Donnerstag, 22. April 2010

Brief an Franz Schuh oder Gedicht beißt Mann




Lieber Franz Schuh,

In Ihrem Hauptwerk „Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“ (Wien: Zsolnay 2006) ist ein Essay verzeichnet mit dem Titel „Allgemeinheiten beim Konsum von Lyrik“ (213 ff), gewidmet Kurt Neumann, was kein Zufall ist. In diesem Text erkunden Sie das Territorium der Sprache und entdecken, dass der weitaus größte graue Fleck auf der Karte dem Mittelmaß gehört. Hier regiert das Klischee, die vorgestanzte Wort-, Satz-, Dialogschablone, die aber – so loben Sie - „uns die Chance zumindest einräumt, miteinander auszukommen, und das heißt in den Glücksfällen, aneinander vorbeizukommen.“ (Mein „hier regiert“ ist ebenfalls ein Klischee, wenn man's von der sprachinnovativen Seite betrachtet, außerdem ist es im Grunde ausgemachter Blödsinn, da einem Abstraktum eine konkrete verwalterische Tätigkeit zugeschrieben wird, es wundert mich nicht, dass Wittgenstein keine Antenne für bullshit hatte.) Der Kontext, in dem das Klischee seine wohltuende Wirkung entfaltet, ist also das Soziale (die Kommunikation, könnte man auch sagen; Gesellschaft besteht aus Kommunikation, meinte Luhmann, eine einleuchtende These). Da das Klischee also ein wohltuendes Schmiermittel ist, das unseren Alltag lubriziert, trägt es so etwas wie Schönheit – eine Schönheit, die sich erst im reibungslos funktionierenden Austausch von fröhlichen Floskeln so richtig offenbart, sowie auf den befriedigt strahlenden Gesichtern der an der Kommunikation Beteiligten.
Die Lyrik, um die es Ihnen in Ihrer Untersuchung geht, wird nun als der Antagonist des Klischees eingeführt, als Partner im Spiel übers Netz, und was zwischen den beiden hin und her geschlagen wird, ist nicht ein sich verformender Ball, sondern die Schönheit als Kategorie, die sich in ihrer konkreten Ausprägung aber durchaus verformen kann, vor allem, wenn es um Gedichte geht und ganz besonders um solche, die allgemein der Richtung „Moderne“ zuzuschreiben sind. Als Beispiel für dieses produktive Wechselspiel zitieren Sie das Gedicht „Restaurant“ von Gottfried Benn, an dem sich die Verwandlung des Nur-so-Sagbaren (- stets eine handliche Charakterisierung von Lyrik -) in Alltagssprache und wieder zurück beobachten lässt. Nicht immer ist das Resultat des Matchs ein konstruktives – in der Dichtung, so schreiben Sie, verdränge das Ästhetische das Soziale (es wird nicht geredet wie auf der Straße, am Fahrkartenschalter, am Kaffeeautomaten, sondern etwas Anderes wird mit Sprache geleistet), „und zwar in Parallelaktion zu einer Welt, in der umgekehrt und nicht immer aus schlechten Gründen das Soziale das Ästhetische mit Druck distanziert, auflöst, aufhebt, nicht haben will und es also für viele 'unverständlich' macht.“ (Wenn's „umgekehrt“ läuft, kann man im engeren Sinn nicht von einer „Parallelaktion“ sprechen, aber wer bin ich denn, dass ich hier den Sprachkritikaster heraushängen lassen dürfte; bloß bei Musil schlagen die Österreicher auch in dieselbe Kerbe wie die Deutschen, nur höher, schneller, besser, schöner sollte es halt werden.) Wir sagen also nicht beim Plastikbecher-Kaffee zur Schreibkraft aus der Registratur: „es fingert regen / vom hirnlaub des horizonts / ein stich ins graublau des cortex / imago / aus kreiszeichen / geflüstert“, sondern lieber etwas wie: „Traun! Was für ein cooles Outfit, du, tierisch geil!“
Ein ausdauerndes Studium der Schriften von Konrad Bayer gab Ihnen allerhand Fragen und Ideen ein zum Thema „Lyrik der Moderne – was ist ihr Problem, was ist ihr Wesen?“ Um Antworten zu finden, verlassen Sie das große graue Territorium auf der Sprachlandkarte und bewegen sich Richtung Norden, in die eisigeren Gegenden. Auf dem Weg dorthin muss ein Breitengrad überschritten werden, der als „linguistische Wende“ bekannt ist und – jawoll: in Parallelaktion zur philosophischen Disziplin - in der österreichischen Dichtung eingezeichnet wurde, die Wittgenstein als ihren wichtigsten Navigator feierte. Wenn ich Ihren Expeditionsbericht richtig lese, lieber Franz Schuh, dann befindet sich diesseits dieses Breitengrads die Lyrik aus metaphysischen Zeiten, jenseits hingegen die linguistisch gewendete Dichtung wie jene der Wiener Gruppe. Ich habe ein Zitat von Max Bense, das die Überschreitung des Sprach-Breitengrads gut zusammenfasst: „Kein Erlebnis, keine Stimmung, kein besonderes Gefühl, keine Wiedergabe außersprachlicher Erfahrungen, keine Assoziationen, kein lyrisches Ich; wohl aber extremes intellektuelles Vergnügen meines denkenden Ichs an der methodischen, also kontrollierbaren Selektion bestimmter Wörter und ihrer Zusammenhänge.“ Der Dichter, welcher nordwärts wandert, muss also eine Menge von sich werfen, bevor er das Ransmayr-Land der Moderne betreten darf. Möchte nur anfügen, dass Bense in dem Aufsatz, aus dem obiges Zitat stammt, ein eigenes Gedicht hernimmt und daran zum Beispiel Silben-Entropie und Redundanz-Wert berechnet; was aber nach meinem Verständnis nichts anderes heißt, als dass er sein Gedicht als Kommunikation auffasst, und wie sieht es dann mit der „Auflösung der Aussage“ aus, die Sie in der modernen Lyrik – zum Beispiel jener von Konrad Bayer – feststellten? Man fragt ja nur. „Moderne“ ist eine Schublade, in der ein Haufen Lyriker liegen, und von denen denkt sicher nicht jeder gleich von seinem Metier und Material.

