Sonntag, 18. Juli 2010

Another Coming of Jesus oder: Nimm zwei! - Teil 4


Michail Bulgakov schafft es in seiner kurzen Variation, die Jesus-Figur aus ihren eingeschworenen Kontexten zu lösen, sodass eine ganz neue Erzählung mit eigenem Zauber entsteht. Norman Mailer bleibt hinter dieser Leistung weit zurück – aus künstlerischem Unvermögen oder aus Furcht vor Protesten, wie sie Martin Scorseses Verfilmung von Nikos Kazantzakis' Roman „Die letzte Versuchung“ (Roman 1951, Verfilmung 1988) ausgelöst hat. Zwischen den Evangelien-Paraphrasen finden sich Einsprengsel, mit denen dem psychologischen Roman Genüge getan werden soll. In diesen Stellen wirkt Jesus besonders betulich: Essenz, Substanz – hier mögen metaphysische Härchen gespalten werden. Doch nimmt man die Gottsohnschaft ernst, und sei es nur im Sinne eines literarischen Vorhabens, gerät man sofort in den Sandsturm der Fragen. Wie kann ein Sohn des Allmächtigen derartige Gedächtnislücken haben, wie Mailer sie uns aufschwatzen will? Sogar wenn sein Jesus über die Auferstehung redet, klingt er wie ein traumatisiertes Unfallopfer. Jesus zitiert dazu den Bericht (schon in „Picasso“ hat sich Mailer stets hinter Zitaten verkrochen) der beiden Marias, denen am leeren Grab von einem Engel die Auferstehung verkündet wurde. Jesus kommentiert: „Dies mag nahe an der Wahrheit sein. Und ich erinnere mich auch, dass ich das Grab verließ, um durch die Stadt und die Landschaft zu wandeln, und dass eine Stunde kam, da ich meinen Jüngern erschien.“ (219) Natürlich schummelt sich Mailer mit diesen Gedächtnis-Tricks um die Tatsache herum, dass er als Sterblicher natürlich NICHT die Auferstehung zur Unsterblichkeit aus der Sicht der betroffenen Partei schildern kann. Gutwilligst (und ungläubig) könnte man anführen, Mailer versuche bis zum Schluss seinen Jesus menschlich klingen zu lassen. Es drängt sich aber der Verdacht auf, Mailer habe während des Schreibens immer wieder vergessen, welchen auktorialen Standpunkt sein Ich-Erzähler bei Abfassung der Autobiographie zwangsläufig einnimmt, sodass man sich als Leser nach Brei sehnt, sich die Schläfe reibt und flüstert: „Aber Jesus schreibt diesen autobiographischen Roman doch NACH seiner Auferstehung. Er ist wiedervereint mit seinem Vater. Bestimmt hat er die beste, schnellste, überragendste aller Text-Verarbeitungen zur Verfügung, wahrscheinlich die Quantencomputer aller Universen zusammengeschaltet. Er ist jetzt big G. und kann über dessen Kräfte gebieten. Er hat total recall! Er sieht über die Zeiten hinweg, locker von einem Big Bang zum nächsten. Null problemo. Das gibt’s dann gar nicht, dass er uns so ein epileptisches Geschwurbel vorlegt von wegen, er habe sterbend am Kreuz ein weißes Licht gesehen und so. Im Gegenteil: Er müsste ganz hervorragend schreiben können, sich selbst in der Romanhandlung menschlich klingen lassen, das aber immer wieder in Einschüben kommentieren. Mailer will, dass sein Ich-Erzähler der Sohn Gottes ist. Dann soll er ihn auch wie den Sohn Gottes schreiben lassen, verdammt nochmal!“
„Meine Jüngerschar war gleich Schafen ohne einen Hirten, und ich hatte zu voreilig die Hoffnung in ihnen geweckt, dass sie heilen könnten. Doch sie liebten meinen Vater nicht genug. Das hätte ich wissen müssen. Aber auch ich liebte Ihn nicht genug, nicht genug. Ich hatte Ihm nicht mit demselben absoluten Glauben vertraut, den ich von ihnen erwartete. Ich musste daher alle Zweifel beseitigen. Ich musste alle, die mir zuhörten, von meiner Liebe zu Ihm überzeugen. Des Verlustes von Johannes dem Täufer gegenwärtig, lehrte ich also fast den ganzen Tag auf dem Berg.“ 103)
 Hier nebenbei ein falscher Gebrauch des seltenen genitivischen „gegenwärtig“ - Jesus war nämlich nicht bei Johannes' Ermordung anwesend; das geht aber nicht auf Mailers Kappe. Sehen wir uns stattdessen den ersten Eindruck an, den Mailers Jesus von besagtem Johannes hat:
„Ein Flügel und ein Bein einer Heuschrecke hingen in seinem Bart. Ich fragte mich, warum dieser Mann, der andere badete und sich selbst viele Male am Tag wusch, Essensreste nicht entfernte. Doch es war nicht unpassend. Sein Gesicht glich einer Schlucht, und kleine Tiere mochten darin leben.“ (30)
 Zu all den bereits erwähnten Jesus-Projektionen hat Mailer auch diese hinzugefügt: Jesus, den miserablen Schriftsteller.


Der Sohn Gottes stellt sich auch in der Interpretation der Umtriebe seines Vaters („Mein Vater tat nur, was er konnte.“ (214)) nicht geschickter an als Mailer einige Jahre vor Erscheinen des „Jesus-Evangeliums“ bei der Vermittlung von Picassos künstlerischer Vision:
„Der Gedanke mag nicht abwegig sein, dass der Kubismus Picasso in die Lage versetzte, Grenzgebiete, etwa die zum Tod hin, zu erforschen. Eine gewagte Behauptung, doch wo findet sich ein kubistisches Gemälde, das nicht vom Inneren des Körpers, seinen höhlenartigen Formen, handelt? (…) Wenn der Tod eine Reise war, waren Zerfall und Verschmelzung der Formen die Mitreisenden. Im Verschwimmen aller Formen könnte ein irisierendes, ein bizarres Licht auftauchen.“ (Norman Mailer: Picasso. Porträt des Künstlers als junger Mann (357))
Für beide Protagonisten – Picasso und Jesus – gilt: Wo immer Mailer eine auf sie bezogene intellektuelle Eigenleistung erbringen muss, versagt er kläglich, und alles verschwimmt in einem irisierenden, bizarren Licht.

Mailers Jesus wirkt passagenweise wie ein Superheld, der sich seiner Kräfte nicht sicher ist – zu viel davon, so scheint es, wird aufgesogen durch das Wirken von Wundern. Und manches, was Jesus uns Leser vertraulich wissen lässt, klingt wie Maximen aus dem „Kleinen Handbuch für den Aufstrebenden Messias“: „Die Toten erweckt man am besten unter Schweigen; Lärm wird sie nur weiter forttreiben.“ (91) - „So wie es in allen Dingen Übertreibung gibt, ist auch im Wirken von Wundern ein Übermaß tunlichst zu vermeiden.“ (109) - „Und fürwahr trifft man selten einen Mann mit einer spitzen Nase, der dumm ist.“ (201) Bei so viel Knowhow, so viel Menschenkenntnis kann Mailers Jesus sich aber ums Verrecken nicht erklären, warum sein Gefolgsmann Judas sich erhängt haben könnte. Und das, obwohl er 15 Seiten davor beim letzten Mahl klar gemacht hat, dass unter seinen Leuten „ein Teufel“ ist, für den es besser wäre, nie geboren worden zu sein.


Zu allem Überfluss will Mailer uns seinen Jesus (oder dieser sich selbst) als einfachen Mann verkaufen. „Was Jesus a carpenter, or even a carpenter's son?“, zitiert Adam Gopnik eine der Pendenzen in der Jesus-Forschung. Bei Mailer will er jedenfalls von ganzem Herzen Tischler sein. Zu Beginn des Romans philosophiert Jesus über Gut und Böse im Holz des Apfelbaums, am Ende – während der Passion – sieht er sich mit einem roh zusammengehauenen Kreuz abgespeist und fühlt sich dadurch in seiner Handwerker-Ehre verletzt (!). Dies vielleicht ein (unbeabsichtigtes?) Echo des Jesus von Kazantzakis, der – bevor er die Messias-Karriere einschlägt – als solider Tischlermeister die römischen Besatzer mit Qualitätskreuzen beliefert. (Wenn man über dieses Thema schreibt, lauern hinter der Ecke jedes Satzes die feixenden Jungs von Monty Python!)

