Sonntag, 18. Juli 2010

Another Coming of Jesus oder: Nimm zwei! - Teil 7



Das Neue an Pullmans Roman ist, dass hier ein bestimmtes Motiv zu Ende gedacht wird. In ihren literarischen Bearbeitungen zeigt die Jesus-Figur nämlich eine Tendenz zur Verdoppelung bzw. ein Bedürfnis nach einem Sidekick. Die Romane sind vor allem an Jesu Menschlichkeit interessiert, beschreiben also auch seine Mängel, sodass sein Leben fast automatisch nach einer Persönlichkeit verlangt, die es vervollständigt (oder zumindest ergänzt). Bei Kazantzakis erfüllt Judas diese Rolle – er verhindert, dass Jesus seiner letzten Versuchung erliegt. Bei Saramago ist es Maria aus Magdala, die zusammen mit Jesus nicht nur ein Liebespaar abgibt, sondern ihm auch mit klugen Hinweisen zur Seite steht. Bulgakov hat Levi Matthäus als ekstatischen, alles mitschreibenden Gefährten. Norman Mailers Jesus fühlt sich, als seien seine beiden Existenzen teleskopartig ineinandergeschoben: „Ich fühlte mich wie ein Mann, der in seinem Inneren einen anderen umschloss.“ (25) Bald nachdem sich der Tischler als Sohn Gottes begreift, tritt dieser zweite, der wahre Mann aus dem ersten hervor. Pullman hat nun der Literatur das Brüderpaar Jesus und Christ hinzugefügt, doch aus seiner Idee, wie ich zu zeigen versucht habe, nicht das Beste herausgeholt.

Darum bleibt als Resümee: Indem Pullman sich des Jesus-Stoffes angenommen hat, ist er gleichzeitig einer Versuchung anheimgefallen – sein Erzähltalent zum Instrument seines Konterkreuzzuges zu machen. Den eigenen Erzählkosmos mit Miltons Farben auszumalen, bedeutete produktive Anwendung von Intertextualität – Literatur half bei der Erschaffung neuer Literatur und wir bekamen „His Dark Materials“. Aber der Evangelien-Falle konnte Pullman, der Aktivist, kaum ausweichen. Denn die Texte, deren Inhalt er in seinem Roman variiert, sind nicht als Erzählungen verfasst, sondern von vornherein als ideologisch-propagandistische Werkzeuge konzipiert. Genau das wollte uns Pullmans Roman ja offenbaren. Vielleicht wäre es besser, wenn er seinen Kampf gegen Fundamentalisten und andere beengte Hirne weiterhin mit Zeitungsartikeln und öffentlichen Auftritten führt. In Pullmans Büchern wünschen wir uns wieder mehr nackte Hexen und schwarze Kater, die überm Schachbrett das eine oder andere Gläschen Vodka genießen, vielleicht mit einem marinierten Pilz dazu.










Another Coming of Jesus oder: Nimm zwei! - Teil 6




Obwohl ich mit Pullmans Sichtweise großteils übereinstimme, komme ich zu dem Schluss, dass „The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ“ als literarisches Werk scheitert. Auf der Rückseite des Schutzumschlags steht lapidar: „This is a story.“ Das ist natürlich als Schutzschild gedacht gegen Proteste, die auch unweigerlich auf die Veröffentlichung des Romans folgten. Denn in Wahrheit soll der Roman mehr sein als just a story, zu deutlich ist die pamphletistische Unterströmung. Pullman will vorführen, wie Mythen entstehen. Er tut dies auf parabelhafte und – durch Einführung der Figur des Fremden – umständliche und stellenweise anödende Weise. Mythen entstehen durch aufmerksame Beobachter, die – verführt von ihrer Erzählkunst, verbunden mit Leichtfertigkeit und Geltungsdrang – die Dinge nicht so berichten wollen, wie sie sie beobachtet haben, und denen es leicht fällt, an ihre „bessere“ Version der betreffenden Vorgänge zu glauben. (Sehr gut zeigt dies - bezogen auf einen kulturell völlig anderen Kontext - der Film „Beowulf and Grendel“ aus dem Jahr 2005.) Christ als dramasüchtiger Mythomane hätte zur Illustration vollkommen ausgereicht. Darüber hinaus hätte das Brüder-Thema, das der Roman ja auch behandeln will, mehr Untiefen bekommen: der handlungsunfähige Beobachter, der sich an seinem messianisch begabten Bruder dadurch rächt, dass er aus dessen Botschaften sein eigenes ideologisches Spielzeug formt und sich so als „scoundrel“ bestätigt. Bulgakov zum Beispiel braucht nur ein, zwei Absätze, um das Mythos-Motiv zu erledigen. Jeschua han-Nasri verteidigt sich vor Pilatus – die Menschen, die begriffen einfach nicht, was er ihnen sage, sondern brächten alles durcheinander:
„Ich fange an zu befürchten, dass diese Verwirrung noch sehr lange währen wird. Alles rührt daher, dass er falsch aufschreibt, was ich sage. (…) [D]a läuft einer unablässig mit dem Ziegenpergament hinter mir her und schreibt. Ich habe einmal hineingeschaut und war entsetzt. Nichts von alldem, was dort geschrieben steht, habe ich gesagt. Angefleht habe ich ihn: Verbrenne dieses Pergament, ich bitte dich! Er hat es mir aus der Hand gerissen und ist davongelaufen.“ (23)
Was mich besonders stört: Trotz seines eminent realistischen Anliegens, die Entstehung eines Mythos nachzuvollziehen, will Pullman nicht ganz auf phantastische Elemente verzichten. Als Kind gelingt es Christ, „kleine Wunder“ zu wirken, um seinen Bruder immer wieder mal aus der Bredouille zu holen. Bei einem Färber wirft Jesus, der Lausbub, alle verschieden einzufärbenden Stoffe zusammen in einen Bottich. Der Färber verzweifelt. Was werden die Kunden sagen? Gelassen aber zieht Christ die Stoffe einen nach dem anderen aus dem Tohuwabohu – jeden in der gewünschten Farbe! Ein andermal formt Jesus aus Lehm kleine Spatzen, zwölf an der Zahl, was harmlos genug wäre – doch nicht am Sabbath! Ein aufmerksamer Nachbar sieht das Werk und läuft erzürnt zu Josef. Als man den Lauser Jesus strafen will, klatscht Christ in die Hände, und die Lehmspatzen, zwölf an der Zahl, erheben sich in die Lüfte. Für sich sind das nette Episoden – die Geschichte mit den Stoffen geht auf Pullmans Konto, die Lehmsperlinge, die auch Saramago benutzt, stammen aus dem apokryphen Kindheitsevangelium des Thomas – zeigen den Erzähler Pullman in der gewohnten Form. Aber sie belegen auch, dass der Autor sich mit seiner Themenwahl in eine Zwickmühle begeben hat – seine ideologische Voreingenommenheit, sein Engagement als Kämpfer gegen religiösen Fundamentalismus ist ihm bei der Ausübung des Erzählhandwerks immer wieder im Weg. In einem Roman, der so sehr Kampfschrift sein soll wie dieser, verwirren phantastische Elemente und verwischen die Absicht. Auch bei der Behandlung der von Jesus angeblich gewirkten Wunder konnte sich Pullman offenbar nicht entschließen, ob er sie in ihrer von den Evangelien etablierten Eigenschaft als übernatürliche Phänomene belässt (dauerhaft gelungene Heilungen) oder sie als Fabrikationen aus Charisma und kollektiver Suggestion entlarven will (Nahrungsvermehrung nach der Bergpredigt). Und auch der Fremde – diese Zwittergestalt aus phantastischer Kassandra und durchaus realistisch gezeichnetem Goebbels – ist aufgrund dieser Ambiguität, die in einem anderen, rein erzählerischen Zusammenhang vielleicht reizvoll gewesen wäre, keinem der Anliegen Pullmans – Erzählung, Entlarvung – so richtig von Nutzen.


Über Jesus eine immer noch bessere Geschichte erzählen – dazu bedarf es einer frischen Sichtweise, dem alten Stoff muss irgendein neues Element hinzugefügt werden. Mailer hat es mit Jesu Ich-Perspektive versucht und nichts hinzugewonnen. Bulgakov macht aus Jesus einen sanften Sozialrevolutionär, ohne Tischlerei, ohne Gottsohnschaft, und – als einziger der hier genannten Autoren – ohne nutzlose Nägel in der Kreuzigungsszene. Der sanfte Jeschua wird für Pilatus zur Gewissenssache. Der Prokurator verurteilt den heiligen Herumtreiber zwar, doch sucht er Wiedergutmachung. Er sorgt dafür, dass Schürzenjäger Judas, der Jeschua für ein bisschen Geld in die Falle gelockt hat, im Garten Gethsemane erdolcht wird. Kazantzakis lässt seinen Gekreuzigten ein alternatives Leben versuchen, wozu eine Ehegemeinschaft mit Maria Magdalena gehört. Diese finden wir auch bei Saramago, doch ist die Zusammenkunft mit Maria vor allem als Schachzug in der Partie zwischen Gott und Teufel zu werten. Nicht diese Partie ist das Neue in „Das Evangelium nach Jesus Christus“, sondern die Idee des Portugiesen, den faustischen Pakt personell anders zu besetzen. Jesus ist ehrgeizig und sehnt sich nach Macht und Ruhm. Gott verspricht ihm dies, allerdings erst nach seinem Tod. In diesem Tod liegt Jesu wesentliche Gegenleistung. In einer Schlüsselszene sitzen sie zu dritt in einem Boot auf dem See Genezareth – der Teufel in seiner Gestalt als riesiger Hirte – ein Beruf, aus dessen Image in den kanonisierten Schriften eher die sogenannte gute Seite Nutzen zu ziehen sucht; Gott, ein machthungriger, ungeduldiger Alter, prämacchiavellistisch wie nur je eine von Menschen ersonnene Gottheit; und zwischen ihnen Jesus, der nicht weiß, dass er über null Verhandlungsspielraum verfügt. Gott setzt ihm unumwunden seinen Plan auseinander: Vom kleinen Gott der Juden will er zum Gott der den Erdkreis umspannenden Katholiken-Gemeinde werden. Dazu braucht er Jesus als „Opfer“ und „Märtyrer“. „Die Worte Märtyrer und Opfer sprach Gott voll Schmelz, als wäre seine Zunge eitel Milch und Honig, doch ein eisiger Schauer flutete Jesu Glieder, als hätte sich der Nebel über ihm geschlossen, während der Teufel ihn mit rätselvoller Miene betrachtete, halb forsch, halb ungewollt mitleidig“. (423) Und da auch dieses neu erfundene Evangelium von Miltons Geist durchweht wird, wendet sich Jesus mit einer verhängnisvollen Bitte an seinen intriganten Vater. Er wolle wissen, was aus diesem seinem ruhmreichen Opfer erwachsen werde. Gott nimmt sich Zeit und erfüllt die Bitte seines Sohnes mit nichts weniger als einer Zusammenfassung der Kriminalgeschichte des Christentums, einschließlich einer fünfseitigen Liste von Märtyrern, alphabetisch geordnet. Daraufhin überrascht der Teufel mit einem Vorschlag: Gott solle ihm, der das Böse verkörpere, vergeben und ihn wieder in die himmlischen Heerscharen aufnehmen – dann könne sich das Gute ungehindert im ganzen Universum ausdehnen, damit auch die Macht Gottes, und niemand müsse deswegen sterben. Argumentativ geht das nicht ganz auf, denn Saramagos Gott sieht seine Macht weniger durch den Teufel eingeschränkt – im Gegenteil, durch diesen erfährt Gott nach dualistischer Sichtweise so etwas wie Existenzsicherung, wie der Beherrscher der Gläubigen nur allzu gern eingesteht. Nein, es sind vielmehr die anderen Gottheiten, auf deren Kosten er an Macht gewinnen will. Jahwe ist tatsächlich als alleiniger zorniger, fordernder Gott aus einem früheren Vielgötterkult (Aschera, Baal, Astarte) der Israeliten hervorgegangen. Aufschlussreich dazu der Artikel „Eine göttliche Karriere“ in Bild der Wissenschaft 12/2005 (73)-(76). Saramagos Gott weist den Vorschlag seines Gegenspielers zurück und bleibt lieber bei seinem ursprünglichen Plan. Alles nimmt seinen Lauf. Die Nacherzählung des Inhalts der kanonischen Evangelien nimmt ungefähr die letzten fünfzig Seiten ein, offenkundig war Saramago an diesem Teil des Plots am wenigsten interessiert. Erst am Schluss scheint Jesus, der bisher schon keinen besonders cleveren Eindruck gemacht hat, zu begreifen, worauf er sich eingelassen hat, obwohl er es auf dem See Genezareth wirklich haarklein auseinandergesetzt bekommen hat, einschließlich des Hinweises, dass er keine andere Wahl habe, als mitzuspielen. Aber Saramago, in seiner kritischen Haltung ganz auf Pullmans Linie, braucht diesen lichten Moment des Gekreuzigten, um Jahwe noch einen Nasenstüber zu verpassen. Jesus hängt am Kreuz, überblickt das ganze Ausmaß des väterlichen Komplotts, sieht Gott in den Wolken lächeln und ruft aus: „Menschen, vergebt ihm, denn er weiß nicht, was er getan hat.“ (511)









Another Coming of Jesus oder: Nimm zwei! - Teil 5


Pullman, aus anderem Holz als Mailer, weiß, dass mit der literarischen Etablierung der Gottsohnschaft Jesus sofort zum wandelnden Widerspruch avanciert. Das Dickicht würde undurchdringlich. Also lässt sein Jesus nicht das Geringste davon verlauten. Sobald er mit seiner Tätigkeit als Prediger anfängt, spricht er gegenüber Zuhörern grundsätzlich nur von „your father in heaven“. In einer Szene will Jesus von den Jüngern wissen, für wen ihn diese halten. Petrus antwortet, er sei doch der Messias, was sich sein Meister aber heftig verbittet. Darauf weist Jesus auch später im Verhör mit Kaiaphas hin: Er habe jene, die ihm nachfolgten, gebeten, von ihm nicht als von dem Messias zu sprechen. Und auch in der vorangehenden Szene, in der Jesus im Garten von Gethsemane betet, benutzt er nur die Anrede „Lord“.


Es bleibt Christ überlassen, in der Rolle seines mutmaßlich auferstandenen Zwillings den heiklen Punkt der Gottsohnschaft gegenüber Maria Magdalena zu zementieren: „Tell them I shall ascend soon and go to my father, to God.“ (232) Hier webt Christ bereits eifrig mit am Netz der Jesus-Verschwörung, durch die das Königreich Gottes auf Erden in Gestalt einer mächtigen Kirche errichtet werden soll. In Pullmans Roman beginnt man also schon zu Jesu Lebzeiten mit dem Aufbau der Institution, für die diese kaum greifbare Gestalt den Grundpfeiler abgibt. Das erscheint nur wenig glaubhaft, da Pullman dazu eine Figur einführen muss, die in ihren Konturen völlig unklar und eigentlich mehr lästig als interessant erscheint – den salbungsvollen Fremden. Christ hält ihn zuerst für einen Griechen, dann für einen Engel. Auf (223) bestreitet der Fremde, Satan zu sein. Doch wird Dämonisches zumindest angedeutet in seiner Versicherung, „we who know“ seien Legion (vgl. 146). Immerhin kennt der Fremde auch den Hohepriester Kaiaphas und kommuniziert mit diesem auf Augenhöhe. Wie selbstverständlich redet er von der Zukunft, ähnlich dem Engel in Miltons „Paradise Lost“, der in einer beeindruckenden Szene Adam all jene Geschehnisse zeigt, die aus seiner Verfehlung folgen werden. Ist der Fremde ein Zeitreisender? Gesandt von einer Vatikanischen Verschwörung, die sich unstatthafterweise des CERN bedient hat, um sich – vielleicht in Zeiten starker Selbstzweifel - ihrer eigenen Wurzeln zu versichern? Oder doch ein himmlischer Abgesandter des Guten, das stets das Böse will?



Gerade diese Vielfalt an Interpretationsmöglichkeiten belegt, dass es sich bei dem Fremden nicht um eine ausgefeilte, in die Romanhandlung integrierte Figur handelt, sondern um ein erzählerisches Mittel im Dienste des polemisch agierenden Autors. Der Fremde ist der Rammbock, mit dem Pullman den Sockel jeder sich auf Jesus berufenden monotheistischen Glaubensrichtung wegdonnern will. Denn der Fremde verrät durch Worte und Taten (siehe vor allem den Schluss des Buches), was von dieser Kirche, deren anachronistischer Herold er zu sein scheint, erwartet werden muss. Pullman ergeht sich in zwischenzeiligen Sottisen, schreckt aber auch nicht vor offenem Angriff zurück. Einen solchen stellt es dar, wenn Jesus, ausgerechnet Jesus, in Gethsemane mit Gott redet, obwohl er weiß, dass dieser nicht zuhört, vermutlich gar nicht da ist. Trotzdem formuliert Jesus seine Vorstellungen von einer möglichen Kirche der Gläubigen. Er weiß, dass eine Kirche, wie sie sein Bruder vor Augen hat, eine Kirche des Terrors und der Unterdrückung sein wird. Religiöse Credi werden im Dienste machtpolitischer Interessen Menschen mit Gewalt aufgezwungen werden, ihre Verfechter werden sich in jeder Form der Ausbeutung ergehen (noch einmal sei hier auf die geschickt angelegte Schluss-Szene verwiesen). Jesus fleht:
„Lord, if I thought you were listening, I'd pray for this above all: that any church set up in your name should remain poor, and powerless, and modest. That it should not condemn, but only forgive. That it should be not like a palace with marble walls and polished floors, and guards standing at the door, but like a tree with its roots deep in the soil, that shelters every kind of bird and beast and gives blossom in the spring and shade in the hot sun and fruit in the season, and in time gives up its good sound wood for the carpenter; but that sheds many thousands of seeds so that new trees can grow in its place. Does the tree say to the sparrow 'Get out, you don't belong here?' Does the tree say to the hungry man 'This fruit is not for you?' Does the tree test the loyalty of the beasts before it allows them into the shade?“ (199/200)
Eine arme Kirche, ohne Macht, ohne Besitz, ohne jede Autorität mit Ausnahme jener der Liebe, eine Kirche, so natürlich und großzügig wie ein Baum. Jesus als Sprachrohr seines Autors: In die paar Seiten seiner Gethsemane-adress fließen alle Anklagepunkte ein, die Pullman im Hinblick auf die historische wie zeitgenössische Realität wohl vor allem der römisch-katholischen Kirche vorzubringen hat. Er macht den (unfreiwilligen) Begründer des Systems zum Ankläger des Systems.







Another Coming of Jesus oder: Nimm zwei! - Teil 4


Michail Bulgakov schafft es in seiner kurzen Variation, die Jesus-Figur aus ihren eingeschworenen Kontexten zu lösen, sodass eine ganz neue Erzählung mit eigenem Zauber entsteht. Norman Mailer bleibt hinter dieser Leistung weit zurück – aus künstlerischem Unvermögen oder aus Furcht vor Protesten, wie sie Martin Scorseses Verfilmung von Nikos Kazantzakis' Roman „Die letzte Versuchung“ (Roman 1951, Verfilmung 1988) ausgelöst hat. Zwischen den Evangelien-Paraphrasen finden sich Einsprengsel, mit denen dem psychologischen Roman Genüge getan werden soll. In diesen Stellen wirkt Jesus besonders betulich: Essenz, Substanz – hier mögen metaphysische Härchen gespalten werden. Doch nimmt man die Gottsohnschaft ernst, und sei es nur im Sinne eines literarischen Vorhabens, gerät man sofort in den Sandsturm der Fragen. Wie kann ein Sohn des Allmächtigen derartige Gedächtnislücken haben, wie Mailer sie uns aufschwatzen will? Sogar wenn sein Jesus über die Auferstehung redet, klingt er wie ein traumatisiertes Unfallopfer. Jesus zitiert dazu den Bericht (schon in „Picasso“ hat sich Mailer stets hinter Zitaten verkrochen) der beiden Marias, denen am leeren Grab von einem Engel die Auferstehung verkündet wurde. Jesus kommentiert: „Dies mag nahe an der Wahrheit sein. Und ich erinnere mich auch, dass ich das Grab verließ, um durch die Stadt und die Landschaft zu wandeln, und dass eine Stunde kam, da ich meinen Jüngern erschien.“ (219) Natürlich schummelt sich Mailer mit diesen Gedächtnis-Tricks um die Tatsache herum, dass er als Sterblicher natürlich NICHT die Auferstehung zur Unsterblichkeit aus der Sicht der betroffenen Partei schildern kann. Gutwilligst (und ungläubig) könnte man anführen, Mailer versuche bis zum Schluss seinen Jesus menschlich klingen zu lassen. Es drängt sich aber der Verdacht auf, Mailer habe während des Schreibens immer wieder vergessen, welchen auktorialen Standpunkt sein Ich-Erzähler bei Abfassung der Autobiographie zwangsläufig einnimmt, sodass man sich als Leser nach Brei sehnt, sich die Schläfe reibt und flüstert: „Aber Jesus schreibt diesen autobiographischen Roman doch NACH seiner Auferstehung. Er ist wiedervereint mit seinem Vater. Bestimmt hat er die beste, schnellste, überragendste aller Text-Verarbeitungen zur Verfügung, wahrscheinlich die Quantencomputer aller Universen zusammengeschaltet. Er ist jetzt big G. und kann über dessen Kräfte gebieten. Er hat total recall! Er sieht über die Zeiten hinweg, locker von einem Big Bang zum nächsten. Null problemo. Das gibt’s dann gar nicht, dass er uns so ein epileptisches Geschwurbel vorlegt von wegen, er habe sterbend am Kreuz ein weißes Licht gesehen und so. Im Gegenteil: Er müsste ganz hervorragend schreiben können, sich selbst in der Romanhandlung menschlich klingen lassen, das aber immer wieder in Einschüben kommentieren. Mailer will, dass sein Ich-Erzähler der Sohn Gottes ist. Dann soll er ihn auch wie den Sohn Gottes schreiben lassen, verdammt nochmal!“
„Meine Jüngerschar war gleich Schafen ohne einen Hirten, und ich hatte zu voreilig die Hoffnung in ihnen geweckt, dass sie heilen könnten. Doch sie liebten meinen Vater nicht genug. Das hätte ich wissen müssen. Aber auch ich liebte Ihn nicht genug, nicht genug. Ich hatte Ihm nicht mit demselben absoluten Glauben vertraut, den ich von ihnen erwartete. Ich musste daher alle Zweifel beseitigen. Ich musste alle, die mir zuhörten, von meiner Liebe zu Ihm überzeugen. Des Verlustes von Johannes dem Täufer gegenwärtig, lehrte ich also fast den ganzen Tag auf dem Berg.“ 103)
 Hier nebenbei ein falscher Gebrauch des seltenen genitivischen „gegenwärtig“ - Jesus war nämlich nicht bei Johannes' Ermordung anwesend; das geht aber nicht auf Mailers Kappe. Sehen wir uns stattdessen den ersten Eindruck an, den Mailers Jesus von besagtem Johannes hat:
„Ein Flügel und ein Bein einer Heuschrecke hingen in seinem Bart. Ich fragte mich, warum dieser Mann, der andere badete und sich selbst viele Male am Tag wusch, Essensreste nicht entfernte. Doch es war nicht unpassend. Sein Gesicht glich einer Schlucht, und kleine Tiere mochten darin leben.“ (30)
 Zu all den bereits erwähnten Jesus-Projektionen hat Mailer auch diese hinzugefügt: Jesus, den miserablen Schriftsteller.


Der Sohn Gottes stellt sich auch in der Interpretation der Umtriebe seines Vaters („Mein Vater tat nur, was er konnte.“ (214)) nicht geschickter an als Mailer einige Jahre vor Erscheinen des „Jesus-Evangeliums“ bei der Vermittlung von Picassos künstlerischer Vision:
„Der Gedanke mag nicht abwegig sein, dass der Kubismus Picasso in die Lage versetzte, Grenzgebiete, etwa die zum Tod hin, zu erforschen. Eine gewagte Behauptung, doch wo findet sich ein kubistisches Gemälde, das nicht vom Inneren des Körpers, seinen höhlenartigen Formen, handelt? (…) Wenn der Tod eine Reise war, waren Zerfall und Verschmelzung der Formen die Mitreisenden. Im Verschwimmen aller Formen könnte ein irisierendes, ein bizarres Licht auftauchen.“ (Norman Mailer: Picasso. Porträt des Künstlers als junger Mann (357))
Für beide Protagonisten – Picasso und Jesus – gilt: Wo immer Mailer eine auf sie bezogene intellektuelle Eigenleistung erbringen muss, versagt er kläglich, und alles verschwimmt in einem irisierenden, bizarren Licht.

Mailers Jesus wirkt passagenweise wie ein Superheld, der sich seiner Kräfte nicht sicher ist – zu viel davon, so scheint es, wird aufgesogen durch das Wirken von Wundern. Und manches, was Jesus uns Leser vertraulich wissen lässt, klingt wie Maximen aus dem „Kleinen Handbuch für den Aufstrebenden Messias“: „Die Toten erweckt man am besten unter Schweigen; Lärm wird sie nur weiter forttreiben.“ (91) - „So wie es in allen Dingen Übertreibung gibt, ist auch im Wirken von Wundern ein Übermaß tunlichst zu vermeiden.“ (109) - „Und fürwahr trifft man selten einen Mann mit einer spitzen Nase, der dumm ist.“ (201) Bei so viel Knowhow, so viel Menschenkenntnis kann Mailers Jesus sich aber ums Verrecken nicht erklären, warum sein Gefolgsmann Judas sich erhängt haben könnte. Und das, obwohl er 15 Seiten davor beim letzten Mahl klar gemacht hat, dass unter seinen Leuten „ein Teufel“ ist, für den es besser wäre, nie geboren worden zu sein.


Zu allem Überfluss will Mailer uns seinen Jesus (oder dieser sich selbst) als einfachen Mann verkaufen. „Was Jesus a carpenter, or even a carpenter's son?“, zitiert Adam Gopnik eine der Pendenzen in der Jesus-Forschung. Bei Mailer will er jedenfalls von ganzem Herzen Tischler sein. Zu Beginn des Romans philosophiert Jesus über Gut und Böse im Holz des Apfelbaums, am Ende – während der Passion – sieht er sich mit einem roh zusammengehauenen Kreuz abgespeist und fühlt sich dadurch in seiner Handwerker-Ehre verletzt (!). Dies vielleicht ein (unbeabsichtigtes?) Echo des Jesus von Kazantzakis, der – bevor er die Messias-Karriere einschlägt – als solider Tischlermeister die römischen Besatzer mit Qualitätskreuzen beliefert. (Wenn man über dieses Thema schreibt, lauern hinter der Ecke jedes Satzes die feixenden Jungs von Monty Python!)

Mailer erweist sich mit der Jesusrolle als intellektuell und künstlerisch vollkommen überfordert. Und so bleibt er im Dickicht hängen, mit zerrissenem Brooks-Brothers-Anzug, das Haupt voll Blut und Wunden. Denn den Jesus-Mythos nachzuerzählen, ist nicht dasselbe wie – nehmen wir einen anderen Gottessohn – Herakles in zeitgenössischer Prosa wiederauferstehen zu lassen. Von Herakles' Vater wird an keiner Stelle behauptet, er sei vollkommen. Der Gott der Juden aber, als dessen Sohn Jesus ausgegeben wird, soll allmächtig, allwissend, allgegenwärtig und selbstverständlich ewig sein. Dass ein Mensch behaupten könnte, etwas von diesem Gott sei in ihm verkörpert, war und ist für einen gläubigen Juden an sich schon eine unerträgliche Vorstellung. Und genau hier setzt die zentrale Frage an – wo hört im Fall einer solchen Verkörperung der Mensch auf, wo fängt Gott an? Gopnik zitiert dazu die Diskussion der Arianer – war Jesus mit Gott eins im Sinne der Essenz oder lediglich der Substanz? Oder, in Gopniks herrlicher Formulierung:
„Was Jesus one with God in the sense that, say, Sean Connery is one with Daniel Craig, different faces of a single role, or in the sense that James Bond is one with Ian Fleming, each one so dependent on the other that one cannot talk about the creator apart from its author?“
Essenz, Substanz – hier mögen metaphysische Härchen gespalten werden. Doch nimmt man die Gottsohnschaft ernst, und sei es nur im Sinne eines literarischen Vorhabens, gerät man sofort in den Sandsturm der Fragen. Wie kann ein Sohn des Allmächtigen derartige Gedächtnislücken haben, wie Mailer sie uns aufschwatzen will? Sogar wenn sein Jesus über die Auferstehung redet, klingt er wie ein traumatisiertes Unfallopfer. Jesus zitiert dazu den Bericht (schon in „Picasso“ hat sich Mailer stets hinter Zitaten verkrochen) der beiden Marias, denen am leeren Grab von einem Engel die Auferstehung verkündet wurde. Jesus kommentiert: „Dies mag nahe an der Wahrheit sein. Und ich erinnere mich auch, dass ich das Grab verließ, um durch die Stadt und die Landschaft zu wandeln, und dass eine Stunde kam, da ich meinen Jüngern erschien.“ (219) Natürlich schummelt sich Mailer mit diesen Gedächtnis-Tricks um die Tatsache herum, dass er als Sterblicher natürlich NICHT die Auferstehung zur Unsterblichkeit aus der Sicht der betroffenen Partei schildern kann. Gutwilligst (und ungläubig) könnte man anführen, Mailer versuche bis zum Schluss seinen Jesus menschlich klingen zu lassen. Es drängt sich aber der Verdacht auf, Mailer habe während des Schreibens immer wieder vergessen, welchen auktorialen Standpunkt sein Ich-Erzähler bei Abfassung der Autobiographie zwangsläufig einnimmt, sodass man sich als Leser nach Brei sehnt, sich die Schläfe reibt und flüstert: „Aber Jesus schreibt diesen autobiographischen Roman doch NACH seiner Auferstehung. Er ist wiedervereint mit seinem Vater. Bestimmt hat er die beste, schnellste, überragendste aller Text-Verarbeitungen zur Verfügung, wahrscheinlich die Quantencomputer aller Universen zusammengeschaltet. Er ist jetzt big G. und kann über dessen Kräfte gebieten. Er hat total recall! Er sieht über die Zeiten hinweg, locker von einem Big Bang zum nächsten. Null problemo. Das gibt’s dann gar nicht, dass er uns so ein epileptisches Geschwurbel vorlegt von wegen, er habe sterbend am Kreuz ein weißes Licht gesehen und so. Im Gegenteil: Er müsste ganz hervorragend schreiben können, sich selbst in der Romanhandlung menschlich klingen lassen, das aber immer wieder in Einschüben kommentieren. Mailer will, dass sein Ich-Erzähler der Sohn Gottes ist. Dann soll er ihn auch wie den Sohn Gottes schreiben lassen, verdammt nochmal!“







Another Coming of Jesus oder: Nimm zwei! - Teil 3


Viele haben über die Jahrhunderte versucht, eine immer noch bessere Geschichte zu erzählen. Mit Christ hat Pullman rückwirkend den fiktionalen Prototyp dieser Erzähler geschaffen. Versucht man als skeptische Penelope, das Mythengewebe aufzutrennen, erzeugt man aus dem Gewirr der Fäden schnell ein „Dickicht“, wie es in Bulgakovs „Meister und Margarita“ heißt, „in das nur ein vorzüglich gebildeter Mensch eindringen kann, ohne sich den Hals zu brechen.“ (10) Mutig wagt sich der amerikanische Autor und Journalist Adam Gopnik ein stückweit in das Dickicht der Mythenwolle vor, und zwar in seinem exzellenten Artikel „What Did Jesus Do? Reading and Unreading the Gospels“. Im Verlauf seiner Überlegungen streift Gopnik zehn Bücher zum Thema „Jesus“, die meisten davon aus den Jahren 2009 und 2010; was beweist, dass dieses Thema nicht nur mit einem Dickicht, sondern auch mit einem unaufhörlich brennenden Dornbusch verglichen werden kann. Pullmans Roman wird auch erwähnt, ohne dass Gopnik sich aber in extenso damit befasste. Er macht kein Hehl aus der Mühsal, welche das Navigieren im Dickicht bereiten muss: „The intractable complexities of fact produce the inevitable ambiguities of faith. The more one knows, the less one knows.“

War Jesus Rabbi, Tischler, Kyniker, Epikureer, hellenische Lichtgestalt, Hare-Krishna-hafter Herumtreiber, ein Zen-Gammler, wie ihn sich Jack Kerouac hätte ausgedacht haben können? Und, noch schwieriger: War Jesus Mensch oder Gott oder beides oder was von welchem Zeitpunkt an? Denn die Gottsohnschaft ist der eigentlich schwierige Brocken, ein quälendes, irgendwie nutzloses Problem, von den Propagandisten schlecht gehandhabt. Es wirft viel mehr Fragen auf, als es Gutes bewirkt. Es genügt schon allein die Frage, wann die Gottsohnschaft eigentlich beginnt. Im Markus-Evangelium, dem wahrscheinlich ältesten, tut sie es mit der Taufe Jesu durch Johannes – es senkt sich der Geist in Gestalt einer Taube vom Himmel und eine Stimme aus derselben Richtung verkündet: „Dies ist mein geliebter Sohn“ usw. Jesus, zu diesem Zeitpunkt bereits ein erwachsener Mann, wird selbst neu von diesem Umstand in Kenntnis gesetzt. Bis zu diesem Moment wusste er also nichts davon. Erscheint kaum glaubhaft. Als Folge davon ist bei Matthäus die Gottsohnschaft von Anfang an ausgemachte Sache und nichts Neues mehr.

(Norman Mailer. Foto: Wikipedia)

Wie undurchdringlich das Dickicht allein durch das Problem der Gottsohnschaft wird, zeigt das Beispiel Norman Mailers. Er glaubte sich seinerzeit (1997) wohl einer nie dagewesenen, provozierenden Herausforderung zu stellen, als er „The Gospel According to the Son“ vorlegte, auf Deutsch: „Das Jesus-Evangelium“ (1998). Das Evangelium in der ersten Person erzählt! Jesus packt aus! Jetzt redet der Betroffene! Nun würde man erwarten, dass ein solches Unterfangen zumindest irgendeine neue oder originelle Perspektive auf die Jesus-Gestalt eröffnet. Man wird enttäuscht. Feige versucht Mailer den Spagat zwischen allen Evangelien. Keine Zehenspitze streckt er über kanonisiertes Gebiet hinaus. Jesus erfährt bei der Taufe durch Johannes, dass er der Sohn Gottes ist, damit wird schlussendlich aber auch eine Amnesie aufgehoben, die ihm ein Fieber zugefügt hat. Nun kann sich Jesus wieder an die Geschichten von den wunderbaren Umständen seiner Geburt erinnern, die ihm Maria während seiner Kindheit erzählt hat. Die Geschichte mit der Amnesie ist ein ebenso dümmlicher Schummeltrick wie Jesus' Ermahnung eingangs, wir sollten diesen seinen O-Ton-Bericht einfach als „kleines Wunder“ betrachten. Dabei liegen einem bei ihm doch mehr als bei allen anderen Autoren die Standardfragen auf der Zunge: Wie und wo haben Sie Ihr Manuskript verfasst? Wie haben Sie es geschafft, einen Verlag zu finden? Jesus agiert textkritisch, äußert Zweifel an der Version der Ereignisse, wie sie in den Evangelien aufgezeichnet ist. Seine eigenen Informationen sind jedoch erstaunlich inkonsistent. Es heißt, die Weisen hätten ihm nach seiner Geburt Geschenke gebracht, „aber das muss nicht der Wahrheit entsprechen, denn Joseph und Maria berichteten nie von solchen Gaben.“ (19) Andererseits will uns Jesus in der Szene, in der ein Engel dem Zacharias Elisabeths Schwangerschaft verkündet, mit folgendem parenthetischen Einschub beeindrucken: „(Ja, dieser Engel war der nämliche Gabriel, der sechs Monate später zu meiner Mutter sprechen sollte.)“ (27) Mitunter klingt der Gottessohn arrogant wie ein alternder Rockstar mit einem ausführlichst dokumentierten Lebenslauf: „Wie inzwischen alle wissen, gab es in der Herberge keinen Platz für uns.“ (17)

In seiner Handlungsführung folgt Mailer den Evangelien, einen steifen, sentenziösen, essenisch-asketischen Jesus vorführend, kaum imstande, der Ehebrecherin, die er vor der Steinigung bewahrt, in die Augen zu sehen. Ja, er geht so weit, in seinen Aufzeichnungen, die ein „kleines Wunder“ sein sollen, zu behaupten, die Gegenwart einer schönen Frau sei das Böse: „Diese Frau vor mir musste allen Schmutz aus des Teufels Speichel in sich haben, da Unzucht das mächtigste Instrument des Teufels ist.“ (162) So vermutet man in diesem Jesus unter anderem auch ein Vehikel für Mailers notorische Misogynie.

(José Saramago. Foto: Wikpedia)

Auch José Saramago bietet uns in seinem Roman „Das Evangelium nach Jesus Christus“ - 1991 in Portugal, 1993 auf Deutsch und Englisch erschienen – einen frömmlerischen, folgsamen Jesus, der während einer Wanderung den Jordan entlang mit seinen sexuellen Impulsen zu kämpfen hat. Selbst einige Jahre in der Hirtenlehre bei einem ebenfalls von Milton inspirierten Teufel können Jesus diese Skrupel nicht ausbrennen. Zu fest wurden sie ihm durch seine von Reinheit und männlicher Würde besessene Religion eingebläut. Der Teufel muss ihm eine schwärende Wunde beibringen, damit Jesus ins Haus von Maria Magdalena gelangt, wo er verbunden wird und endlich die erotische Initiation erfährt. Bis zu seiner Gefangennahme bleiben Jesus und Maria ein Paar.










Another Coming of Jesus oder: Nimm zwei! - Teil 2


Ein auch nur kursorischer Blick über die entsprechende Literatur führt einen zur Erkenntnis, dass es eine Unzahl an Jesus-Gestalten gibt. Über ein mögliches historisches Urbild ist nicht viel bekannt, es wird sogar die These vertreten, eine Vorlage für den metaphysischen Helden habe es nie gegeben, wie Superman sei er eine rein fiktive Lichtgestalt. Earl Doherty verficht diese These auf seiner Website in einem längeren Artikel, der alles Wesentliche aus seinem Buch „Das Jesus-Puzzle“ zusammenfasst. Auch die Diskussion der beiden Figuren aus Bulgakovs Roman, Berlioz und Besdomny, kreist darum, dass ein Jesus wohl nie wirklich existiert habe – bis schließlich der Teufel in die Unterhaltung eingreift. Gerade diese Ungreifbarkeit ermöglicht es aber, dass man sich der Jesus-Gestalt wieder und wieder von allen nur erdenklichen Seiten nähern kann. Im Lauf der Jahrhunderte hat man ihn mit theologischen, textarchäologischen, skeptischen, literarischen, psychologischen und – im Fall des Turiner Grabtuchs – sogar mit forensischen Werkzeugen gestupst, gezwickt, untersucht, seziert und immer wieder neu präpariert.


Pullman aber ruft aus: „Jetzt neu: Der Messias, das sind zwei!“ Er spaltet die Jesus-Figur und macht aus dem Sohn von Joseph und Maria ein Zwillingsbrüderpaar. Auch dies ein Affront gegen die fundamentalistisch verteidigte Version, derzufolge Jesus der alleinige Sohn war – ein Einzelkind zu sein, gehört auf jeden Fall zum Paket der Gottsohnschaft. Zwei Söhne also – Christ ist der schwächliche, aber schnell denkende Intellektuelle, Jesus der Mann der Tat und des geraden Wortes. Christ besucht die Synagoge und wird ein findiger Disputierer, Jesus erlernt das Tischler-Handwerk. Christ liebt und bewundert seinen Bruder:

„He does things out of passion, and I do them out of calculation. I can see further than he can; I can see the consequences of things he doesn't think twice about. But he acts with the whole of himself at every moment, and I'm always holding something back out of caution, or prudence, or because I want to watch and record rather than participate.“ (135)
Oder, anders ausgedrückt, Christ denkt wie ein Schriftsteller, Jesus wie dessen Protagonist. Menschliches wird vor allem in Christ sichtbar, Jesus ist der klassischen Heldenfigur nach Joseph Campbell angenähert.


Wie vom Kanon vorgegeben, wird Jesus von Johannes getauft und schlägt daraufhin eine Laufbahn als Prediger und Heiler ein. Christ trägt zwar eigentlich den Namen des Messias, aber in den Ruch, dieser zu sein (und damit der Befreier vom römischen Joch), gelangt sein Bruder. Während Jesus getauft wird, sieht Christ eine Taube auf einem Baum landen. Er fragt sich, was dieses Zeichen wohl bedeuten könnte und was eine himmlische Stimme dazu sagen würde, wenn sie jetzt zu ihm darüber spräche – ein für ihn bezeichnendes Gedankenspiel. Die Rollen der Brüder sind damit etabliert. Jesus führt ein radikales Leben, Christ beobachtet ihn dabei, wünscht sich, sein Mythograph zu werden, und versucht sich zwischendurch auch als spiritueller Coach für seinen impulsiven Bruder. Als sich jener nach seiner Taufe in die Wildnis zurückzieht, um eventuell der Stimme Gottes zu lauschen, besucht ihn Christ. Er möchte Jesus gern von seinen Visionen überzeugen, von einem Königreich der Gläubigen, in dem die ganze Welt vereint ist, entwirft im Grunde die Blaupause der heutigen römisch-katholischen Kirche. Jesus lehnt diese Vision ab, eine Salve Pullmans gegen die verhasste Institution. Gott, sagt Jesus, werde das Königreich auf seine eigene Weise einsetzen, zu einem von ihm gewählten Zeitpunkt.

Trotzdem, Christ bleibt nicht lange allein mit seinen Plänen. Ein Fremder nimmt mit ihm Kontakt auf. Dieser erkennt sofort Christs Bedürfnis, in der Geschichte eine Rolle zu spielen. Er interessiert sich sehr für die Mitschriften, die Christ von den Predigten seines Bruders anfertigt, und ermutigt ihn, diese Reporter-Tätigkeit forzusetzen:
„(I)n writing about what has gone past, we help to shape what will come. There are dark days approaching, turbulent times; if the way of the Kingdom of God is to be opened, we who know must be prepared to make history the handmaid of posterity and not its governor. What should have been is a better servant of the Kingdom than what was. I am sure you understand me.“ (99)
Das Kommende – und darunter versteht der Fremde die Verwirklichung von Christs Vision einer Kirche als Königreich der Gläubigen in großen Stil – soll Gestalt annehmen; und zwar genau nach Plan. Der Fremde sagt eine Zeit großer Umwälzungen voraus, in der die Kirche viel Gutes wirken werden (Unterricht, Krankenhäuser). Christ habe seinen Bruder durchaus richtig eingeschätzt – als einen Mann der Tat und des kurzen Gedankens. Daher, so unterstellt der Fremde, müssten sich andere darum kümmern, dass das, was Jesus begonnen habe, zur rechten Gestalt sich ausforme. Christ wird von Stolz erfasst, einer der „we who know“ zu sein. Das von ihm erstellte Material soll mithelfen, mit dem Jesus-Mythos die Grundlage für die zukünftige Kirche zu errichten. Er beschattet seinen populärer werdenden Bruder, wann immer er kann, rekrutiert zusätzlich einen der Jünger als Informanten, um eine lückenlose Dokumentation zu gewährleisten. Jesus wirkt seine Wunder, hält seine Predigten, begibt sich nach Jerusalem, um sein Schicksal zu vollenden. Neue Aufgaben werden an Christ herangetragen. Er, der in messianischen Disziplinen wie der Heilung einer kranken Prostituierten oder der Umarmung eines abstoßenden Bettler scheitert, muss dennoch, unter Anleitung des Fremden, ein Mann der Tat werden.


Als Darsteller und Verräter muss er in das Geschehen eingreifen, denn der Fremde überzeugt Christ, dass es nur der Großen Sache diene, wenn er seinen Bruder Jesus der römischen Gerichtsbarkeit ausliefere. Am Beginn von Gottes Königreich müsse ein Märtyrer stehen, ein Opfer. Nach quälendem Gewissenskampf unterwirft sich Christ den Anforderungen der Großen Sache und kassiert sogar das Blutgeld (immerhin hat ihm kurz zuvor ein Bettler, dem er sich in Nächstenliebe genähert hat, seinen Geldbeutel geklaut). Es folgt die Passion, die Pullman rasch und sachlich abhandelt.


Nachdem Jesus begraben und sein Leichnam, jenes Requisit, das durch Abwesenheit die Inszenierung entscheidend prägt, entwendet worden ist, setzt Christ das vermeintliche Auferstehungswunder fort, indem er sich als fast identische Zwillingsgestalt zuerst Maria Magdalena und danach den Jüngern bei Emmaus zeigt. Bis zum letzten Besuch des Fremden – gleichzeitig die Schluss-Szene des Buches – sieht sich Christ nicht aus der Versuchung entlassen, die Geschichte seines Bruder zu bearbeiten und zu „verbessern“:
„I want to play with it; I want to give it a better shape; I want to knot the details together neatly to make patterns and show correspondences, and if they weren't there in life, I want to put them there in the story, for no other reason than to make a better story.“ (244)

Another Coming of Jesus oder: Nimm zwei! - Teil 1


Geschichten besitzen große Kraft, Philip Pullman ist der erste, der das lauthals bestätigen würde. Aber nicht nur er, sondern auch seine Feinde, Fundamentalisten jeglichen Schlags, besonders der religiösen Einfärbung, wissen darum. In zwei Eigenschaften ähneln sie Kindern – Fundamentalisten verstehen Geschichten nicht als Metaphern für unter Umständen sehr komplexe Zusammenhänge; außerdem ertragen sie es nicht, wenn ihre Lieblingsgeschichte plötzlich mit anderen Worten erzählt wird, wenn vielleicht sogar von dem gewohnten und geliebten Ablauf der Ereignisse abgewichen wird.

(Philip Pullman. Foto: Wikipedia)

THE MYTHS ist ein Verlag, für den namhafte AutorInnen gewohnte und geliebte Geschichten aufgreifen und neu erzählen. Margaret Atwood hat 2005 „The Penelopiad“ veröffentlicht, der Titel spricht für sich selbst. Ebenso beredt der Titel „Lion's Honey. The Myth of Samson“, beigesteuert von Autor und Friedensnobelpreisträger David Grossman im Jahr 2006. Im gleichen Jahr ist „The Helmet of Horror“ erschienen, Victor Pelevins Neufassung des Mythos von Theseus und dem Minotaurus. Für seinen apokalyptischen Zukunftsroman „The Hurricane Party“ erweckte Klas Östergren 2009 die Götter von Asgard zu neuem Leben. Diese Experimente werden kaum den Unmut irgendwelcher Fundamentalisten wecken, mit Ausnahme vielleicht von Harold Bloom. 2010 allerdings war Philip Pullman an der Reihe und veröffentlichte „The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ“, also „Jesus, der gute Mensch, und der Gauner Christus“. Schon durch diesen hochgerüsteten Titel wird die Breitseite vorbereitet, die hier gegen fundamentalistisches Etepetete abgefeuert werden wird. Zudem wird durch das Erscheinen in diesem Verlag kommuniziert, dass die Geschichte von Jesu Leben und Passion zusammen mit den oben erwähnten Erzählungen einfach unter „die Mythen“ gerechnet wird.



Pullman ist vor allem im englischsprachigen Kulturraum ein berühmter und viel gelesener Autor von all-ages-Büchern. Vier Detektivromane in der Schule Conan Doyles um die viktorianische Heldin Sally Lockhart hat er unter anderem vorgelegt, am bekanntesten aber ist seine Trilogie „His Dark Materials“, heftigst beeinflusst von John Miltons „Paradise“-Dichtung. Daraus wird schon ersichtlich, dass Pullman mit „The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ“ nicht völlig neues Gebiet betritt. Immerhin ist er auch einer der engagiertesten und lautstärksten Atheisten Großbritanniens, spielt also im gleichen Team wie Prof. Richard Dawkins. Religion und ihre Wirkung auf die Art, wie Menschen miteinander umgehen, hat Pullman nicht nur in vielen Artikeln kritisiert, sondern – indirekt – auch in seiner fiction. Lyra Belacqua, die Heldin der Bücher „The Northern Lights“, „The Subtle Knife“ und „The Amber Spyglass“ („His Dark Materials“) lebt in einem Paralleluniversum, gestaltet als Uchronie, in der die Reformation kein Schisma hervorgerufen, sondern der Kirche Stabilität gebracht hat. Calvin hat dafür gesorgt, dass der Sitz des Papsttums von Rom nach Genf verlegt wurde. Die Kirche ist in Lyras Welt auf unheimliche Weise omnipräsent, vereint die Paranoia eines J. Edgar Hoover mit den subtileren Methoden von Scientology und hat sich auch noch einen gewissen postinquisitorischen Eishauch bewahrt. Das alles wird in seiner Bedrohlichkeit sehr gut rückgespiegelt durch die Kulissen einer viktorianischen Steam-Punk-Realität.

(Hoover und Calvin. Bilder: Wikipedia)

Mit dieser Konzeption der Kirche illustriert Pullman seine Haupteinwände gegen institutionalisierte monotheistische Religionen. Vor allem schreibt er gegen deren Autoritätsanspruch an – der ausgebrannte Engel, der in „His Dark Materials“ die Rolle Gottes innehat, dann verliert, wird nur „the authority“ genannt – sowie gegen eine lebensverneinende Asketik, die alles Gute auf ein Dasein in einem idealisierten Jenseits projiziert.

Jesus kommt in „His Dark Materials“ nicht vor, wird auch nicht genannt. In einem Artikel von Laura Miller für das Magazin „The New Yorker“ aus dem Jahr 2005 heißt es noch, Jesus werde vielleicht in einem Fortsetzungsroman zur Trilogie – Arbeitstitel: „The Book of Dust“ - erscheinen. Vier Jahre zuvor, 2001, hatte Sally Vincent Pullman besucht, um Material zu sammeln - „The Guardian“ wollte ein Porträt über den Schriftsteller bringen. In ihrem Artikel beschreibt sie, wie Pullman auf der Suche nach einem interessanten Gesprächsthema seine Bücherregale abschreitet. Er findet Michail Bulgakovs Roman „Der Meister und Margarita“ und liest seiner Besucherin folgenden Klappentext vor: „An einem heißen Frühlingstag trifft der Teufel in Moskau ein. In seinem Gefolge befinden sich unter anderen eine schöne nackte Hexe und ein riesiger schwarzer Kater mit einer Schwäche für Wodka und Schach.“ Mehr habe er nicht gebraucht, sagt Pullman, als er diese Zeilen zum ersten Mal gelesen habe, sei ihm auf einmal klar die Richtung vor Augen gestanden, die seine Erzählkunst einschlagen werde. Das Buch habe er nicht gelesen, der kurze Text habe genügt. Möglicherweise weiß der wortgewaltige Atheist also nicht, dass in Bulgakovs Roman der Moskauer Handlungsstrang um den Teufel Voland – einen sehr Miltonschen Teufel, nebenbei bemerkt, der stets das Gute schafft – einem Parallel-Plot gegenübergestellt ist, der in Jerschalaim (Jerusalem) zur Zeit des Prokurators Pontius Pilatus spielt. Ein des Griechischen mächtiger Jeschua han-Nasri tritt auf. Er kann sich nicht an seine Eltern erinnern und versucht lebhaft, seine sanften, gesellschaftlich jedoch revolutionären Gedanken gegenüber dem weltmüden, migränekranken Pilatus zu verteidigen. Dies zeigt an, dass Pullman, der „The Book of Dust“ jetzt wohl nicht mehr schreiben wird, mit seinem Jesus-Buch gleich zwei Kreise schließt.
 
(Michail Bulgakov 1936. Foto: Wikipedia)











Samstag, 17. Juli 2010

FORUM LITERATUR # 22: Die Familie Glass - Teil 2


In der letzten Folge haben wir uns mit den beiden ältesten Söhnen der Familie Glass beschäftigt. Sie standen und stehen in einer engen Beziehung zueinander: Seymour, der Gottsucher, und Buddy, der Schriftsteller und Chronist der Familie, der sich aber die meiste Zeit an der Persönlichkeit seines Bruders abarbeiten muss.

Dem ältesten Glass-Sohn ist die Erzählung „Seymour wird vorgestellt“ gewidmet. Buddy Glass agiert hier als Salingers alter ego und versucht sich auf gewundene essayistische Weise seinem Bruder zu nähern, indem er ihn in seinen verschiedenen Aspekten beschreibt. Das Rätsel Seymour wird dabei nicht gelöst, in dieser Erzählung kann Salinger jedoch glaubhaft darstellen, wie eng das Verhältnis zwischen den Brüdern war: Stellvertretend für den Leser erörtert Buddy mit sich selbst die Frage, ob hier Homosexualität im Spiel sein könnte, was er aber verwirft. Auch bei Seymour scheint dies nicht der Fall gewesen zu sein, erinnern wir uns nur an „Hapworth 16, 1924“, den langen Brief, den Seymour als Siebenjähriger aus dem Ferienlager an seine Familie zuhause schreibt. Darin schildert er u.a. seiner Mutter seine erwachende Sexualität – und die hat ausschließlich mit den im Lager anwesenden erwachsenen Frauen zu tun.

In der Erzählung „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute“ wird aus Buddys Perspektive Seymours Hochzeit geschildert, wobei auch hier in der für Salinger typischen offenen Weise impliziert wird, dass Buddy mit diesem Schritt seines Bruders nicht einverstanden ist. Hierfür könnte man eine Vielzahl von Gründen finden, die Texte lassen genügend Leerstellen frei, damit Interpretationen sich weit verzweigen können. Das gilt auch für Seymours Selbstmord – mit dieser Tat endet die Erzählung die ebenfalls in der letzten Folge besprochene Kurzgeschichte „Ein herrlicher Tag für Bananenfisch“.

(Ortgies 7,65, eine Halbautomatik, Seymours Waffe. Foto: Wikipedia)

Musik in dieser Folge wieder von Philip Glass, der keine Erfindung von Salinger ist. Wir bringen Auszüge aus einem Soundtrack zu Paul Schraders Film „Mishima“, ein Porträt über den gleichnamigen japanischen Schriftsteller, der wie Seymour Glass Selbstmord begangen hat.

                                       (Yukio Mishima 1956 -
                              Foto: Wikipedia)

BOO BOO


Boo Boo (Beatrice) ist die ältere der beiden Glass-Töchter, und es scheint, als sei sie die am wenigsten mit Problemen Kämpfende von den sieben Kindern. Wir erinnern uns, in „Hapworth 16, 1924“ wird sie von ihrem ältesten Bruder Seymour ermahnt, an ihrem schriftlichen Ausdruck zu arbeiten. Sie solle sich nicht daraufhin ausreden, dass andere Kinder noch nicht einmal Buchstaben malen können, schreibt Seymour, und – als zweite Ermahnung – sie solle auch ihr Benehmen verbessern. Aufrichtig sei nur der, dessen privates Verhalten sich nicht von seinem Verhalten in der Öffentlichkeit unterscheide! Wohlgemerkt: Boo Boo ist zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt. Aber, wir haben es ja schon mehrfach erwähnt, alle sieben Glass-Kinder sind hochbegabt. Daher hat auch Boo Boo an der Radioshow „It’s a Wise Child“ teilgenommen, so wie alle ihre Geschwister.


Boo Boo tritt dann wieder auf in der Erzählung „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute“, deren Plot im Jahr 1942 spielt. Die Familie Glass ist zu diesem Zeitpunkt überall verstreut, die Vereinigten Staaten befinden sich im Krieg. Boo Boo dient als Leutnant zur See bei der Marine, und an ihren freien Tagen bewohnt sie das New Yorker Appartement, in dem früher Seymour und Buddy zusammen gehaust haben. Am Beginn der Erzählung lesen wir einen Brief von ihr im Originalwortlaut. Mit diesem Schreiben erläutert sie ihrem Bruder Buddy die Situation: Sie mache sich Sorgen um Seymour, der bald heiraten werde, zur Zeit habe er diesen komischen Blick, da könne man nicht vernünftig mit ihm reden. Da niemand sonst von der Familie verfügbar ist, bittet Boo Boo Buddy, zur Hochzeit zu gehen. Was Buddy bei dieser Gelegenheit erlebt, haben wir in der letzten Sendung ausführlicher besprochen. Einen Teil der Handlung hat Salinger ja in das erwähnte New Yorker Appartement verlegt, wo Buddy Boo Boos Hochzeitsgruß an Seymour mit Seife auf den Spiegel geschmiert vorfindet. Der Gruß beginnt mit folgendem Zitat der griechischen Dichterin Sappho: „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute, wie Ares erscheint der Bräutigam, ein größerer Mann als der größte...“. (Sappho wird dann auch die Lieblingsdichterin der jüngsten Glass-Tochter Franny.) Neben anderen Spuren seiner Schwester findet Buddy in dem Appartement auch die Fotografie eines resolut dreinblickenden jungen Mannes. Das ist eine Spur, die in Boo Boos Zukunft weist, denn sie wird Ehefrau, Mutter, das, was man auf Englisch „a homemaker“ bezeichnet, und zwar in Westchester County, New York.
 
Das führt uns zu einer Kurzgeschichte – enthalten in der Sammlung „Neun Erzählungen“ – in der Boo Boo sozusagen die Hauptrolle spielt. Der Titel: "Unten beim Boot". In dieser Erzählung wird sie von Salinger auch ausführlicher beschrieben:
Die Pendeltür zum Esszimmer flog auf und Boo Boo Tannenbaum, die Dame des Hauses, trat in die Küche. Sie war eine schmalhüftige junge Frau von fünfundzwanzig Jahren, mit formlosem, farblosem, brüchigem Haar, das sie hinter die sehr großen Ohren gestrichen hatte. Sie trug knielange Drellhosen, einen schwarzen Pullover mit Rollkragen und Socken und Sportschuhe. Abgesehen von ihrem komischen Namen und abgesehen von ihrer allgemeinen Unansehnlichkeit, war sie – jedenfalls, was unvergessliche einprägsame und übermäßig wache, kleine Gesichter betrifft – eine verblüffende und eindeutig junge Frau. Sie ging schnurstracks zum Eisschrank und machte ihn auf. Während sie mit gespreizten Beinen dastand, die Hände auf die Knie stemmte und hineinspähte, pfiff sie unmelodisch durch die Zähne und wackelte im Takt dazu ganz ungeniert mit leicht pendelndem Hinterteil. (76)
An diesem Nachmittag hat Boo Boo ein Problem. Ihr Sohn Lionel ist überaus sensibel und reißt, sobald er jemanden etwas für ihn Verstörendes sagen hört, aus. Dann muss lange nach ihm gesucht werden, und es dauert seine Zeit, bis er sich wieder beruhigt hat. Das Haus liegt an einem See, Lionel sitzt in einem Boot, das am Steg vertäut ist, und weigert sich, das Boot zu verlassen. Was kann diesmal der Grund sein?


Boo Boo versucht es aus ihm herauszubekommen, aber Lionel zeigt sich zunächst trotzig, er weigert sich, mit seiner Mutter zu reden. Boo Boo, die ja bei der Marine gedient hat, bezeichnet sich scherzhaft als Admiral, aber Lionel antwortet nur: „Du bist kein Admiral. Du bist immerzu eine Dame.“ Dieser zweite Satz ist typisch für Salinger, denn mit solchen Sätzen verklammert er seine Glass-Erzählungen und gibt den Puzzleteilen Haftung. In „Hapworth 16, 1924“ hat Seymour seine Schwester noch ermahnt, an ihrem Benehmen zu arbeiten – Lionels Satz verrät uns, dass sie damit Erfolg gehabt hat.

Der Junge lässt seine Mutter nicht zu sich ins Boot, stattdessen nimmt er mit den Zehen eine Schwimmbrille auf und wirft sie über Bord ins Wasser. Seine Mutter macht ihn darauf aufmerksam, dass die Brille Buddy gehöre, der sie wiederum von Seymour übernommen habe. Lionel bleibt weiterhin trotzig, das sei ihm alles egal. Boo Boo zeigt ihm ein Geschenk, das für ihn gekauft hat, ein Päckchen, das eine Schlüsselkette enthält. Eigentlich sollte sie es jetzt ins Wasser werfen, sagt sie, wirft das Päckchen dann aber doch zu Lionel ins Boot. Der Junge versteht, dass ihm hier eine Lektion erteilt wird, betrachtet das Päckchen kurz – und wirft es dann selbst ins Wasser. Hier waltet die Idee des Ausgleichs, der Gerechtigkeit, des Gleichgewichts. Die Karma-Lehre des Buddhismus räumt dem Menschen Freiheit in der Wahl seiner Handlungen ein, gleichzeitig trägt der Mensch aber die gesamte Verantwortung dafür, eine Verantwortung, die er u.U. auch in seine nächste Inkarnation mit hinübernehmen muss. Dadurch, dass Lionel seine neue Schlüsselkette opfert, gleicht er die schlechte, aus Achtlosigkeit begangene Handlung wieder aus, nämlich das Versenken der Schwimmbrille seiner Onkel. jetzt ist er auch bereit, sich seiner Mutter anzuvertrauen: Er hat eine Unterhaltung zwischen Sandra, dem Dienstmädchen, und Mrs. Snell, der Putzfrau, belauscht. Sandra hat Mr. Tannenbaum, also Lionels Vater, als großen schlampigen „kike“ bezeichnet, was Lionel so verstört hat, dass er sich im Boot versteckt hat. Es stellt sich heraus, dass der Junge einem Missverständnis unterliegt. „Kike“ ist ein amerikanisches Schimpfwort für Juden, Lionel hat aber „kite“ verstanden, und das bedeutet „Drachen“, nämlich die Sorte, die man steigen lassen kann. Das gibt Boo Boo die Möglichkeit, ihren Jungen zu trösten, indem sie abwiegelt, eine so schlimme Beleidigung sei das nun auch wieder nicht.

(Foto: Wikipedia)

Zwei Motive hat Salinger in dieser Erzählung miteinander verbunden – die Idee moralischen Handelns im Sinne des Buddhismus – und das Motiv des Antisemitismus, einer Haltung, der auch seine eigene Familie hin und wieder begegnet ist. Was Boo Boo angeht, so erfahren wir aus einer Fußnote in der Erzählung „Zooey“, dass sie schließlich drei Kinder haben und im Jahr 1955 mit ihrer gesamten Familie eine Reise durch Europa unternehmen wird.

WALT UND WAKER




Die Zwillinge Walt und Waker werden immer wieder in einzelnen Erzählungen genannt, aber keiner von beiden hat von Salinger sozusagen einen eigenen Text geschrieben bekommen. Auch sie waren Stargäste bei „It’s a Wise Child“, und auch sie empfangen vom Ältesten in „Hapworth 16, 1924“ ihre Ermahnungen. Walt solle brav das Stepptanzen üben, Waker hingegen das Jonglieren; sei es zum Üben zu heiß in New York, sollten sie zumindest der eine seine Steppschuhe tragen, der andere seine Jongliersachen mit sich führen. In „Seymour wird vorgestellt“ erfahren wir, dass Waker – seinem Vorbild W.C. Fields folgend - das Jonglieren mit Zigarrenkisten perfektioniert hat. Walt sei als Tänzer weitaus professioneller und viel weniger spontan gewesen als Schwester Boo Boo und – wie Buddy in „Seymour wird vorgestellt“ verrät – für die Dauer seines Lebens ein sehr eleganter junger Mann.

Am Beginn von „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute“ teilt uns Buddy mit, wo sich seine beiden Brüder im Jahr 1942 aufgehalten haben – Walt ist als Soldat der Artillerie soeben in den Pazifik verfrachtet worden, Waker sitzt in einem Camp für Menschen, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigern. Sein Bruder Zooey sagt über Waker, dieser sei so empfindsam, wenn man ihm sage, dass es bald regnen werde, füllten sich seine Augen schon mit Tränen. Bleiben wir vorerst mal bei Waker. Er folgt der von Seymour vorgegebenen Linie der Spiritualität, d.h. er wird Kartäusermönch. In „Seymour wird vorgestellt“ wird Waker zitiert mit der Bemerkung, Seymours Gedichte wirkten deshalb so lebensnah, weil er auf Erfahrungen aus früheren Leben zurückgreifen könne, Leben, die er in einem noblen Vorort von Benares verbracht habe, im feudalen Japan oder im großstädtischen Atlantis – hoffentlich, so Buddy, bekomme Wakers Abt nicht Wind von dieser Bemerkung. Einen zweiten Satz Wakers zitiert der Schriftsteller in einem Brief an seinen Bruder Zooey, der in der gleichnamigen Erzählung zur Gänze abgedruckt ist. Waker habe gesagt, Zooey sei der Einzige in der Familie, der Seymour den Suizid verziehen habe, ohne deshalb von seiner Verbitterung darüber befreit zu sein.

(Wappen des Kartäuserordens. Bild: Wikipedia)

Aus „Seymour wird vorgestellt“ erfahren wir noch, dass Waker als Mönch suspendiert worden ist, und einmal nennt ihn Buddy den „Mönch-Reporter“. Das sind diese typischen Salingersken Zellen, aus denen an anderer Stelle ganze Erzählstränge erwachsen können – hoffen wir, dass unter dem unveröffentlichten Material weitere Erzählungen sind, die unsere Neugier, ausgelöst durch die vorliegenden Texte, befriedigen werden.

Gegen Ende von „Seymour wird vorgestellt“ schildert uns Buddy noch eine Szene, die sich rund um Walts und Wakers neunten Geburtstag Jahre abgespielt hat. Die Jungs haben zum Geburtstag neue Fahrräder bekommen und diese an jenem Nachmittag im Central Park ausprobiert. Waker ist ohne sein Rad nach Hause zurückgekehrt – ein unbekanntes Kind habe sich im genähert, ihn um das Fahrrad gebeten, und Waker habe es ihm einfach gegeben – worüber die Eltern natürlich aufgebracht sind. Es bleibt Seymour überlassen, die Sache wieder geradezubiegen und alle miteinander zu versöhnen. Möglicherweise kündigt sich in dieser Geste Wakers schon der zukünftige Mönch an, der sich leicht von irdischem Besitztum trennt.

Wir kommen jetzt wieder auf Walt zurück und nehmen uns die in „Neun Erzählungen“ enthaltene Kurzgeschichte mit dem Titel „Onkel Wackelpeter in Connecticut“ vor. Das ist wieder einer von diesen Salinger-Titeln, bei denen man gerne fragt: „Was kann denn das nur wieder sein?“ Vordergründig handelt es sich um eine Geschichte von zwei ehemaligen Schulfreundinnen. Mary Jane, auf dem Weg zu ihrem Arbeitgeber, besucht unterwegs Eloise in deren Haus. Zuerst läuft alles normal. Die beiden Frauen tauschen Erinnerungen aus, Anekdoten von früher, der Alkohol fließt reichlich. Dann kommt Eloises Tochter Ramona vom Spielen nach Hause, woraufhin die beiden Frauen eine dieser für Salingers Erzählweise charakteristischen herablassenden Unterhaltung mit dem Kind beginnen und es über Jimmy ausfragen, Ramonas imaginären Freund. Nachdem das Mädchen zu seinem Spiel zurückgekehrt ist, machen die beiden Freundinnen mit ihrem Programm weiter.

Eloise erinnert sich an Walt Glass, mit dem sie offenbar auf dem College eine Beziehung gehabt hat. Walt habe sie zum Lachen gebracht, ohne es darauf anzulegen, komisch zu sein, und er sei sehr nett gewesen. Einmal, erzählt Eloise, habe sie sich beim Laufen den Fuß verrenkt, Walt habe den blessierten Knöchel als „armer Onkel Wackelpeter“ angesprochen. In einer anderen Episode, von der Eloise berichtet, fährt sie zusammen mit Walt im Zug. Sie sitzen nebeneinander im Abteil, Eloise hat eine Strickjacke über sie beide gebreitet. „Also, irgendwie hatte er mir die Hand auf den Bauch gelegt“, erzählt sie. „Jedenfalls sagte er auf einmal, mein Bauch sei so schön, dass er wünschte, ein Offizier käme vorbei und würde ihm befehlen, die andere Hand aus dem Fenster zu strecken. Er sagte, er sei für Gerechtigkeit.“ (33) Hier zeigt sich, wie konsistent die von Salinger geschaffene Welt der Glass-Kinder ist – denn auch in diesem Gedanken von Walt schimmert jene Idee des Gleichgewichts, der das Karma ausgleichenden Gerechtigkeit durch, der wir schon mit Boo Boo und Lionel in „Unten beim Boot“ begegnet sind; ein weiteres Beispiel dafür, wie Salinger sein Glass-Puzzle auch mit Hilfe wiederkehrender Ideen zusammenfügt. - Zuletzt erfahren wir von Eloise auch, wie der humorvolle und elegante Walt während des II. Weltkriegs ums Leben gekommen ist:
(S)ein Regiment machte irgendwo Rast. Zwischen zwei Schlachten, sagte sein Freund, der mir darüber geschrieben hat. Walt und ein anderer verpackten den kleinen japanischen ofen. Ein Oberst wollte ihn nach Hause schicken. Oder sie holten ihn aus der Schachtel, um ihn neu einzupacken ... das weiß ich nicht genau. Jedenfalls war er ganz voll Benzin und Zeugs und explodierte – und ihnen mitten ins Gesicht. Der andere hat bloß ein Auge verloren. (36/37)
Im weiteren Verlauf der Erzählung wird klar, dass Eloise nie über den Verlust von Walt hinweggekommen ist. Nach seinem Tod hat sich ihr Leben auf eine Art entwickelt, mit der sie nicht gut zurechtkommt, der Besuch von Mary Jane macht ihr dies wieder deutlich. Eloise ist mit einem Mann verheiratet, den sie nicht liebt, sie hat keinen richtigen Draht zu ihrem Kind, sie tyrannisiert ihr Dienstmädchen und weint einer Vergangenheit nach, einer früheren Version ihrer selbst, von der sie sich für immer abgeschnitten fühlt.

Auch Walt ist also vom spirituellen Gedankengut seines ältesten Bruders nicht unberührt geblieben. Das Wunderkind und der spirituelle savant Seymour hat mit seinen Anschauungen, seiner Lektüre, seinen Interessen alle seine jüngeren Geschwister unwiderruflich geprägt. Dass diese Einflussnahme aber nicht immer nur gute Auswirkungen zeitigt, dass dieser spirituelle Einfluss für die jüngsten Geschwister u.U. eine zu schwere Bürde sein kann – darum geht es in den beiden nächsten Erzählungen, die als Titel die Namen der beiden jüngsten Glass-Kinder tragen: „Franny“ und „Zooey“. Franny ist zwar die Jüngste, über ihre Erzählung sprechen wir aber zuerst, da den beiden Texten eine Chronologie zugrundeliegt, in der die Handlung von „Franny“ zuerst passiert.

FRANNY


Frances oder Franny Glass wird in anderen Erzählungen an einigen wenigen Stellen erwähnt. Sympathisch liest sich eine Schilderung in Boo Boos Brief, der Buddy dazu bringen soll, zu Seymours Hochzeit zu gehen. Boo Boo fragt Buddy, ob er seine achtjährige Schwester in der Radioshow „It’s a Wise Child“ gehört habe. Franny habe nämlich auf Sendung erzählt, wie sie sich in den Augenblicken, in denen sie allein zu Hause sei, die Zeit damit vertreibe, durch die ganze Wohnung zu fliegen. Der Moderator habe herablassend geantwortet, gewiss habe sie geträumt, dass sie durch die Wohnung geflogen sei. Nein, habe Franny geantwortet, sie wisse genau, dass sie wirklich geflogen sei, ihre Fingerspitzen seien nämlich ganz staubig gewesen, weil sie die Glühbirnen an der Decke berührt habe.

In „Franny“ ist unsere Protagonistin Anfang zwanzig, eine College-Studentin. Wie so oft bei den Glasses führt sie sich durch einen Brief in die Erzählung ein. Ihr Freund Lane Coutell steht am Bahnhof und wartet auf den Zug, der Franny zu ihm bringen soll. Er zieht besagten Brief von ihr, der alle Merkmale eines oft gelesenen Schreibens trägt, aus der Tasche und überfliegt es noch einmal. Es ist ein überbordender Brief, in dem Franny von Thema zu Thema springt, u.a. gibt sie ihrer Vorliebe für Sappho Ausdruck. Sie fragt Lane auch, ob er sie liebe, in seinem eigenen Schreiben habe er nichts davon verlauten lassen; sie hoffe sehr, dass er am Wochenende nicht versuchen werde, ganz supermännlich und zurückhaltend zu sein, also einer von diesen „schweigsamen starken Männern“.

Wir merken bald, dass es genau das ist, was Lane zu sein versucht, sobald Franny mit dem Zug eintrifft. Er versucht jede Emotion aus seinem Gesicht verschwinden zu lassen, gibt sich sehr cool mit Franny, und als sie ihn fragt, ob er ihren Brief erhalten habe – eben jenen vielgelesenen Brief, der in Lanes Manteltasche steckt – hat er sogar die Stirn zu fragen: „Welchen Brief?“ Er bemerkt ein Buch, das sie bei sich hat, fragt danach, aber Franny will nicht darüber reden.

Bevor sie zum Football-Spiel gehen, landen sie in einem Restaurant, eines, wo junge College-Männer mit ihren Mädchen hingehen, wenn sie sie mal fein ausführen wollen. Lane bestellt sich ein Schnecken-Gericht, Franny nur ein einfaches Sandwich . Sie unterhalten sich, Lane spricht über eine Arbeit, die er geschrieben hat, eine psychologisch unterfütterte Untersuchung Flauberts, versucht, sehr unbeteiligt zu wirken, kommt aber immer wieder auf das Thema zurück. Er kann nicht verbergen, wie stolz er auf seine Leistung ist, immerhin hat ihm sein Professor sogar empfohlen, die Arbeit zu veröffentlichen. Es wird klar, dass er Franny damit unendlich langweilt. Sie steckt in einer tiefen Krise, denn sie leidet, so könnte man witzeln, am Caulfield-Syndrom: Das College geht ihr auf die Nerven, alle sind nur mit ihrem Ehrgeiz beschäftigt, Studenten wie Lehrer, allen geht es nur um sich selbst, nie gehe es darum, Weisheit zu erlangen. Weisheit! Überhaupt sei das ein Wort, das auf dem College niemand in den Mund nehme.


Hier zeigt uns Salinger wieder einmal seine eigene Sicht der Dinge. Wir haben schon mehrfach erwähnt, dass er den akademischen Umgang mit Literatur verabscheute, v.a. die psychologische Schule. Lane schildert er als einen heuchlerischen, aufgeblasenen Vertreter eben jener Couleur. Franny sehnt sich (wie ihr Schöpfer) nach Weisheit. Weisheit im Sinne des Buddhismus ist ein tiefes philosophisches Verständnis der conditio humana, also der Stellung des Menschen in der Welt. Dazu gehört auch die Erkenntnis der Realität, was tiefes und langes Nachdenken erfordert. Weisheit kann letzten Endes zur Erweckung führen, wie sie der Buddha erlebt hat.


Schließlich flüchtet Franny auf die Toilette und weint eine Viertelstunde lang. Als sie an den Tisch zurückkehrt, verbessern sich die Dinge nicht. Franny schimpft über die allgegenwärtige Heuchelei, über den Wunsch der Menschen, immer nur sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken – womit sie natürlich ihren Lane miteinschließt, der aber viel zu sehr von sich eingenommen ist, um Frannys Worte auf sich zu beziehen. Endlich bringt er sie dazu, über das geheimnisvolle grüne Buch zu reden, das sie bei sich hat. Es handelt sich um das tatsächlich existierende „Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers“, ein Werk russisch-orthodoxer Spiritualität, das die Geschichte eines anonymen Pilgers im Russland des 19. Jahrhunderts erzählt. Dieser Pilger trifft einen Starez, also einen geistlichen Lehrmeister, der ihn mit dem Jesus-Gebet vertraut macht. Das Jesus-Gebet erscheint hier in dem Wortlaut „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“ – wie ein Mantra kann es unablässig wiederholt werden, bis es sich so automatisiert, dass es mit dem Herzschlag in eins zusammenfällt. Es kann so zu einer ganz neuen Sicht der Welt und zu einer eigenen Art des Erweckungserlebnisses führen.

(Komboskini, die Gebetsschnur für das Jesus-Gebet. Foto: Wikipedia)

Franny wird schließlich ohnmächtig. Man legt sie im Büro des Restaurantmanagers auf die Couch, und als sie aufwacht, beugt sich ein nun doch erschrockener und besorgter Lane über sie. Nachdem er sie alleingelassen hat, um männlich einige Dinge zu regeln, blickt Franny zur Decke. Ihre Lippen beginnen sich wie von selbst zu bewegen. Sie hat begonnen, das Jesus Gebet zu sprechen, in der Hoffnung, dass es ihr aus der Krise helfen wird. Doch, wie der nächste Text zeigen wird, braucht es noch ein bisschen mehr.

ZOOEY




Am Anfang der Erzählung „Zooey“ meldet sich wieder Buddy zu Wort, zunächst in einer Art erzählerischem Vorwort, in dem er uns wissen lässt, dass er das Material für diese Erzählung von den drei beteiligten Personen bekommen hat, also von seiner Mutter Bessie, seinem Bruder Zooey und seiner Schwester Franny. Was er nun bieten werde, sei ein „prose home movie“, also eine Art Heimkino in Prosa. Und Buddy lässt uns auch wissen, dass alle drei Beteiligten auf die eine oder andere Weise seine Schilderung der Ereignisse kritisiert haben. Dann folgt wieder mal ein Brief, eine längere Nachricht, die Buddy an Zooey richtet. Auch dieser Brief zeigt Abnützungserscheinungen, zumal er bereits vier Jahre alt ist, und wird zu Beginn der Erzählung von Zooey in der Badewanne zum x-ten Mal überfolgen.

In seinem Schreiben geht Buddy auf ein Problem ein, das wir schon angedeutet haben, nämlich auf den spirituellen Einfluss, den v.a. Seymour, aber auch Buddy auf die geistige Ausrichtung ihrer Geschwister genommen haben. Sie hielten sie zu spiritueller Lektüre an, also zu der in der letzten Sendung erwähnten Diät aus klassischem Taoismus, den indischen Veden und dem Neuen Testament. Buddy zitiert einen Gelehrten des Zen-Buddhismus, der den Zustand der Erleuchtung als Zustand reinen Bewusstseins beschreibt – man sei mit Gott vereint in jenem primordialen Zustand, bevor die Weisung ergangen sei: „Es werde Licht.“ Von diesem Zustand sollten die jüngeren Geschwister erfahren, bevor sie mit den anderen Gebieten menschlichen Wissens in Berührung kämen; das sei das Ziel gewesen, schreibt Buddy in seinem Brief. Ein klassisch buddhistischer Gedanke also: Die Suche nach Wissen soll mit der Suche nach Nicht-Wissen beginnen. Außerdem geht Buddy in dem Brief auf Zooeys Suche nach dem richtigen Beruf ein – soll er Schauspieler werden? - Werde Schauspieler, so schließt Buddy den Brief, aber übe den Beruf mit ganzer Kraft und allem Können aus. Hier kommt Salinger wieder auf jene ethische Einstellung zurück, über die wir bereits mehrfach gesprochen haben. Schon Seymour hat Buddy nahegelegt, beim Schreiben stets sein ganzes Potenzial einzubringen, immer das Beste zu geben, egal, ob jemand dabei zusieht oder nicht. Es ist dies auf einen Grundsatz des Buddhismus zurückzuführen, der besagt, dass nur jener das Nirvana, also den höchsten Zustand, erreicht, der sein Potenzial voll und ganz verwirklicht.

Nachdem er den Brief zu Ende gelesen hat, studiert Zooey eine Drehbuch-Szene, in der er mitwirken soll, was uns zeigt, dass er Buddys Ratschlag befolgt hat. Bald wird er aber von seiner Mutter Bessie unterbrochen, die ihn nun über mehrere Seiten hinweg in eine Unterhaltung verwickelt. Die Mutter macht sich Sorgen um Franny, die im Wohnzimmer auf der Couch liegt, kein Essen annehmen will, nicht richtig schlafen kann und beständig etwas vor sich hinmurmelt. Bessie ist am Ende ihrer Weisheit. Sie möchte, dass einer ihrer Söhne sich Frannys annimmt, aber Waker, den Mönch kann sie nicht erreichen, da er sich in Ecuador befindet, und Buddy hat in seinem abgelegenen Haus oben im Staat New York kein Telefon.

Durch seine Beschreibungen macht Salinger klar, dass Zooey sehr hübsch ist, andererseits aber stark misanthropische Charakterzüge hat, die er auch seiner Mutter gegenüber nicht bezähmt. Zooey bezeichnet sich und Franny als mit spirituellem Zeug vollgestopfte Freaks, und die beiden „bastards“ Seymour und Buddy seine schuld daran. Dass Franny jetzt eine Krise habe, sei kein Wunder. Zuletzt lässt sich Zooey aber herbei und redet selbst mit seiner Schwester. Während des Gesprächs zeigt sich, dass sie beide dieselben Probleme mit der Welt und den Menschen haben. Sie durchschauen jede Heuchelei und laufen Gefahr, die Welt nicht mehr ertragen zu können, weil Heuchelei allgegenwärtig ist, denn jeder versucht jedem, etwas vorzumachen. Zooey findet heraus, dass sich Franny mit dem Jesus-Gebet selbst aus der Krise zu helfen versucht – er will es ihr ausreden, versetzt die junge Frau aber nur in einen noch aufgeregteren Zustand.

Daraufhin begibt er sich in Seymours und Buddys altes Zimmer, das noch genauso aussieht, wie die beiden es verlassen haben. Dort wählt Zooey vom Nebenanschluss aus die Nummer der Wohnung, gibt sich als Buddy aus – als Schauspieler kann er Stimmen gut nachmachen – und verlangt, dass Franny ans Telefon kommt. Eine Weile lang fragt er sie in der Rolle Buddys nach ihren Problemen aus, aber lange kann er seine hochintelligenten Schwester nicht hinhalten. An einer sprachlichen Eigenart merkt sie, dass Zooey am Telefon ist, trotzdem unterbricht sie das Gespräch nicht. Zooey lenkt Frannys Aufmerksamkeit nach und nach auf besagten ethischen Grundsatz, in allem immer sein ganzes Potenzial zu zeigen. Wann immer er als Kind etwas nicht habe tun wollen, erzählt er, habe ihn Seymour ermahnt, es trotzdem zu tun und zwar für die Fat Lady, also die Dicke Dame. Zooey habe sich diese dicke Dame immer vorgestellt, wie sie krank auf einer Veranda sitze und mit voller Lautstärke die Sendung „It’s a Wise Child“ höre. Für sie habe er sich in der Sendung immer besondere Mühe gegeben. Franny berichtet, dass Seymour auch ihr von der Fat Lady erzählt habe, ihre Vorstellung von ihr ähnele jener von Zooey sehr stark. Zooey greift nun den Schluss des Briefes auf, den er am Beginn der Erzählung gelesen hat. Nun, sagt er, dann müssten sie auch mit ihrem Leben weitermachen, als Schauspieler, als College-Studentin – und sie müssten es für die Dicke Dame tun, denn diese sei letzten Endes jedermann. Die Dicke Dame, das sei Christus. Damit schließt er für Franny einen Kreis – sie schläft lächelnd ein und man versteht, dass sie ihre spirituell motivierte Lebenskrise mit Hilfe ihrer Brüder gemeistert hat.

DIE ELTERN LES UND BESSIE GLASS




Es fragt sich nun, wie wohl die Eltern von sieben hochbegabten Wunderkindern beschaffen sind. Les Glass und seine Frau Bessie, geborene Gallagher, waren anfangs Stars des Vaudeville-Theaters, Tänzer und Unterhalter. Aber schon in „Hapworth 16, 1924“ erfahren wir, dass zumindest Bessie überlegt, sich von der Bühne zu verabschieden. Das Ehepaar tut dies dann auch, und zwar mit einer Party, die Buddy in der Erzählung „Seymour wird vorgestellt“ erwähnt. Les Glass arbeitet später als Talentsucher.

(Bild: Wikipedia)

Er scheint einerseits ein Mann seiner Zeit zu sein, rauchend, fluchend, gern mal eine Partie Billard hinlegend; andererseits wird an mehreren Stellen von seiner Neigung zur Sentimentalität berichtet. In der Erzählung „Zooey“ klagt Bessie an einer Stelle darüber, dass ihr Mann mittlerweile vollkommen in der Vergangenheit lebe. Er sitze vor den Radiogeräten, so als ob seine Kinder noch immer in der Sendung „It’s a Wise Child“ zu hören seien – Seymours Selbstmord hat tiefe Narben bei ihm hinterlassen. Bessie selbst wird in „Hapworth 16, 1924“ von ihrem ältesten Sohn für ihre körperlichen Vorzüge gelobt, Seymour nennt sie an einer Stelle sogar einen „süßen kleinen Teufel“. Einen unvergesslichen Auftritt hat sie in der Erzählung „Zooey“. Dort wird sie als dralle Dame mit immer noch sehr anziehenden Beinen geschildert. Außerdem trägt sie einen Kimono, ihr traditionelles Hausgewand, mit zusätzlichen aufgenähten Taschen. Die braucht sie zum einen, um ihr Tabakzubehör unterzubringen – sie ist eine sehr starke Raucherin – zum anderen ist sie auch eine tüchtige Heimwerkerin: In den Taschen ihres Hauskittels hat sie allerhand Ersatzteile wie Wasserhähne, Türangeln, Schrauben, Nägel und Kugellager. Bessie weiß, dass ihre Kinder sehr intelligent sind, sie bewundert und liebt jedes für seine besondere Eigenart; sie weiß aber auch, dass sie nicht vollständig an ihre Kinder herankommt, dass sie alle in ihrer sehr eigenen Welt leben, die sie mit einer Art von Geheimniskrämerei hüten. Und als gute Mutter macht sie sich ständig darüber Sorgen, dass die sozialen Fähigkeiten all ihrer Kinder unterentwickelt sind.

Alle deutschen Übersetzungen von Salingers Werk sind – in Gestalt preiswerter Taschenbücher – im Rowohlt Verlag erschienen. Dort liegt auch das Buch „Franny und Zooey“ vor, in dem beide Erzählungen abgedruckt sind. Wir haben über alle veröffentlichten Glass-Texte gesprochen, jetzt bleibt abzuwarten, was eventuell aus Salingers legendenumwobenen Safe auftauchen wird. Es Berichte und Gerüchte über dessen Inhalt, von zwischen zwei und fünfzehn Manuskripten ist die Rede, man weiß aber nicht, ob es sich um Romane, Erzählungen oder Reflexionen über Spiritualität und Ernährung handelt. Zur Zeit hüllen sich alle, die mit dem Nachlass befasst sind, sowie Salingers Verleger in Schweigen – es bleibt spannend.

(Hans Tirler, der Techniker diesmal)

Damit verabschieden wir uns in die Sommerpause, denn mit der nächsten Folge von FORUM LITERATUR beginnt die Wiederholung des Hörbuchs „Alice“ nach dem Prosaband von Judith Hermann. Wir möchten noch darauf hinweisen, dass wir in den Monaten Oktober, November, Dezember insgesamt drei Schwerpunktfolgen zu Themen aus der Kinder- und Jugendliteratur senden werden. Unsere Mitarbeiterin Margot Schwienbacher, Ihnen vielleicht bekannt aus der FORUM-LITERATUR-Folge über Hans Christian Andersen, wird uns ihr Wissen zur Verfügung stellen.