Mittwoch, 5. Mai 2010

Preiswürdige Lyrik: Meran 2010 – Eine Diskussionsrunde im Kulturabend des RAI-Senders Bozen


Zu Gast bei Renate Gamper und Christoph Pichler sind Ferruccio delle Cave, der Leiter des Kreises Südtiroler Autoren im SKB; Martin Hanni, Leiter der Dokumentationsstelle für neuere Südtiroler Literatur; Klaus Hartig, zuständig für die Pressearbeit rund um den Meraner Lyrikpreis und ehemals Mitglied der Vorjury; und Christine Sartori – sie besorgt Organisation und Sekretariat im Büro des Künstlerbundes in der Weggensteinstraße: Beinahe von Anfang an war sie die Seele des Lyrikpreises.

(v.l.n.r. Klaus Hartig, Martin Hanni, Christine Sartori, Ferruccio delle Cave)

Der Lyrikpreis Meran ist eng verbunden mit der Persönlichkeit Alfred Grubers. Man erinnert sich noch gut an den Doyen der Südtiroler Literatur, immer bemüht, auch Autoren aus dem Ausland nach Südtirol zu bringen (z.B. Hermann Burger), um den Austausch zu fördern – ein kleiner, ausladender Mann mit weißem Haarschopf, der sich sehr schnell bewegen konnte und sowieso nicht gerne lange ruhig auf seinen kleinen Füßen stehen blieb. Ein unermüdlicher Dokumentierer des Geschehens, mit Hilfe seines Fotoapparates (der mitunter im ungünstigsten Moment jaulend den Film zurückzuspulen begann) sowie durch seine berüchtigten Notizbüchlein, in der sich über die Jahre eine enorme Anzahl an ZeitgenossInnen in Wort und/oder Zeichnung verewigt haben muss; manche sogar mehrmals. Ein Mensch, immerzu umgeben vom kreativen Chaos und dieses vor sich hertreibend, eine Kraft, die nicht zuletzt den Lyrikpreis Meran ins Leben gerufen hat. Der in den achtziger und neunziger Jahren vom Literaturbetrieb stiefmütterlich behandelten Lyrik sollte ein Sprachrohr verschafft werden. Nicht einer von vielen Preisen sollte es sein, Südtirol sollte sich vielmehr deutlich im internationalen Kontext platzieren. Mittlerweile ist der Lyrikpreis Meran – neben dem N.C.Kaser-Lyrikpreis – der prominenteste Literaturpreis des Landes, bei dem ausschließlich eine einzige Gattung zugelassen ist. Interessant, dass Alfred Gruber in puncto Literatur ein Traditionalist war – er las Goethe mit seinen Schülern im Deutsch-Unterricht – dass er gleichzeitig aber bei der Konzipierung der Veranstaltung in Meran die größtmögliche Offenheit, was moderne Dichtung anging, bewies. Südtirol als Austragungsort für einen Lyrikpreis – das Land habe so viel von außen bekommen, sagte Alfred Gruber einmal zu Christine Sartori, es sei an der Zeit, dass Südtirol auch einmal etwas nach außen trage.

Die einheimische Literaturszene reagierte zunächst kaum auf den Preis, zu sehr war sie „in sich selbst verliebt“ (Ferruccio delle Cave). Außerdem gab und gibt es in Südtirol wenige Autoren und Autorinnen, die ihr ganzes kreatives Gewicht auf die Lyrik legen, so wie N.C. Kaser es getan hatte. Ab der 3. Ausgabe, als Sepp Mall (Photo: Ulrich Egger) 1996 in Meran den Sieg davontrug, freundete man sich auch im Inland mit dem Lyrikpreis Meran an. 2002 gewann ex aequo mit Sylvia Geist der Autor aus Lana Oswald Egger.


Der Jury kommt in Meran natürlich eine wichtige Rolle (und viel Arbeit (Lyrik buchstäblich kiloweise!)) zu. Die Mitglieder entstammen verschiedenen Bereichen des Literaturbetriebs: Ulla Hahn ist die Vertreterin der AutorInnen, Wolfgang Wiesmüller jener der Wissenschaft, für das Verlagswesen beteiligt sich Hans Jürgen Balmes, Ilma Rakusa ist erfahrenes Jurymitglied und darüber hinaus Autorin und Literaturkritikerin, Christoph Buchwald schließlich ist Herausgeber des „Jahrbuchs der Lyrik“.

Seit 1993 wurden einzelne Juroren ausgetauscht, ein Kern aber ist geblieben. 2008 urteilte die Jury über die deutsche Lyrikerin Monika Rinck: „Der Alfred-Gruber-Preis (...) geht an eine Dichterin, die lingual hinterlistig und semantisch durchtrieben ein magisch leuchtendes Gelb umkreist und poetischen Zucker gewinnt – ein schwebender Hörfilm über Liebesverhältnisse, Gegenwärtigkeit und eine Hymne an die Polyvalenz poetischer Zwischenräume.“ Beispiel für einen bestimmten Jargon und nur eine von vielen Stimmen, die aus der Ecke der Jury hörbar werden, so Ferruccio delle Cave. Die Auseinandersetzungen um die Texte werden in Meran persönlich, emotional, mitunter auch gegen die Gedichte geführt, doch immer geben die Juroren dem, was sie besprechen und bewerten, ihre eigenen Gedanken mit auf den Weg. Es geht nicht um eine akademische Diskussion.

(Christine Sartori, Ferruccio delle Cave)

Das Beste, so Klaus Hartig, sei, selbst hinzugehen und sich die Sache anzuhören. Er kann ein Lied davon singen, wie viel Arbeit auf der Vorjury lastet. Ihre Mitglieder erhalten im Herbst vor dem Austragungsjahr Wäschekörbe voller Lyrik. Pro Ausgabe senden 400-500 TeilnehmerInnen jeweils 10 Texte ein. Knapp 2 Monate Zeit gibt es fürs Lesen und die Vorauswahl. Bei der Auswahl werden bestimmte Kriterien angelegt wie Rhythmus, kreativer Umgang mit der Sprache und natürlich die Antwort auf die Frage, die sich jedes Vorjury-Mitglied stellen muss: Rührt mich das Gedicht an oder nicht? Nach der Vorauswahl bleiben etwa 120 Gedichte übrig, aus denen noch einmal die Hälfte ausgesondert wird. Damit begeben sich die Vorjury-Mitglieder zu einer Sitzung, die im Jänner des Austragungsjahres stattfindet. Jeder bringt zwar seine Favoriten mit, doch einigt man sich „mit weniger Diskussion als gedacht“ (Klaus Hartig) innerhalb von zwei Stunden auf die Finalisten.

(Klaus Hartig, Martin Hanni)

Christine Sartori hat viele der TeilnehmerInnen im Lauf der Jahre betreut. Manche musste sie vor ihrer Lesung umarmen, andere hinterher. Hansjörg Zauner aus Österreich trat 2004 mit Brille und einem rosa Overall zur Lesung an. Zuvor erkundigte er sich bei Christine Sartori, ob er sich zusätzlich eine Brosche in Form eines pulsierenden Herzens an die Brust stecken dürfe. Sie ermunterte ihn dazu, doch ging das Herzenslicht just während der Lesung aus. Jurorin Konstanze Fliedl unterbrach und fragte einfühlsam, ob der Dichter trotzdem weiterzulesen imstande sei. Uwe Tellkamp war 2002 als Finalist beim Preis mit dabei – er las nicht, sondern rezitierte ein Langgedicht auswendig im Auf- und Abgehen. Erst am Abend schrieb er Auszüge für Christine Sartori auf Hotel-Briefpapier nieder. Bei der zweiten Ausgabe 1994 musste Raoul Schrott von der Jury „kritische Prügel“ (Ferruccio delle Cave) für eine Reihe von Gedichten einstecken, die er später unter dem Titel „Hotels“ veröffentlichte. Das Juryurteil nahm Schrott so mit, dass er dadurch seine weitere Karriere als Schriftsteller bedroht, wenn nicht ruiniert sah. Zu Unrecht, wie sich herausstellte. Ein Beispiel dafür, wie viel Emotion frei wird, wenn Autoren ihren Schreibtisch verlassen und sich mit ihren Texten der Öffentlichkeit stellen. Zumal Lyrik die wohl persönlichste Ausdrucksform mit den Mitteln der Sprache darstellt.

Der Lyrikpreis Meran wirkt auch auf die Schulen. Die Schüler der deutsch- und italienischsprachigen Oberschulen Meran werden vorab für die Veranstaltung sensibilisiert. Sie kennen bereits die Texte, wenn sie an den Lesungen teilnehmen. Außerdem organisiert Klaus Hartig Autorenbegegnungen, bei denen TeilnehmerInnen des Lyrikpreises Meran in die Schulklassen kommen, Gedichte lesen und Fragen beantworten à la Wieso gibt es keinen Reim? Warum schreiben Sie alles klein? Was bedeutet dieses Bild? Seit gut 6 Ausgaben besucht auch eine Abordnung des germanistischen Instituts der Universität Innsbruck die Lesungen in Meran und bereitet das Gehörte und Gelesene im Seminar auf.



Obwohl sich der Lyrikpreis Meran mittlerweile etabliert hat, ist jede Ausgabe wieder ein neuer Kampf um die Aufmerksamkeit. Die diesjährige Veranstaltung wurde während der Buchmesse in Leipzig beworben, die Preisträgerin von 2008 Martina Hefter gab dazu im Literaturradio ein Interview. In einer so dichten Szene dürfe man sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, so Ferruccio delle Cave (ebenfalls in Leipzig vor Ort), man müsse sich stets auf neue für die eigene Veranstaltung stark machen.


Tendenzen in der Lyrik können – mit gewissen Einschränkungen – den in Meran eingereichten und diskutierten Texten durchaus abgelesen werden. Dieses Jahr zeigt einen deutlichen Schwerpunkt auf narrativer Lyrik, „das lyrische Ich ist zurückgekehrt“ (Klaus Hartig), man schreibt wieder über sich, die eigenen Gefühle und Gedanken. Seit ein paar Jahren lassen sich Einflüsse durch den Pop feststellen, Experimente mit Rap werden unternommen, englische Einsprengsel finden sich im deutschen Text. Das konkrete Sprachexperiment von früher wird nun generell zu einem Experiment mit den rhythmischen und musikalischen Möglichkeiten der Sprache, Ausdrucksmittel, die ihre Wirkung erst beim mündlichen Vortrag vollends entfalten.

Der Meraner Lyrikpreis wird nach 10 Ausgaben weiter fortbestehen, davon ist Ferruccio delle Cave überzeugt. In welcher Form, das wird sich erst aus der Aufarbeitung des diesjährigen Wettbewerbs ergeben. Möglicherweise wird man die Zusammensetzung der Jury ändern. Außerdem gibt es neuere Arten der Lyrik, die man einbinden könnte, so zum Beispiel den Poetry Slam.


Anlässlich 10 Jahre Lyrikpreis Meran ist eine Anthologie mit den Texten aller Preisträger erschienen. Dem Buch liegt eine CD mit Mitschnitten der Lesungen bei. Mehr dazu hier.











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