Freitag, 19. März 2010

FORUM LITERATUR # 10: Future Reading / Der Handy-Roman


Wie der Titel schon anklingen lässt, geht es in dieser Ausgabe von FORUM LITERATUR um Erweiterungen unseres Lesehorizonts. Wir leben ja schon eine Weile mit den elektronischen Medien, was unseren Umgang mit dem geschriebenen Wort verändert hat. Texte begegnen uns im Alltag längst nicht mehr nur in ihrer papiernen Form, sondern auch in digitaler Gestalt auf allen möglichen Bildschirmen (PC, Handy, Palmtop, auf Bahnhöfen und Flughäfen usf.). Jemand, der ein Auge auf diese Entwicklung hat und sie auch aktiv nachvollzieht, kommt diesmal in unserer Sendung zu Wort. Er ist Amerikaner, Historiker von Rang, produktiver Autor, hervorragender Stilist. Die Rede ist von Anthony Grafton, Professor für Geschichte an der Universität von Princeton.



Professor Grafton ist Jahrgang 1950 und in einem Haushalt aufgewachsen, in dem Intellektuelle und Personen aus dem kulturellen Leben ein und aus gingen. Sein Vater war Starkolumnist bei der New York Post, damals noch eine liberal denkende Zeitung. Anthony zeigte früh ein Interesse für Altgriechisch, studierte Geschichte in London und an der Universität von Chicago, wo er seinen Abschluss machte. Seit 1975 ist er Mitglied des Instituts für Geschichte der Universtität Princeton in New Jersey. Dort hat - neben anderen wissenschaftlichen Größen - auch Albert Einstein von 1932 bis 1955 gelehrt und geforscht. Professor Grafton ist das Abbild eines Gelehrten, mit Bart, Brille, oft in Pullover und Cordhose (die von Einstein etablierte und von Woody Allen einzementierte Uniform des Intellektuellen). Sein Gang ist etwas wackelig geworden, da sein Rücken vom vielen Sitzen und Lesen in Mitleidenschaft gezogen ist. Apropos Lesen: Worum ich den Professor besonders beneide, ist sein Bücherrad, das er in seinem Studierzimmer zu Hause stehen hat.

(Abbildung: Wikipedia)

Grafton legt die etwas mehr als drei Kilometer von zu Hause zu seinem Büro auf dem Campus jeden Morgen zu Fuß zurück. Dabei hat er die Nase in einem Buch. Er spricht in druckreifen Sätzen, hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis und spricht bzw. liest acht Sprachen. In deutscher Sprache liegt seine umfassende Monografie über Leon Battista Alberti vor, erschienen 2002 unter dem Titel "Leon Battista Alberti: Baumeister der Renaissance" im Berlin Verlag.


Ein anderes Werk, das Grafton - zusätzlich zu seinen anderen Verdiensten - auch als originellen Forscher ausweist, sich aber dennoch seinem Gegenstand mit aller wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit nähert, ist das Buch "Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote", leider im Augenblick vergriffen (im englischen Original hier zu finden). Bekannt wurde Anthony Grafton mit seiner - leider nicht ins Deutsche übertragenen - Biografie des französischen Gelehrten Joseph Justus Scaliger (16./17. Jahrhundert). Darin beschäftigt er sich u.a. auch mit Fragen der Chronologie. Zeit war in der frühen Neuzeit ein wichigtes Thema, man war besessen davon, die Zeit, die man zur Verfügung hatte, ökonomisch zu nutzen. Darüber hinaus war es den Gelehrten ein Anliegen, eine vollständige Zeitachse zu rekonstruieren, das heißt, den Strom der vergangenen Ereignisse möglichst lückenlos nachzuvollziehen, beginnend mit dem Moment der Schöpfung, den man auf ca. 4000 vor 0 berechnete. Um einzelne Ereignisse zu datieren, wurden klassische und biblische Texte herangezogen, studiert, verglichen, was ein gewaltiges Wissen in Sprachen, Geschichte und Astronomie erforderte. Da Grafton als Beobachter zweiter Ordnung die verschiedenen Chronologisierungsversuche dokumentiert und zu verstehen versucht, benötigt auch er ein ähnliches Wissen in diesen Fachbereichen. Es sei nur erwähnt, dass er sich etwa mit Keplers Schriften beschäftigt, um dessen Experimente mit der Zeit zu erforschen.
Als Historiker ist Grafton immer wieder mit dem Auffinden, Lesen, Bearbeiten, Aufbewahren von Informationen (in seinem Fall: über die Vergangenheit) befasst. Er muss diese Tätigkeiten als Forscher ausüben, aber sie interessieren ihn auch unter einem theoretischen Gesichtspunkt - und in diesem Fall ist er, der auch die abseitigsten Blogs nicht verschmäht, ganz in der Gegenwart.

Unter dem Titel "Future Reading" hat sich Anthony Grafton in der Zeitschrift The New Yorker 2007 mit diesen Themen auseinandergesetzt. Dieses Magazin haben wir ja in der letzten Sendung in Zusammenhang mit J. D. Salinger mehrfach erwähnt. Der Titel von Graftons Artikel heißt soviel wie "zukünftiges Lesen", kann aber auch "das Lesen der Zukunft" oder "die Zukunft vorhersagen" bedeuten. Diesen Artikel hat Professor Grafton dann zu einer Buchpublikation erweitert, betitel "Codex in Crisis" (Codex oder Handschrift in Schwierigkeiten), und vor den Mitarbeitern der Firma Google hat er einen Vortrag über das Thema "Lesen im digitalen Zeitalter" gehalten. Das ist besonders interessant, weil das Unternehmen Google im Zentrum von Graftons Überlegungen steht. Denn diese drehen sich nicht bloß ums einfache Lesen, sondern - wie gesagt - vor allem um das Speichern, Suchen, Wiederauffinden von benötigten Informationen. Google hat Anfang des 21. Jahrhunderts mit einem ehrgeizigen Projekt begonnen, nämlich einen umfassenden Index aller Bücher auf der Welt zu liefern, natürlich digital und im Web. Dafür arbeitet Google mit Verlagen zusammen - anscheinend sind es mehr als 10.000 weltweit - mit dem Ziel, Informationen über Bücher anzubieten, die noch dem Urheberrecht unterliegen, sie also sozusagen in der kollektiven Erinnerung zu halten. Dazu werden Textausschnitte präsentiert, um dieses Material Nutzern des WWW so weit wie möglich zugänglich zu machen.



Dazu existiert aber noch ein zweites Projekt, nämlich das Google Library Project, das in Zusammenarbeit mit amerikanischen und ausländischen Bibliotheken betreut wird - aus deren Beständen digitalisiert (scannt) Google so viele Bücher wie möglich. Aus der New York Public Library werden etwa über eine Million Bücher eingescannt. NB: Google ist dabei nicht ohne Konkurrenz, ganz im Gegenteil - Microsoft und Amazon seien ebenfalls aktiv, schreibt Professor Grafton, doch hat seit Erscheinen seines Artikels Microsoft sein Unterfangen wieder eingestellt.


