Freitag, 9. Juli 2010

Forum Literatur # 21: Die Familie Glass - Teil 1

Jerome David Salinger war schon einmal Thema in der Sendung Forum Literatur, und zwar in Ausgabe # 9 vom März. Er ist Anfang dieses Jahres gestorben, ein Anlass, um sich an diesen faszinierenden Schriftsteller zu erinnern und sich sein Werk ein bisschen vorzunehmen. In der erwähnten Sendung ging es um den Roman „Der Fänger im Roggen“„The Catcher in the Rye“, Salingers wohl berühmtestes und erfolgreichstes Buch. Aber seine komplexeste, am meisten beunruhigende, anrührendste Schöpfung ist mit Sicherheit die Familie Glass. Ein Entwurf für diese Familie schimmert durch, wenn Holden Caulfield, Teenager und Protagonist von „Der Fänger im Roggen“, von seiner Familie erzählt. Wir erinnern uns: Er hat einen älteren Bruder, der Schriftsteller ist, sowie einen toten Bruder, ehemals leichtherzig und freundlich, der sich Gedichte auf den Baseballhandschuh schrieb, um langweilige Spielphasen zu überbrücken; und Holden hat auch eine kleine Schwester, die Bücher schreibt. Wir werden sehen, dass die Glass-Familie die volle Ausformung dieses Entwurfs darstellt.
Wer sich auf diese Familie einlässt, begegnet unweigerlich Philosophie und Religion des Ostens, v.a. dem Buddhismus, den Salinger selbst – neben anderen spirituellen Wegen – praktiziert hat. Die Musik in dieser Ausgabe kommt daher von Philip Glass. Er passt namentlich dazu, obwohl er natürlich kein Mitglied dieser fiktiven Familie ist. Außerdem hat er die Musik zu dem Film „Kundun“ geschrieben.


Dieser Film zeigt das Leben von Tenzin Gyatsho, dem 14. Dalai Lama Tibets, von seiner Auserwählung bis zu seiner Flucht vor den chinesischen Besatzern nach Indien im Jahr 1959.

(Tenzin Gyathso, der 14. Dalai Lama. Foto: Wikipedia)

DIE GLASS FAMILIE ALLGEMEIN

Die Eltern heißen Les und Bessie Glass, ledige Gallagher, er jüdisch, sie irisch, dieselbe Mischung bei Salinger selbst. Sie sind Darsteller aus der Welt des Vaudeville, d.h. sie sind in Musiktheatern als Tänzer, Sänger, Unterhalter aufgetreten. Vater Les verdient sich später als Talentsucher sein Geld.
Diese beiden haben miteinander sieben Kinder – fünf Söhne, zwei Töchter – und alle, alle sind hochbegabt. Der älteste Sohn ist Seymour Glass. Wenn es um geistigen Einfluss geht, kann man ihn als das mit Abstand wichtigste Mitglied der Familie bezeichnen. Seymour steht im Vordergrund vieler Glass-Erzählungen und wird in den meisten anderen zumindest erwähnt. Er ist ein mukta, einer, der nach Gott sucht. Sein Bruder Webb Gallagher Glass ist zwei Jahre jünger und wird von allen immer nur Buddy genannt. Er ist Schriftsteller und Chronist der Familie sowie Salingers alter ego. Wiederum zwei Jahre jünger ist Schwester Beatrice, Spitzname „Boo Boo“. Als Erwachsene ist sie Mutter von drei Kinder und Hausfrau, auf Englisch bezeichnet sie sich als „a homemaker“. Als nächste folgen die Zwillinge Walt und Waker. Walt kommt bei einem Unfall bald nach Ende des II. Weltkriegs ums Leben, Waker wird Kartäuser-Mönch. Zachary Martin Glass – Rufname Zooey – ist das hübscheste aller sieben Kinder, zumindest nach Meinung seines Bruders Buddy. Er ist Schauspieler. Die Jüngste heißt Frances und wird Franny gerufen. Wie ihr Bruder Zooey liebt sie die Schauspielkunst und zieht in Erwägung, sie zu ihrem Beruf zu machen. Auch sie ist sehr hübsch.
Man sieht es an dieser Aufstellung: Die Glasses sind eine großartige Mischung aus Spiritualität und Showbusiness. In den jüngeren Kindern mischen sich die Talente und Bestrebungen der Eltern sowie Seymours Interessen und Neigungen. Alle sieben Junior-Glasses waren ab und an Stargäste bei einer beliebten Radiosendung mit dem Titel „It’s a Wise Child“, in der Kinder Fragen beantworteten oder Diskussionen führten. Mit dem so verdienten Geld finanzieren sich allen sieben ihre Ausbildung.
Salinger hat über diese Familie keinen großen, zusammenhängenden Familienroman à la „Buddenbrooks“ geschrieben. Vielmehr hat er uns ein Puzzle serviert aus kürzeren und längeren Erzählungen, in denen jeweils verschiedene Mitglieder der Familie schwerpunktmäßig vertreten sind. Informationen über diese Mitglieder werden als Stückwerk präsentiert, in jedem neuen Text erhalten wir wieder ein paar Brocken. In der Sendung sprechen wir nicht über die Texte in der Chronologie ihrer Veröffentlichung – der Text, in dem Seymour und Buddy sieben und fünf Jahre alt sind, war z.B. der letzte, den Salinger zu Lebzeiten veröffentlichte. Stattdessen orientieren wir uns an der Chronologie der Figuren, beginnend mit den beiden ältesten Söhnen, die auch am raumgreifendsten sind, und arbeiten uns nach unten bis zur jüngsten Tochter vor. Wir schließen dann mit einem kurzen Porträt der Eltern. So ist die Geschichte dieser Familie vielleicht am leichtesten nachvollziehbar.

