Dienstag, 9. März 2010

Frauenkultur sichtbar machen: ALPENROSEN 2010


Kaum ist der nicht so laute Nachhall der KunStart'10 verklungen, kann man schon von einem weiteren Kultur-Ereignis berichten:



Die Filmemacherin Tizza Covi erzählt von ihrem Übergang vom Dokumentar- zum Spielfilm („La Pivellina“) und wie sie im Spannungsfeld zwischen diesen Gattungen zur Erkenntnis gelangte, dass die Wirklichkeit nicht nachstellbar ist. Sie arbeitet mit ihrem Ehemann Rainer Frimmel zusammen, und trotz der Arbeit mit niedrigen Budgets laufen die Dinge für ihre kleine Produktionsfirma besser und besser. Unabhängiges Produzieren gibt Tizza auch mal die Freiheit, sich eine Woche lang der Lektüre von Dostojewski zu widmen, sie zieht ihre beiden Kinder groß und ist am Ende des Tages – trotz aller Energie – zufrieden erledigt. tizza@gmx.net


(Lomographie: Irene Hopfgartner)

Affinität zum Metall zeichnet die Musikerin Elisabeth Flunger aus, doch ist es nicht so sehr Schwermetall, sondern solches, das durch besondere Laute fesseln kann. So entstehen Improvisationen, die wenig mit klassischer Musik zu tun haben, aber alles mit der produktiven Widerborstigkeit des Materials. Improvisieren ist Elisabeths Leidenschaft, und so verwundert es nicht, dass sie bei ihrer künstlerischen Arbeit eine Verbindung der Disziplinen Video, Tanz, Text, Theater anstrebt und dass sie bei John Cage, Marcel Duchamp, Joseph Beuys oder Jean Tinguely Inspiration findet.

Die Cover-Art dieser Ausgabe kommt von der freischaffenden Künstlerin Martina Drechsel. Die Stationen ihrer Biographie sind Bozen, Rom, Paris, München, Bozen. Von der Modeschule ist sie in die École supèrieure d’art graphiques gewechselt, den Abschluss hat sie beim polnischen Plakatkünstler Roman Cieslewicsz gemacht. Einige Jahre lang hat Martina die Titelseite des deutschen Nachrichtenmagazins FOCUS gestaltet, heute gefällt es ihr, mit doppelbödigen Zeichnungen schnelles, lebendiges Erzählen zu betreiben. Ihre Zeichnungen sind nicht „freundlich“, die Masken, mit denen Frauen das Leben bewältigen – Vamp, Mutter, Tochter, Domina, Weibchen – werden sehr wohl gezeigt, doch nicht denunziert. martinadrechsel@hotmail.com

(Drechsel Minotaura. Lomographie: Irene Hopfgartner)

Ein Essay der Volkskundlerin und Erzählforscherin Ulrike Kindl setzt sich mit dem Verhältnis von Wort und Bild, von Bild und Bildaussage auseinander. Am Beispiel des Motivs der „Sirena bifida“ erläutert sie, wie sich Bildinterpretation ändert, wie unsicher eine am Wort orientierte Kultur dem semantischen Potenzial des Bildes gegenübersteht. „Auf der eine Seite vermittelte mir die überlieferte ‚Lesung‘ des Sirenensymbols die Verteufelung des Weiblichen, auf der anderen Seite zeigte die ikonische Evidenz das genaue Gegenteil: die Omega-Signatur, ein Heilszeichen, als weiblichste aller Gesten, das Zeigen des Schoßes, Hinweis auf Zeugung und Geburt, Erneuerung und ewige Wiederkehr.“ Zu diesem Thema hat Ulrike Kindl eine Monographie veröffentlicht: Sirena Bifida. Bilderwelten als Denkräume. Innsbruck-Wien: Studienverlag (2008). Die Sirena bifida ist eine Schwester von Undine und Melusine. ukindl@unive.it


Waltraud Staudacher war viele Jahre lang die markante weibliche Stimme im RAI-Sender Bozen. Heute arbeitet sie beim Südtiroler Bildungszentrum mit, betreibt den Verein für Gartenkultur, ist treibendes Mitglied von KulturForumCultura, organisiert den Eppaner Liedsommer, trainiert die Jugend im Lesen – und doch behauptet sie von sich, ein schüchterner Mensch zu sein. Obwohl ihre Liebe vor allem dem Theater gehört, hat sie sich als Programmgestalterin des Senders Bozen für alle Kulturbereiche stark gemacht. Und nach wie vor tritt sie dafür ein, dass diese Kulturbereiche untereinander viel stärker zusammenarbeiten. Und ein wenig mehr gegenseitiger Respekt täte auch not. waltraud.staudacher@alice.it

(Lomographie: Irene Hopfgartner)

Ingrid Viktoria Canins ist eine der letzten Lüftlmalerinnen in Südtirol. Was das genau ist, erfährt man im ALPENROSEN-Interview. Jedenfalls hat es mit Freskotechnik zu tun. Warum Ingrid Viktoria diese beherrscht, wird ebenfalls im ALPENROSEN-Interview verraten. Sie ist Ladinerin und war viel unterwegs, zum Beispiel in Florenz und Rom. Als Designerin interessiert sie sich für die Verbindung von Traditionellem mit Zeigenössischem. Ihre eigene Linie heißt SEE THROUGH, und auch das sollte auf das ALPENROSEN-Interview neugierig machen.