Das alles, verwahrt sich Anthony Grafton, wird aber nicht zu dem großartigen INFOTOPIA führen, das uns versprochen wird,  mit einer möglichst uneingeschränkten Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Büchern und historischen Dokumenten. Es handle sich vielmehr einfach um einen weiteren Schritt in der Entwicklung menschlicher Informationslogistik. Hier schweift er als Historiker exkursorisch in die Vergangenheit ab. 300 vor 0 gründete Ptolemaios I. in Alexandria eine Bibliothek, die eine umfassende Sammlung von Schriften in griechischer Sprache enthalten sollte. Jedes Schiff, das im Hafen von Alexandria vor Anker ging, wurde auf Schriftrollen durchsucht, gefundene Rollen wurden konfisziert und in der Bibliothek von der Belegschaft kopiert. Die Kopien gingen an die ursprünglichen Besitzer zurück, "hail and farewell". Die Originale blieben in der Bibliothek und wurden dort katalogisiert. Zu ihrer besten Zeit enthielt die Bibliothek von Alexandria mehr als eine halbe Million Schriftrollen. Zum ersten Mal in der Kulturgeschichte der Menschheit wurden Schriften alphabetisch auf Regalen gelagert. Weiters erwähnt Grafton die Kanonischen Tabellen, die Eusebius, Erzbischof von Caesarea eingeführt hat (wir befinden uns bereits 600 Jahre nach der Bibliotheksgründung in Alexandria): Sie ermöglichen beim Bibel-Studium das Auffinden von Parallelstellen in den vier Evangelien. Mitte des 15. Jahrhunderts brachte der Buchdruck eine unerhörte Revolution in die Geisteswelt, die Vervielfältigung und Verbreitung von Information in großem Stil war plötzlich möglich.
(Abbildung: Wikipedia)

In der frühen Zeit des Buchdrucks wurden Gelehrte mitunter zu Beratern der Buchdrucker und trieben mit ihren Präferenzen die Drucker, die ja auch Unternehmer waren, in den Ruin. Mit der Renaissance brach das Zeitalter der Kommentare und Annotationen an, Gelehrte wie Isaac Casaubon versahen ihre Ausgaben der Klassiker mit kommentierenden Notizen und spannen auf diese Art ein Netz an Zusatzinformation, das sich über die Bücher verteilte und über Notizbücher ansteuerbar war.

(Abbildung: Wikipedia)

Erasmus von Rotterdam war der Ansicht, jeder Student müsse den Korpus der klassischen Literatur auf eigene Faust durchlesen und kommentieren, verfasste aber nichtsdestotrotz Schriften, die den Studenten die Arbeit erleichtern sollten - die sogenannten "Adagia".

(Abbildung: Wikipedia)

Mitte des 18. Jahrhunderts probierten Bibliotheken, in denen geforscht wurde, immer neue Katalogisierungssystem aus, in den 1870er Jahren setzte sich in den USA das Dewey-System auf breiter Basis durch. (Dazu ein Lesetipp: Markus Krajewski: ZettelWirtschaft. Die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek. Berlin: Kadmos 2002). Mitte des 20. Jahrhunderts begann man die Vorteile der Mikrofotografie für Bibliotheken und Universitäten zu nutzen, sodass manche dieser Einrichtungen bestimmte Bücher und Dokumente nicht im Original in ihren Beständen hatten, sondern lediglich auf Film oder Mikrofiche. Grafton berichtet, dass aufgrund dieser neuen Möglichkeiten manche Bibliothekare sich dazu verleiten ließen, Bücher und Zeitungen zu vernichten. Sie hatten ja alles auf Mikrofilm.
Die Digitalisierung riesiger Bücherbestände ist von der Projektdimension her größer als alles, was sich Verfechter der Mikrofotografie je haben träumen lassen. Grafton zitiert den WIRED-Redakteur Kevin Kelly, der sich 2006 unter dem Titel "Scan this Book!" in der New York Times zur Digitalisierung geäußert hat.


Kelly ist voller Begeisterung. Schriftliche Kultur wird in digitaler Netz-Gestalt nicht nur einfach verfügbar sein. Was bisher in Form von Büchern aus einzelnen Wissensinseln bestand, wird nun zu einem immensen liquiden Datenmeer zusammenfließen. Wissenseinheiten können sich darin nach Belieben miteinander verbinden durch die Instrumente Link und Tag. Jeder Nutzer kann sich auf eine eigene Navigationsroute durch das Meer begeben, besonders beliebte Routen werden nach und nach ein Kartografierungssystem ergeben. Nutzer können kreativ werden, Auszüge aus dem Datenmeer zerschneiden, die Schnipsel einzeln aufbewahren oder neu abmischen oder große Datenmengen aus dem Netz zu individualisierten elektronischen Bibliotheken zusammenfügen. Darüber hinaus nennt Kelly konkrete Vorteile eines vollständig erfassten, digitalisierten Buchbestands:
1) Publikationen, die als Bücher auf null Interesse gestoßen sind, werden im Internet ihr - wenn auch kleines - Publikum finden, dazu wird die Verlinkung verhelfen;
2) was unsere Geschichte ausmacht, werden wir noch viel besser erfassen, da ja jedes Original-Dokument aus der Menschheitsgeschichte einsehbar gemacht werden wird;
3) die universale Digital-Bücherei wird ein neues Bewusstsein von Autorität schaffen, in dem Sinne, dass wir zu einem bestimmten Thema alles Schrifttum in allen bekannten Sprachen erfassen können - das wird uns als Zivilisation einen Überblick darüber verschaffen, was wir alles wissen und wo wir Lücken haben;
4) der Überblick darüber, was alles zu einem noch so punktuell definierten Thema geschrieben worden ist (Kelly nennt als Beispiel den Trafalgar Square), führt zu einer neuen Kultur der Interaktion und des Sich-Beteiligens;
Gerade der letzte Punkt erscheint mir nun doch ziemlich schwammig zu sein, mehr Propaganda als Resultat genauen Denkens. Für letzteres hält man sich lieber an Grafton, dessen Artikel in keiner Weise einseitig genannt werden kann - es geht bei ihm nicht um das edle Buch wider die Barbarei der Digitalisierung. Es stimmt, schreibt Grafton, die weitreichende Digitalisierung von Buchbeständen eröffnet vielen eine leichteren Zugang zu diesem Material, weitaus mehr Menschen haben ja einen PC mit Internet-Anschluss als z.B. ein Mikrofiche-Lesegerät.

(Mikrofiche-Lesegerät. Photo: Wikipedia)

Der Algorithmus der Google-Suchmaschine zählt und evaluiert die Verlinkungswege, die Nutzer bei einer bestimmten Recherche eingeschlagen haben. Oft benutzte Wege werden verstärkt, führen zu einem Ranking von Suchergebnissen, wodurch späteren Nutzern, die ähnliche Themen recherchieren, die Suche erleichtert werden soll. Darin wird die in der akademischen Welt ausschlaggebende Häufigkeit des Zitats imitiert - je öfter eine bestimmte Arbeit (Aufsatz oder Buch) in anderen Arbeiten zitiert wird, desto mehr Bedeutung erhält sie.
Die Nachteile der Digitalisierung sind jedoch nicht zu unterschätzen. Beim Einscannen kann der Maschine leicht ein "n" für ein "u" vorgemacht werden, was beispielsweise bei der Suchanfrage "qualitas" zu Problemen führen würde. Das größere Problem bildet aber das Urheberrecht. Einer konservativen Schätzung zufolge beträgt die Anzahl der von der Menschheit in die Welt gesetzten Bücher 32 Millionen, bei Google glaubt man an eine Zahl von 100 Millionen Büchern. Zwischen 5 und 10 % der bekannten Bücher sind im Druck. 20 % - also die zwischen 1450 und 1923 gedruckten Bücher - unterliegen nicht mehr dem Urheberrecht. Damit gibt es kein Problem. Aber da ist eine große Restmenge. 75 % des anzunehmenden Gesamtbestands unterliegen noch dem Urheberrecht, befinden sich aber nicht mehr im Druck. Für sie gilt: aus dem Auge, aus dem Sinn. Google scannt auch diese 75 % ein, obwohl es heftige Kontroversen ausgelöst hat. Microsoft war in seinen Anstrengungen vorsichtiger, scannte nur, was man scannen durfte.
Eine Firma wie Google interessiert sich v.a. für das wirtschaftlich Interessante, was bedeutet, dass - entgegen dem, was der begeisterte Kelly predigt - das Randständige außen vor bleibt. Bei Google hat man explizit kein Interesse an Büchern aus den ersten beiden Jahrhunderten des Buchdrucks, auch weil diese Exemplare besondere Bedingungen bräuchten, um überhaupt eingescannt zu werden. Um Bücher, die bei Google durchs Raster fallen, kümmern sich non-profit-Organisationen, aber auch kommerzielle Unternehmungen.

Project Gutenberg - die deutsche Variante ist eher unzulänglich







Perseus Digital Library - Texte in Latein und Griechisch

The Valley of the Shadow - ein elektronisches Archiv, das das Leben in zwei Gemeinden während des Sezessionkriegs so detailliert wie möglich erfasst

So wird die große digitale Bücherei keineswegs so vollständig, einheitlich, zentralisiert sein, wie es uns Digi-Prophet Kelly weismachen will. Es gibt viele verschiedene Bestrebungen, die untereinander vielleicht Chancen zur Zusammenarbeit nutzen könnten.
Eine ganze Weile noch werden Leser und Gelehrte beide Wege einschlagen müssen, schließt Grafton. Niemand sollte die breite Straße meiden, die über die Bildschirme führt. Nichts aber kann das vertiefte Wissen ersetzen, das nur in Bibliotheken, Archiven, Lesesälen zu haben ist, im direkten Kontakt mit den Forschungsmaterialien. Das wird gut illustriert durch die Geschichte eines Forschers, der 250 alte Briefe aus einem Archiv sorgsam beschnüffelte. Im 18. Jahrhundert war es üblich, Briefe, die aus von der Cholera heimgesuchten Ortschaften kamen, mit Essig zu beträufeln, da man sich davon eine Vermeidung von Ansteckung erhoffte. Diesem leichten Essiggeruch spürte der schnüffelnde Experte nach, da ihm eventuell vorhandene Spuren die Datierung des Ausbruchs von Krankheiten in der Vergangenheit ermöglichen würden. So etwas ist digital einfach nicht zu haben.

***


Der Briefroman ist eine frühe Gattung in der Weltliteratur. Beispiele, die einem gleich mal einfallen, wären Choderlos de Laclos' "Gefährliche Liebschaften", Samuel Richardsons "Pamela" oder Goethes "Die Leiden des jungen Werther". 1994 erschien bei Eichborn in Frankfurt ein Roman mit dem Titel "Fanmail" (Fanpost), verfasst von Ronald Munson, seines Zeichens Philosophie-Professor an der Universtität von Missouri-Saint Louis.


Im Untertitel wird das Buch als "Faxroman" ausgewiesen, denn die Handlung setzt sich aus dem Inhalt von Faxen, Memos, aus dem Text auf Anrufbeantwortern und Diktaphonen und, ja, aus guten alten handgeschriebenen Briefen zusammen. Dabei wird die Geduld des Lesers mitunter auch strapaziert - das letzte Duell zwischen der Heldin, einer blendend aussehenden Fernsehmoderatorin, und ihrem übersteigerten Fan wird auf Tonband aufgenommen und in dessen Transkription wiedergegeben. Das bewirkt solch dramaturgische Plumpheiten wie den Ausruf der Heldin: "Was haben Sie denn da? Eine Pistole!" Auch das Telefon hat seine Spuren in der erzählenden Literatur hinterlassen, schon bei Proust finden sich herrliche Passagen über dieses damals in den Wohnungen Einzug haltende Kommunikationsgerät. David Lodge sagt in seiner "Kunst des Erzählens", das Telefon sei interessant für Autoren, die v.a. die Ausdrucksmöglichkeiten des Dialogs ausloten wollten. Als Beispiel zitiert er eine Seite aus Evelyn Waughs "A Handful of Dust" (Eine Handvoll Staub).
Nun könnte man sich fragen - würde ein Briefroman diese seine Bezeichnung nicht erst mit vollem Recht tragen, wenn die Leserin jedes neue Kapitel per Post erhielte? Oder beim Faxroman per Fax? Oder wenn sie es am Telefon vorgelesen bekäme? Letzteres ist mittlerweile in gewisser Weise möglich, allerdings braucht niemand lauschend am Hörer zu kleben, im Zeitalter der Mobiltelefone kommt die nächste Fortsetzung per SMS bzw. mobiles Internet einfach aufs Handy. Und damit sind wir beim Handy-Roman.
Artikel über die cell phone novel in der Daily News