Mailer erweist sich mit der Jesusrolle als intellektuell und künstlerisch vollkommen überfordert. Und so bleibt er im Dickicht hängen, mit zerrissenem Brooks-Brothers-Anzug, das Haupt voll Blut und Wunden. Denn den Jesus-Mythos nachzuerzählen, ist nicht dasselbe wie – nehmen wir einen anderen Gottessohn – Herakles in zeitgenössischer Prosa wiederauferstehen zu lassen. Von Herakles' Vater wird an keiner Stelle behauptet, er sei vollkommen. Der Gott der Juden aber, als dessen Sohn Jesus ausgegeben wird, soll allmächtig, allwissend, allgegenwärtig und selbstverständlich ewig sein. Dass ein Mensch behaupten könnte, etwas von diesem Gott sei in ihm verkörpert, war und ist für einen gläubigen Juden an sich schon eine unerträgliche Vorstellung. Und genau hier setzt die zentrale Frage an – wo hört im Fall einer solchen Verkörperung der Mensch auf, wo fängt Gott an? Gopnik zitiert dazu die Diskussion der Arianer – war Jesus mit Gott eins im Sinne der Essenz oder lediglich der Substanz? Oder, in Gopniks herrlicher Formulierung:
„Was Jesus one with God in the sense that, say, Sean Connery is one with Daniel Craig, different faces of a single role, or in the sense that James Bond is one with Ian Fleming, each one so dependent on the other that one cannot talk about the creator apart from its author?“
Essenz, Substanz – hier mögen metaphysische Härchen gespalten werden. Doch nimmt man die Gottsohnschaft ernst, und sei es nur im Sinne eines literarischen Vorhabens, gerät man sofort in den Sandsturm der Fragen. Wie kann ein Sohn des Allmächtigen derartige Gedächtnislücken haben, wie Mailer sie uns aufschwatzen will? Sogar wenn sein Jesus über die Auferstehung redet, klingt er wie ein traumatisiertes Unfallopfer. Jesus zitiert dazu den Bericht (schon in „Picasso“ hat sich Mailer stets hinter Zitaten verkrochen) der beiden Marias, denen am leeren Grab von einem Engel die Auferstehung verkündet wurde. Jesus kommentiert: „Dies mag nahe an der Wahrheit sein. Und ich erinnere mich auch, dass ich das Grab verließ, um durch die Stadt und die Landschaft zu wandeln, und dass eine Stunde kam, da ich meinen Jüngern erschien.“ (219) Natürlich schummelt sich Mailer mit diesen Gedächtnis-Tricks um die Tatsache herum, dass er als Sterblicher natürlich NICHT die Auferstehung zur Unsterblichkeit aus der Sicht der betroffenen Partei schildern kann. Gutwilligst (und ungläubig) könnte man anführen, Mailer versuche bis zum Schluss seinen Jesus menschlich klingen zu lassen. Es drängt sich aber der Verdacht auf, Mailer habe während des Schreibens immer wieder vergessen, welchen auktorialen Standpunkt sein Ich-Erzähler bei Abfassung der Autobiographie zwangsläufig einnimmt, sodass man sich als Leser nach Brei sehnt, sich die Schläfe reibt und flüstert: „Aber Jesus schreibt diesen autobiographischen Roman doch NACH seiner Auferstehung. Er ist wiedervereint mit seinem Vater. Bestimmt hat er die beste, schnellste, überragendste aller Text-Verarbeitungen zur Verfügung, wahrscheinlich die Quantencomputer aller Universen zusammengeschaltet. Er ist jetzt big G. und kann über dessen Kräfte gebieten. Er hat total recall! Er sieht über die Zeiten hinweg, locker von einem Big Bang zum nächsten. Null problemo. Das gibt’s dann gar nicht, dass er uns so ein epileptisches Geschwurbel vorlegt von wegen, er habe sterbend am Kreuz ein weißes Licht gesehen und so. Im Gegenteil: Er müsste ganz hervorragend schreiben können, sich selbst in der Romanhandlung menschlich klingen lassen, das aber immer wieder in Einschüben kommentieren. Mailer will, dass sein Ich-Erzähler der Sohn Gottes ist. Dann soll er ihn auch wie den Sohn Gottes schreiben lassen, verdammt nochmal!“







Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen