie interessieren ihn auch unter einem theoretischen Gesichtspunkt - und in diesem Fall ist er, der auch die abseitigsten Blogs nicht verschmäht, ganz in der Gegenwart.

Unter dem Titel "Future Reading" hat sich Anthony Grafton in der Zeitschrift The New Yorker 2007 mit diesen Themen auseinandergesetzt. Dieses Magazin haben wir ja in der letzten Sendung in Zusammenhang mit J. D. Salinger mehrfach erwähnt. Der Titel von Graftons Artikel heißt soviel wie "zukünftiges Lesen", kann aber auch "das Lesen der Zukunft" oder "die Zukunft vorhersagen" bedeuten. Diesen Artikel hat Professor Grafton dann zu einer Buchpublikation erweitert, betitel "Codex in Crisis" (Codex oder Handschrift in Schwierigkeiten), und vor den Mitarbeitern der Firma Google hat er einen Vortrag über das Thema "Lesen im digitalen Zeitalter" gehalten. Das ist besonders interessant, weil das Unternehmen Google im Zentrum von Graftons Überlegungen steht. Denn diese drehen sich nicht bloß ums einfache Lesen, sondern - wie gesagt - vor allem um das Speichern, Suchen, Wiederauffinden von benötigten Informationen. Google hat Anfang des 21. Jahrhunderts mit einem ehrgeizigen Projekt begonnen, nämlich einen umfassenden Index aller Bücher auf der Welt zu liefern, natürlich digital und im Web. Dafür arbeitet Google mit Verlagen zusammen - anscheinend sind es mehr als 10.000 weltweit - mit dem Ziel, Informationen über Bücher anzubieten, die noch dem Urheberrecht unterliegen, sie also sozusagen in der kollektiven Erinnerung zu halten. Dazu werden Textausschnitte präsentiert, um dieses Material Nutzern des WWW so weit wie möglich zugänglich zu machen.



Dazu existiert aber noch ein zweites Projekt, nämlich das Google Library Project, das in Zusammenarbeit mit amerikanischen und ausländischen Bibliotheken betreut wird - aus deren Beständen digitalisiert (scannt) Google so viele Bücher wie möglich. Aus der New York Public Library werden etwa über eine Million Bücher eingescannt. NB: Google ist dabei nicht ohne Konkurrenz, ganz im Gegenteil - Microsoft und Amazon seien ebenfalls aktiv, schreibt Professor Grafton, doch hat seit Erscheinen seines Artikels Microsoft sein Unterfangen wieder eingestellt.


Das alles, verwahrt sich Anthony Grafton, wird aber nicht zu dem großartigen INFOTOPIA führen, das uns versprochen wird,  mit einer möglichst uneingeschränkten Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Büchern und historischen Dokumenten. Es handle sich vielmehr einfach um einen weiteren Schritt in der Entwicklung menschlicher Informationslogistik. Hier schweift er als Historiker exkursorisch in die Vergangenheit ab. 300 vor 0 gründete Ptolemaios I. in Alexandria eine Bibliothek, die eine umfassende Sammlung von Schriften in griechischer Sprache enthalten sollte. Jedes Schiff, das im Hafen von Alexandria vor Anker ging, wurde auf Schriftrollen durchsucht, gefundene Rollen wurden konfisziert und in der Bibliothek von der Belegschaft kopiert. Die Kopien gingen an die ursprünglichen Besitzer zurück, "hail and farewell". Die Originale blieben in der Bibliothek und wurden dort katalogisiert. Zu ihrer besten Zeit enthielt die Bibliothek von Alexandria mehr als eine halbe Million Schriftrollen. Zum ersten Mal in der Kulturgeschichte der Menschheit wurden Schriften alphabetisch auf Regalen gelagert. Weiters erwähnt Grafton die Kanonischen Tabellen, die Eusebius, Erzbischof von Caesarea eingeführt hat (wir befinden uns bereits 600 Jahre nach der Bibliotheksgründung in Alexandria): Sie ermöglichen beim Bibel-Studium das Auffinden von Parallelstellen in den vier Evangelien. Mitte des 15. Jahrhunderts brachte der Buchdruck eine unerhörte Revolution in die Geisteswelt, die Vervielfältigung und Verbreitung von Information in großem Stil war plötzlich möglich.
(Abbildung: Wikipedia)

In der frühen Zeit des Buchdrucks wurden Gelehrte mitunter zu Beratern der Buchdrucker und trieben mit ihren Präferenzen die Drucker, die ja auch Unternehmer waren, in den Ruin. Mit der Renaissance brach das Zeitalter der Kommentare und Annotationen an, Gelehrte wie Isaac Casaubon versahen ihre Ausgaben der Klassiker mit kommentierenden Notizen und spannen auf diese Art ein Netz an Zusatzinformation, das sich über die Bücher verteilte und über Notizbücher ansteuerbar war.

(Abbildung: Wikipedia)

Erasmus von Rotterdam war der Ansicht, jeder Student müsse den Korpus der klassischen Literatur auf eigene Faust durchlesen und kommentieren, verfasste aber nichtsdestotrotz Schriften, die den Studenten die Arbeit erleichtern sollten - die sogenannten "Adagia".

(Abbildung: Wikipedia)

Mitte des 18. Jahrhunderts probierten Bibliotheken, in denen geforscht wurde, immer neue Katalogisierungssystem aus, in den 1870er Jahren setzte sich in den USA das Dewey-System auf breiter Basis durch. (Dazu ein Lesetipp: Markus Krajewski: ZettelWirtschaft. Die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek. Berlin: Kadmos 2002). Mitte des 20. Jahrhunderts begann man die Vorteile der Mikrofotografie für Bibliotheken und Universitäten zu nutzen, sodass manche dieser Einrichtungen bestimmte Bücher und Dokumente nicht im Original in ihren Beständen hatten, sondern lediglich auf Film oder Mikrofiche. Grafton berichtet, dass aufgrund dieser neuen Möglichkeiten manche Bibliothekare sich dazu verleiten ließen, Bücher und Zeitungen zu vernichten. Sie hatten ja alles auf Mikrofilm.
Die Digitalisierung riesiger Bücherbestände ist von der Projektdimension her größer als alles, was sich Verfechter der Mikrofotografie je haben träumen lassen. Grafton zitiert den WIRED-Redakteur Kevin Kelly, der sich 2006 unter dem Titel "Scan this Book!" in der New York Times zur Digitalisierung geäußert hat.