Als keitai shosetsu ist der Handy-Roman seit ca. 10 Jahren Teil der japanischen Alltagskultur. Diese wird stark durch die weit verbreiteten Handys bestimmt - Verträge sind günstig, mobiles Internet auf den Handys ist Standard, was mit sich bringt, dass die Romane in kleinen Einheiten serviert werden. Jedes Kapitel kann man in 3-4 Minuten lesen. Die Generation, die solche Romane am Handy konsumiert oder schreibt, wird spöttisch Daumen-Generation genannt.
Grundsätzlich sind zwei Arten von Handy-Romanen zu unterscheiden. Es gibt die kostenlose Varianten, die über entsprechende Handyseiten im Internet abonniert werden können. Das größte Portal heiß Maho i-Land (Magic Island):




Neben Blogs und anderen freien Diensten bekommt man hier auch die Möglichkeit, einen eigenen Handy-Roman zu beginnen. Angeblich gibt es auf Magic Island über eine Million begonnene Handy-Romane!
Kostenpflichtige Handy-Romane hingegen kann man gegen eine geringe Gebühr über die kommerziellen Websites von Verlagen wie Shinchosha abonnieren.


Erst in einem letzten Schritt werden erfolgreiche, d.h. viel abonnierte Romane als gedruckte Bücher verkauft. In Buchhandlungen gibt es eigene Abteilungen dafür. Der Verlag STARTS hat sich auf die Veröffentlichung gedruckter Handy-Romane spezialisiert:




Die gedruckten Varianten der Handy-Romane haben durchaus das Zeug zu Bestsellern. Das Internet-Lexion Wikipedia verzeichnet eine japanische Bestseller-Liste aus dem Jahr 2007. Von den 10 dieser Liste zufolge erfolgreichsten Titeln sind 5 gedruckte Handy-Romane. Diese besetzen die Plätze 1-3, dann 5 und 7. Der Handyroman auf Platz 1 ("Koizora" - etwa: "Himmel der Liebe") hatte zu diesem Zeitpunkt 12 Millionen Leserinnen. Im Durchschnitt werden von den Handy-Büchern etwa 400.00 Stück verkauft.
Ein Mann Mitte 30 hat diesen Trend mehr oder weniger ins Leben gerufen. Seinen richtigen Namen kennt die Öffentlichkeit nicht (er hält es mit der Privatsphäre wie J.D. Salinger), bekannt ist er nur unter seinem Pseudonym Yoshi. Er arbeitete zuerst als Lehrer an einem Nachhilfeinstitut, später hatte er ein Büro im Tokioter In-Viertel Shibuya. Seine Jobs boten ihm ausreichend Gelegenheit, die rasch sich verfestigende Bindung zwischen jungen Mädchen und ihren Handys zu beobachten. Im Jahr 2000 richtete Yoshi eine Website ein und begann dort seinen Roman in Fortsetzungen zu posten. Als Publikum hatte er junge Mädchen und Frauen vor Augen, die mit Hilfe ihrer geliebten Telefone seine Texte abonnieren würden. Den Titel seines Romans könnte man mit "Innige Liebe" übersetzen (auf Englisch als "Deep Love" übersetzt). Yoshi greift darin ein Phänomen auf, das in Japan enjo kosai genannt wird und als unmittelbarer Auswuchs der korporativ-kapitalistischen Konsumkultur gesehen werden kann. Es handelt sich um eine Form von Prostitution: Schulmädchen bieten Männern mittleren Alters Begleitservice oder sexuelle Dienstleistungen an, im Austausch gegen Geld, Designerkleidung oder andere Konsumgüter. Eine dieser jungen Frauen ist die Heldin von Yoshis Roman - allerdings verdient sie das Geld nicht für Gucci-Schuhe, sondern um ihrem Freund eine Herzoperation zu ermöglichen. Doch das Schicksal will es anders: Der Freund erhält das Geld nie, die Heldin steckt sich mit dem HI-Virus an und stirbt an AIDS.


Um seinen Roman zu promoten, verteilte Yoshi Werbematerial vor den Schulen. Bald befand er sich in regem E-Mail-Austausch mit seinen Leserinnen, die sogar auf die Handlung Einfluss nahmen. Die Idee, seine Heldin an AIDS sterben zu lassen, habe er von einer Leserin erhalten, die sich durch enjo kosai eine Ansteckung zugezogen habe, hat Yoshi einmal erzählt. In gedruckter Form brachte er seinen Roman im Eigenverlag heraus und verkaufte 100.000 Exemplare davon. Wegen dieses Erfolgs interessierte sich der STARTS-Verlag für das Buch, brachte es noch einmal groß heraus, und bald wurde - wie in Japan nicht unüblich - der Stoff weiterverarbeitet: zu einem Manga (Comic), zu einem Fernseh-Drama, einem Kino-Film, und zuletzt folgte eine Serie von Fortsetzungsromanen mit inzwischen insgesamt 2,7 Millionen verkauften Stück.
Schon bald, nachdem Yoshi mit seinem Fortsetzungsroman im Internet begonnen hatte, richtete Maho i-Land das Gratisangebot für Online-Romane ein. 2003 wurde in Japan der unbegrenzte Datentransfer für Handys eingerichtet, sodass die Zahl der zwischen Internet und Mobiltelefonie entstehenden Romane sprunghaft anstieg. Diese Textgattung besteht übrigens v.a. aus Monologen und Dialogen, beschreibende Passagen fehlen fast völlig, temporeiche Plots werden in kurzen, prägnanten Sätzen entwickelt. Die ursprüngliche Zielgruppe dieses Lesematerials - Schuldmädchen und junge Frauen um die Zwanzig, die die kurzen Kapitel in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule lesen - lieferte bald auch die Autorinnen für Handy-Romane. Die jungen Frauen benutzen mehr oder weniger ungeschminkt ihre eigene Biographie als Stoff, was die eine oder andere schon mal in Konflinkt mit ihrer Familie bringen kann (in Japan wird Einverständnis als Tugend betrachtet, Konflikte werden unter allen Umständen vermieden bzw. nicht öffentlich ausgetragen). Die Themen der Handy-Romane sind durchaus starker Tobak: Vergewaltigung, Krankheit, Gedächtnisverlust, Tod. Vor diesem Hintergrund entsteht fast immer eine romantische Liebesbeziehung. Die kulturellen Vorstellungen, die dabei transportiert werden, sind sehr konservativ - Frauen leiden in diesen Geschichten passiv; sie sind die Opfer ihrer Emotionen, ihrer Körperlichkeit; sie glauben daran, dass die wahre Liebe alles überdauern wird. Diese Inhalte kommen einer männlich bestimmten Kultur entgegen, doch haben Mädchen und Frauen immerhin einen Weg gefunden, über Handy-Romane ihre Stimme zu erheben. Die Handy-Romane bieten Soziologen eine interessante Datenlage, was die Lebenssituation junger Frauen im heutigen Japan angeht. Arrivierte Vertreter der literarischen Szene nehmen die Handy-Romane als Literatur nicht ernst. Banana Yoshimoto etwa hat öffentlich erklärt, sie halte das Lesen dieser Texte für Zeitverschwendung.
In Europa hat der Handy-Roman noch kaum Fuß gefasst. Prominenter Vertreter der Gattung ist der Wirtschaftsinformatiker und Schriftsteller Oliver Bendel. Er schreibt Handy-Krimis rund um eine Figur namens "Lucy Luder". 2009 hat er auf der Frankfurter Buchmesse den ersten Teil einer neuen Romanserie vorgestellt, der er den passenden Titel "Handygirl" gegeben hat.

FORUM LITERATUR # 10 geht nur auf Sendung, weil dies das schon mehrfach erwähnte Steinegger Genie Thomas Rieder durch seinen selbstlosen Einsatz ermöglicht hat. Hab Dank, Kamerad.








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