Samstag, 13. März 2010

Forum Literatur # 9: J. D. Salinger – Der Fänger im Roggen (The Catcher in the Rye)


Jerome David Salinger wurde 1919 in Manhattan, New York geboren. Sein Vater war ein polnischer Jude, seine Mutter konvertierte zum Judentum, was Salinger aber erst nach seiner Bar Mitzwa herausfand. Das ist jenes Fest, durch das ein Jude die religiöse Mündigkeit erlangt – Mädchen mit 12 Jahren, Jungs mit 13. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf eine Szene in dem Film „A Serious Man“ der Coen-Brüder (sehr vergnüglich).

(Photo: Wikipedia)

Salinger besuchte eine Militärakademie in Pennsylvania – dort schrieb er mit der Taschenlampe Geschichten unter der Bettdecke. Es gab in seiner weiteren Ausbildung ein bisschen Hin und Her, zu einem bestimmten Zeitpunkt schickte Sol Salinger seinen Sohn nach Wien, damit er dort das Fleischimportgeschäft lerne (Sol war selbst im Lebensmittelhandel, er verkaufte koscheren Käse). Jerome David verließ Österreich nur einen Monat vor dem Anschluss an Deutschland.

1939 besuchte er an einem College in Pennsylvania einen Abendkurs für kreatives Schreiben. Sein Lehrer Whitt Burnett erinnerte sich einmal, dass Salinger sich bei jenem Kurs nicht hervorgetan hatte, erst wenige Wochen vor Ende des 2. Semesters sei er plötzlich aufgewacht und habe drei fertiggestellte Erzählungen abgegeben. Seine schriftstellerischen Fähigkeiten seien damals schon fortgeschritten gewesen. Eine dieser Geschichten – „The Young Folks“ – brachte Burnett in dem von ihm selbst herausgegebenen Magazin „Story“ unter. 1946 versuchte Burnett, der für einige Jahre Salingers Mentor war, seinem Schützling bei der Veröffentlichung eines Bandes mit Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Das Projekt scheiterte letztendlich am Verlag, doch machte Salinger seinen Freund für den Misserfolg verantwortlich. Die Freundschaft ging in die Brüche.

Mitte der vierziger Jahre ging Jerome David mit Oona O’Neill aus, der Tochter des Schriftstellers Eugene O’Neill, doch wandte sie sich schließlich einem anderen Heiratskandidaten zu, nämlich Charlie Chaplin. Auch Salingers Zusammenarbeit mit dem Magazin „The New Yorker“ fällt in diese Zeit.

(Abbildung: Wikipedia)

1941 akzeptierte die Zeitschrift eine Kurzgeschichte Salingers mit dem Titel „Slight Rebellion Off Madison“, die v.a. deswegen bemerkenswert ist, weil darin zum ersten Mal Holden Caulfield auftritt, der Held des Romans „Der Fänger im Roggen“. Die Veröffentlichung der Geschichte wurde aber wegen des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor verschoben, der Text konnte erst 1946 erscheinen. Salinger traf sich während des Zweiten Weltkriegs, in dem er als Soldat diente, mit Ernest Hemingway, der über den Jüngeren sagte: „Jesus, he has a helluva talent“ – er hat verdammt viel Talent. Nach dem Treffen wechselten die Autoren einige Briefe.

(Photo: Wikipedia)

Als Soldat wurde Salinger einer Abteilung für Gegenspionage zugewiesen, wegen seiner Sprachenkenntnisse ließ man ihn französische und deutsche Kriegsgefangene befragen. Er war auch einer der ersten Soldaten, die ein befreites Konzentrationslager betraten. Den Geruch nach verbranntem Fleisch, so Salinger, bekomme man nie wieder aus der Nase, sobald man ihn einmal habe riechen müssen. Vom Krieg emotional schwer belastet, lag Salinger nach der Niederlage der Deutschen für einige Wochen im Spital. Wahrscheinlich hat er auf einige dieser Erfahrungen zurückgegriffen, als er die Erzählung „Für Esmé mit Liebe und Unrat“ schrieb. Diese ist in dem Band „Nine Stories“ (Neun Erzählungen) enthalten.

Ende 1946 befand sich Salinger wieder in den USA. Die Ehe mit einer Deutschen scheiterte nach acht Monaten. Salinger wandte sich dem Zen-Buddhismus zu, und in der Folge sollten religiöse Anschauungen oder esoterische Lehren sein Leben und in gemilderter Form auch sein Schreiben prägen. Frauen, mit denen er ausging, pflegte er Leselisten zu buddhistischen Themen in die Hand zu drücken. 1948 erschien im „New Yorker“ eine Kurzgeschichte von Salinger, die bald zu seinen berühmtesten zählen sollte – „Ein herrlicher Tag für Bananenfisch“ (A Perfect Day for Bananafish). Es ist die erste Geschichte, in der die fiktive Familie Glass auftritt – ihre Spuren werden in den folgenden Jahren über J. D.s Werk verstreut zu finden sein. In den Vierzigern kam auch die Verfilmung einer von Salingers Erzählungen in die Kinos, doch wurde die Vorlage so abgewandelt, dass die Kritiker den miserablen Film zerpflückten und Salinger – als Folge dieses Fiaskos – nie wieder die Film- oder andere Nebenrechte für irgendeinen seiner Stoffe vergab. Und schließlich berichtete J.D. während der vierziger Jahre auch von der Arbeit an einem Roman – Holden Caulfield, bekannt aus „Slight Rebellion Off Madison“, sei die Hauptfigur. Am 16. Juli 1951 erschien „Der Fänger im Roggen“ (The Catcher in the Rye), und nach diesem Datum war für den Autor nichts mehr so wie davor.

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1952 hatte Salinger beim Studium der Schriften von Sri Ramakrishna ein tief gehendes religiöses Erlebnis. Er wurde zu einem Adepten des Hinduismus.

(Photo: Wikipedia)

Gedanken aus dieser Religion finden sich auch im Werk, zum Beispiel in der Kurzgeschichte „Teddy“, enthalten in „Neun Erzählungen“ (Nine Stories). Diese Sammlung – sieben der Geschichten waren im „New Yorker“ erschienen, zwei hatte das Magazin abgelehnt – wurde 1953 veröffentlicht. Im selben Jahr begann J.D. mit seinem Rückzug von der Welt, indem er von New York, wo er in einer Mietwohnung gelebt hatte, nach Cornish, New Hampshire übersiedelte.


Zwei Jahre später heiratete er Claire Douglas, mit der er zwei Kinder hatte: Margaret, die 2000 das Buch „Dream Catcher: a memoir“ über ihren Vater veröffentlichte (es wurde nicht ins Deutsche übertragen); und Matthew, der eine Karriere als Schauspieler und Produzent einschlug und das Buch seiner Schwester nach dessen Erscheinen öffentlich kritisierte: Offenbar habe er eine ganz andere Kindheit erlebt als seine Schwester. In Margarets Erinnerungsbuch erzählt die Mutter Claire, dass das Leben mit ihrem Mann einsam und zurückgezogen war; auch schwierig, weil Salinger immer wieder verschwand, um an etwas zu schreiben, dann aber nicht mit neuen Manuskripten, sondern mit einem neuen „–ismus“ zurückkehrte, dem die Familie nun zu folgen hatte. Dies sei wohl eine Taktik gewesen, um von der Unzufriedenheit mit seinen schriftstellerischen Leistungen abzulenken. Über die Jahre wurde die Familie auf so unterschiedliche Disziplinen eingeschworen wie: Yoga, Dianetik (Vorstufe zu Scientology), Christliche Wissenschaft, Homöopathie, Akupunktur, Makrobiotik, Fasten, Erbrechen zur inneren Reinigung, Urintherapie und der Orgonenergie-Lehre nach Wilhelm Reich. 1966 trennte sich Claire von Salinger, ein Jahr später wurde die Scheidung vollzogen.

(Abbildung: Wikipedia)

1972 ging Salinger, damals 53, eine Beziehung mit der 18jährigen Joyce Maynard ein. Sie war durch einen Artikel über ihr Leben, den sie für die New York Times geschrieben hatte, schlagartig berühmt geworden. Nach einem Briefwechsel zog sie zu Salinger nach Cornish, wo sie ein Jahr verbrachte. Über diese Zeit veröffentlichte sie 1998 ihr Buch „At Home in the World“, auf Deutsch unter dem Titel „Tanzstunden. Mein Jahr mit Salinger“ 1999 im Piper-Verlag erschienen.