Kelly ist voller Begeisterung. Schriftliche Kultur wird in digitaler Netz-Gestalt nicht nur einfach verfügbar sein. Was bisher in Form von Büchern aus einzelnen Wissensinseln bestand, wird nun zu einem immensen liquiden Datenmeer zusammenfließen. Wissenseinheiten können sich darin nach Belieben miteinander verbinden durch die Instrumente Link und Tag. Jeder Nutzer kann sich auf eine eigene Navigationsroute durch das Meer begeben, besonders beliebte Routen werden nach und nach ein Kartografierungssystem ergeben. Nutzer können kreativ werden, Auszüge aus dem Datenmeer zerschneiden, die Schnipsel einzeln aufbewahren oder neu abmischen oder große Datenmengen aus dem Netz zu individualisierten elektronischen Bibliotheken zusammenfügen. Darüber hinaus nennt Kelly konkrete Vorteile eines vollständig erfassten, digitalisierten Buchbestands:
1) Publikationen, die als Bücher auf null Interesse gestoßen sind, werden im Internet ihr - wenn auch kleines - Publikum finden, dazu wird die Verlinkung verhelfen;
2) was unsere Geschichte ausmacht, werden wir noch viel besser erfassen, da ja jedes Original-Dokument aus der Menschheitsgeschichte einsehbar gemacht werden wird;
3) die universale Digital-Bücherei wird ein neues Bewusstsein von Autorität schaffen, in dem Sinne, dass wir zu einem bestimmten Thema alles Schrifttum in allen bekannten Sprachen erfassen können - das wird uns als Zivilisation einen Überblick darüber verschaffen, was wir alles wissen und wo wir Lücken haben;
4) der Überblick darüber, was alles zu einem noch so punktuell definierten Thema geschrieben worden ist (Kelly nennt als Beispiel den Trafalgar Square), führt zu einer neuen Kultur der Interaktion und des Sich-Beteiligens;
Gerade der letzte Punkt erscheint mir nun doch ziemlich schwammig zu sein, mehr Propaganda als Resultat genauen Denkens. Für letzteres hält man sich lieber an Grafton, dessen Artikel in keiner Weise einseitig genannt werden kann - es geht bei ihm nicht um das edle Buch wider die Barbarei der Digitalisierung. Es stimmt, schreibt Grafton, die weitreichende Digitalisierung von Buchbeständen eröffnet vielen eine leichteren Zugang zu diesem Material, weitaus mehr Menschen haben ja einen PC mit Internet-Anschluss als z.B. ein Mikrofiche-Lesegerät.

(Mikrofiche-Lesegerät. Photo: Wikipedia)

Der Algorithmus der Google-Suchmaschine zählt und evaluiert die Verlinkungswege, die Nutzer bei einer bestimmten Recherche eingeschlagen haben. Oft benutzte Wege werden verstärkt, führen zu einem Ranking von Suchergebnissen, wodurch späteren Nutzern, die ähnliche Themen recherchieren, die Suche erleichtert werden soll. Darin wird die in der akademischen Welt ausschlaggebende Häufigkeit des Zitats imitiert - je öfter eine bestimmte Arbeit (Aufsatz oder Buch) in anderen Arbeiten zitiert wird, desto mehr Bedeutung erhält sie.
Die Nachteile der Digitalisierung sind jedoch nicht zu unterschätzen. Beim Einscannen kann der Maschine leicht ein "n" für ein "u" vorgemacht werden, was beispielsweise bei der Suchanfrage "qualitas" zu Problemen führen würde. Das größere Problem bildet aber das Urheberrecht. Einer konservativen Schätzung zufolge beträgt die Anzahl der von der Menschheit in die Welt gesetzten Bücher 32 Millionen, bei Google glaubt man an eine Zahl von 100 Millionen Büchern. Zwischen 5 und 10 % der bekannten Bücher sind im Druck. 20 % - also die zwischen 1450 und 1923 gedruckten Bücher - unterliegen nicht mehr dem Urheberrecht. Damit gibt es kein Problem. Aber da ist eine große Restmenge. 75 % des anzunehmenden Gesamtbestands unterliegen noch dem Urheberrecht, befinden sich aber nicht mehr im Druck. Für sie gilt: aus dem Auge, aus dem Sinn. Google scannt auch diese 75 % ein, obwohl es heftige Kontroversen ausgelöst hat. Microsoft war in seinen Anstrengungen vorsichtiger, scannte nur, was man scannen durfte.
Eine Firma wie Google interessiert sich v.a. für das wirtschaftlich Interessante, was bedeutet, dass - entgegen dem, was der begeisterte Kelly predigt - das Randständige außen vor bleibt. Bei Google hat man explizit kein Interesse an Büchern aus den ersten beiden Jahrhunderten des Buchdrucks, auch weil diese Exemplare besondere Bedingungen bräuchten, um überhaupt eingescannt zu werden. Um Bücher, die bei Google durchs Raster fallen, kümmern sich non-profit-Organisationen, aber auch kommerzielle Unternehmungen.

Project Gutenberg - die deutsche Variante ist eher unzulänglich







Perseus Digital Library - Texte in Latein und Griechisch

The Valley of the Shadow - ein elektronisches Archiv, das das Leben in zwei Gemeinden während des Sezessionkriegs so detailliert wie möglich erfasst

So wird die große digitale Bücherei keineswegs so vollständig, einheitlich, zentralisiert sein, wie es uns Digi-Prophet Kelly weismachen will. Es gibt viele verschiedene Bestrebungen, die untereinander vielleicht Chancen zur Zusammenarbeit nutzen könnten.
Eine ganze Weile noch werden Leser und Gelehrte beide Wege einschlagen müssen, schließt Grafton. Niemand sollte die breite Straße meiden, die über die Bildschirme führt. Nichts aber kann das vertiefte Wissen ersetzen, das nur in Bibliotheken, Archiven, Lesesälen zu haben ist, im direkten Kontakt mit den Forschungsmaterialien. Das wird gut illustriert durch die Geschichte eines Forschers, der 250 alte Briefe aus einem Archiv sorgsam beschnüffelte. Im 18. Jahrhundert war es üblich, Briefe, die aus von der Cholera heimgesuchten Ortschaften kamen, mit Essig zu beträufeln, da man sich davon eine Vermeidung von Ansteckung erhoffte. Diesem leichten Essiggeruch spürte der schnüffelnde Experte nach, da ihm eventuell vorhandene Spuren die Datierung des Ausbruchs von Krankheiten in der Vergangenheit ermöglichen würden. So etwas ist digital einfach nicht zu haben.

***


Der Briefroman ist eine frühe Gattung in der Weltliteratur. Beispiele, die einem gleich mal einfallen, wären Choderlos de Laclos' "Gefährliche Liebschaften", Samuel Richardsons "Pamela" oder Goethes "Die Leiden des jungen Werther". 1994 erschien bei Eichborn in Frankfurt ein Roman mit dem Titel "Fanmail" (Fanpost), verfasst von Ronald Munson, seines Zeichens Philosophie-Professor an der Universtität von Missouri-Saint Louis.


Im Untertitel wird das Buch als "Faxroman" ausgewiesen, denn die Handlung setzt sich aus dem Inhalt von Faxen, Memos, aus dem Text auf Anrufbeantwortern und Diktaphonen und, ja, aus guten alten handgeschriebenen Briefen zusammen. Dabei wird die Geduld des Lesers mitunter auch strapaziert - das letzte Duell zwischen der Heldin, einer blendend aussehenden Fernsehmoderatorin, und ihrem übersteigerten Fan wird auf Tonband aufgenommen und in dessen Transkription wiedergegeben. Das bewirkt solch dramaturgische Plumpheiten wie den Ausruf der Heldin: "Was haben Sie denn da? Eine Pistole!" Auch das Telefon hat seine Spuren in der erzählenden Literatur hinterlassen, schon bei Proust finden sich herrliche Passagen über dieses damals in den Wohnungen Einzug haltende Kommunikationsgerät. David Lodge sagt in seiner "Kunst des Erzählens", das Telefon sei interessant für Autoren, die v.a. die Ausdrucksmöglichkeiten des Dialogs ausloten wollten. Als Beispiel zitiert er eine Seite aus Evelyn Waughs "A Handful of Dust" (Eine Handvoll Staub).
Nun könnte man sich fragen - würde ein Briefroman diese seine Bezeichnung nicht erst mit vollem Recht tragen, wenn die Leserin jedes neue Kapitel per Post erhielte? Oder beim Faxroman per Fax? Oder wenn sie es am Telefon vorgelesen bekäme? Letzteres ist mittlerweile in gewisser Weise möglich, allerdings braucht niemand lauschend am Hörer zu kleben, im Zeitalter der Mobiltelefone kommt die nächste Fortsetzung per SMS bzw. mobiles Internet einfach aufs Handy. Und damit sind wir beim Handy-Roman.
Artikel über die cell phone novel in der Daily News

Als keitai shosetsu ist der Handy-Roman seit ca. 10 Jahren Teil der japanischen Alltagskultur. Diese wird stark durch die weit verbreiteten Handys bestimmt - Verträge sind günstig, mobiles Internet auf den Handys ist Standard, was mit sich bringt, dass die Romane in kleinen Einheiten serviert werden. Jedes Kapitel kann man in 3-4 Minuten lesen. Die Generation, die solche Romane am Handy konsumiert oder schreibt, wird spöttisch Daumen-Generation genannt.
Grundsätzlich sind zwei Arten von Handy-Romanen zu unterscheiden. Es gibt die kostenlose Varianten, die über entsprechende Handyseiten im Internet abonniert werden können. Das größte Portal heiß Maho i-Land (Magic Island):




Neben Blogs und anderen freien Diensten bekommt man hier auch die Möglichkeit, einen eigenen Handy-Roman zu beginnen. Angeblich gibt es auf Magic Island über eine Million begonnene Handy-Romane!
Kostenpflichtige Handy-Romane hingegen kann man gegen eine geringe Gebühr über die kommerziellen Websites von Verlagen wie Shinchosha abonnieren.


Erst in einem letzten Schritt werden erfolgreiche, d.h. viel abonnierte Romane als gedruckte Bücher verkauft. In Buchhandlungen gibt es eigene Abteilungen dafür. Der Verlag STARTS hat sich auf die Veröffentlichung gedruckter Handy-Romane spezialisiert:




Die gedruckten Varianten der Handy-Romane haben durchaus das Zeug zu Bestsellern. Das Internet-Lexion Wikipedia verzeichnet eine japanische Bestseller-Liste aus dem Jahr 2007. Von den 10 dieser Liste zufolge erfolgreichsten Titeln sind 5 gedruckte Handy-Romane. Diese besetzen die Plätze 1-3, dann 5 und 7. Der Handyroman auf Platz 1 ("Koizora" - etwa: "Himmel der Liebe") hatte zu diesem Zeitpunkt 12 Millionen Leserinnen. Im Durchschnitt werden von den Handy-Büchern etwa 400.00 Stück verkauft.
Ein Mann Mitte 30 hat diesen Trend mehr oder weniger ins Leben gerufen. Seinen richtigen Namen kennt die Öffentlichkeit nicht (er hält es mit der Privatsphäre wie J.D. Salinger), bekannt ist er nur unter seinem Pseudonym Yoshi. Er arbeitete zuerst als Lehrer an einem Nachhilfeinstitut, später hatte er ein Büro im Tokioter In-Viertel Shibuya. Seine Jobs boten ihm ausreichend Gelegenheit, die rasch sich verfestigende Bindung zwischen jungen Mädchen und ihren Handys zu beobachten. Im Jahr 2000 richtete Yoshi eine Website ein und begann dort seinen Roman in Fortsetzungen zu posten. Als Publikum hatte er junge Mädchen und Frauen vor Augen, die mit Hilfe ihrer geliebten Telefone seine Texte abonnieren würden. Den Titel seines Romans könnte man mit "Innige Liebe" übersetzen (auf Englisch als "Deep Love" übersetzt). Yoshi greift darin ein Phänomen auf, das in Japan enjo kosai genannt wird und als unmittelbarer Auswuchs der korporativ-kapitalistischen Konsumkultur gesehen werden kann. Es handelt sich um eine Form von Prostitution: Schulmädchen bieten Männern mittleren Alters Begleitservice oder sexuelle Dienstleistungen an, im Austausch gegen Geld, Designerkleidung oder andere Konsumgüter. Eine dieser jungen Frauen ist die Heldin von Yoshis Roman - allerdings verdient sie das Geld nicht für Gucci-Schuhe, sondern um ihrem Freund eine Herzoperation zu ermöglichen. Doch das Schicksal will es anders: Der Freund erhält das Geld nie, die Heldin steckt sich mit dem HI-Virus an und stirbt an AIDS.


Um seinen Roman zu promoten, verteilte Yoshi Werbematerial vor den Schulen. Bald befand er sich in regem E-Mail-Austausch mit seinen Leserinnen, die sogar auf die Handlung Einfluss nahmen. Die Idee, seine Heldin an AIDS sterben zu lassen, habe er von einer Leserin erhalten, die sich durch enjo kosai eine Ansteckung zugezogen habe, hat Yoshi einmal erzählt. In gedruckter Form brachte er seinen Roman im Eigenverlag heraus und verkaufte 100.000 Exemplare davon. Wegen dieses Erfolgs interessierte sich der STARTS-Verlag für das Buch, brachte es noch einmal groß heraus, und bald wurde - wie in Japan nicht unüblich - der Stoff weiterverarbeitet: zu einem Manga (Comic), zu einem Fernseh-Drama, einem Kino-Film, und zuletzt folgte eine Serie von Fortsetzungsromanen mit inzwischen insgesamt 2,7 Millionen verkauften Stück.
Schon bald, nachdem Yoshi mit seinem Fortsetzungsroman im Internet begonnen hatte, richtete Maho i-Land das Gratisangebot für Online-Romane ein. 2003 wurde in Japan der unbegrenzte Datentransfer für Handys eingerichtet, sodass die Zahl der zwischen Internet und Mobiltelefonie entstehenden Romane sprunghaft anstieg. Diese Textgattung besteht übrigens v.a. aus Monologen und Dialogen, beschreibende Passagen fehlen fast völlig, temporeiche Plots werden in kurzen, prägnanten Sätzen entwickelt. Die ursprüngliche Zielgruppe dieses Lesematerials - Schuldmädchen und junge Frauen um die Zwanzig, die die kurzen Kapitel in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule lesen - lieferte bald auch die Autorinnen für Handy-Romane. Die jungen Frauen benutzen mehr oder weniger ungeschminkt ihre eigene Biographie als Stoff, was die eine oder andere schon mal in Konflinkt mit ihrer Familie bringen kann (in Japan wird Einverständnis als Tugend betrachtet, Konflikte werden unter allen Umständen vermieden bzw. nicht öffentlich ausgetragen). Die Themen der Handy-Romane sind durchaus starker Tobak: Vergewaltigung, Krankheit, Gedächtnisverlust, Tod. Vor diesem Hintergrund entsteht fast immer eine romantische Liebesbeziehung. Die kulturellen Vorstellungen, die dabei transportiert werden, sind sehr konservativ - Frauen leiden in diesen Geschichten passiv; sie sind die Opfer ihrer Emotionen, ihrer Körperlichkeit; sie glauben daran, dass die wahre Liebe alles überdauern wird. Diese Inhalte kommen einer männlich bestimmten Kultur entgegen, doch haben Mädchen und Frauen immerhin einen Weg gefunden, über Handy-Romane ihre Stimme zu erheben. Die Handy-Romane bieten Soziologen eine interessante Datenlage, was die Lebenssituation junger Frauen im heutigen Japan angeht. Arrivierte Vertreter der literarischen Szene nehmen die Handy-Romane als Literatur nicht ernst. Banana Yoshimoto etwa hat öffentlich erklärt, sie halte das Lesen dieser Texte für Zeitverschwendung.
In Europa hat der Handy-Roman noch kaum Fuß gefasst. Prominenter Vertreter der Gattung ist der Wirtschaftsinformatiker und Schriftsteller Oliver Bendel. Er schreibt Handy-Krimis rund um eine Figur namens "Lucy Luder". 2009 hat er auf der Frankfurter Buchmesse den ersten Teil einer neuen Romanserie vorgestellt, der er den passenden Titel "Handygirl" gegeben hat.

FORUM LITERATUR # 10 geht nur auf Sendung, weil dies das schon mehrfach erwähnte Steinegger Genie Thomas Rieder durch seinen selbstlosen Einsatz ermöglicht hat. Hab Dank, Kamerad.








Samstag, 13. März 2010

Forum Literatur # 9: J. D. Salinger – Der Fänger im Roggen (The Catcher in the Rye)


Jerome David Salinger wurde 1919 in Manhattan, New York geboren. Sein Vater war ein polnischer Jude, seine Mutter konvertierte zum Judentum, was Salinger aber erst nach seiner Bar Mitzwa herausfand. Das ist jenes Fest, durch das ein Jude die religiöse Mündigkeit erlangt – Mädchen mit 12 Jahren, Jungs mit 13. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf eine Szene in dem Film „A Serious Man“ der Coen-Brüder (sehr vergnüglich).

(Photo: Wikipedia)

Salinger besuchte eine Militärakademie in Pennsylvania – dort schrieb er mit der Taschenlampe Geschichten unter der Bettdecke. Es gab in seiner weiteren Ausbildung ein bisschen Hin und Her, zu einem bestimmten Zeitpunkt schickte Sol Salinger seinen Sohn nach Wien, damit er dort das Fleischimportgeschäft lerne (Sol war selbst im Lebensmittelhandel, er verkaufte koscheren Käse). Jerome David verließ Österreich nur einen Monat vor dem Anschluss an Deutschland.

1939 besuchte er an einem College in Pennsylvania einen Abendkurs für kreatives Schreiben. Sein Lehrer Whitt Burnett erinnerte sich einmal, dass Salinger sich bei jenem Kurs nicht hervorgetan hatte, erst wenige Wochen vor Ende des 2. Semesters sei er plötzlich aufgewacht und habe drei fertiggestellte Erzählungen abgegeben. Seine schriftstellerischen Fähigkeiten seien damals schon fortgeschritten gewesen. Eine dieser Geschichten – „The Young Folks“ – brachte Burnett in dem von ihm selbst herausgegebenen Magazin „Story“ unter. 1946 versuchte Burnett, der für einige Jahre Salingers Mentor war, seinem Schützling bei der Veröffentlichung eines Bandes mit Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Das Projekt scheiterte letztendlich am Verlag, doch machte Salinger seinen Freund für den Misserfolg verantwortlich. Die Freundschaft ging in die Brüche.

Mitte der vierziger Jahre ging Jerome David mit Oona O’Neill aus, der Tochter des Schriftstellers Eugene O’Neill, doch wandte sie sich schließlich einem anderen Heiratskandidaten zu, nämlich Charlie Chaplin. Auch Salingers Zusammenarbeit mit dem Magazin „The New Yorker“ fällt in diese Zeit.

(Abbildung: Wikipedia)

1941 akzeptierte die Zeitschrift eine Kurzgeschichte Salingers mit dem Titel „Slight Rebellion Off Madison“, die v.a. deswegen bemerkenswert ist, weil darin zum ersten Mal Holden Caulfield auftritt, der Held des Romans „Der Fänger im Roggen“. Die Veröffentlichung der Geschichte wurde aber wegen des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor verschoben, der Text konnte erst 1946 erscheinen. Salinger traf sich während des Zweiten Weltkriegs, in dem er als Soldat diente, mit Ernest Hemingway, der über den Jüngeren sagte: „Jesus, he has a helluva talent“ – er hat verdammt viel Talent. Nach dem Treffen wechselten die Autoren einige Briefe.

(Photo: Wikipedia)

Als Soldat wurde Salinger einer Abteilung für Gegenspionage zugewiesen, wegen seiner Sprachenkenntnisse ließ man ihn französische und deutsche Kriegsgefangene befragen. Er war auch einer der ersten Soldaten, die ein befreites Konzentrationslager betraten. Den Geruch nach verbranntem Fleisch, so Salinger, bekomme man nie wieder aus der Nase, sobald man ihn einmal habe riechen müssen. Vom Krieg emotional schwer belastet, lag Salinger nach der Niederlage der Deutschen für einige Wochen im Spital. Wahrscheinlich hat er auf einige dieser Erfahrungen zurückgegriffen, als er die Erzählung „Für Esmé mit Liebe und Unrat“ schrieb. Diese ist in dem Band „Nine Stories“ (Neun Erzählungen) enthalten.

Ende 1946 befand sich Salinger wieder in den USA. Die Ehe mit einer Deutschen scheiterte nach acht Monaten. Salinger wandte sich dem Zen-Buddhismus zu, und in der Folge sollten religiöse Anschauungen oder esoterische Lehren sein Leben und in gemilderter Form auch sein Schreiben prägen. Frauen, mit denen er ausging, pflegte er Leselisten zu buddhistischen Themen in die Hand zu drücken. 1948 erschien im „New Yorker“ eine Kurzgeschichte von Salinger, die bald zu seinen berühmtesten zählen sollte – „Ein herrlicher Tag für Bananenfisch“ (A Perfect Day for Bananafish). Es ist die erste Geschichte, in der die fiktive Familie Glass auftritt – ihre Spuren werden in den folgenden Jahren über J. D.s Werk verstreut zu finden sein. In den Vierzigern kam auch die Verfilmung einer von Salingers Erzählungen in die Kinos, doch wurde die Vorlage so abgewandelt, dass die Kritiker den miserablen Film zerpflückten und Salinger – als Folge dieses Fiaskos – nie wieder die Film- oder andere Nebenrechte für irgendeinen seiner Stoffe vergab. Und schließlich berichtete J.D. während der vierziger Jahre auch von der Arbeit an einem Roman – Holden Caulfield, bekannt aus „Slight Rebellion Off Madison“, sei die Hauptfigur. Am 16. Juli 1951 erschien „Der Fänger im Roggen“ (The Catcher in the Rye), und nach diesem Datum war für den Autor nichts mehr so wie davor.

(Abbildung: Wikipedia)

1952 hatte Salinger beim Studium der Schriften von Sri Ramakrishna ein tief gehendes religiöses Erlebnis. Er wurde zu einem Adepten des Hinduismus.

(Photo: Wikipedia)

Gedanken aus dieser Religion finden sich auch im Werk, zum Beispiel in der Kurzgeschichte „Teddy“, enthalten in „Neun Erzählungen“ (Nine Stories). Diese Sammlung – sieben der Geschichten waren im „New Yorker“ erschienen, zwei hatte das Magazin abgelehnt – wurde 1953 veröffentlicht. Im selben Jahr begann J.D. mit seinem Rückzug von der Welt, indem er von New York, wo er in einer Mietwohnung gelebt hatte, nach Cornish, New Hampshire übersiedelte.


Zwei Jahre später heiratete er Claire Douglas, mit der er zwei Kinder hatte: Margaret, die 2000 das Buch „Dream Catcher: a memoir“ über ihren Vater veröffentlichte (es wurde nicht ins Deutsche übertragen); und Matthew, der eine Karriere als Schauspieler und Produzent einschlug und das Buch seiner Schwester nach dessen Erscheinen öffentlich kritisierte: Offenbar habe er eine ganz andere Kindheit erlebt als seine Schwester. In Margarets Erinnerungsbuch erzählt die Mutter Claire, dass das Leben mit ihrem Mann einsam und zurückgezogen war; auch schwierig, weil Salinger immer wieder verschwand, um an etwas zu schreiben, dann aber nicht mit neuen Manuskripten, sondern mit einem neuen „–ismus“ zurückkehrte, dem die Familie nun zu folgen hatte. Dies sei wohl eine Taktik gewesen, um von der Unzufriedenheit mit seinen schriftstellerischen Leistungen abzulenken. Über die Jahre wurde die Familie auf so unterschiedliche Disziplinen eingeschworen wie: Yoga, Dianetik (Vorstufe zu Scientology), Christliche Wissenschaft, Homöopathie, Akupunktur, Makrobiotik, Fasten, Erbrechen zur inneren Reinigung, Urintherapie und der Orgonenergie-Lehre nach Wilhelm Reich. 1966 trennte sich Claire von Salinger, ein Jahr später wurde die Scheidung vollzogen.

(Abbildung: Wikipedia)

1972 ging Salinger, damals 53, eine Beziehung mit der 18jährigen Joyce Maynard ein. Sie war durch einen Artikel über ihr Leben, den sie für die New York Times geschrieben hatte, schlagartig berühmt geworden. Nach einem Briefwechsel zog sie zu Salinger nach Cornish, wo sie ein Jahr verbrachte. Über diese Zeit veröffentlichte sie 1998 ihr Buch „At Home in the World“, auf Deutsch unter dem Titel „Tanzstunden. Mein Jahr mit Salinger“ 1999 im Piper-Verlag erschienen.


Die sechziger Jahre begannen mit einer weiteren Fortsetzung der Glass-Familiensaga. 1961 erschien „Franny und Zooey“ (Franny and Zooey), zwei Erzählungen über zwei weitere Mitglieder der mit hohem Potenzial gesegneten Familie. 1963 folgte „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute und Seymour wird vorgestellt“ (Raise High the Roofbeam, Carpenters and Seymour: an Introduction), in denen der bereits aus „Ein herrlicher Tag für Bananenfisch“ bekannte Seymour Glass zusammen mit seinem jüngeren Bruder Buddy auftrat. 1965 schließlich veröffentlichte das Magazin „The New Yorker“ als eine Art Sondernummer die längere Erzählung „Hapworth 16, 1924“. Der Text ist eigentlich ein langer Brief, den der siebenjährige Seymour Glass – ausgestattet mit allen Attributen des Wunderkindes – aus dem Ferienlager (der Titel ist dessen Adresse) an die daheimgebliebenen Mitglieder seiner Familie schreibt. 1996 wollte Salinger die Erzählung in einem kleinen Verlag als Buch herausbringen, zog aber – nachdem sich noch vor der Veröffentlichung einige Kritiker in Artikeln erneut mit der Erzählung auseinandergesetzt hatten – das Manuskript zurück.

Seit seinem Rückzug von der Welt wurde Salinger mehr und mehr zum berühmtesten unsichtbaren Autor der USA, eine Rolle, in der ihm etwas später nur Thomas Pynchon Konkurrenz machen sollte. Salinger blieb der Öffentlichkeit aus Überzeugung fern, er liebte seine Privatsphäre über alles, wollte für sich sein und nicht alle Tage von bewundernden Fans mit Fotoapparaten belästigt werden. In dieser Rolle fand er selbst als Figur Eingang in Bücher und Filme. 1982 erschien „Shoeless Joe“ von W.P. Kinsella, ein Baseball-Roman, der sich der Erzählmittel des Magischen Realismus bediente. Salinger tritt darin namentlich als Figur auf. Für die Verfilmung (James Earl Jones, Kevin Costner) „Feld der Träume“ wurde sein Name allerdings abgewandelt.

                                                 
(Abbildung: Wikipedia)

1994 brachte Herbert Rosendorfer seinen Roman „Ein Liebhaber ungerader Zahlen“ heraus, in dem er einen Schriftsteller mit dem Namen Florious Fenix nach Salingers Vorbild zeichnete.

                                                       

Und Sean Connery porträtierte einen von der Welt zurückgezogen lebenden, aufgrund einer einzigen Buchveröffentlichung weltberühmt gewordenen Autor in dem Film von Gus van Sant „Finding Forrester“ (2000).

                                                

Nach 1965 wurde Salingers Name nicht mehr im Zusammenhang mit neuen Veröffentlichungen genannt. Gerüchte und Verlautbarungen besagten, er schreibe zwar weiterhin mit Disziplin, aber nur zum eigenen Vergnügen. Wenn man von ihm hörte, dann ging es meistens um Rechtsstreitigkeiten. So verhinderte Salinger das Erscheinen einer Biographie, die der britische Kritiker und Dichter Ian Hamilton über ihn schreiben wollte. Salinger störte v.a., dass – wie bei Biografien üblich – Hamilton ausführlich aus seinen Briefen zitieren wollte. Paradoxerweise gelangten gerade durch das legale Hick-Hack Auszüge aus diesen Dokumenten an die Öffentlichkeit (z.B. unfreundliche Äußerungen Salingers über seine Freundin Oona O’Neill und deren Ehemann Charlie Chaplin). 1988 veröffentlichte Hamilton das Buch „In Search of J. D. Salinger“, in dem er die Briefe und unveröffentlichten Erzählungen Salingers paraphrasierte und auch offen von seinem Scheitern am Projekt einer autorisierten Biografie berichtete. Hamiltons Buch liegt nicht auf Deutsch vor.
2009 erschien eine Fortsetzung von „Der Fänger im Roggen“, geschrieben von einem unbekannten Autor (J.D. California (!)). Das Buch „60 Years Later: Coming Through the Rye“ zeigt uns Holden Caulfield eben sechzig Jahre später, er büxt aus dem Altersheim aus und begibt sich noch einmal auf Wanderschaft durch New York. Salinger ließ die Veröffentlichung des Buches in den USA verbieten.
Im Jänner 2010 verstarb J. D. Salinger aufgrund natürlicher Ursachen im Alter von 91 Jahren. The New Yorker veröffentlichte Artikel zum Gedenken. Der amerikanische Autor Adam Gopnik würdigt Salinger v.a. als echten Romantiker, die Journalistin Lillian Ross (seit 1945 war sie Redaktionsmitglied des New Yorker) erinnert sich an J.D. als einzigartige Persönlichkeit, ja, man kann sagen: als Unikum – sowohl in seinen Ansichten, als auch seiner Haltung zur Welt und im Beschützerinstinkt gegenüber seinem Werk und seinen Figuren. Und sie zeigt Fotos aus ihrem Privatarchiv. Der Journalist John Seabrook – seit 1993 beim "New Yorker" für technische Themen zuständig – war mit Salingers Sohn Matt auf dem College, was ihm einmal eine Einladung beim großen Schriftsteller zuhause verschaffte, wo sie alle zusammen einen Film sahen. Die längste Reminiszenz stammt von der Autorin A.M. Homes – von ihr kann ich den Roman „Dieses Buch kann Ihr Leben retten“, 2008 bei Heyne in deutscher Übersetzung erschienen, nur wärmstens empfehlen. Der Titel hält, was er verspricht! Homes verbindet in ihrem Nachruf eine persönliche Jugenderinnerung mit der Kurzgeschichte „Ein herrlicher Tag für Bananenfisch“, gedenkt auch des Jahres 1980, des Tages, an dem John Lennon erschossen wurde. Der Attentäter hatte „Der Fänger im Roggen“ dabei und las dem sterbenden Lennon daraus vor. Homes schrieb als ganz junge Frau ein Stück über Salinger, mit dem sie prompt einen Literaturpreis gewann.

Jetzt zum Roman. Gleich in den ersten Sätzen von „Der Fänger im Roggen“ werden wir mit dem Protagonisten bekannt, mit dem schon erwähnten Holden Caulfield, 16 Jahre alt. Er sitzt irgendwo in einer Einrichtung, in der seine Nerven beruhigt werden sollen, und nimmt diesen Aufenthalt zum Anlass, uns die Geschichte eines Wochenendes zu erzählen, das er in New York verbracht hat. Er erzählt aus der Ich-Perspektive, aber nicht so’n David-Copperfield-Zeug, wie er sich gleich verwahrt. Es wird also keine Dickenssche Autobiografie mit vielen Wendungen und einem glücklichen Ausgang werden, womit sich Salinger, der ja dicht hinter Caulfields Stimme zu vermuten ist, sich gleich von einer bestimmten literarischen Tradition verabschiedet. Anders als viele Dickenssche Figuren ist Holden kein Waisenkind. Wir erfahren im Verlauf des Buches, dass seine Eltern in New York City leben. Sein Vater ist ein gutsituierter Wirtschaftsanwalt und investiert Geld in Broadway-Stücke, die nichts abwerfen, seine Mutter nagt immer noch am Tod des jüngsten Sohnes Allie (Leukämie), den Holden sehr gemocht hat und den er manchmal als eine Art Schutzengel zu betrachten scheint. Holdens Schwester Phoebe ist 10 Jahre alt, und der älteste Bruder – D.B. – ist professioneller Schriftsteller. Er hat ein Buch mit Erzählungen veröffentlicht – „The Secret Goldfish“ – das Holden sehr gefällt. Was er nicht leiden kann, ist, dass D.B. sich prostituiert hat: Er ist nach Hollywood gegangen, um dort Drehbücher zu verfassen. Holden hasst Filme und alles, was damit zu tun hat.
Am Beginn des Romans begegnen wir Holden in seiner Schule, der Pencey Prep School, einem Institut, von dem jeder versichert, es sei eine sehr gute Schule. Sie liegt ein wenig außerhalb von New York City. Es ist kurz vor Weihnachten, Ende des Wintersemesters, und Holden ist aus der Schule geflogen. Er bringt einfach kein Interesse für die meisten Fächer auf – mit Ausnahme von Englisch. Literarische Begabung liegt in der Familie: Vom ältesten Bruder war schon die Rede, Allie seinerseits hat mit grüner Tinte Gedichte auf seinen Baseball-Handschuh geschrieben, damit er was zu lesen hatte, falls keine Bälle zu fangen waren, und Phoebe schreibt unter dem Pseudonym Hazel Weatherfield eine Geschichte nach der anderen in ihre Notizbücher, ohne auch nur eine einzige fertig zu stellen.
Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass Holden aus einer Schule fliegt. Sein Geschichtelehrer, Mr. Spencer, versucht ihm gut zuzureden, obwohl er mit einer schweren Erkältung zuhause im Lehnsessel sitzt. Aber wie alle Erwachsenen kommt auch er nicht an Holden heran, der – anstatt zuzuhören – stets damit beschäftigt ist, darüber nachzudenken, wie heuchlerisch, aufgeblasen und gleichzeitig hohl die Erwachsenen sind und wie sehr ihn alles anödet. Das gilt auch für seine Mitschüler in Pencey – Ackley und Stradlater. Ersteren ärgert Holden wegen dessen mangelnder Körperhygiene, letzteren hält er für einen selbstverliebten, geistesschwachen Fatzke, nur Muskeln, kein Hirn. Noch am gleichen Samstagabend packt Holden seine Koffer, setzt sich seine neue rote Jagdmütze auf und verlässt – letztlich doch mit sehr gemischten Gefühlen – die Schule, in der die meisten Insassen schon schlafen gegangen sind. Mit dem Zug fährt er Richtung New York City, im Abteil trifft er die Mutter eines Klassenkameraden, den er verachtet. Da er sie aber attraktiv und nett findet, fängt er an, der Dame Lügen aufzutischen über ihren Sohn, der so nett, beinahe schüchtern und v.a. sehr selbstlos sei. (Holden versichert uns Lesern, dass er ein begabter und sehr produktiver Lügner ist.) Von sich erzählt er, dass er sich in der Stadt operieren lassen muss – Hirntumor! Als die Dame aussteigt, hat Caulfield ihr ganzes Mitleid.
In Manhattan (Penn Station) kommt die Abenteuerkette in Schwung. Holden hat den relativ sicheren Hafen seiner Schule verlassen, jetzt ist er ganz auf sich allein gestellt. Gleich zu seinen Eltern nach Hause will er nicht, dort wird er sowieso nicht vor Mittwoch erwartet. Inzwischen soll der Brief des Rektors eintreffen, überlegt Holden, und die Eltern sollen die Nachricht von seiner Schulentlassung verdauen können, bevor er selbst nach Hause zurückkehrt. Bis Mittwoch will er sich also sozusagen inkognito in New York City herumtreiben. Er nimmt ein Taxi und löchert den Fahrer mit der Frage, die ihn für den Rest des Romans umtreiben wird. Im Central Park gibt es einen Teich mit Enten. Wenn der Teich im Winter zufriert – wohin gehen dann die Enten? Holden wird keine Antwort finden. Noch heute schreiben Salinger-Leser Briefe an die Stadtverwaltung von New York, in denen sie sich nach dem Verbleib der Enten im Central Park erkundigen.
Holden checkt im Edmont Hotel ein, einem heruntergekommenen Schuppen, durch dessen Fenster er seine Nachbarn beobachten kann – einen Transvestiten und ein Paar, das sich gegenseitig mit Wasser oder sonst einer Flüssigkeit bespuckt. Das ist die Welt der Erwachsenen, die Salinger uns durch Holdens Augen zeigt – unheimlich, bedrohlich und voller Perversitäten. Holden selbst wird von seiner Sexualität umgetrieben. Er hat die Nummer einer Stripperin bei sich, die ihm ein älterer Kollege mal überlassen hat, er telefoniert mit der Dame, doch merkt sie bald, dass er zu jung für sie ist, und gibt ihm einen Korb. Daraufhin landet Holden im Lavender Room des Edmont Hotels. Dort tanzt er mit drei Frauen aus Seattle, doch verläuft die Kontaktanbahnung sehr schleppend. Die dreißigjährigen Frauen nehmen ihn kaum wahr, sondern recken beständig die Hälse, um einen Blick auf einen eventuell vorbeihastenden Filmstar zu erhaschen.
Holden zieht weiter in den Club Ernie’s, wo er eine frühere Freundin seines Bruders D.B. trifft. Die geht ihm alsbald so auf die Nerven, dass er den Club fluchtartig verlässt und zu Fuß zum Hotel zurückgeht. Dort macht er einen Fehler, indem er sich von Maurice, dem Liftboy, ein Mädchen aufs Zimmer vermitteln lässt. Die beiden sind natürlich Komplizen und betrügen Holden um sein Geld. Der Junge wird von Maurice geschlagen. Er behilft sich mit seiner Phantasie, indem er sich – trotz aller Abneigung gegen das Medium – in eine Filmszene versetzt. Er tut so, als sei er der angeschossene Held eines Film noir, der sich demnächst an seinem Feind, dem Liftboy Maurice, mit aller Härte rächen wird. Am nächsten Tag checkt der Junge aus dem Hotel aus und deponiert sein Gepäck in einem Fach am Grand Central Bahnhof. Dann geht er den Broadway entlang, betrachtet all die Menschen, die in die Kinos streben oder zu den Shows, und es fällt ihm eine Familie auf. Die Eltern gehen auf dem Gehsteig, aber das Kind läuft auf der Fahrbahn, zwar nahe am Bordstein, aber doch auf der Straße, und die Autos müssen ausweichen. Ganz gedankenverloren in dieser bedrohlichen Situation geht das Kind dahin und singt vor sich hin: „If a body catch a body coming through the rye ...“ Das ist eine Zeile aus einem Gedicht von Robert Burns und heißt in etwa: „Wenn jemand einen anderen fängt, der durch den Roggen geht...“
Holden ist mit einer Freundin am Broadway verabredet. Sie heißt Sally Hayes, und sie blendet ihn sofort mit ihrer erotischen Ausstrahlung. Gemeinsam gehen sie in ein Theaterstück, in dem die Lunts spielen, also Alfred Lunt und seine Ehefrau Lynn Fontanne, in den vierziger Jahren sehr berühmte Darsteller. Wieder einmal lässt uns Holden wissen, dass er keine Schauspieler mag. Nach dem Stück geht er mit Sally auf den Eislaufplatz der Radio City Hall, aber schon nach kurzer Zeit tun beiden derart die Füße weh, dass sie lieber etwas trinken gehen. Aus einem heftigen Impuls heraus beginnt Holden von seiner Abneigung gegenüber Bubenschulen, ja, gegenüber der Gesellschaft insgesamt zu erzählen, und er fordert Sally auf, mit ihm abzuhauen, nach Massachusetts oder Vermont, irgendwohin, wo es ländlich ist, urig, echt und aufrichtig, und wo sie miteinander leben könnten. Sally weigert sich. Sie geraten in einen heftigen Streit, und Sally lässt Holden stehen.
Der trifft sich später in der Wicker Bar des Seton Hotels mit einem früheren Tutor namens Carl Luce. Und wieder schafft es Holden, der sich doch eigentlich beständig nach Gesellschaft sehnt, nicht, ein vernünftiges Gespräch zu führen. Einerseits ist er von Carls Leben fasziniert – dieser lebt mit einer chinesischen Bildhauerin zusammen – andererseits gehen ihm dessen Eigenheiten auf die Nerven. Holden versucht Carl über sein Sexleben auszufragen und vertreibt ihn schließlich mit seinen Blödeleien. Er bleibt allein zurück, betrinkt sich, steckt auf der Toilette des Lokals den Kopf unters Wasser und läuft so in die Kälte hinaus. Eine Weile irrt er durch den Central Park, auf der Suche nach den Enten, es geht ihm schlecht, und er stellt sich vor, wie er bald an Lungenentzündung sterben wird. Mitten in diesen düsteren Gedanken beschließt er, seine Schwester Phoebe zu besuchen.

Mit seinem Türschlüssel gelangt er in die Wohnung der Eltern. In Phoebes Zimmer liest er eine Weile lang in ihren Notizbüchern, bevor er sie dann weckt und ihr von seinen Nöten erzählt. Er schenkt ihr seine rote Jagdmütze. Mitten in der Unterhaltung kommen die Eltern von einem Gesellschaftstermin zurück, Holden muss sich im Schrank verstecken, kann dann aber ungesehen entkommen. Er begibt sich in die Wohnung eines früheren Lehrers namens Mr. Antolini, der als echter Bohemien noch wach ist und Holden für die Übernachtung seine Wohnzimmercouch anbietet. Mitten in der Nacht schreckt Holden hoch. Neben seinem Bett sitzt Mr. Antolini, der ihm über den Kopf gestreichelt hat. Holden hat mit solchen Dingen schon Erfahrungen gemacht, ist nicht scharf auf weitere und verlässt hastigst die Wohnung am Sutton Place.
Am nächsten Tag verabredet er sich mit seiner Schwester beim Museum für Naturgeschichte – ein Ort, der für eine glückliche und sorgenfreie Kindheit steht, in der man noch nicht von der Welt bedroht war. Holden will sich von Phoebe verabschieden, er hat vor, nach Westen zu gehen. Phoebe, die Trägerin der roten Jagdmütze, schafft es aber, ihm das Versprechen abzunehmen, dass er bleibt. Der Roman endet mit einem halbwegs glücklichen Holden Caulfield, der im Central Park auf einer Bank unterm Regen sitzt und zusieht, wie seine Schwester auf einem Karussellpferd ihre Runden dreht.
(Abbildung: Wikipedia)
 
Das ist eigentlich kein sehr ausgefeilter Plot, dennoch hat der Roman ein großes Publikum fasziniert. Über 65 Millionen mal wurde er verkauft, 2004 stellte man fest, dass immer noch jedes Jahr etwa 250.000 Exemplare über die Ladentische gingen. Nicht nur erfolgreich ist das Buch, sondern auch kontroversiell. In den siebziger Jahren verloren Lehrer in den USA ihre Jobs, weil sie „Der Fänger im Roggen“ als Klassenlektüre benutzten. Holden spricht im Roman Themen an wie Religion, Krieg (er ist für den Atomkrieg), Sexualität, und außerdem raucht er fast ununterbrochen. Obwohl es nicht die Zielgruppe war, die Salinger beim Schreiben im Kopf hatte, spricht das Buch v.a. ein adoleszentes Publikum an. Immerhin geht es um Unzufriedenheit, um das Sich-Fremdfühlen in der Welt, um die unklare Stellung zwischen der Welt der Kinder, in die man nicht zurückkann und die Welt der Erwachsenen, in die man nicht eintreten will, weil sie voller Täuschungen, Stolperstricke, Konventionen und langweiliger Gesellschaftsregeln ist. Fluch- und Schimpfwörter („fuck“, „goddam“) benutzt Holden häufig, und auch das brachte das Buch immer wieder auf den Index. Der Roman bildet insgesamt ziemlich genau ab, was es heißt, ein Jugendlicher zu sein, ein Heranwachsender, der seinen Weg in der Welt sucht. Salinger hat von deutlichen autobiographischen Bezügen gesprochen. Mein Verdacht ist, dass der Autor bis zu seinem Tod wie Holden Caulfield empfunden hat – in Hinblick auf die Welt und alles, was darin ist.



Der Titel des Romans verweist auf Schutz suchende bzw. benötigende Kinder. Während Holden sich mit Phoebe nachts unterhält, verzweifelt sie an ihm, weil er nichts und niemanden zu mögen scheint. Er solle ihr etwas nennen, was ihm uneingeschränkt gefalle, verlangt sie. Das hier, antwortet er, hier mit ihr zu sitzen und sich zu unterhalten – das liebe er. Das zähle nicht, sagt Phoebe. Daraufhin denkt Holden lange nach und entwirft – wohl inspiriert durch das singende Kind auf der Fahrbahn – ein Bild: ein Feld voll spielender Kinder; es gibt auch eine Klippe, an der er, Holden, Wache hält; wenn nun eins der im Roggen spielenden Kinder der Klippe zu nahe kommt, würde er es einfangen und in Sicherheit bringen; das gefalle ihm, das wolle er sein und nichts anderes – der Fänger im Roggen.


1962 kam die deutsche Übersetzung, die Heinrich und Annemarie Böll besorgt hatten, auf den Markt. Die darin wiedergegebene Teenager-Sprache ist ein bisschen angestaubt. Seit 2003 gibt es eine modernere Übersetzung von Eike Schönfeld.


In dieser Folge von FORUM LITERATUR hören Sie Musik, die ausschließlich aus dem Erscheinungsjahr von „Der Fänger im Roggen“ stammt – 1951:


Tampa Red: Boogie-Woogie Woman

Morris Lane: Blue Jeans

Camille Howard: Million Dollar Boogie

Herbie Nichols: ‘s Wonderful

John Lee Hooker: Baby, Please Don’t Go

Tab Smith: Ace High

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Technik: Karl Pfeifer