(Photo: Wikipedia)

Gut, wir waren beim Gegensatz zwischen metaphysischer und linguistisch gewendeter Dichtung. Sie erzählen von Konrad Bayers und Gerhard Rühms Vorbehalten wider Ernst Jandl, der ihnen nicht treu genug zur Fahne zu halten schien. Den beiden Auserwählten war wohl der Verdacht gekommen, der gute Jandl könnte eines Tages wieder hinter den famosen Breitengrad zurückwandern, um sich mit Erlebnis, Stimmung, Gefühl, außersprachlichen Erfahrungen, Assoziationen und dem lyrischen Ich schamlos zu vergnügen. Bayers und Rühms Haltung ist eine, die in den folgenden Jahrzehnten meiner Meinung nach die österreichische Literatur lähmte, indem sie für eine Engführung sorgte. Die tonangebende Riege der in Österreich Schreibenden wollte sich in der Lyrik auf keine Stimmung, in der Prosa auf keine Geschichte einlassen, da man alles dem Material zu schulden glaubte. Wittgenstein hatte es ja vorgemacht, der war allerdings Philosoph. Andererseits erinnere ich mich lebhaft an ein längeres Interview, das Ernst Jandl während der Neunziger dem Magazin „BuchKultur“ gegeben hatte – darin drückte er Stephen King seine aufrichtige Bewunderung aus („Der kann was ...“) und äußerte gar so etwas wie Wehmut, dass er selbst nicht auch so etwas machen könne. Dieses „könne“ klang verdächtig nach „dürfe“. Ja, fragte ich mich damals, wer hat Sie, Jandl, denn auf solch linguistisch bewegten Fundamentalismus eingeschworen? (Nebenbei bestätigt das Interview den Verdacht von Rühm und Bayer!) Über Friederike Mayröcker ist mir während meiner Jahre in Wien auch einmal das Gerücht zu Ohren gekommen, sie wolle gern in ihrer Prosa etwas narrativer werden, aber die Fangemeinde verbitte sich einen solchen Glaubensabfall. Nun, mittlerweile schlägt das Pendel in die andere Richtung aus – in Lyrik wie Prosa herrscht das Erzählen vor. Es scheint, dass sprachorientiertes Schreiben und solches, das Plot und Personen verpflichtet ist, nicht wirklich gleichberechtigt nebeneinander existieren können. Vielleicht ist aber auch das, was der verbrauchten Sprache an Unverbrauchtem abgepresst wurde, mittlerweile verbraucht. „Das ermüdete Sein und noch ein Händedruck“, heißt es in Benses Gedicht. (Siehe Steven Pinkers Euphemismus-Tretmühle.)
Am besten gefiel mir Ihr Verdacht, lieber Franz Schuh, dass selbst in ganz der Sprache verpflichteten Gedichten die alten Motive aus metaphysischer Vorzeit (vgl. das Zitat von Bense) zu erkennen seien. Fossilien auf dem Meeresgrund. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass Lyrik ihren Wurzeln nicht entkommen kann, also dem, was der Graf von Platen den „körnigen Tiefsinn“ genannt hat. Jedenfalls habe ich mich jetzt ordentlich verzettelt, eigentlich wollte ich nur auf Ihre Frage beantworten, die Sie Ihrer Untersuchung über Lyrisches aufgepropft haben: „Was hat das mit den Zähnen zu tun?“ Ich schreibe „aufgepfropft“, denn auf den ersten Blick enthüllt sich nicht ganz der Nutzen dieser Frage für Ihr Nachdenken. Gewiss, Sprache geschieht im Mund und da befinden sich auch die Zähne, und journalistische Texte können unter Umständen einen Biss haben. Außerdem zitieren Sie zwei Mal Nietzsche – eines seiner Gedichte, in dem das lächelnd gebleckte Gebiss als Zeichen für Lebenslust steht; ein zweites, in dem Nietzsche auf das notwendige Nagen an seinen Schriften verweist, vielleicht schalkhaft auf Francis Bacon hinweisend, der sagte, manche Bücher müsse man gut kauen und verdauen. Das hat das mit den Zähnen zu tun, wollen Sie sagen? An mancher Lyrik beißt man sich die Zähne aus? Das stimmt, und das haben Sie sehr subtil und durch die Blume geflüstert.


Ich bin aber auf eine weitere Möglichkeit gestoßen, was das alles mit den Zähnen zu tun haben könnte, und zwar in dem von Hilde Domin herausgegebenen Band „Doppelinterpretationen“, erschienen 1966 im Athenäum-Verlag (Neuauflage bei Fischer). Aus diesem Buch stammen auch die angeführten Zitate von Max Bense. Ausgewählte Gedichte werden in dieser Sammlung zuerst von ihren Schöpfern selbst interpretiert (von Hans Arp bis Wolfdietrich Schnurre), dann, in einem zweiten Schritt, von wohlwollend kundigen Lesern (Hans Mayer ist natürlich zum Beispiel dabei). Die Herausgeberin lässt sich ein 37seitiges Vorwort über das Interpretieren von Gedichten nicht nehmen. Selbstredend kommt sie an einer Stelle auf die Rolle des Lesers bei der Entstehung von Lyrik zu sprechen. Interpretierend, übersetzend sei der Leser in den Lyrik-Prozess eingebunden. Und sie fährt fort: „Der Leser ist also unterwegs zur Autorschaft, d.h. zur Vereinigung mit dem Gedicht, in dem bereits der Autor selbst 'verschwunden' ist, wenn es gut ist.“ Ja – wie, „verschwunden“? Abwarten, lieber Franz Schuh, ohne zu säumen, zitiere ich weiter: „Das Gedicht frisst. Und ist bereit, den Interpreten nach dem Autor aufzufressen. Gedichte sind fresslustige Gebilde, außerordentlich gefräßig.“ (Ich kann mir Hilde Domin gut dabei vorstellen, wie sie diese Sätze mimisch und gestisch untermalt.)


Kann es sein, dass Lyrik das mit den Zähnen zu tun hat? Nicht wir brauchen Zähne, um ein Gedicht zu lesen, da umgekehrt (nicht „parallel“) das Gedicht seine Beißerchen schon gewetzt hat, das gefräßige Unding, um uns und alle Mit-Lesenden und -Interpretierenden zu verschlingen, dass es eine Freud' ist. Ich weiß es nicht, lieber Franz Schuh. Wenn wir das bekannt machen, wird es auf jeden Fall nicht zu einer Steigerung der ohnehin welkenden Popularität von Gedichtetem beitragen – die Menschen haben viel lieber Tamagotchis, die man füttern kann, als Gedichte, an die man sich selbst verfüttern muss.

(Photo: Wikipedia)

Es ist immer ein Vergnügen, in „Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“ oder anderen Texten aus Ihrer Werkstatt zu stöbern, lieber Franz Schuh. Vielen Dank für die Unterhaltung, schreiben und leben Sie weiter und wohl!

Ihr Christoph Pichler


 




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