(Lomographie: Irene Hopfgartner)

Alma Vallazza ist Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin sowie ein Ein-Frauen-Verlag. Sie betreut die aus der Edition per procura des Vereins der Bücherwürmer Lana hervorgegangene Edition büro abrasch. Was dieser aus dem Arabischen stammende Begriff bedeutet, erklärt sie ausführlich, ebenso, was sie davon auf ihre Arbeit mit Büchern und Sprache übertragen hat. Die Übersetzung sieht sie in poetologischer Hinsicht als eigenständige Gattung an. Trotz aller Schwierigkeiten als Kleinverlegerin ist sie der Sprache mit Leidenschaft verfallen, was sich auch darin bemerkbar macht, dass sie als Sprachmediatorin für ausländische Kinder tätig ist. abrasch@alice.it


(Lomographie: Irene Hopfgartner)

In einem dynamischen Artikel („Netzwerken und Fußball spielen“) fragt sich die Journalistin Lydia Ninz: Wie schaffen es so viele unfähige Männer, an verantwortungsvolle, hoch dotierte Jobs zu kommen? Antwort: durch Netzwerke. Wie können fähige Frauen es schaffen, an dieselben Jobs heranzukommen? Antwort: auch durch Netzwerke. Lydia sieht hier manches erreicht – sie hat nach einschlägigen Erfahrungen bei der Tageszeitung DER STANDARD in Österreich das Frauennetzwerk Medien mitbegründet -, konstatiert aber auch Lernbedarf: Frauen sollen auf den Fußballplatz, weil man dort lernt, Niederlagen wegzustecken (29 Tore zu verfehlen) und trotzdem bei der Stange zu bleiben (das 30. Tor reinzufeuern, dass es nur so raucht). lydia.ninz@arboe.at

Zwischen Südtirol und Wien (neben anderen Plätzen auf dem Globus) ist die Künstlerin Linda Wolfsgruber unterwegs. Wie Martina Drechsel will sie mit ihren Bildern vor allem erzählen, findet Inspiration in der Literatur. Illustriert Linda Bücher, gefällt es ihr, wenn sich Bild und Wort gegenseitig ergänzen und befruchten. Reduktion als künstlerische Vorgehensweise ist ihr wichtig, genauso wie die Auszeichnungen, von denen sie nicht wenige erhalten hat. Sie fühlt sich dadurch in ihrem Bestreben nach Innovation bestätigt. Und ein neues Projekt kann die produktive Künstlerin mit den Preisgeldern auch wieder finanzieren. linda.wolfsgruber@pips.at

Notburga Schenk kenne ich selbst aus der Zeit, als sie in Bozen als Buchhändlerin tätig war. Aus dem ALPENROSEN-Interview habe ich noch eine ganze Menge mehr über sie erfahren. Dass ihr Herz dem Theater gehört – sie leitet die Theatergruppe Oberbozen - , dass sie in ihrer Jugend Marketenderin bei der Musikkapelle war, dass sie im Kirchenchor singt und eine von derzeit 100 Jägerinnen im Land ist! burgi@bfree.it

(Lomographie: Irene Hopfgartner)

Schmuck ist ohne den Körper, der ihn trägt, nur eine halbe Sache. Darum geht es unter anderem im Gespräch mit der in Bozen lebenden Goldschmiedin Federica Pallaver. In Florentiner Goldschmiedewerkstätten hat sie ihre Kunstfertigkeit verfeinert. Ihre jüngsten Schmuckobjekte waren auf der Biennale für Goldschmiedearbeiten in Kaliningrad zu sehen – Teilnahmebedingung war die Arbeit mit Bernstein, weshalb Federica ihre Ausstellungsstücke unter dem Namen „Elektrische Phantasmen“ zusammengefasst hat. Warum? Erklärt sie im Interview. federica@pallaver.it

Das Gespräch mit Verena Winkler könnte für das Thema „Entscheidungen, die Weichenstellungen für das eigene Leben bedeuten“ stehen. Verena hätte eine Karriere als professionelle, verbeamtete Flötistin bei einem deutschen Orchester gewunken. Sie winkte ab und folgte einem Ruf der EDHEC Business School in Lille, Frankreich, um einen Executive MBA zu machen. Heute ist sie Direktorin des Brunecker Stadtkomitees und erzählt, was es bedeutet, eine Stadt zu managen, was sie mit dem lokalen Kulturleben zu tun gedenkt und in welchen Zeiträumen man denken muss, wenn es um Nachhaltigkeit geht.
Verena.Winkler@gemeinde.bruneck.bz.it


Die Ausgabe der ALPENROSEN 2010 wird abgerundet durch ein Editorial von Susanne Barta und einen Anhang mit ausführlichen biographischen Angaben zu allen an dieser Ausgabe beteiligten Frauen.

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An dieser Stelle möchte ich noch die beiden neuen Regelmäßigen Leserinnen auf BockshornBlog willkommen heißen!



 

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