Die sechziger Jahre begannen mit einer weiteren Fortsetzung der Glass-Familiensaga. 1961 erschien „Franny und Zooey“ (Franny and Zooey), zwei Erzählungen über zwei weitere Mitglieder der mit hohem Potenzial gesegneten Familie. 1963 folgte „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute und Seymour wird vorgestellt“ (Raise High the Roofbeam, Carpenters and Seymour: an Introduction), in denen der bereits aus „Ein herrlicher Tag für Bananenfisch“ bekannte Seymour Glass zusammen mit seinem jüngeren Bruder Buddy auftrat. 1965 schließlich veröffentlichte das Magazin „The New Yorker“ als eine Art Sondernummer die längere Erzählung „Hapworth 16, 1924“. Der Text ist eigentlich ein langer Brief, den der siebenjährige Seymour Glass – ausgestattet mit allen Attributen des Wunderkindes – aus dem Ferienlager (der Titel ist dessen Adresse) an die daheimgebliebenen Mitglieder seiner Familie schreibt. 1996 wollte Salinger die Erzählung in einem kleinen Verlag als Buch herausbringen, zog aber – nachdem sich noch vor der Veröffentlichung einige Kritiker in Artikeln erneut mit der Erzählung auseinandergesetzt hatten – das Manuskript zurück.

Seit seinem Rückzug von der Welt wurde Salinger mehr und mehr zum berühmtesten unsichtbaren Autor der USA, eine Rolle, in der ihm etwas später nur Thomas Pynchon Konkurrenz machen sollte. Salinger blieb der Öffentlichkeit aus Überzeugung fern, er liebte seine Privatsphäre über alles, wollte für sich sein und nicht alle Tage von bewundernden Fans mit Fotoapparaten belästigt werden. In dieser Rolle fand er selbst als Figur Eingang in Bücher und Filme. 1982 erschien „Shoeless Joe“ von W.P. Kinsella, ein Baseball-Roman, der sich der Erzählmittel des Magischen Realismus bediente. Salinger tritt darin namentlich als Figur auf. Für die Verfilmung (James Earl Jones, Kevin Costner) „Feld der Träume“ wurde sein Name allerdings abgewandelt.

                                                 
(Abbildung: Wikipedia)

1994 brachte Herbert Rosendorfer seinen Roman „Ein Liebhaber ungerader Zahlen“ heraus, in dem er einen Schriftsteller mit dem Namen Florious Fenix nach Salingers Vorbild zeichnete.

                                                       

Und Sean Connery porträtierte einen von der Welt zurückgezogen lebenden, aufgrund einer einzigen Buchveröffentlichung weltberühmt gewordenen Autor in dem Film von Gus van Sant „Finding Forrester“ (2000).

                                                

Nach 1965 wurde Salingers Name nicht mehr im Zusammenhang mit neuen Veröffentlichungen genannt. Gerüchte und Verlautbarungen besagten, er schreibe zwar weiterhin mit Disziplin, aber nur zum eigenen Vergnügen. Wenn man von ihm hörte, dann ging es meistens um Rechtsstreitigkeiten. So verhinderte Salinger das Erscheinen einer Biographie, die der britische Kritiker und Dichter Ian Hamilton über ihn schreiben wollte. Salinger störte v.a., dass – wie bei Biografien üblich – Hamilton ausführlich aus seinen Briefen zitieren wollte. Paradoxerweise gelangten gerade durch das legale Hick-Hack Auszüge aus diesen Dokumenten an die Öffentlichkeit (z.B. unfreundliche Äußerungen Salingers über seine Freundin Oona O’Neill und deren Ehemann Charlie Chaplin). 1988 veröffentlichte Hamilton das Buch „In Search of J. D. Salinger“, in dem er die Briefe und unveröffentlichten Erzählungen Salingers paraphrasierte und auch offen von seinem Scheitern am Projekt einer autorisierten Biografie berichtete. Hamiltons Buch liegt nicht auf Deutsch vor.
2009 erschien eine Fortsetzung von „Der Fänger im Roggen“, geschrieben von einem unbekannten Autor (J.D. California (!)). Das Buch „60 Years Later: Coming Through the Rye“ zeigt uns Holden Caulfield eben sechzig Jahre später, er büxt aus dem Altersheim aus und begibt sich noch einmal auf Wanderschaft durch New York. Salinger ließ die Veröffentlichung des Buches in den USA verbieten.
Im Jänner 2010 verstarb J. D. Salinger aufgrund natürlicher Ursachen im Alter von 91 Jahren. The New Yorker veröffentlichte Artikel zum Gedenken. Der amerikanische Autor Adam Gopnik würdigt Salinger v.a. als echten Romantiker, die Journalistin Lillian Ross (seit 1945 war sie Redaktionsmitglied des New Yorker) erinnert sich an J.D. als einzigartige Persönlichkeit, ja, man kann sagen: als Unikum – sowohl in seinen Ansichten, als auch seiner Haltung zur Welt und im Beschützerinstinkt gegenüber seinem Werk und seinen Figuren. Und sie zeigt Fotos aus ihrem Privatarchiv. Der Journalist John Seabrook – seit 1993 beim "New Yorker" für technische Themen zuständig – war mit Salingers Sohn Matt auf dem College, was ihm einmal eine Einladung beim großen Schriftsteller zuhause verschaffte, wo sie alle zusammen einen Film sahen. Die längste Reminiszenz stammt von der Autorin A.M. Homes – von ihr kann ich den Roman „Dieses Buch kann Ihr Leben retten“, 2008 bei Heyne in deutscher Übersetzung erschienen, nur wärmstens empfehlen. Der Titel hält, was er verspricht! Homes verbindet in ihrem Nachruf eine persönliche Jugenderinnerung mit der Kurzgeschichte „Ein herrlicher Tag für Bananenfisch“, gedenkt auch des Jahres 1980, des Tages, an dem John Lennon erschossen wurde. Der Attentäter hatte „Der Fänger im Roggen“ dabei und las dem sterbenden Lennon daraus vor. Homes schrieb als ganz junge Frau ein Stück über Salinger, mit dem sie prompt einen Literaturpreis gewann.