HAPWORTH 16, 1924 (1965)


Diese Erzählung wurde von den Kritikern nicht gut aufgenommen. Manche Leser verstört sie regelrecht, immerhin bekommt man die volle Ladung des siebenjährigen hochbegabten Seymour Glass ab. Er ist sieben und zusammen mit seinem fünfjährigen Bruder Buddy im Feriencamp Hapworth. Seymour hat sich sein Bein verletzt und liegt im Lazarett, von wo aus er einen langen Brief nach Hause schreibt. Dieser Brief ist gleichzeitig die Erzählung. Es sei an dieser Stelle schon gesagt, dass Briefe, Memos, Tagebuch-Eintragungen, mit Seife auf Spiegeln gemalte Nachrichten usw. in der Kommunikation der Glass-Familie eine wichtige Rolle spielen und somit natürlich auch in der Gestaltung der Erzählungen über sie.


Seymour schickt voraus, dass er erst im Begriff ist, die englische Sprache im Ausdruck zu meistern, er schreibt diesen Brief also gleichzeitig im Sinne einer stilistischen Übung. Das ist von Salinger unglaublich geschickt gemacht: Natürlich wirkt der Briefschreiber sehr altklug und wissend, gleichzeitig vertut sich Seymour aber tatsächlich immer wieder im sprachlichen Ausdruck – seine Syntax ist kompliziert, er benutzt Manierismen, zu oft passieren Ausrufe wie „Mein Gott!“ usw.
Wir erfahren, dass sich Seymour bereits seiner spirituellen Begabung voll bewusst ist. Z.B. behauptet er, Erinnerungen aus vergangenen Inkarnationen zu haben. Während sein Bein genäht wurde, konnte er auf eine Anästhesie verzichten, weil er sich stattdessen einer Yoga-Atemtechnik bedient hat. Auch auf seine Beziehung zu Gott geht er ein. Hin und wieder blickt er mit etwas wie Herablassung auf andere Menschen im Ferienlager, die geistig nicht so weit fortgeschritten sind wie er. Diesen gegenüber bekundet er so etwas wie messianische Impulse, er würde gerne mit ihnen reden und ihnen Ratschläge geben, wie sie ihr Leben und das der anderen mit – wie er meint – einfachen Veränderungen verbessern könnten. Da sind etwa Mr. u. Mrs. Nelson, die Köche des Ferienlagers. Sie – so ist sich Seymour sicher - würden weitaus bessere Mahlzeiten zubereiten, würden sie sich einfach vorstellen, dass jedes Kind im Lager ihr eigen Fleisch und Blut sei.
Mit Ratschlägen und Ermahnungen geizt Seymour nicht. Seinen Vater Les ermahnt er, mehr Verständnis dafür zu zeigen, dass Buddy – er ist zu diesem Zeitpunkt fünf, wohlgemerkt – Schriftsteller werden möchte und viel Zeit in sein Schreiben steckt. Großzügig erlaubt Seymour seinem Vater, den Brief, falls dieser seine Geduld überstrapaziere, nicht zu Ende zu lesen. Der Sohn richtet auch Gedanken an seine Mutter Bessie. Er hält es nicht für richtig, dass sie sich mit 28 schon von der Bühne verabschieden will, sie soll sich diese Karriereentscheidung noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Seine Geschwister Walt und Waker ermahnt er, ihre Fertigkeiten zu trainieren, nämlich das Stepptanzen und das Jonglieren. Die zu diesem Zeitpunkt Jüngste Boo Boo soll ihr Schreiben verbessern und sich nicht daraufhin ausreden, dass andere Dreijährige noch nicht einmal Buchstaben malen können. Außerdem soll sie auf ihr Benehmen achten. In diesem Zusammenhang gibt Seymour eine interessante Definition von Aufrichtigkeit: Privates Verhalten und das Verhalten in der Öffentlichkeit sollen nicht auseinanderklaffen, v.a. im Sinne der inneren Haltung, die beide bestimmt. Dieser Charakterzug charakterisiert alle Glass-Kinder – ihre Empfindlichkeit gegenüber Heuchelei und Unaufrichtigkeit, die sie bei anderen Menschen sofort erkennen und durchschauen. Wie schon Holden Caulfield leiden sie unter der omnipräsenten Heuchelei, also unter der Tatsache, dass Leute immer versuchen, einem was vorzumachen. Wir werden noch sehen, dass diese Eigenschaft vor allem in den jüngsten Geschwistern Zooey und Franny ausgeprägt ist. Seymour wird sich als Erwachsener darum bemühen, Menschen gerade für ihre Maskerade zu lieben, denn er hat erkannt, dass sie damit zumeist tief sitzendes Leiden kaschieren – ein im Grunde buddhist. Gedanke. Nach Aussage von Zeitzeugen, die den Schriftsteller schon auf dem College kannten, war Salinger selbst äußerst empfindlich gegenüber allem, was ihm an Menschen unecht und aufgesetzt vorkam.
Umso ehrlicher ist also der siebenjährige Seymour in seinem Brief. Obwohl er weiß, dass seine Mutter die Zeilen lesen wird, spricht er offen über seine erwachende Sexualität, besonders in Zusammenhang mit Mrs. Happy, der Frau des Lagerleiters. Seymour setzt seiner Mutter sogar auseinander, dass ihr Mrs. Happy in durchaus einigen körperlichen Vorzügen sehr ähnlich sei. Er schildert auch seine Hauptfantasie – dass er nach dem Schwimmen in ihrem Bungalow auf einen Kakao vorbeischaue und sie, Mrs. Happy, ihm die Tür öffne, wobei sie völlig nackt sei. Auch die Sinnlichkeit seines Bruders sei im Erwachen, versichert Seymour, Buddy habe seine Verliebtheit bemerkt und schon öfters mit humorigen Bemerkungen bedacht. Die Krankenschwester des Lagers beschreibt er als das Lustobjekt für alle Männer, „weil sie nicht schön ist“.
Man sieht also: kein normaler Ferienbrief eines Siebenjährigen, sondern eine komplexe, auf verschiedenen Ebenen interessante, mitunter eben auch verstörende Prosaarbeit. Seymour berichtet, wie es ihm und seinem jüngeren Bruder Buddy im Lager geht, und es wird klar, dass sie beide Außenseiter sind und sich – wenn überhaupt – mit anderen unglücklichen Außenseitern noch am besten verstehen. Kein Wunder, da sie ja schon die Erwachsenen mit ihren Konversationsthemen überfordern und in Spiel und Sport bei weitem nicht die geschicktesten sind. Dafür haben sie es mit Verhandlungsgeschick erreicht, dass sie einen ruhigen Ort zum Lesen haben – denn sie müssen ja mit ihrer Ausbildung vorankommen.
Lesen ist das Stichwort. Seymour und Buddy sind trotz ihres Alterns gefräßige Leser mit ausgezeichnetem Gedächtnis, weshalb der Ältere seinen Brief mit einer Bücherliste beschließt. Er bittet seine Eltern, die Liste an Miss Overman weiterzuleiten. Diese Dame betreut die Filiale der Städtischen New Yorker Bibliothek, welche die Glass-Söhne regelmäßig aufsuchen, und wird auch in einer späteren Erzählung erwähnt. Außerdem gibt es noch einen Mr. Fraser, der mit einem Teil der Besorgungen beauftragt wird. Es handelt sich um eine kommentierte Bücherliste voller Weltliteratur und Philosophie, versteht sich. Seymour schließt sogar dumme, einfältige Bücher ein – die soll sich v.a. Buddy zu Gemüte führen, damit er in Zukunft Wertloses zu erkennen weiß.
In diesem Text zeigt sich also, was aus den beiden ältesten Glass-Söhnen werden wird – ein Gott-Suchender, der nicht selten zuviel zu sein scheint für diese Welt; und ein Schriftsteller, der bald die Rollen vertauschen wird: Von nun an wird nicht Seymour über ihn schreiben, sondern Buddy wird sich an der Persönlichkeit seines Bruders abarbeiten.

(Sri Ramakrishna. Foto: Wikipedia)



HEBT DEN DACHBALKEN HOCH, ZIMMERLEUTE (1963)

Hier geschieht ein Sprung – aus dem Ferienlager hinein in die Zeit des II. Weltkriegs. Diese Erzählung schreibt Buddy in der Ich-Form, trotzdem schafft es Salinger, verschiedene Sichtweisen auf die Ereignisse einfließen zu lassen. Wir befinden uns im Jahr 1942. Die Glass-Familie ist zerstreut: Bruder Walt ist als Soldat im Pazifik verpflichtet, sein Zwillingsbruder Waker sitzt in einem Lager für Kriegsdienstverweigerer, Franny hat die Masern und befindet sich zusammen mit Zooey und ihren Eltern in Los Angeles, und auch Buddy trägt Uniform. Und dabei nähert sich doch ein großer Tag – Seymour, selbst bei der Luftwaffe stationiert, wird heiraten!
In einem zur Gänze wiedergegebenen Brief bittet Boo Boo, die älteste Tochter, die bei der Marine dient, ihren Bruder Buddy, zur Hochzeit zu gehen. Sie habe ein ungutes Gefühl bei dieser Hochzeit, sie mache sich Sorgen um Seymour, er sei mager wie eine Katze und habe diesen ekstatischen Blick, der es unmöglich mache, ein vernünftiges Wort mit ihm zu reden. Buddy hat sich kaum von einer Rippenfellentzündung erholt und bekommt gerade so lange frei, dass er nach New York fahren, bei der Hochzeit dabei sein und dann wieder zu seiner Truppe zurückkehren kann.
Es ist ein heißer Tag in New York, die Hochzeit soll in einem Privathaus stattfinden, „laizistisch und emanzipiert“, wie es Boo Boo in ihrem Brief kennzeichnet. Als nach Stunden der Bräutigam, also Seymour, immer noch nicht aufgetaucht ist, löst sich die Hochzeitsgesellschaft auf und besteigt verschiedene Autos, um den Ort der Niederlage zu verlassen. Buddy landet in einem Wagen zusammen mit einer Freundin der Familie der Braut – Mrs. Silsburn, mit der Trauzeugin Edie Burwick und ihrem Ehemann, einem Leutnant. Außerdem ist da noch ein kleiner Herr im Zylinder, mit dem während der gesamten Erzählung alle nur schriftlich auf einem Notizblock kommunizieren. Er scheint geradewegs aus Alices Wunderland angereist zu sein, doch wird sich herausstellen, dass er ein Onkel des Brautvaters und außerdem taubstumm ist.
Edie, die Trauzeugin, entfesselt nun im Alleingang ein nörglerisches Kesseltreiben gegen den feigen Bräutigam, der sich nicht zur rechten Zeit einfinden wollte. Zu den Hochzeitsproben sei er auch nie erschienen, und in der Nacht vor der Hochzeit habe er seiner Zukünftigen eröffnet, er sei sich nicht mehr sicher, ob er heiraten könne, er sei einfach zu glücklich! Sei das zu glauben!
Buddy sieht sich nun gezwungen, Seymour zu verteidigen, doch will er sich im Grunde nicht als Bruder des seltsam agierenden Bräutigams zu erkenne geben. Er kann also im Grunde nicht viel Wissen preisgeben: dass sein Bruder als Kind eine Berühmtheit in der Radiosendung „It’s a Wise Child“ war und dass er an einem College einen Lehrstuhl für Englisch hat, seit er zwanzig ist.
Ihr Wagen wird – wie es in New York leicht passieren kann – von einer Parade aufgehalten. Das Marschieren dauert an, und die Aggressivität im Wagen steigt. Man beschließt, in ein Lokal zu gehen, um zu telefonieren – die Trauzeugin will in die Wohnung der Brauteltern, um der sitzen gelassenen Braut beizustehen – und um etwas Kaltes zu trinken. Aber es stellt sich heraus, das Lokal hat geschlossen.
Buddy, inzwischen als Seymours Bruder entlarvt, lädt alle in die nahe gelegene Wohnung, die er mit Seymour bewohnt hat (während der letzten Monate hat Boo Boo dort gehaust). In dieser Wohnung begegnen die Gäste fasziniert einer Wand voller Fotos von den Glass-Kindern während ihrer Zeit als Radio-Stars. Buddy zeigt der Trauzeugin das Telefon und zieht sich dann mit Seymours Tagebuch, das er zufällig entdeckt hat, ins Badezimmer zurück. Dort findet er die von Boo Boo hinterlassene Grußbotschaft an Seymour, mit Seife auf den Spiegel geschrieben: „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute, wie Ares erscheint der Bräutigam, ein größerer Mann als der größte...“ – mit diesem Sappho-Zitat, das auch den Titel der Erzählung inspiriert hat, beginnt Boo Boos ihre Glückwünsche.

(Charles Gleyre: Sappho geht zu Bett. 1867. Bild: Wikipedia)

Buddy studiert einzelne Eintragungen im Tagebuch, und so bekommen wir Leser auch Seymours Blick auf die Umstände seiner Hochzeit mit. Er weiß, dass sich seine Braut Muriel in seiner Begleitung oft unwohl fühlt, dass sie in vielem nicht übereinstimmen; dass sie oft gern einfach und harmonisch mit ihm zusammenwäre, ohne dass er immer alles vom Intellekt her analysiert. Auch wenn sie – und das rührt Seymour besonders - geduldig ist und bereit zu lernen. Seymour verzeichnet auch, dass seine zukünftige Schwiegermutter, die ihn möglicherweise nur wegen seiner Radioberühmtheit akzeptiert, sich um seine geistige Gesundheit Sorgen macht. Sie hält ihn für eine schizoide Persönlichkeit. Seymour fürchtet, dass es ihm nicht gelingen wird, seine Muriel glücklich zu machen. Trost findet er darin, dass Muriels Heiratsmotive konventioneller, nicht-emanzipierter Natur sind: Sie braucht das Bewusstsein, einem eigenen Haushalt vorzustehen, und sie will auf jeden Fall aus dem Haus ihrer Mutter rauskommen, auch wenn sie es nicht zugeben würde. Und Buddy liest auch die Beschreibung eines Abendessens, bei dem Dr. Sims, der Psychoanalytiker seiner Schwiegermutter, anwesend ist. Er soll den Schwiegersohn ein wenig unter die Lupe nehmen. Dr. Sims diagnostiziert einen Perfektionskomplex bei Seymour, den die gegebene Realität der Menschen und Dinge nicht zufriedenstellt, da er sie mit höherem Intellekt und metaphysischer Verwurzelung betrachtet.
Nach der Lektüre bewirtet Buddy seine Gäste und sich selbst mit Drinks, und langsam entspannen sich alle. Edie, die Trauzeugin kommt vom Telefonieren zurück und vermeldet, Braut und Bräutigam seien zusammen abgehauen, irgendwie bahne sich auf verschlungenen Pfaden vielleicht doch noch eine Hochzeit an. Oder, wie Edie es ausdrückt: „Der Bräutigam ist nicht länger indisponiert aufgrund seines Glücklichseins.“ Das Ehepaar Burwick und Mrs Silsburn verlassen daraufhin die Wohnung, um sich den Brauteltern anzuschließen – dort gibt es einen Empfang. Buddy bleibt angetrunken mit dem vergnügt Zigarre rauchenden Herrn im Zylinder zurück, entschuldigt sich alsbald und zieht sich zurück, um die letzte Tagebuch-Eintragung seines Bruders zu lesen.
Seymour schreibt, er sei so glücklich, dass er nicht schlafen könne – er habe in einer Anthologie der Veden von den Pflichten der Eheleute gelesen, er freue sich auf die neuen Verantwortungen. Buddy schläft erschöpft ein, und als er aufwacht, ist das Männchen im Zylinder verschwunden – nur seine Zigarre ist zurückgeblieben. Buddy überlegt, ob die wohl ein gutes Hochzeitsgeschenk für seinen Bruder wäre – zusammen mit einem leeren Zettel, als Erklärung.
Diese Erzählung ist perfekt komponiert. Alle Figuren werden mit äußerster Ökonomie so geschildert, dass sie vollkommen lebendig sind. Durch die Stimme der Trauzeugin fließt die besorgte, nörgelnde Stimme der Schwiegermutter ein, die dann noch einmal in Seymours Tagebuch zu hören ist. Mit diesen auf natürliche Weise eingesetzten Mitteln gelingt es Salinger, eine multiperspektivische Erzählung zu schaffen – obwohl sie in der Ich-Form geschrieben ist. Interessant ist es, über Buddys Verhältnis zur Hochzeit seines Bruders nachzudenken. Obwohl er den erzählerischen Marschall-Stab schwingt, bietet er uns kaum Hinweise darauf, wie es ihm damit geht, dass sein älterer Bruder und Gefährte unter die Haube kommt. Seymour selbst vermutet in seinem Tagebuch, dass Buddy weder seine Braut noch deren Mutter mögen wird. Man kann auch annehmen, dass Buddy grundsätzlich Probleme damit hat, seinen Bruder an eine Frau zu verlieren. Wie eng das Verhältnis zwischen ihm und Seymour war, wird er in jenem Text erläutern, der stets zusammen mit „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute“ in einem Band veröffentlicht wird, nämlich „Seymour wird vorgestellt“. Zuvor müssen wir uns aber noch kurz einer anderen Erzählung zuwenden, nämlich:

EIN HERRLICHER TAG FÜR BANANENFISCH (1948)


Diese kurze Erzählung spielt sechs Jahre nach dem Plot von „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute“, im Jahr 1948. Seymour ist aus dem Krieg zurückgekehrt und befindet sich mit seiner Frau Muriel auf einer zweiten Hochzeitsreise in Florida. Die Geschichte beginnt mit einem Telefongespräch zwischen Muriel und ihrer Mutter, Mrs. Fedder. Die Mutter ist wie immer besorgt, jetzt noch mehr, da Seymours Gesundheit durch den Krieg gelitten hat. Wir erinnern uns: Mrs. Fedder hat ja schon vor der Hochzeit einen Psychiater eingeschaltet. Aus Sorge, der unvorhersehbare Schwiegersohn könnte ihrer Tochter etwas antun, fordert sie, dass Muriel sofort nach Hause kommt, was diese aber verweigert.
Die Szene wechselt zu Seymour, der im Bademantel am Strand liegt, bis ein kleines Mädchen namens Sybil Carpenter ihn aufstöbert. Die beiden verbindet so etwas wie eine Freundschaft, denn sie unterhalten sich darüber, dass sie beide gern Oliven und Wachs essen, und über ein Buch mit dem Titel „Der kleine schwarze Sambo“. Seymour schiebt Sybil auf einem aufblasbaren Gummifloß durchs Wasser und erzählt ihr währenddessen die Geschichte von den Bananenfischen: Sie schwimmen in Löcher hinein, fressen sich dort mit Bananen voll und kommen dann nicht mehr heraus, müssen also in den Löchern sterben. Nachdem sie ans Ufer zurückgekehrt sind, läuft Sybil zurück ins Hotel. Seymour folgt langsam. Im Aufzug ermahnt er eine Frau, sie solle ihm nicht heimlich auf die Füße starren, wenn sie ihm auf die Füße starren wolle, dann solle sie es offen tun, aber nicht heimlich. Dann betritt er das Zimmer ... Hier ist der letzte Absatz der Erzählung:

Er blickte auf die junge Frau, die schlafend auf einem der beiden Betten lag. Dann trat er an einen Koffer heran, öffnete ihn und zog unter dem Stoß kurzer Hosen und Unterhemden seine Ortgies, Kaliber 7,65, hervor. Er holte die Kammer heraus, sah sie an und schob sie wieder hinein. Er spannte den Hahn. Dann machte er die paar Schritte zum unbenutzten Bett hinüber und setzte sich; er blickte auf die junge Frau, zielte und schoss sich eine Kugel durch die rechte Schläfe.
Ein schockierendes Ende. Salinger gibt an keiner Stelle einen Grund für diesen Suizid an. Seymour hinterlässt keine letzte Nachricht. Eine mögliche Erklärung wäre, dass ihn seine Kriegserlebnisse so verstört haben, dass seine übergroße Sensibilität es nicht ertragen kann (auch Salinger musste sich ja nach seiner Rückkehr aus dem Krieg in Behandlung begeben). Aber es besteht auch die Möglichkeit, dass er sich in spiritueller Hinsicht als gescheitert ansieht – sein starker Eklektizismus, der ihn das Neue Testament gleichermaßen wie die Veden studieren ließ, könnte verhindert haben, dass er Gott gefunden hat. Gerade diese spirituelle Rastlosigkeit ist ja auch etwas, was Salinger selbst charakterisierte. Es könnte aber auch mit Karma zu tun haben. In „Hapworth 16, 1924“ lässt Seymour seine Familie wissen, dass diese seine aktuelle Inkarnation nicht von langer Dauer sein werde; also wusste er damals schon – wie der Protagonist der Erzählung „Teddy“ – wann sein Tod eintreffen würde. Vielleicht war für den rastlosen Salinger das Schreiben, das für ihn gleichbedeutend war mit der Suche nach Erleuchtung, auch die Rettung vor einer Lösung, wie Seymour sie ergreift. Seymour selbst war Dichter, wie wir aus der nächsten Erzählung erfahren werden, seine Dichtung scheint aber nicht ausgereicht zu haben, um ihn im Leben zu halten. Familiendynamisch konnte man argumentieren, dass Seymour damit den Platz des Schriftstellers in der Familie ein für allemal für Buddy freigemacht hat. Dieser bleibt nun allein zurück, mit der Erinnerung an die Kugel, mit der sein Bruder sich verabschiedet hat, und mit dem Auftrag, den der Selbstmord Seymours nach dieser Lesart impliziert.

SEYMOUR WIRD VORGESTELLT (1963)

 
Nach den starken, dramatisch durchkomponierten Erzählungen rund um Seymours Hochzeit und seinen Selbstmord war diese neue Erzählung für viele Leser und Kritiker ein Stoß vor den Kopf. Buddy Glass ist wiederum der Erzähler – er ist vierzig, lebt allein in einem Haus im Staat New York und unterrichtet an einem College für Mädchen kreatives Schreiben. Er begibt sich auf eine mäandernde Untersuchung der Persönlichkeit seines Bruders. Wie gesagt, plötzlich ist nichts mehr dramatisch durchkomponiert, eher folgt der Text auf essayistische Weise Assoziationen und Gedankenverbindungen. Vor allem der Ton des Anfangs lässt vermuten, dass sich Salinger über seine Leser und deren eingefahrene Erwartungen lustig macht – v.a. über Leser mit akademischem Hintergrund, die weder er noch sein alter ego Buddy Glass ausstehen können.
Buddy bezeichnet sich gleich zu Beginn als glücklichen Autor – er spekuliert, wie sich das wohl auf die Leser auswirken wird. Und wenn man an Seymours Tagebucheinträge aus „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute“ denkt, über seine Verwendung des Wortes „glücklich“ und was letztendlich daraus folgte, gehen hier tatsächlich die Alarmglocken an. Buddy gibt zu verstehen, dass er nicht vorhat, die Erwartungen irgendwelcher Leser zu befriedigen, etwa „zum Teufel endlich mit der Geschichte weiterzumachen“. Die psychologische Schule der Literaturbehandlung verabscheut er besonders, er nennt sie eine Versammlung von Blech-Ohren.
Es wird klar, dass er nicht über den Selbstmord seines Bruders und dessen Ursachen nachdenken wird; bis er so weit sei, würden noch Jahre vergehen, lässt er uns wissen. Gleichzeitig verrät er, dass er zumindest schon zwei Texte über Seymour verfasst hat, nämlich „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute“ und „Ein herrlicher Tag für Bananenfisch“. Bei der nun folgenden Analyse seines Bruders geht er sehr in die Details, aber auf gewundene Weise. Auf eine Beschreibung von Seymours Sprechgewohnheiten folgt ein Exkurs über die von ihm hinterlassenen 184 Gedichte, die er in der Tradition der fernöstlichen Dichtung verfasst hat. Buddy als Nachlassverwalter wird von allen Familienmitgliedern genötigt, endlich „etwas mit den Gedichten zu machen“. Der Gedanke an eine Veröffentlichung bereitet ihm aber Probleme, v.a. wegen der schon erwähnten Vorbehalte gegenüber einer akademischen Leserschaft. Er zitiert ausführliche Stellungnahmen seines Bruders über seine, Buddys, Erzählungen – ein Beispiel dafür, wie sehr die Glass-Kinder sich in ihren jeweiligen Bestrebungen gegenseitig durch Ermunterung oder Kritik motivierten. Das wird auch noch in anderen Erzählungen, die wir nächstes Mal besprechen, deutlich werden.
Im Folgenden betreibt Buddy etwas, was er seine persönliche Art von literarischem Kubismus nennt – er beschreibt Haare, Körpergröße, Lächeln, Ohren, Augen, Nase, Stimme seines Bruders, manchmal verbunden mit anekdotischen Erinnerungen – z.B. wie sehr es die jüngeren Geschwister liebten, kräftig an Seymours Haaren zu ziehen. Er erzählt von Seymours unglücklicher Art, sich zu kleiden, seine Vitalität und seine große oder abwesende Geschicklichkeit beim Spielen und im Sport.
Von hier schlägt Buddy eine Brücke zur Philosophie des Ostens, die – wie schon mehrfach erwähnt – sowohl sein als auch in noch weit stärkerem Maße Seymours Leben geprägt hat. Den Kern ihres Interesses bilden die Veden, klassischer Taoismus und – wie gesagt, man ist eklektizistisch – das Alte und das Neue Testament. Buddy – so verrät er in einer Randbemerkung – gibt einmal die Woche an seinem College für Interessierte Unterricht in Mahayana Buddhismus.

(Foto: Wikipedia)

Buddy Glass beendet die Erzählung, nachdem er eine Nacht durchwacht hat – es wird Zeit für ihn, in seine Klasse zu gehen, um seine Mädchen im Schreiben zu unterrichten, ein Gedanke, der ihn im Augenblick nicht amüsiert. Da er aber Seymours Bruder ist, weiß er, dass es nichts Wichtigeres gibt, als dass er jetzt in diese Klasse geht, um seine Arbeit zu tun. Das ist eine Form der Ethik, die Seymour all seinen jüngeren Geschwistern mit auf den Weg gegeben hat – seine Arbeit tun, weil man es für sich tut, für die göttliche Natur, die man in sich trägt, nicht, weil man Lohn oder Ruhm dafür erhalten möchte; man soll sein Bestes geben, auch wenn niemand dabei zusieht. Wir werden dieser Ethik noch einmal in der Erzählung „Zooey“ begegnen – sie wird der jüngsten Glass-Tochter Franny helfen, eine tiefe spirituelle Krise zu überwinden.
Vielleicht möchten Sie – sofern Sie sie nicht schon kennen – die Erzählungen selbst lesen. „Hapworth 16, 1924“ gibt es nicht in deutscher Übersetzung, die englische Fassung kursiert verschiedentlich im Internet. Die Bücher „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute und Seymour wird vorgestellt“ sowie „Neun Erzählungen“, das „Ein herrlicher Tag für Bananenfisch“ enthält, sind im Rowohlt-Verlag erschienen. Einen Dank an Edi Plaikner für die Besorgung des Technischen.








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