Sonntag, 18. Juli 2010

Another Coming of Jesus oder: Nimm zwei! - Teil 2


Ein auch nur kursorischer Blick über die entsprechende Literatur führt einen zur Erkenntnis, dass es eine Unzahl an Jesus-Gestalten gibt. Über ein mögliches historisches Urbild ist nicht viel bekannt, es wird sogar die These vertreten, eine Vorlage für den metaphysischen Helden habe es nie gegeben, wie Superman sei er eine rein fiktive Lichtgestalt. Earl Doherty verficht diese These auf seiner Website in einem längeren Artikel, der alles Wesentliche aus seinem Buch „Das Jesus-Puzzle“ zusammenfasst. Auch die Diskussion der beiden Figuren aus Bulgakovs Roman, Berlioz und Besdomny, kreist darum, dass ein Jesus wohl nie wirklich existiert habe – bis schließlich der Teufel in die Unterhaltung eingreift. Gerade diese Ungreifbarkeit ermöglicht es aber, dass man sich der Jesus-Gestalt wieder und wieder von allen nur erdenklichen Seiten nähern kann. Im Lauf der Jahrhunderte hat man ihn mit theologischen, textarchäologischen, skeptischen, literarischen, psychologischen und – im Fall des Turiner Grabtuchs – sogar mit forensischen Werkzeugen gestupst, gezwickt, untersucht, seziert und immer wieder neu präpariert.


Pullman aber ruft aus: „Jetzt neu: Der Messias, das sind zwei!“ Er spaltet die Jesus-Figur und macht aus dem Sohn von Joseph und Maria ein Zwillingsbrüderpaar. Auch dies ein Affront gegen die fundamentalistisch verteidigte Version, derzufolge Jesus der alleinige Sohn war – ein Einzelkind zu sein, gehört auf jeden Fall zum Paket der Gottsohnschaft. Zwei Söhne also – Christ ist der schwächliche, aber schnell denkende Intellektuelle, Jesus der Mann der Tat und des geraden Wortes. Christ besucht die Synagoge und wird ein findiger Disputierer, Jesus erlernt das Tischler-Handwerk. Christ liebt und bewundert seinen Bruder:

„He does things out of passion, and I do them out of calculation. I can see further than he can; I can see the consequences of things he doesn't think twice about. But he acts with the whole of himself at every moment, and I'm always holding something back out of caution, or prudence, or because I want to watch and record rather than participate.“ (135)
Oder, anders ausgedrückt, Christ denkt wie ein Schriftsteller, Jesus wie dessen Protagonist. Menschliches wird vor allem in Christ sichtbar, Jesus ist der klassischen Heldenfigur nach Joseph Campbell angenähert.


Wie vom Kanon vorgegeben, wird Jesus von Johannes getauft und schlägt daraufhin eine Laufbahn als Prediger und Heiler ein. Christ trägt zwar eigentlich den Namen des Messias, aber in den Ruch, dieser zu sein (und damit der Befreier vom römischen Joch), gelangt sein Bruder. Während Jesus getauft wird, sieht Christ eine Taube auf einem Baum landen. Er fragt sich, was dieses Zeichen wohl bedeuten könnte und was eine himmlische Stimme dazu sagen würde, wenn sie jetzt zu ihm darüber spräche – ein für ihn bezeichnendes Gedankenspiel. Die Rollen der Brüder sind damit etabliert. Jesus führt ein radikales Leben, Christ beobachtet ihn dabei, wünscht sich, sein Mythograph zu werden, und versucht sich zwischendurch auch als spiritueller Coach für seinen impulsiven Bruder. Als sich jener nach seiner Taufe in die Wildnis zurückzieht, um eventuell der Stimme Gottes zu lauschen, besucht ihn Christ. Er möchte Jesus gern von seinen Visionen überzeugen, von einem Königreich der Gläubigen, in dem die ganze Welt vereint ist, entwirft im Grunde die Blaupause der heutigen römisch-katholischen Kirche. Jesus lehnt diese Vision ab, eine Salve Pullmans gegen die verhasste Institution. Gott, sagt Jesus, werde das Königreich auf seine eigene Weise einsetzen, zu einem von ihm gewählten Zeitpunkt.

