Sonntag, 18. Juli 2010

Another Coming of Jesus oder: Nimm zwei! - Teil 6




Obwohl ich mit Pullmans Sichtweise großteils übereinstimme, komme ich zu dem Schluss, dass „The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ“ als literarisches Werk scheitert. Auf der Rückseite des Schutzumschlags steht lapidar: „This is a story.“ Das ist natürlich als Schutzschild gedacht gegen Proteste, die auch unweigerlich auf die Veröffentlichung des Romans folgten. Denn in Wahrheit soll der Roman mehr sein als just a story, zu deutlich ist die pamphletistische Unterströmung. Pullman will vorführen, wie Mythen entstehen. Er tut dies auf parabelhafte und – durch Einführung der Figur des Fremden – umständliche und stellenweise anödende Weise. Mythen entstehen durch aufmerksame Beobachter, die – verführt von ihrer Erzählkunst, verbunden mit Leichtfertigkeit und Geltungsdrang – die Dinge nicht so berichten wollen, wie sie sie beobachtet haben, und denen es leicht fällt, an ihre „bessere“ Version der betreffenden Vorgänge zu glauben. (Sehr gut zeigt dies - bezogen auf einen kulturell völlig anderen Kontext - der Film „Beowulf and Grendel“ aus dem Jahr 2005.) Christ als dramasüchtiger Mythomane hätte zur Illustration vollkommen ausgereicht. Darüber hinaus hätte das Brüder-Thema, das der Roman ja auch behandeln will, mehr Untiefen bekommen: der handlungsunfähige Beobachter, der sich an seinem messianisch begabten Bruder dadurch rächt, dass er aus dessen Botschaften sein eigenes ideologisches Spielzeug formt und sich so als „scoundrel“ bestätigt. Bulgakov zum Beispiel braucht nur ein, zwei Absätze, um das Mythos-Motiv zu erledigen. Jeschua han-Nasri verteidigt sich vor Pilatus – die Menschen, die begriffen einfach nicht, was er ihnen sage, sondern brächten alles durcheinander:
„Ich fange an zu befürchten, dass diese Verwirrung noch sehr lange währen wird. Alles rührt daher, dass er falsch aufschreibt, was ich sage. (…) [D]a läuft einer unablässig mit dem Ziegenpergament hinter mir her und schreibt. Ich habe einmal hineingeschaut und war entsetzt. Nichts von alldem, was dort geschrieben steht, habe ich gesagt. Angefleht habe ich ihn: Verbrenne dieses Pergament, ich bitte dich! Er hat es mir aus der Hand gerissen und ist davongelaufen.“ (23)
Was mich besonders stört: Trotz seines eminent realistischen Anliegens, die Entstehung eines Mythos nachzuvollziehen, will Pullman nicht ganz auf phantastische Elemente verzichten. Als Kind gelingt es Christ, „kleine Wunder“ zu wirken, um seinen Bruder immer wieder mal aus der Bredouille zu holen. Bei einem Färber wirft Jesus, der Lausbub, alle verschieden einzufärbenden Stoffe zusammen in einen Bottich. Der Färber verzweifelt. Was werden die Kunden sagen? Gelassen aber zieht Christ die Stoffe einen nach dem anderen aus dem Tohuwabohu – jeden in der gewünschten Farbe! Ein andermal formt Jesus aus Lehm kleine Spatzen, zwölf an der Zahl, was harmlos genug wäre – doch nicht am Sabbath! Ein aufmerksamer Nachbar sieht das Werk und läuft erzürnt zu Josef. Als man den Lauser Jesus strafen will, klatscht Christ in die Hände, und die Lehmspatzen, zwölf an der Zahl, erheben sich in die Lüfte. Für sich sind das nette Episoden – die Geschichte mit den Stoffen geht auf Pullmans Konto, die Lehmsperlinge, die auch Saramago benutzt, stammen aus dem apokryphen Kindheitsevangelium des Thomas – zeigen den Erzähler Pullman in der gewohnten Form. Aber sie belegen auch, dass der Autor sich mit seiner Themenwahl in eine Zwickmühle begeben hat – seine ideologische Voreingenommenheit, sein Engagement als Kämpfer gegen religiösen Fundamentalismus ist ihm bei der Ausübung des Erzählhandwerks immer wieder im Weg. In einem Roman, der so sehr Kampfschrift sein soll wie dieser, verwirren phantastische Elemente und verwischen die Absicht. Auch bei der Behandlung der von Jesus angeblich gewirkten Wunder konnte sich Pullman offenbar nicht entschließen, ob er sie in ihrer von den Evangelien etablierten Eigenschaft als übernatürliche Phänomene belässt (dauerhaft gelungene Heilungen) oder sie als Fabrikationen aus Charisma und kollektiver Suggestion entlarven will (Nahrungsvermehrung nach der Bergpredigt). Und auch der Fremde – diese Zwittergestalt aus phantastischer Kassandra und durchaus realistisch gezeichnetem Goebbels – ist aufgrund dieser Ambiguität, die in einem anderen, rein erzählerischen Zusammenhang vielleicht reizvoll gewesen wäre, keinem der Anliegen Pullmans – Erzählung, Entlarvung – so richtig von Nutzen.


Über Jesus eine immer noch bessere Geschichte erzählen – dazu bedarf es einer frischen Sichtweise, dem alten Stoff muss irgendein neues Element hinzugefügt werden. Mailer hat es mit Jesu Ich-Perspektive versucht und nichts hinzugewonnen. Bulgakov macht aus Jesus einen sanften Sozialrevolutionär, ohne Tischlerei, ohne Gottsohnschaft, und – als einziger der hier genannten Autoren – ohne nutzlose Nägel in der Kreuzigungsszene. Der sanfte Jeschua wird für Pilatus zur Gewissenssache. Der Prokurator verurteilt den heiligen Herumtreiber zwar, doch sucht er Wiedergutmachung. Er sorgt dafür, dass Schürzenjäger Judas, der Jeschua für ein bisschen Geld in die Falle gelockt hat, im Garten Gethsemane erdolcht wird. Kazantzakis lässt seinen Gekreuzigten ein alternatives Leben versuchen, wozu eine Ehegemeinschaft mit Maria Magdalena gehört. Diese finden wir auch bei Saramago, doch ist die Zusammenkunft mit Maria vor allem als Schachzug in der Partie zwischen Gott und Teufel zu werten. Nicht diese Partie ist das Neue in „Das Evangelium nach Jesus Christus“, sondern die Idee des Portugiesen, den faustischen Pakt personell anders zu besetzen. Jesus ist ehrgeizig und sehnt sich nach Macht und Ruhm. Gott verspricht ihm dies, allerdings erst nach seinem Tod. In diesem Tod liegt Jesu wesentliche Gegenleistung. In einer Schlüsselszene sitzen sie zu dritt in einem Boot auf dem See Genezareth – der Teufel in seiner Gestalt als riesiger Hirte – ein Beruf, aus dessen Image in den kanonisierten Schriften eher die sogenannte gute Seite Nutzen zu ziehen sucht; Gott, ein machthungriger, ungeduldiger Alter, prämacchiavellistisch wie nur je eine von Menschen ersonnene Gottheit; und zwischen ihnen Jesus, der nicht weiß, dass er über null Verhandlungsspielraum verfügt. Gott setzt ihm unumwunden seinen Plan auseinander: Vom kleinen Gott der Juden will er zum Gott der den Erdkreis umspannenden Katholiken-Gemeinde werden. Dazu braucht er Jesus als „Opfer“ und „Märtyrer“. „Die Worte Märtyrer und Opfer sprach Gott voll Schmelz, als wäre seine Zunge eitel Milch und Honig, doch ein eisiger Schauer flutete Jesu Glieder, als hätte sich der Nebel über ihm geschlossen, während der Teufel ihn mit rätselvoller Miene betrachtete, halb forsch, halb ungewollt mitleidig“. (423) Und da auch dieses neu erfundene Evangelium von Miltons Geist durchweht wird, wendet sich Jesus mit einer verhängnisvollen Bitte an seinen intriganten Vater. Er wolle wissen, was aus diesem seinem ruhmreichen Opfer erwachsen werde. Gott nimmt sich Zeit und erfüllt die Bitte seines Sohnes mit nichts weniger als einer Zusammenfassung der Kriminalgeschichte des Christentums, einschließlich einer fünfseitigen Liste von Märtyrern, alphabetisch geordnet. Daraufhin überrascht der Teufel mit einem Vorschlag: Gott solle ihm, der das Böse verkörpere, vergeben und ihn wieder in die himmlischen Heerscharen aufnehmen – dann könne sich das Gute ungehindert im ganzen Universum ausdehnen, damit auch die Macht Gottes, und niemand müsse deswegen sterben. Argumentativ geht das nicht ganz auf, denn Saramagos Gott sieht seine Macht weniger durch den Teufel eingeschränkt – im Gegenteil, durch diesen erfährt Gott nach dualistischer Sichtweise so etwas wie Existenzsicherung, wie der Beherrscher der Gläubigen nur allzu gern eingesteht. Nein, es sind vielmehr die anderen Gottheiten, auf deren Kosten er an Macht gewinnen will. Jahwe ist tatsächlich als alleiniger zorniger, fordernder Gott aus einem früheren Vielgötterkult (Aschera, Baal, Astarte) der Israeliten hervorgegangen. Aufschlussreich dazu der Artikel „Eine göttliche Karriere“ in Bild der Wissenschaft 12/2005 (73)-(76). Saramagos Gott weist den Vorschlag seines Gegenspielers zurück und bleibt lieber bei seinem ursprünglichen Plan. Alles nimmt seinen Lauf. Die Nacherzählung des Inhalts der kanonischen Evangelien nimmt ungefähr die letzten fünfzig Seiten ein, offenkundig war Saramago an diesem Teil des Plots am wenigsten interessiert. Erst am Schluss scheint Jesus, der bisher schon keinen besonders cleveren Eindruck gemacht hat, zu begreifen, worauf er sich eingelassen hat, obwohl er es auf dem See Genezareth wirklich haarklein auseinandergesetzt bekommen hat, einschließlich des Hinweises, dass er keine andere Wahl habe, als mitzuspielen. Aber Saramago, in seiner kritischen Haltung ganz auf Pullmans Linie, braucht diesen lichten Moment des Gekreuzigten, um Jahwe noch einen Nasenstüber zu verpassen. Jesus hängt am Kreuz, überblickt das ganze Ausmaß des väterlichen Komplotts, sieht Gott in den Wolken lächeln und ruft aus: „Menschen, vergebt ihm, denn er weiß nicht, was er getan hat.“ (511)









Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen