Sonntag, 18. Juli 2010

Another Coming of Jesus oder: Nimm zwei! - Teil 3


Viele haben über die Jahrhunderte versucht, eine immer noch bessere Geschichte zu erzählen. Mit Christ hat Pullman rückwirkend den fiktionalen Prototyp dieser Erzähler geschaffen. Versucht man als skeptische Penelope, das Mythengewebe aufzutrennen, erzeugt man aus dem Gewirr der Fäden schnell ein „Dickicht“, wie es in Bulgakovs „Meister und Margarita“ heißt, „in das nur ein vorzüglich gebildeter Mensch eindringen kann, ohne sich den Hals zu brechen.“ (10) Mutig wagt sich der amerikanische Autor und Journalist Adam Gopnik ein stückweit in das Dickicht der Mythenwolle vor, und zwar in seinem exzellenten Artikel „What Did Jesus Do? Reading and Unreading the Gospels“. Im Verlauf seiner Überlegungen streift Gopnik zehn Bücher zum Thema „Jesus“, die meisten davon aus den Jahren 2009 und 2010; was beweist, dass dieses Thema nicht nur mit einem Dickicht, sondern auch mit einem unaufhörlich brennenden Dornbusch verglichen werden kann. Pullmans Roman wird auch erwähnt, ohne dass Gopnik sich aber in extenso damit befasste. Er macht kein Hehl aus der Mühsal, welche das Navigieren im Dickicht bereiten muss: „The intractable complexities of fact produce the inevitable ambiguities of faith. The more one knows, the less one knows.“

War Jesus Rabbi, Tischler, Kyniker, Epikureer, hellenische Lichtgestalt, Hare-Krishna-hafter Herumtreiber, ein Zen-Gammler, wie ihn sich Jack Kerouac hätte ausgedacht haben können? Und, noch schwieriger: War Jesus Mensch oder Gott oder beides oder was von welchem Zeitpunkt an? Denn die Gottsohnschaft ist der eigentlich schwierige Brocken, ein quälendes, irgendwie nutzloses Problem, von den Propagandisten schlecht gehandhabt. Es wirft viel mehr Fragen auf, als es Gutes bewirkt. Es genügt schon allein die Frage, wann die Gottsohnschaft eigentlich beginnt. Im Markus-Evangelium, dem wahrscheinlich ältesten, tut sie es mit der Taufe Jesu durch Johannes – es senkt sich der Geist in Gestalt einer Taube vom Himmel und eine Stimme aus derselben Richtung verkündet: „Dies ist mein geliebter Sohn“ usw. Jesus, zu diesem Zeitpunkt bereits ein erwachsener Mann, wird selbst neu von diesem Umstand in Kenntnis gesetzt. Bis zu diesem Moment wusste er also nichts davon. Erscheint kaum glaubhaft. Als Folge davon ist bei Matthäus die Gottsohnschaft von Anfang an ausgemachte Sache und nichts Neues mehr.

(Norman Mailer. Foto: Wikipedia)

Wie undurchdringlich das Dickicht allein durch das Problem der Gottsohnschaft wird, zeigt das Beispiel Norman Mailers. Er glaubte sich seinerzeit (1997) wohl einer nie dagewesenen, provozierenden Herausforderung zu stellen, als er „The Gospel According to the Son“ vorlegte, auf Deutsch: „Das Jesus-Evangelium“ (1998). Das Evangelium in der ersten Person erzählt! Jesus packt aus! Jetzt redet der Betroffene! Nun würde man erwarten, dass ein solches Unterfangen zumindest irgendeine neue oder originelle Perspektive auf die Jesus-Gestalt eröffnet. Man wird enttäuscht. Feige versucht Mailer den Spagat zwischen allen Evangelien. Keine Zehenspitze streckt er über kanonisiertes Gebiet hinaus. Jesus erfährt bei der Taufe durch Johannes, dass er der Sohn Gottes ist, damit wird schlussendlich aber auch eine Amnesie aufgehoben, die ihm ein Fieber zugefügt hat. Nun kann sich Jesus wieder an die Geschichten von den wunderbaren Umständen seiner Geburt erinnern, die ihm Maria während seiner Kindheit erzählt hat. Die Geschichte mit der Amnesie ist ein ebenso dümmlicher Schummeltrick wie Jesus' Ermahnung eingangs, wir sollten diesen seinen O-Ton-Bericht einfach als „kleines Wunder“ betrachten. Dabei liegen einem bei ihm doch mehr als bei allen anderen Autoren die Standardfragen auf der Zunge: Wie und wo haben Sie Ihr Manuskript verfasst? Wie haben Sie es geschafft, einen Verlag zu finden? Jesus agiert textkritisch, äußert Zweifel an der Version der Ereignisse, wie sie in den Evangelien aufgezeichnet ist. Seine eigenen Informationen sind jedoch erstaunlich inkonsistent. Es heißt, die Weisen hätten ihm nach seiner Geburt Geschenke gebracht, „aber das muss nicht der Wahrheit entsprechen, denn Joseph und Maria berichteten nie von solchen Gaben.“ (19) Andererseits will uns Jesus in der Szene, in der ein Engel dem Zacharias Elisabeths Schwangerschaft verkündet, mit folgendem parenthetischen Einschub beeindrucken: „(Ja, dieser Engel war der nämliche Gabriel, der sechs Monate später zu meiner Mutter sprechen sollte.)“ (27) Mitunter klingt der Gottessohn arrogant wie ein alternder Rockstar mit einem ausführlichst dokumentierten Lebenslauf: „Wie inzwischen alle wissen, gab es in der Herberge keinen Platz für uns.“ (17)

In seiner Handlungsführung folgt Mailer den Evangelien, einen steifen, sentenziösen, essenisch-asketischen Jesus vorführend, kaum imstande, der Ehebrecherin, die er vor der Steinigung bewahrt, in die Augen zu sehen. Ja, er geht so weit, in seinen Aufzeichnungen, die ein „kleines Wunder“ sein sollen, zu behaupten, die Gegenwart einer schönen Frau sei das Böse: „Diese Frau vor mir musste allen Schmutz aus des Teufels Speichel in sich haben, da Unzucht das mächtigste Instrument des Teufels ist.“ (162) So vermutet man in diesem Jesus unter anderem auch ein Vehikel für Mailers notorische Misogynie.

(José Saramago. Foto: Wikpedia)

Auch José Saramago bietet uns in seinem Roman „Das Evangelium nach Jesus Christus“ - 1991 in Portugal, 1993 auf Deutsch und Englisch erschienen – einen frömmlerischen, folgsamen Jesus, der während einer Wanderung den Jordan entlang mit seinen sexuellen Impulsen zu kämpfen hat. Selbst einige Jahre in der Hirtenlehre bei einem ebenfalls von Milton inspirierten Teufel können Jesus diese Skrupel nicht ausbrennen. Zu fest wurden sie ihm durch seine von Reinheit und männlicher Würde besessene Religion eingebläut. Der Teufel muss ihm eine schwärende Wunde beibringen, damit Jesus ins Haus von Maria Magdalena gelangt, wo er verbunden wird und endlich die erotische Initiation erfährt. Bis zu seiner Gefangennahme bleiben Jesus und Maria ein Paar.










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