Jetzt zum Roman. Gleich in den ersten Sätzen von „Der Fänger im Roggen“ werden wir mit dem Protagonisten bekannt, mit dem schon erwähnten Holden Caulfield, 16 Jahre alt. Er sitzt irgendwo in einer Einrichtung, in der seine Nerven beruhigt werden sollen, und nimmt diesen Aufenthalt zum Anlass, uns die Geschichte eines Wochenendes zu erzählen, das er in New York verbracht hat. Er erzählt aus der Ich-Perspektive, aber nicht so’n David-Copperfield-Zeug, wie er sich gleich verwahrt. Es wird also keine Dickenssche Autobiografie mit vielen Wendungen und einem glücklichen Ausgang werden, womit sich Salinger, der ja dicht hinter Caulfields Stimme zu vermuten ist, sich gleich von einer bestimmten literarischen Tradition verabschiedet. Anders als viele Dickenssche Figuren ist Holden kein Waisenkind. Wir erfahren im Verlauf des Buches, dass seine Eltern in New York City leben. Sein Vater ist ein gutsituierter Wirtschaftsanwalt und investiert Geld in Broadway-Stücke, die nichts abwerfen, seine Mutter nagt immer noch am Tod des jüngsten Sohnes Allie (Leukämie), den Holden sehr gemocht hat und den er manchmal als eine Art Schutzengel zu betrachten scheint. Holdens Schwester Phoebe ist 10 Jahre alt, und der älteste Bruder – D.B. – ist professioneller Schriftsteller. Er hat ein Buch mit Erzählungen veröffentlicht – „The Secret Goldfish“ – das Holden sehr gefällt. Was er nicht leiden kann, ist, dass D.B. sich prostituiert hat: Er ist nach Hollywood gegangen, um dort Drehbücher zu verfassen. Holden hasst Filme und alles, was damit zu tun hat.
Am Beginn des Romans begegnen wir Holden in seiner Schule, der Pencey Prep School, einem Institut, von dem jeder versichert, es sei eine sehr gute Schule. Sie liegt ein wenig außerhalb von New York City. Es ist kurz vor Weihnachten, Ende des Wintersemesters, und Holden ist aus der Schule geflogen. Er bringt einfach kein Interesse für die meisten Fächer auf – mit Ausnahme von Englisch. Literarische Begabung liegt in der Familie: Vom ältesten Bruder war schon die Rede, Allie seinerseits hat mit grüner Tinte Gedichte auf seinen Baseball-Handschuh geschrieben, damit er was zu lesen hatte, falls keine Bälle zu fangen waren, und Phoebe schreibt unter dem Pseudonym Hazel Weatherfield eine Geschichte nach der anderen in ihre Notizbücher, ohne auch nur eine einzige fertig zu stellen.
Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass Holden aus einer Schule fliegt. Sein Geschichtelehrer, Mr. Spencer, versucht ihm gut zuzureden, obwohl er mit einer schweren Erkältung zuhause im Lehnsessel sitzt. Aber wie alle Erwachsenen kommt auch er nicht an Holden heran, der – anstatt zuzuhören – stets damit beschäftigt ist, darüber nachzudenken, wie heuchlerisch, aufgeblasen und gleichzeitig hohl die Erwachsenen sind und wie sehr ihn alles anödet. Das gilt auch für seine Mitschüler in Pencey – Ackley und Stradlater. Ersteren ärgert Holden wegen dessen mangelnder Körperhygiene, letzteren hält er für einen selbstverliebten, geistesschwachen Fatzke, nur Muskeln, kein Hirn. Noch am gleichen Samstagabend packt Holden seine Koffer, setzt sich seine neue rote Jagdmütze auf und verlässt – letztlich doch mit sehr gemischten Gefühlen – die Schule, in der die meisten Insassen schon schlafen gegangen sind. Mit dem Zug fährt er Richtung New York City, im Abteil trifft er die Mutter eines Klassenkameraden, den er verachtet. Da er sie aber attraktiv und nett findet, fängt er an, der Dame Lügen aufzutischen über ihren Sohn, der so nett, beinahe schüchtern und v.a. sehr selbstlos sei. (Holden versichert uns Lesern, dass er ein begabter und sehr produktiver Lügner ist.) Von sich erzählt er, dass er sich in der Stadt operieren lassen muss – Hirntumor! Als die Dame aussteigt, hat Caulfield ihr ganzes Mitleid.
In Manhattan (Penn Station) kommt die Abenteuerkette in Schwung. Holden hat den relativ sicheren Hafen seiner Schule verlassen, jetzt ist er ganz auf sich allein gestellt. Gleich zu seinen Eltern nach Hause will er nicht, dort wird er sowieso nicht vor Mittwoch erwartet. Inzwischen soll der Brief des Rektors eintreffen, überlegt Holden, und die Eltern sollen die Nachricht von seiner Schulentlassung verdauen können, bevor er selbst nach Hause zurückkehrt. Bis Mittwoch will er sich also sozusagen inkognito in New York City herumtreiben. Er nimmt ein Taxi und löchert den Fahrer mit der Frage, die ihn für den Rest des Romans umtreiben wird. Im Central Park gibt es einen Teich mit Enten. Wenn der Teich im Winter zufriert – wohin gehen dann die Enten? Holden wird keine Antwort finden. Noch heute schreiben Salinger-Leser Briefe an die Stadtverwaltung von New York, in denen sie sich nach dem Verbleib der Enten im Central Park erkundigen.
Holden checkt im Edmont Hotel ein, einem heruntergekommenen Schuppen, durch dessen Fenster er seine Nachbarn beobachten kann – einen Transvestiten und ein Paar, das sich gegenseitig mit Wasser oder sonst einer Flüssigkeit bespuckt. Das ist die Welt der Erwachsenen, die Salinger uns durch Holdens Augen zeigt – unheimlich, bedrohlich und voller Perversitäten. Holden selbst wird von seiner Sexualität umgetrieben. Er hat die Nummer einer Stripperin bei sich, die ihm ein älterer Kollege mal überlassen hat, er telefoniert mit der Dame, doch merkt sie bald, dass er zu jung für sie ist, und gibt ihm einen Korb. Daraufhin landet Holden im Lavender Room des Edmont Hotels. Dort tanzt er mit drei Frauen aus Seattle, doch verläuft die Kontaktanbahnung sehr schleppend. Die dreißigjährigen Frauen nehmen ihn kaum wahr, sondern recken beständig die Hälse, um einen Blick auf einen eventuell vorbeihastenden Filmstar zu erhaschen.
Holden zieht weiter in den Club Ernie’s, wo er eine frühere Freundin seines Bruders D.B. trifft. Die geht ihm alsbald so auf die Nerven, dass er den Club fluchtartig verlässt und zu Fuß zum Hotel zurückgeht. Dort macht er einen Fehler, indem er sich von Maurice, dem Liftboy, ein Mädchen aufs Zimmer vermitteln lässt. Die beiden sind natürlich Komplizen und betrügen Holden um sein Geld. Der Junge wird von Maurice geschlagen. Er behilft sich mit seiner Phantasie, indem er sich – trotz aller Abneigung gegen das Medium – in eine Filmszene versetzt. Er tut so, als sei er der angeschossene Held eines Film noir, der sich demnächst an seinem Feind, dem Liftboy Maurice, mit aller Härte rächen wird. Am nächsten Tag checkt der Junge aus dem Hotel aus und deponiert sein Gepäck in einem Fach am Grand Central Bahnhof. Dann geht er den Broadway entlang, betrachtet all die Menschen, die in die Kinos streben oder zu den Shows, und es fällt ihm eine Familie auf. Die Eltern gehen auf dem Gehsteig, aber das Kind läuft auf der Fahrbahn, zwar nahe am Bordstein, aber doch auf der Straße, und die Autos müssen ausweichen. Ganz gedankenverloren in dieser bedrohlichen Situation geht das Kind dahin und singt vor sich hin: „If a body catch a body coming through the rye ...“ Das ist eine Zeile aus einem Gedicht von Robert Burns und heißt in etwa: „Wenn jemand einen anderen fängt, der durch den Roggen geht...“
Holden ist mit einer Freundin am Broadway verabredet. Sie heißt Sally Hayes, und sie blendet ihn sofort mit ihrer erotischen Ausstrahlung. Gemeinsam gehen sie in ein Theaterstück, in dem die Lunts spielen, also Alfred Lunt und seine Ehefrau Lynn Fontanne, in den vierziger Jahren sehr berühmte Darsteller. Wieder einmal lässt uns Holden wissen, dass er keine Schauspieler mag. Nach dem Stück geht er mit Sally auf den Eislaufplatz der Radio City Hall, aber schon nach kurzer Zeit tun beiden derart die Füße weh, dass sie lieber etwas trinken gehen. Aus einem heftigen Impuls heraus beginnt Holden von seiner Abneigung gegenüber Bubenschulen, ja, gegenüber der Gesellschaft insgesamt zu erzählen, und er fordert Sally auf, mit ihm abzuhauen, nach Massachusetts oder Vermont, irgendwohin, wo es ländlich ist, urig, echt und aufrichtig, und wo sie miteinander leben könnten. Sally weigert sich. Sie geraten in einen heftigen Streit, und Sally lässt Holden stehen.
Der trifft sich später in der Wicker Bar des Seton Hotels mit einem früheren Tutor namens Carl Luce. Und wieder schafft es Holden, der sich doch eigentlich beständig nach Gesellschaft sehnt, nicht, ein vernünftiges Gespräch zu führen. Einerseits ist er von Carls Leben fasziniert – dieser lebt mit einer chinesischen Bildhauerin zusammen – andererseits gehen ihm dessen Eigenheiten auf die Nerven. Holden versucht Carl über sein Sexleben auszufragen und vertreibt ihn schließlich mit seinen Blödeleien. Er bleibt allein zurück, betrinkt sich, steckt auf der Toilette des Lokals den Kopf unters Wasser und läuft so in die Kälte hinaus. Eine Weile irrt er durch den Central Park, auf der Suche nach den Enten, es geht ihm schlecht, und er stellt sich vor, wie er bald an Lungenentzündung sterben wird. Mitten in diesen düsteren Gedanken beschließt er, seine Schwester Phoebe zu besuchen.

Mit seinem Türschlüssel gelangt er in die Wohnung der Eltern. In Phoebes Zimmer liest er eine Weile lang in ihren Notizbüchern, bevor er sie dann weckt und ihr von seinen Nöten erzählt. Er schenkt ihr seine rote Jagdmütze. Mitten in der Unterhaltung kommen die Eltern von einem Gesellschaftstermin zurück, Holden muss sich im Schrank verstecken, kann dann aber ungesehen entkommen. Er begibt sich in die Wohnung eines früheren Lehrers namens Mr. Antolini, der als echter Bohemien noch wach ist und Holden für die Übernachtung seine Wohnzimmercouch anbietet. Mitten in der Nacht schreckt Holden hoch. Neben seinem Bett sitzt Mr. Antolini, der ihm über den Kopf gestreichelt hat. Holden hat mit solchen Dingen schon Erfahrungen gemacht, ist nicht scharf auf weitere und verlässt hastigst die Wohnung am Sutton Place.
Am nächsten Tag verabredet er sich mit seiner Schwester beim Museum für Naturgeschichte – ein Ort, der für eine glückliche und sorgenfreie Kindheit steht, in der man noch nicht von der Welt bedroht war. Holden will sich von Phoebe verabschieden, er hat vor, nach Westen zu gehen. Phoebe, die Trägerin der roten Jagdmütze, schafft es aber, ihm das Versprechen abzunehmen, dass er bleibt. Der Roman endet mit einem halbwegs glücklichen Holden Caulfield, der im Central Park auf einer Bank unterm Regen sitzt und zusieht, wie seine Schwester auf einem Karussellpferd ihre Runden dreht.
(Abbildung: Wikipedia)
 
Das ist eigentlich kein sehr ausgefeilter Plot, dennoch hat der Roman ein großes Publikum fasziniert. Über 65 Millionen mal wurde er verkauft, 2004 stellte man fest, dass immer noch jedes Jahr etwa 250.000 Exemplare über die Ladentische gingen. Nicht nur erfolgreich ist das Buch, sondern auch kontroversiell. In den siebziger Jahren verloren Lehrer in den USA ihre Jobs, weil sie „Der Fänger im Roggen“ als Klassenlektüre benutzten. Holden spricht im Roman Themen an wie Religion, Krieg (er ist für den Atomkrieg), Sexualität, und außerdem raucht er fast ununterbrochen. Obwohl es nicht die Zielgruppe war, die Salinger beim Schreiben im Kopf hatte, spricht das Buch v.a. ein adoleszentes Publikum an. Immerhin geht es um Unzufriedenheit, um das Sich-Fremdfühlen in der Welt, um die unklare Stellung zwischen der Welt der Kinder, in die man nicht zurückkann und die Welt der Erwachsenen, in die man nicht eintreten will, weil sie voller Täuschungen, Stolperstricke, Konventionen und langweiliger Gesellschaftsregeln ist. Fluch- und Schimpfwörter („fuck“, „goddam“) benutzt Holden häufig, und auch das brachte das Buch immer wieder auf den Index. Der Roman bildet insgesamt ziemlich genau ab, was es heißt, ein Jugendlicher zu sein, ein Heranwachsender, der seinen Weg in der Welt sucht. Salinger hat von deutlichen autobiographischen Bezügen gesprochen. Mein Verdacht ist, dass der Autor bis zu seinem Tod wie Holden Caulfield empfunden hat – in Hinblick auf die Welt und alles, was darin ist.



Der Titel des Romans verweist auf Schutz suchende bzw. benötigende Kinder. Während Holden sich mit Phoebe nachts unterhält, verzweifelt sie an ihm, weil er nichts und niemanden zu mögen scheint. Er solle ihr etwas nennen, was ihm uneingeschränkt gefalle, verlangt sie. Das hier, antwortet er, hier mit ihr zu sitzen und sich zu unterhalten – das liebe er. Das zähle nicht, sagt Phoebe. Daraufhin denkt Holden lange nach und entwirft – wohl inspiriert durch das singende Kind auf der Fahrbahn – ein Bild: ein Feld voll spielender Kinder; es gibt auch eine Klippe, an der er, Holden, Wache hält; wenn nun eins der im Roggen spielenden Kinder der Klippe zu nahe kommt, würde er es einfangen und in Sicherheit bringen; das gefalle ihm, das wolle er sein und nichts anderes – der Fänger im Roggen.


1962 kam die deutsche Übersetzung, die Heinrich und Annemarie Böll besorgt hatten, auf den Markt. Die darin wiedergegebene Teenager-Sprache ist ein bisschen angestaubt. Seit 2003 gibt es eine modernere Übersetzung von Eike Schönfeld.


In dieser Folge von FORUM LITERATUR hören Sie Musik, die ausschließlich aus dem Erscheinungsjahr von „Der Fänger im Roggen“ stammt – 1951:


Tampa Red: Boogie-Woogie Woman

Morris Lane: Blue Jeans

Camille Howard: Million Dollar Boogie

Herbie Nichols: ‘s Wonderful

John Lee Hooker: Baby, Please Don’t Go

Tab Smith: Ace High

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Technik: Karl Pfeifer




1 Kommentar:

  1. I've just downloaded iStripper, and now I can watch the best virtual strippers on my taskbar.

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