Trotzdem, Christ bleibt nicht lange allein mit seinen Plänen. Ein Fremder nimmt mit ihm Kontakt auf. Dieser erkennt sofort Christs Bedürfnis, in der Geschichte eine Rolle zu spielen. Er interessiert sich sehr für die Mitschriften, die Christ von den Predigten seines Bruders anfertigt, und ermutigt ihn, diese Reporter-Tätigkeit forzusetzen:
„(I)n writing about what has gone past, we help to shape what will come. There are dark days approaching, turbulent times; if the way of the Kingdom of God is to be opened, we who know must be prepared to make history the handmaid of posterity and not its governor. What should have been is a better servant of the Kingdom than what was. I am sure you understand me.“ (99)
Das Kommende – und darunter versteht der Fremde die Verwirklichung von Christs Vision einer Kirche als Königreich der Gläubigen in großen Stil – soll Gestalt annehmen; und zwar genau nach Plan. Der Fremde sagt eine Zeit großer Umwälzungen voraus, in der die Kirche viel Gutes wirken werden (Unterricht, Krankenhäuser). Christ habe seinen Bruder durchaus richtig eingeschätzt – als einen Mann der Tat und des kurzen Gedankens. Daher, so unterstellt der Fremde, müssten sich andere darum kümmern, dass das, was Jesus begonnen habe, zur rechten Gestalt sich ausforme. Christ wird von Stolz erfasst, einer der „we who know“ zu sein. Das von ihm erstellte Material soll mithelfen, mit dem Jesus-Mythos die Grundlage für die zukünftige Kirche zu errichten. Er beschattet seinen populärer werdenden Bruder, wann immer er kann, rekrutiert zusätzlich einen der Jünger als Informanten, um eine lückenlose Dokumentation zu gewährleisten. Jesus wirkt seine Wunder, hält seine Predigten, begibt sich nach Jerusalem, um sein Schicksal zu vollenden. Neue Aufgaben werden an Christ herangetragen. Er, der in messianischen Disziplinen wie der Heilung einer kranken Prostituierten oder der Umarmung eines abstoßenden Bettler scheitert, muss dennoch, unter Anleitung des Fremden, ein Mann der Tat werden.


Als Darsteller und Verräter muss er in das Geschehen eingreifen, denn der Fremde überzeugt Christ, dass es nur der Großen Sache diene, wenn er seinen Bruder Jesus der römischen Gerichtsbarkeit ausliefere. Am Beginn von Gottes Königreich müsse ein Märtyrer stehen, ein Opfer. Nach quälendem Gewissenskampf unterwirft sich Christ den Anforderungen der Großen Sache und kassiert sogar das Blutgeld (immerhin hat ihm kurz zuvor ein Bettler, dem er sich in Nächstenliebe genähert hat, seinen Geldbeutel geklaut). Es folgt die Passion, die Pullman rasch und sachlich abhandelt.


Nachdem Jesus begraben und sein Leichnam, jenes Requisit, das durch Abwesenheit die Inszenierung entscheidend prägt, entwendet worden ist, setzt Christ das vermeintliche Auferstehungswunder fort, indem er sich als fast identische Zwillingsgestalt zuerst Maria Magdalena und danach den Jüngern bei Emmaus zeigt. Bis zum letzten Besuch des Fremden – gleichzeitig die Schluss-Szene des Buches – sieht sich Christ nicht aus der Versuchung entlassen, die Geschichte seines Bruder zu bearbeiten und zu „verbessern“:
„I want to play with it; I want to give it a better shape; I want to knot the details together neatly to make patterns and show correspondences, and if they weren't there in life, I want to put them there in the story, for no other reason than to make a better story.“ (244)

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