Sonntag, 18. Juli 2010

Another Coming of Jesus oder: Nimm zwei! - Teil 7



Das Neue an Pullmans Roman ist, dass hier ein bestimmtes Motiv zu Ende gedacht wird. In ihren literarischen Bearbeitungen zeigt die Jesus-Figur nämlich eine Tendenz zur Verdoppelung bzw. ein Bedürfnis nach einem Sidekick. Die Romane sind vor allem an Jesu Menschlichkeit interessiert, beschreiben also auch seine Mängel, sodass sein Leben fast automatisch nach einer Persönlichkeit verlangt, die es vervollständigt (oder zumindest ergänzt). Bei Kazantzakis erfüllt Judas diese Rolle – er verhindert, dass Jesus seiner letzten Versuchung erliegt. Bei Saramago ist es Maria aus Magdala, die zusammen mit Jesus nicht nur ein Liebespaar abgibt, sondern ihm auch mit klugen Hinweisen zur Seite steht. Bulgakov hat Levi Matthäus als ekstatischen, alles mitschreibenden Gefährten. Norman Mailers Jesus fühlt sich, als seien seine beiden Existenzen teleskopartig ineinandergeschoben: „Ich fühlte mich wie ein Mann, der in seinem Inneren einen anderen umschloss.“ (25) Bald nachdem sich der Tischler als Sohn Gottes begreift, tritt dieser zweite, der wahre Mann aus dem ersten hervor. Pullman hat nun der Literatur das Brüderpaar Jesus und Christ hinzugefügt, doch aus seiner Idee, wie ich zu zeigen versucht habe, nicht das Beste herausgeholt.

Darum bleibt als Resümee: Indem Pullman sich des Jesus-Stoffes angenommen hat, ist er gleichzeitig einer Versuchung anheimgefallen – sein Erzähltalent zum Instrument seines Konterkreuzzuges zu machen. Den eigenen Erzählkosmos mit Miltons Farben auszumalen, bedeutete produktive Anwendung von Intertextualität – Literatur half bei der Erschaffung neuer Literatur und wir bekamen „His Dark Materials“. Aber der Evangelien-Falle konnte Pullman, der Aktivist, kaum ausweichen. Denn die Texte, deren Inhalt er in seinem Roman variiert, sind nicht als Erzählungen verfasst, sondern von vornherein als ideologisch-propagandistische Werkzeuge konzipiert. Genau das wollte uns Pullmans Roman ja offenbaren. Vielleicht wäre es besser, wenn er seinen Kampf gegen Fundamentalisten und andere beengte Hirne weiterhin mit Zeitungsartikeln und öffentlichen Auftritten führt. In Pullmans Büchern wünschen wir uns wieder mehr nackte Hexen und schwarze Kater, die überm Schachbrett das eine oder andere Gläschen Vodka genießen, vielleicht mit einem marinierten Pilz dazu.










Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen