Sonntag, 18. Juli 2010

Another Coming of Jesus oder: Nimm zwei! - Teil 1


Geschichten besitzen große Kraft, Philip Pullman ist der erste, der das lauthals bestätigen würde. Aber nicht nur er, sondern auch seine Feinde, Fundamentalisten jeglichen Schlags, besonders der religiösen Einfärbung, wissen darum. In zwei Eigenschaften ähneln sie Kindern – Fundamentalisten verstehen Geschichten nicht als Metaphern für unter Umständen sehr komplexe Zusammenhänge; außerdem ertragen sie es nicht, wenn ihre Lieblingsgeschichte plötzlich mit anderen Worten erzählt wird, wenn vielleicht sogar von dem gewohnten und geliebten Ablauf der Ereignisse abgewichen wird.

(Philip Pullman. Foto: Wikipedia)

THE MYTHS ist ein Verlag, für den namhafte AutorInnen gewohnte und geliebte Geschichten aufgreifen und neu erzählen. Margaret Atwood hat 2005 „The Penelopiad“ veröffentlicht, der Titel spricht für sich selbst. Ebenso beredt der Titel „Lion's Honey. The Myth of Samson“, beigesteuert von Autor und Friedensnobelpreisträger David Grossman im Jahr 2006. Im gleichen Jahr ist „The Helmet of Horror“ erschienen, Victor Pelevins Neufassung des Mythos von Theseus und dem Minotaurus. Für seinen apokalyptischen Zukunftsroman „The Hurricane Party“ erweckte Klas Östergren 2009 die Götter von Asgard zu neuem Leben. Diese Experimente werden kaum den Unmut irgendwelcher Fundamentalisten wecken, mit Ausnahme vielleicht von Harold Bloom. 2010 allerdings war Philip Pullman an der Reihe und veröffentlichte „The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ“, also „Jesus, der gute Mensch, und der Gauner Christus“. Schon durch diesen hochgerüsteten Titel wird die Breitseite vorbereitet, die hier gegen fundamentalistisches Etepetete abgefeuert werden wird. Zudem wird durch das Erscheinen in diesem Verlag kommuniziert, dass die Geschichte von Jesu Leben und Passion zusammen mit den oben erwähnten Erzählungen einfach unter „die Mythen“ gerechnet wird.



Pullman ist vor allem im englischsprachigen Kulturraum ein berühmter und viel gelesener Autor von all-ages-Büchern. Vier Detektivromane in der Schule Conan Doyles um die viktorianische Heldin Sally Lockhart hat er unter anderem vorgelegt, am bekanntesten aber ist seine Trilogie „His Dark Materials“, heftigst beeinflusst von John Miltons „Paradise“-Dichtung. Daraus wird schon ersichtlich, dass Pullman mit „The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ“ nicht völlig neues Gebiet betritt. Immerhin ist er auch einer der engagiertesten und lautstärksten Atheisten Großbritanniens, spielt also im gleichen Team wie Prof. Richard Dawkins. Religion und ihre Wirkung auf die Art, wie Menschen miteinander umgehen, hat Pullman nicht nur in vielen Artikeln kritisiert, sondern – indirekt – auch in seiner fiction. Lyra Belacqua, die Heldin der Bücher „The Northern Lights“, „The Subtle Knife“ und „The Amber Spyglass“ („His Dark Materials“) lebt in einem Paralleluniversum, gestaltet als Uchronie, in der die Reformation kein Schisma hervorgerufen, sondern der Kirche Stabilität gebracht hat. Calvin hat dafür gesorgt, dass der Sitz des Papsttums von Rom nach Genf verlegt wurde. Die Kirche ist in Lyras Welt auf unheimliche Weise omnipräsent, vereint die Paranoia eines J. Edgar Hoover mit den subtileren Methoden von Scientology und hat sich auch noch einen gewissen postinquisitorischen Eishauch bewahrt. Das alles wird in seiner Bedrohlichkeit sehr gut rückgespiegelt durch die Kulissen einer viktorianischen Steam-Punk-Realität.

(Hoover und Calvin. Bilder: Wikipedia)

Mit dieser Konzeption der Kirche illustriert Pullman seine Haupteinwände gegen institutionalisierte monotheistische Religionen. Vor allem schreibt er gegen deren Autoritätsanspruch an – der ausgebrannte Engel, der in „His Dark Materials“ die Rolle Gottes innehat, dann verliert, wird nur „the authority“ genannt – sowie gegen eine lebensverneinende Asketik, die alles Gute auf ein Dasein in einem idealisierten Jenseits projiziert.

Jesus kommt in „His Dark Materials“ nicht vor, wird auch nicht genannt. In einem Artikel von Laura Miller für das Magazin „The New Yorker“ aus dem Jahr 2005 heißt es noch, Jesus werde vielleicht in einem Fortsetzungsroman zur Trilogie – Arbeitstitel: „The Book of Dust“ - erscheinen. Vier Jahre zuvor, 2001, hatte Sally Vincent Pullman besucht, um Material zu sammeln - „The Guardian“ wollte ein Porträt über den Schriftsteller bringen. In ihrem Artikel beschreibt sie, wie Pullman auf der Suche nach einem interessanten Gesprächsthema seine Bücherregale abschreitet. Er findet Michail Bulgakovs Roman „Der Meister und Margarita“ und liest seiner Besucherin folgenden Klappentext vor: „An einem heißen Frühlingstag trifft der Teufel in Moskau ein. In seinem Gefolge befinden sich unter anderen eine schöne nackte Hexe und ein riesiger schwarzer Kater mit einer Schwäche für Wodka und Schach.“ Mehr habe er nicht gebraucht, sagt Pullman, als er diese Zeilen zum ersten Mal gelesen habe, sei ihm auf einmal klar die Richtung vor Augen gestanden, die seine Erzählkunst einschlagen werde. Das Buch habe er nicht gelesen, der kurze Text habe genügt. Möglicherweise weiß der wortgewaltige Atheist also nicht, dass in Bulgakovs Roman der Moskauer Handlungsstrang um den Teufel Voland – einen sehr Miltonschen Teufel, nebenbei bemerkt, der stets das Gute schafft – einem Parallel-Plot gegenübergestellt ist, der in Jerschalaim (Jerusalem) zur Zeit des Prokurators Pontius Pilatus spielt. Ein des Griechischen mächtiger Jeschua han-Nasri tritt auf. Er kann sich nicht an seine Eltern erinnern und versucht lebhaft, seine sanften, gesellschaftlich jedoch revolutionären Gedanken gegenüber dem weltmüden, migränekranken Pilatus zu verteidigen. Dies zeigt an, dass Pullman, der „The Book of Dust“ jetzt wohl nicht mehr schreiben wird, mit seinem Jesus-Buch gleich zwei Kreise schließt.
 
(Michail Bulgakov 1936. Foto: Wikipedia)











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