Sonntag, 18. Juli 2010

Another Coming of Jesus oder: Nimm zwei! - Teil 5


Pullman, aus anderem Holz als Mailer, weiß, dass mit der literarischen Etablierung der Gottsohnschaft Jesus sofort zum wandelnden Widerspruch avanciert. Das Dickicht würde undurchdringlich. Also lässt sein Jesus nicht das Geringste davon verlauten. Sobald er mit seiner Tätigkeit als Prediger anfängt, spricht er gegenüber Zuhörern grundsätzlich nur von „your father in heaven“. In einer Szene will Jesus von den Jüngern wissen, für wen ihn diese halten. Petrus antwortet, er sei doch der Messias, was sich sein Meister aber heftig verbittet. Darauf weist Jesus auch später im Verhör mit Kaiaphas hin: Er habe jene, die ihm nachfolgten, gebeten, von ihm nicht als von dem Messias zu sprechen. Und auch in der vorangehenden Szene, in der Jesus im Garten von Gethsemane betet, benutzt er nur die Anrede „Lord“.


Es bleibt Christ überlassen, in der Rolle seines mutmaßlich auferstandenen Zwillings den heiklen Punkt der Gottsohnschaft gegenüber Maria Magdalena zu zementieren: „Tell them I shall ascend soon and go to my father, to God.“ (232) Hier webt Christ bereits eifrig mit am Netz der Jesus-Verschwörung, durch die das Königreich Gottes auf Erden in Gestalt einer mächtigen Kirche errichtet werden soll. In Pullmans Roman beginnt man also schon zu Jesu Lebzeiten mit dem Aufbau der Institution, für die diese kaum greifbare Gestalt den Grundpfeiler abgibt. Das erscheint nur wenig glaubhaft, da Pullman dazu eine Figur einführen muss, die in ihren Konturen völlig unklar und eigentlich mehr lästig als interessant erscheint – den salbungsvollen Fremden. Christ hält ihn zuerst für einen Griechen, dann für einen Engel. Auf (223) bestreitet der Fremde, Satan zu sein. Doch wird Dämonisches zumindest angedeutet in seiner Versicherung, „we who know“ seien Legion (vgl. 146). Immerhin kennt der Fremde auch den Hohepriester Kaiaphas und kommuniziert mit diesem auf Augenhöhe. Wie selbstverständlich redet er von der Zukunft, ähnlich dem Engel in Miltons „Paradise Lost“, der in einer beeindruckenden Szene Adam all jene Geschehnisse zeigt, die aus seiner Verfehlung folgen werden. Ist der Fremde ein Zeitreisender? Gesandt von einer Vatikanischen Verschwörung, die sich unstatthafterweise des CERN bedient hat, um sich – vielleicht in Zeiten starker Selbstzweifel - ihrer eigenen Wurzeln zu versichern? Oder doch ein himmlischer Abgesandter des Guten, das stets das Böse will?



Gerade diese Vielfalt an Interpretationsmöglichkeiten belegt, dass es sich bei dem Fremden nicht um eine ausgefeilte, in die Romanhandlung integrierte Figur handelt, sondern um ein erzählerisches Mittel im Dienste des polemisch agierenden Autors. Der Fremde ist der Rammbock, mit dem Pullman den Sockel jeder sich auf Jesus berufenden monotheistischen Glaubensrichtung wegdonnern will. Denn der Fremde verrät durch Worte und Taten (siehe vor allem den Schluss des Buches), was von dieser Kirche, deren anachronistischer Herold er zu sein scheint, erwartet werden muss. Pullman ergeht sich in zwischenzeiligen Sottisen, schreckt aber auch nicht vor offenem Angriff zurück. Einen solchen stellt es dar, wenn Jesus, ausgerechnet Jesus, in Gethsemane mit Gott redet, obwohl er weiß, dass dieser nicht zuhört, vermutlich gar nicht da ist. Trotzdem formuliert Jesus seine Vorstellungen von einer möglichen Kirche der Gläubigen. Er weiß, dass eine Kirche, wie sie sein Bruder vor Augen hat, eine Kirche des Terrors und der Unterdrückung sein wird. Religiöse Credi werden im Dienste machtpolitischer Interessen Menschen mit Gewalt aufgezwungen werden, ihre Verfechter werden sich in jeder Form der Ausbeutung ergehen (noch einmal sei hier auf die geschickt angelegte Schluss-Szene verwiesen). Jesus fleht:
„Lord, if I thought you were listening, I'd pray for this above all: that any church set up in your name should remain poor, and powerless, and modest. That it should not condemn, but only forgive. That it should be not like a palace with marble walls and polished floors, and guards standing at the door, but like a tree with its roots deep in the soil, that shelters every kind of bird and beast and gives blossom in the spring and shade in the hot sun and fruit in the season, and in time gives up its good sound wood for the carpenter; but that sheds many thousands of seeds so that new trees can grow in its place. Does the tree say to the sparrow 'Get out, you don't belong here?' Does the tree say to the hungry man 'This fruit is not for you?' Does the tree test the loyalty of the beasts before it allows them into the shade?“ (199/200)
Eine arme Kirche, ohne Macht, ohne Besitz, ohne jede Autorität mit Ausnahme jener der Liebe, eine Kirche, so natürlich und großzügig wie ein Baum. Jesus als Sprachrohr seines Autors: In die paar Seiten seiner Gethsemane-adress fließen alle Anklagepunkte ein, die Pullman im Hinblick auf die historische wie zeitgenössische Realität wohl vor allem der römisch-katholischen Kirche vorzubringen hat. Er macht den (unfreiwilligen) Begründer des Systems zum Ankläger des Systems.







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