Freitag, 16. April 2010

Merkwürdiges Wort # 3: Barfußdielen



Seit ich ein bisschen in Luhmann-Lektüre dilettiert habe, kenne ich den Begriff "ausdifferenzierte Gesellschaft". Der Soziologe Niklas Luhmann trug dem dadurch Rechnung, dass er seine Systemtheorie in wuchtigen Einzelpublikationen auf die Teilbereiche der Gesellschaft - Politik, Kunst, Religion, Wirtschaft - anwandte. Nun ist die Ausdifferenzierung der Gesellschaft ein fortschreitender Prozess, zumindest in mancher Hinsicht. In anderer Hinsicht war früher mehr los: Wenn ich mir vorstelle, welche Diversität an Kulturen beispielsweise im alten k.u.k.-Österreich geherrscht hat. Und nichts davon mehr da. Aber gut, allzu hohe Diversität entzieht sich auch wieder dem systematisierenden Blick. Immerhin, an manchen Indizien lässt sich feststellen, wie kapillar diese Ausdifferenzierung vonstatten gehen kann. Der Bereich, wo dies am klarsten zutage tritt, ist jener der durch die vereinten Kräfte des Korporativen Kapitalismus erzeugten Angebotswelt. Ich sage nur: "Laubsägen für Linkshänder mit mittlerem Einkommen, die in einem säkularen Single-Haushalt aufgewachsen sind" und dergleichen. Und schon sind wir beim heutigen merkwürdigen Wort. Es kam mir durch Zufall unter die Augen, in Form eines Werbe-Folders, der irgendwo achtlos herumlag. Eine Firma aus Deutschland wirbt darin - genau: für ihre "Barfußdielen". Nun ist zu sagen, dass diese Bezeichnung durchaus gelungen ist. Warum? Sie ist intuitiv verständlich. Wenn es schon nicht mehr genügt, einfach mit Dielen oder vielleicht "Öko-Dielen" zu punkten, dann gefällt es mir, wenn die Leute wirklich kreativ werden. "Barfußdielen" sind also solche, über die man ohne Angst barfuß gehen kann, sie sind - glaubt man dem Werbefolder - nicht nur ökologisch vertretbar, sondern auch langlebig und pflegeleicht. Wie sehr man auf die Intuition der Kunden vertraut, wird auch dadurch deutlich, dass an keiner Stelle in dem Werbepapier die Bezeichung irgendwie erläutert wird. Auf dem Deckblatt heißt es schlicht: "Barfußdielen - für Terrassen, Gärten, Balkone und rund um Ihr Schwimmbad". Und schon sehe ich mich barfuß rund um mein Schwimmbad promenieren, dann einen Abstecher in meinen Garten unternehmen, abends barfuß mit einem Cocktail-Glas auf meine Terrasse treten, um die Farbnuancen zwischen Drink und Sonnenuntergang gegeneinander abzuwägen, wobei ich von der durch das Holz unter meinen Reflexzonen bewerkstelligten Dauermassage unterstützt werde. Nur nebenbei erwähnt - der Werbefolder ist auch sonst voll von schönen Sprachschöpfungen, heutzutage liest man besser solches Material, wenn man ein bisschen sprachliche Originalität wünscht, die zeitgenössisch-deutsche Literatur lässt einen da eher im Stich. Also, da finden sich so schöne Wörter wie "vergrauen", "durchgefärbt", "rutschhemmend" oder "unsichtbare Verschraubung". Durchaus berechtigt also der letzte Satz dieser inspirierenden Lektüre: "Erhältlich bei Ihrem Fachhändler." (Sollte es auch für gute Bücher geben, diesen Satz, nicht immer den mit "am Kiosk und im guten Bahnhofsbuchhandel").









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