Samstag, 17. Juli 2010

FORUM LITERATUR # 22: Die Familie Glass - Teil 2


In der letzten Folge haben wir uns mit den beiden ältesten Söhnen der Familie Glass beschäftigt. Sie standen und stehen in einer engen Beziehung zueinander: Seymour, der Gottsucher, und Buddy, der Schriftsteller und Chronist der Familie, der sich aber die meiste Zeit an der Persönlichkeit seines Bruders abarbeiten muss.

Dem ältesten Glass-Sohn ist die Erzählung „Seymour wird vorgestellt“ gewidmet. Buddy Glass agiert hier als Salingers alter ego und versucht sich auf gewundene essayistische Weise seinem Bruder zu nähern, indem er ihn in seinen verschiedenen Aspekten beschreibt. Das Rätsel Seymour wird dabei nicht gelöst, in dieser Erzählung kann Salinger jedoch glaubhaft darstellen, wie eng das Verhältnis zwischen den Brüdern war: Stellvertretend für den Leser erörtert Buddy mit sich selbst die Frage, ob hier Homosexualität im Spiel sein könnte, was er aber verwirft. Auch bei Seymour scheint dies nicht der Fall gewesen zu sein, erinnern wir uns nur an „Hapworth 16, 1924“, den langen Brief, den Seymour als Siebenjähriger aus dem Ferienlager an seine Familie zuhause schreibt. Darin schildert er u.a. seiner Mutter seine erwachende Sexualität – und die hat ausschließlich mit den im Lager anwesenden erwachsenen Frauen zu tun.

In der Erzählung „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute“ wird aus Buddys Perspektive Seymours Hochzeit geschildert, wobei auch hier in der für Salinger typischen offenen Weise impliziert wird, dass Buddy mit diesem Schritt seines Bruders nicht einverstanden ist. Hierfür könnte man eine Vielzahl von Gründen finden, die Texte lassen genügend Leerstellen frei, damit Interpretationen sich weit verzweigen können. Das gilt auch für Seymours Selbstmord – mit dieser Tat endet die Erzählung die ebenfalls in der letzten Folge besprochene Kurzgeschichte „Ein herrlicher Tag für Bananenfisch“.

(Ortgies 7,65, eine Halbautomatik, Seymours Waffe. Foto: Wikipedia)

Musik in dieser Folge wieder von Philip Glass, der keine Erfindung von Salinger ist. Wir bringen Auszüge aus einem Soundtrack zu Paul Schraders Film „Mishima“, ein Porträt über den gleichnamigen japanischen Schriftsteller, der wie Seymour Glass Selbstmord begangen hat.

                                       (Yukio Mishima 1956 -
                              Foto: Wikipedia)

BOO BOO


Boo Boo (Beatrice) ist die ältere der beiden Glass-Töchter, und es scheint, als sei sie die am wenigsten mit Problemen Kämpfende von den sieben Kindern. Wir erinnern uns, in „Hapworth 16, 1924“ wird sie von ihrem ältesten Bruder Seymour ermahnt, an ihrem schriftlichen Ausdruck zu arbeiten. Sie solle sich nicht daraufhin ausreden, dass andere Kinder noch nicht einmal Buchstaben malen können, schreibt Seymour, und – als zweite Ermahnung – sie solle auch ihr Benehmen verbessern. Aufrichtig sei nur der, dessen privates Verhalten sich nicht von seinem Verhalten in der Öffentlichkeit unterscheide! Wohlgemerkt: Boo Boo ist zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt. Aber, wir haben es ja schon mehrfach erwähnt, alle sieben Glass-Kinder sind hochbegabt. Daher hat auch Boo Boo an der Radioshow „It’s a Wise Child“ teilgenommen, so wie alle ihre Geschwister.


Boo Boo tritt dann wieder auf in der Erzählung „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute“, deren Plot im Jahr 1942 spielt. Die Familie Glass ist zu diesem Zeitpunkt überall verstreut, die Vereinigten Staaten befinden sich im Krieg. Boo Boo dient als Leutnant zur See bei der Marine, und an ihren freien Tagen bewohnt sie das New Yorker Appartement, in dem früher Seymour und Buddy zusammen gehaust haben. Am Beginn der Erzählung lesen wir einen Brief von ihr im Originalwortlaut. Mit diesem Schreiben erläutert sie ihrem Bruder Buddy die Situation: Sie mache sich Sorgen um Seymour, der bald heiraten werde, zur Zeit habe er diesen komischen Blick, da könne man nicht vernünftig mit ihm reden. Da niemand sonst von der Familie verfügbar ist, bittet Boo Boo Buddy, zur Hochzeit zu gehen. Was Buddy bei dieser Gelegenheit erlebt, haben wir in der letzten Sendung ausführlicher besprochen. Einen Teil der Handlung hat Salinger ja in das erwähnte New Yorker Appartement verlegt, wo Buddy Boo Boos Hochzeitsgruß an Seymour mit Seife auf den Spiegel geschmiert vorfindet. Der Gruß beginnt mit folgendem Zitat der griechischen Dichterin Sappho: „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute, wie Ares erscheint der Bräutigam, ein größerer Mann als der größte...“. (Sappho wird dann auch die Lieblingsdichterin der jüngsten Glass-Tochter Franny.) Neben anderen Spuren seiner Schwester findet Buddy in dem Appartement auch die Fotografie eines resolut dreinblickenden jungen Mannes. Das ist eine Spur, die in Boo Boos Zukunft weist, denn sie wird Ehefrau, Mutter, das, was man auf Englisch „a homemaker“ bezeichnet, und zwar in Westchester County, New York.
 
Das führt uns zu einer Kurzgeschichte – enthalten in der Sammlung „Neun Erzählungen“ – in der Boo Boo sozusagen die Hauptrolle spielt. Der Titel: "Unten beim Boot". In dieser Erzählung wird sie von Salinger auch ausführlicher beschrieben:
Die Pendeltür zum Esszimmer flog auf und Boo Boo Tannenbaum, die Dame des Hauses, trat in die Küche. Sie war eine schmalhüftige junge Frau von fünfundzwanzig Jahren, mit formlosem, farblosem, brüchigem Haar, das sie hinter die sehr großen Ohren gestrichen hatte. Sie trug knielange Drellhosen, einen schwarzen Pullover mit Rollkragen und Socken und Sportschuhe. Abgesehen von ihrem komischen Namen und abgesehen von ihrer allgemeinen Unansehnlichkeit, war sie – jedenfalls, was unvergessliche einprägsame und übermäßig wache, kleine Gesichter betrifft – eine verblüffende und eindeutig junge Frau. Sie ging schnurstracks zum Eisschrank und machte ihn auf. Während sie mit gespreizten Beinen dastand, die Hände auf die Knie stemmte und hineinspähte, pfiff sie unmelodisch durch die Zähne und wackelte im Takt dazu ganz ungeniert mit leicht pendelndem Hinterteil. (76)
An diesem Nachmittag hat Boo Boo ein Problem. Ihr Sohn Lionel ist überaus sensibel und reißt, sobald er jemanden etwas für ihn Verstörendes sagen hört, aus. Dann muss lange nach ihm gesucht werden, und es dauert seine Zeit, bis er sich wieder beruhigt hat. Das Haus liegt an einem See, Lionel sitzt in einem Boot, das am Steg vertäut ist, und weigert sich, das Boot zu verlassen. Was kann diesmal der Grund sein?


Boo Boo versucht es aus ihm herauszubekommen, aber Lionel zeigt sich zunächst trotzig, er weigert sich, mit seiner Mutter zu reden. Boo Boo, die ja bei der Marine gedient hat, bezeichnet sich scherzhaft als Admiral, aber Lionel antwortet nur: „Du bist kein Admiral. Du bist immerzu eine Dame.“ Dieser zweite Satz ist typisch für Salinger, denn mit solchen Sätzen verklammert er seine Glass-Erzählungen und gibt den Puzzleteilen Haftung. In „Hapworth 16, 1924“ hat Seymour seine Schwester noch ermahnt, an ihrem Benehmen zu arbeiten – Lionels Satz verrät uns, dass sie damit Erfolg gehabt hat.

Der Junge lässt seine Mutter nicht zu sich ins Boot, stattdessen nimmt er mit den Zehen eine Schwimmbrille auf und wirft sie über Bord ins Wasser. Seine Mutter macht ihn darauf aufmerksam, dass die Brille Buddy gehöre, der sie wiederum von Seymour übernommen habe. Lionel bleibt weiterhin trotzig, das sei ihm alles egal. Boo Boo zeigt ihm ein Geschenk, das für ihn gekauft hat, ein Päckchen, das eine Schlüsselkette enthält. Eigentlich sollte sie es jetzt ins Wasser werfen, sagt sie, wirft das Päckchen dann aber doch zu Lionel ins Boot. Der Junge versteht, dass ihm hier eine Lektion erteilt wird, betrachtet das Päckchen kurz – und wirft es dann selbst ins Wasser. Hier waltet die Idee des Ausgleichs, der Gerechtigkeit, des Gleichgewichts. Die Karma-Lehre des Buddhismus räumt dem Menschen Freiheit in der Wahl seiner Handlungen ein, gleichzeitig trägt der Mensch aber die gesamte Verantwortung dafür, eine Verantwortung, die er u.U. auch in seine nächste Inkarnation mit hinübernehmen muss. Dadurch, dass Lionel seine neue Schlüsselkette opfert, gleicht er die schlechte, aus Achtlosigkeit begangene Handlung wieder aus, nämlich das Versenken der Schwimmbrille seiner Onkel. jetzt ist er auch bereit, sich seiner Mutter anzuvertrauen: Er hat eine Unterhaltung zwischen Sandra, dem Dienstmädchen, und Mrs. Snell, der Putzfrau, belauscht. Sandra hat Mr. Tannenbaum, also Lionels Vater, als großen schlampigen „kike“ bezeichnet, was Lionel so verstört hat, dass er sich im Boot versteckt hat. Es stellt sich heraus, dass der Junge einem Missverständnis unterliegt. „Kike“ ist ein amerikanisches Schimpfwort für Juden, Lionel hat aber „kite“ verstanden, und das bedeutet „Drachen“, nämlich die Sorte, die man steigen lassen kann. Das gibt Boo Boo die Möglichkeit, ihren Jungen zu trösten, indem sie abwiegelt, eine so schlimme Beleidigung sei das nun auch wieder nicht.

(Foto: Wikipedia)

Zwei Motive hat Salinger in dieser Erzählung miteinander verbunden – die Idee moralischen Handelns im Sinne des Buddhismus – und das Motiv des Antisemitismus, einer Haltung, der auch seine eigene Familie hin und wieder begegnet ist. Was Boo Boo angeht, so erfahren wir aus einer Fußnote in der Erzählung „Zooey“, dass sie schließlich drei Kinder haben und im Jahr 1955 mit ihrer gesamten Familie eine Reise durch Europa unternehmen wird.

WALT UND WAKER




Die Zwillinge Walt und Waker werden immer wieder in einzelnen Erzählungen genannt, aber keiner von beiden hat von Salinger sozusagen einen eigenen Text geschrieben bekommen. Auch sie waren Stargäste bei „It’s a Wise Child“, und auch sie empfangen vom Ältesten in „Hapworth 16, 1924“ ihre Ermahnungen. Walt solle brav das Stepptanzen üben, Waker hingegen das Jonglieren; sei es zum Üben zu heiß in New York, sollten sie zumindest der eine seine Steppschuhe tragen, der andere seine Jongliersachen mit sich führen. In „Seymour wird vorgestellt“ erfahren wir, dass Waker – seinem Vorbild W.C. Fields folgend - das Jonglieren mit Zigarrenkisten perfektioniert hat. Walt sei als Tänzer weitaus professioneller und viel weniger spontan gewesen als Schwester Boo Boo und – wie Buddy in „Seymour wird vorgestellt“ verrät – für die Dauer seines Lebens ein sehr eleganter junger Mann.

Am Beginn von „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute“ teilt uns Buddy mit, wo sich seine beiden Brüder im Jahr 1942 aufgehalten haben – Walt ist als Soldat der Artillerie soeben in den Pazifik verfrachtet worden, Waker sitzt in einem Camp für Menschen, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigern. Sein Bruder Zooey sagt über Waker, dieser sei so empfindsam, wenn man ihm sage, dass es bald regnen werde, füllten sich seine Augen schon mit Tränen. Bleiben wir vorerst mal bei Waker. Er folgt der von Seymour vorgegebenen Linie der Spiritualität, d.h. er wird Kartäusermönch. In „Seymour wird vorgestellt“ wird Waker zitiert mit der Bemerkung, Seymours Gedichte wirkten deshalb so lebensnah, weil er auf Erfahrungen aus früheren Leben zurückgreifen könne, Leben, die er in einem noblen Vorort von Benares verbracht habe, im feudalen Japan oder im großstädtischen Atlantis – hoffentlich, so Buddy, bekomme Wakers Abt nicht Wind von dieser Bemerkung. Einen zweiten Satz Wakers zitiert der Schriftsteller in einem Brief an seinen Bruder Zooey, der in der gleichnamigen Erzählung zur Gänze abgedruckt ist. Waker habe gesagt, Zooey sei der Einzige in der Familie, der Seymour den Suizid verziehen habe, ohne deshalb von seiner Verbitterung darüber befreit zu sein.

(Wappen des Kartäuserordens. Bild: Wikipedia)

Aus „Seymour wird vorgestellt“ erfahren wir noch, dass Waker als Mönch suspendiert worden ist, und einmal nennt ihn Buddy den „Mönch-Reporter“. Das sind diese typischen Salingersken Zellen, aus denen an anderer Stelle ganze Erzählstränge erwachsen können – hoffen wir, dass unter dem unveröffentlichten Material weitere Erzählungen sind, die unsere Neugier, ausgelöst durch die vorliegenden Texte, befriedigen werden.

Gegen Ende von „Seymour wird vorgestellt“ schildert uns Buddy noch eine Szene, die sich rund um Walts und Wakers neunten Geburtstag Jahre abgespielt hat. Die Jungs haben zum Geburtstag neue Fahrräder bekommen und diese an jenem Nachmittag im Central Park ausprobiert. Waker ist ohne sein Rad nach Hause zurückgekehrt – ein unbekanntes Kind habe sich im genähert, ihn um das Fahrrad gebeten, und Waker habe es ihm einfach gegeben – worüber die Eltern natürlich aufgebracht sind. Es bleibt Seymour überlassen, die Sache wieder geradezubiegen und alle miteinander zu versöhnen. Möglicherweise kündigt sich in dieser Geste Wakers schon der zukünftige Mönch an, der sich leicht von irdischem Besitztum trennt.

Wir kommen jetzt wieder auf Walt zurück und nehmen uns die in „Neun Erzählungen“ enthaltene Kurzgeschichte mit dem Titel „Onkel Wackelpeter in Connecticut“ vor. Das ist wieder einer von diesen Salinger-Titeln, bei denen man gerne fragt: „Was kann denn das nur wieder sein?“ Vordergründig handelt es sich um eine Geschichte von zwei ehemaligen Schulfreundinnen. Mary Jane, auf dem Weg zu ihrem Arbeitgeber, besucht unterwegs Eloise in deren Haus. Zuerst läuft alles normal. Die beiden Frauen tauschen Erinnerungen aus, Anekdoten von früher, der Alkohol fließt reichlich. Dann kommt Eloises Tochter Ramona vom Spielen nach Hause, woraufhin die beiden Frauen eine dieser für Salingers Erzählweise charakteristischen herablassenden Unterhaltung mit dem Kind beginnen und es über Jimmy ausfragen, Ramonas imaginären Freund. Nachdem das Mädchen zu seinem Spiel zurückgekehrt ist, machen die beiden Freundinnen mit ihrem Programm weiter.

Eloise erinnert sich an Walt Glass, mit dem sie offenbar auf dem College eine Beziehung gehabt hat. Walt habe sie zum Lachen gebracht, ohne es darauf anzulegen, komisch zu sein, und er sei sehr nett gewesen. Einmal, erzählt Eloise, habe sie sich beim Laufen den Fuß verrenkt, Walt habe den blessierten Knöchel als „armer Onkel Wackelpeter“ angesprochen. In einer anderen Episode, von der Eloise berichtet, fährt sie zusammen mit Walt im Zug. Sie sitzen nebeneinander im Abteil, Eloise hat eine Strickjacke über sie beide gebreitet. „Also, irgendwie hatte er mir die Hand auf den Bauch gelegt“, erzählt sie. „Jedenfalls sagte er auf einmal, mein Bauch sei so schön, dass er wünschte, ein Offizier käme vorbei und würde ihm befehlen, die andere Hand aus dem Fenster zu strecken. Er sagte, er sei für Gerechtigkeit.“ (33) Hier zeigt sich, wie konsistent die von Salinger geschaffene Welt der Glass-Kinder ist – denn auch in diesem Gedanken von Walt schimmert jene Idee des Gleichgewichts, der das Karma ausgleichenden Gerechtigkeit durch, der wir schon mit Boo Boo und Lionel in „Unten beim Boot“ begegnet sind; ein weiteres Beispiel dafür, wie Salinger sein Glass-Puzzle auch mit Hilfe wiederkehrender Ideen zusammenfügt. - Zuletzt erfahren wir von Eloise auch, wie der humorvolle und elegante Walt während des II. Weltkriegs ums Leben gekommen ist:
(S)ein Regiment machte irgendwo Rast. Zwischen zwei Schlachten, sagte sein Freund, der mir darüber geschrieben hat. Walt und ein anderer verpackten den kleinen japanischen ofen. Ein Oberst wollte ihn nach Hause schicken. Oder sie holten ihn aus der Schachtel, um ihn neu einzupacken ... das weiß ich nicht genau. Jedenfalls war er ganz voll Benzin und Zeugs und explodierte – und ihnen mitten ins Gesicht. Der andere hat bloß ein Auge verloren. (36/37)
Im weiteren Verlauf der Erzählung wird klar, dass Eloise nie über den Verlust von Walt hinweggekommen ist. Nach seinem Tod hat sich ihr Leben auf eine Art entwickelt, mit der sie nicht gut zurechtkommt, der Besuch von Mary Jane macht ihr dies wieder deutlich. Eloise ist mit einem Mann verheiratet, den sie nicht liebt, sie hat keinen richtigen Draht zu ihrem Kind, sie tyrannisiert ihr Dienstmädchen und weint einer Vergangenheit nach, einer früheren Version ihrer selbst, von der sie sich für immer abgeschnitten fühlt.

Auch Walt ist also vom spirituellen Gedankengut seines ältesten Bruders nicht unberührt geblieben. Das Wunderkind und der spirituelle savant Seymour hat mit seinen Anschauungen, seiner Lektüre, seinen Interessen alle seine jüngeren Geschwister unwiderruflich geprägt. Dass diese Einflussnahme aber nicht immer nur gute Auswirkungen zeitigt, dass dieser spirituelle Einfluss für die jüngsten Geschwister u.U. eine zu schwere Bürde sein kann – darum geht es in den beiden nächsten Erzählungen, die als Titel die Namen der beiden jüngsten Glass-Kinder tragen: „Franny“ und „Zooey“. Franny ist zwar die Jüngste, über ihre Erzählung sprechen wir aber zuerst, da den beiden Texten eine Chronologie zugrundeliegt, in der die Handlung von „Franny“ zuerst passiert.

FRANNY


Frances oder Franny Glass wird in anderen Erzählungen an einigen wenigen Stellen erwähnt. Sympathisch liest sich eine Schilderung in Boo Boos Brief, der Buddy dazu bringen soll, zu Seymours Hochzeit zu gehen. Boo Boo fragt Buddy, ob er seine achtjährige Schwester in der Radioshow „It’s a Wise Child“ gehört habe. Franny habe nämlich auf Sendung erzählt, wie sie sich in den Augenblicken, in denen sie allein zu Hause sei, die Zeit damit vertreibe, durch die ganze Wohnung zu fliegen. Der Moderator habe herablassend geantwortet, gewiss habe sie geträumt, dass sie durch die Wohnung geflogen sei. Nein, habe Franny geantwortet, sie wisse genau, dass sie wirklich geflogen sei, ihre Fingerspitzen seien nämlich ganz staubig gewesen, weil sie die Glühbirnen an der Decke berührt habe.

In „Franny“ ist unsere Protagonistin Anfang zwanzig, eine College-Studentin. Wie so oft bei den Glasses führt sie sich durch einen Brief in die Erzählung ein. Ihr Freund Lane Coutell steht am Bahnhof und wartet auf den Zug, der Franny zu ihm bringen soll. Er zieht besagten Brief von ihr, der alle Merkmale eines oft gelesenen Schreibens trägt, aus der Tasche und überfliegt es noch einmal. Es ist ein überbordender Brief, in dem Franny von Thema zu Thema springt, u.a. gibt sie ihrer Vorliebe für Sappho Ausdruck. Sie fragt Lane auch, ob er sie liebe, in seinem eigenen Schreiben habe er nichts davon verlauten lassen; sie hoffe sehr, dass er am Wochenende nicht versuchen werde, ganz supermännlich und zurückhaltend zu sein, also einer von diesen „schweigsamen starken Männern“.

Wir merken bald, dass es genau das ist, was Lane zu sein versucht, sobald Franny mit dem Zug eintrifft. Er versucht jede Emotion aus seinem Gesicht verschwinden zu lassen, gibt sich sehr cool mit Franny, und als sie ihn fragt, ob er ihren Brief erhalten habe – eben jenen vielgelesenen Brief, der in Lanes Manteltasche steckt – hat er sogar die Stirn zu fragen: „Welchen Brief?“ Er bemerkt ein Buch, das sie bei sich hat, fragt danach, aber Franny will nicht darüber reden.

Bevor sie zum Football-Spiel gehen, landen sie in einem Restaurant, eines, wo junge College-Männer mit ihren Mädchen hingehen, wenn sie sie mal fein ausführen wollen. Lane bestellt sich ein Schnecken-Gericht, Franny nur ein einfaches Sandwich . Sie unterhalten sich, Lane spricht über eine Arbeit, die er geschrieben hat, eine psychologisch unterfütterte Untersuchung Flauberts, versucht, sehr unbeteiligt zu wirken, kommt aber immer wieder auf das Thema zurück. Er kann nicht verbergen, wie stolz er auf seine Leistung ist, immerhin hat ihm sein Professor sogar empfohlen, die Arbeit zu veröffentlichen. Es wird klar, dass er Franny damit unendlich langweilt. Sie steckt in einer tiefen Krise, denn sie leidet, so könnte man witzeln, am Caulfield-Syndrom: Das College geht ihr auf die Nerven, alle sind nur mit ihrem Ehrgeiz beschäftigt, Studenten wie Lehrer, allen geht es nur um sich selbst, nie gehe es darum, Weisheit zu erlangen. Weisheit! Überhaupt sei das ein Wort, das auf dem College niemand in den Mund nehme.


Hier zeigt uns Salinger wieder einmal seine eigene Sicht der Dinge. Wir haben schon mehrfach erwähnt, dass er den akademischen Umgang mit Literatur verabscheute, v.a. die psychologische Schule. Lane schildert er als einen heuchlerischen, aufgeblasenen Vertreter eben jener Couleur. Franny sehnt sich (wie ihr Schöpfer) nach Weisheit. Weisheit im Sinne des Buddhismus ist ein tiefes philosophisches Verständnis der conditio humana, also der Stellung des Menschen in der Welt. Dazu gehört auch die Erkenntnis der Realität, was tiefes und langes Nachdenken erfordert. Weisheit kann letzten Endes zur Erweckung führen, wie sie der Buddha erlebt hat.


Schließlich flüchtet Franny auf die Toilette und weint eine Viertelstunde lang. Als sie an den Tisch zurückkehrt, verbessern sich die Dinge nicht. Franny schimpft über die allgegenwärtige Heuchelei, über den Wunsch der Menschen, immer nur sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken – womit sie natürlich ihren Lane miteinschließt, der aber viel zu sehr von sich eingenommen ist, um Frannys Worte auf sich zu beziehen. Endlich bringt er sie dazu, über das geheimnisvolle grüne Buch zu reden, das sie bei sich hat. Es handelt sich um das tatsächlich existierende „Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers“, ein Werk russisch-orthodoxer Spiritualität, das die Geschichte eines anonymen Pilgers im Russland des 19. Jahrhunderts erzählt. Dieser Pilger trifft einen Starez, also einen geistlichen Lehrmeister, der ihn mit dem Jesus-Gebet vertraut macht. Das Jesus-Gebet erscheint hier in dem Wortlaut „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“ – wie ein Mantra kann es unablässig wiederholt werden, bis es sich so automatisiert, dass es mit dem Herzschlag in eins zusammenfällt. Es kann so zu einer ganz neuen Sicht der Welt und zu einer eigenen Art des Erweckungserlebnisses führen.

(Komboskini, die Gebetsschnur für das Jesus-Gebet. Foto: Wikipedia)

Franny wird schließlich ohnmächtig. Man legt sie im Büro des Restaurantmanagers auf die Couch, und als sie aufwacht, beugt sich ein nun doch erschrockener und besorgter Lane über sie. Nachdem er sie alleingelassen hat, um männlich einige Dinge zu regeln, blickt Franny zur Decke. Ihre Lippen beginnen sich wie von selbst zu bewegen. Sie hat begonnen, das Jesus Gebet zu sprechen, in der Hoffnung, dass es ihr aus der Krise helfen wird. Doch, wie der nächste Text zeigen wird, braucht es noch ein bisschen mehr.

ZOOEY




Am Anfang der Erzählung „Zooey“ meldet sich wieder Buddy zu Wort, zunächst in einer Art erzählerischem Vorwort, in dem er uns wissen lässt, dass er das Material für diese Erzählung von den drei beteiligten Personen bekommen hat, also von seiner Mutter Bessie, seinem Bruder Zooey und seiner Schwester Franny. Was er nun bieten werde, sei ein „prose home movie“, also eine Art Heimkino in Prosa. Und Buddy lässt uns auch wissen, dass alle drei Beteiligten auf die eine oder andere Weise seine Schilderung der Ereignisse kritisiert haben. Dann folgt wieder mal ein Brief, eine längere Nachricht, die Buddy an Zooey richtet. Auch dieser Brief zeigt Abnützungserscheinungen, zumal er bereits vier Jahre alt ist, und wird zu Beginn der Erzählung von Zooey in der Badewanne zum x-ten Mal überfolgen.

In seinem Schreiben geht Buddy auf ein Problem ein, das wir schon angedeutet haben, nämlich auf den spirituellen Einfluss, den v.a. Seymour, aber auch Buddy auf die geistige Ausrichtung ihrer Geschwister genommen haben. Sie hielten sie zu spiritueller Lektüre an, also zu der in der letzten Sendung erwähnten Diät aus klassischem Taoismus, den indischen Veden und dem Neuen Testament. Buddy zitiert einen Gelehrten des Zen-Buddhismus, der den Zustand der Erleuchtung als Zustand reinen Bewusstseins beschreibt – man sei mit Gott vereint in jenem primordialen Zustand, bevor die Weisung ergangen sei: „Es werde Licht.“ Von diesem Zustand sollten die jüngeren Geschwister erfahren, bevor sie mit den anderen Gebieten menschlichen Wissens in Berührung kämen; das sei das Ziel gewesen, schreibt Buddy in seinem Brief. Ein klassisch buddhistischer Gedanke also: Die Suche nach Wissen soll mit der Suche nach Nicht-Wissen beginnen. Außerdem geht Buddy in dem Brief auf Zooeys Suche nach dem richtigen Beruf ein – soll er Schauspieler werden? - Werde Schauspieler, so schließt Buddy den Brief, aber übe den Beruf mit ganzer Kraft und allem Können aus. Hier kommt Salinger wieder auf jene ethische Einstellung zurück, über die wir bereits mehrfach gesprochen haben. Schon Seymour hat Buddy nahegelegt, beim Schreiben stets sein ganzes Potenzial einzubringen, immer das Beste zu geben, egal, ob jemand dabei zusieht oder nicht. Es ist dies auf einen Grundsatz des Buddhismus zurückzuführen, der besagt, dass nur jener das Nirvana, also den höchsten Zustand, erreicht, der sein Potenzial voll und ganz verwirklicht.

Nachdem er den Brief zu Ende gelesen hat, studiert Zooey eine Drehbuch-Szene, in der er mitwirken soll, was uns zeigt, dass er Buddys Ratschlag befolgt hat. Bald wird er aber von seiner Mutter Bessie unterbrochen, die ihn nun über mehrere Seiten hinweg in eine Unterhaltung verwickelt. Die Mutter macht sich Sorgen um Franny, die im Wohnzimmer auf der Couch liegt, kein Essen annehmen will, nicht richtig schlafen kann und beständig etwas vor sich hinmurmelt. Bessie ist am Ende ihrer Weisheit. Sie möchte, dass einer ihrer Söhne sich Frannys annimmt, aber Waker, den Mönch kann sie nicht erreichen, da er sich in Ecuador befindet, und Buddy hat in seinem abgelegenen Haus oben im Staat New York kein Telefon.

Durch seine Beschreibungen macht Salinger klar, dass Zooey sehr hübsch ist, andererseits aber stark misanthropische Charakterzüge hat, die er auch seiner Mutter gegenüber nicht bezähmt. Zooey bezeichnet sich und Franny als mit spirituellem Zeug vollgestopfte Freaks, und die beiden „bastards“ Seymour und Buddy seine schuld daran. Dass Franny jetzt eine Krise habe, sei kein Wunder. Zuletzt lässt sich Zooey aber herbei und redet selbst mit seiner Schwester. Während des Gesprächs zeigt sich, dass sie beide dieselben Probleme mit der Welt und den Menschen haben. Sie durchschauen jede Heuchelei und laufen Gefahr, die Welt nicht mehr ertragen zu können, weil Heuchelei allgegenwärtig ist, denn jeder versucht jedem, etwas vorzumachen. Zooey findet heraus, dass sich Franny mit dem Jesus-Gebet selbst aus der Krise zu helfen versucht – er will es ihr ausreden, versetzt die junge Frau aber nur in einen noch aufgeregteren Zustand.

Daraufhin begibt er sich in Seymours und Buddys altes Zimmer, das noch genauso aussieht, wie die beiden es verlassen haben. Dort wählt Zooey vom Nebenanschluss aus die Nummer der Wohnung, gibt sich als Buddy aus – als Schauspieler kann er Stimmen gut nachmachen – und verlangt, dass Franny ans Telefon kommt. Eine Weile lang fragt er sie in der Rolle Buddys nach ihren Problemen aus, aber lange kann er seine hochintelligenten Schwester nicht hinhalten. An einer sprachlichen Eigenart merkt sie, dass Zooey am Telefon ist, trotzdem unterbricht sie das Gespräch nicht. Zooey lenkt Frannys Aufmerksamkeit nach und nach auf besagten ethischen Grundsatz, in allem immer sein ganzes Potenzial zu zeigen. Wann immer er als Kind etwas nicht habe tun wollen, erzählt er, habe ihn Seymour ermahnt, es trotzdem zu tun und zwar für die Fat Lady, also die Dicke Dame. Zooey habe sich diese dicke Dame immer vorgestellt, wie sie krank auf einer Veranda sitze und mit voller Lautstärke die Sendung „It’s a Wise Child“ höre. Für sie habe er sich in der Sendung immer besondere Mühe gegeben. Franny berichtet, dass Seymour auch ihr von der Fat Lady erzählt habe, ihre Vorstellung von ihr ähnele jener von Zooey sehr stark. Zooey greift nun den Schluss des Briefes auf, den er am Beginn der Erzählung gelesen hat. Nun, sagt er, dann müssten sie auch mit ihrem Leben weitermachen, als Schauspieler, als College-Studentin – und sie müssten es für die Dicke Dame tun, denn diese sei letzten Endes jedermann. Die Dicke Dame, das sei Christus. Damit schließt er für Franny einen Kreis – sie schläft lächelnd ein und man versteht, dass sie ihre spirituell motivierte Lebenskrise mit Hilfe ihrer Brüder gemeistert hat.

DIE ELTERN LES UND BESSIE GLASS




Es fragt sich nun, wie wohl die Eltern von sieben hochbegabten Wunderkindern beschaffen sind. Les Glass und seine Frau Bessie, geborene Gallagher, waren anfangs Stars des Vaudeville-Theaters, Tänzer und Unterhalter. Aber schon in „Hapworth 16, 1924“ erfahren wir, dass zumindest Bessie überlegt, sich von der Bühne zu verabschieden. Das Ehepaar tut dies dann auch, und zwar mit einer Party, die Buddy in der Erzählung „Seymour wird vorgestellt“ erwähnt. Les Glass arbeitet später als Talentsucher.

(Bild: Wikipedia)

Er scheint einerseits ein Mann seiner Zeit zu sein, rauchend, fluchend, gern mal eine Partie Billard hinlegend; andererseits wird an mehreren Stellen von seiner Neigung zur Sentimentalität berichtet. In der Erzählung „Zooey“ klagt Bessie an einer Stelle darüber, dass ihr Mann mittlerweile vollkommen in der Vergangenheit lebe. Er sitze vor den Radiogeräten, so als ob seine Kinder noch immer in der Sendung „It’s a Wise Child“ zu hören seien – Seymours Selbstmord hat tiefe Narben bei ihm hinterlassen. Bessie selbst wird in „Hapworth 16, 1924“ von ihrem ältesten Sohn für ihre körperlichen Vorzüge gelobt, Seymour nennt sie an einer Stelle sogar einen „süßen kleinen Teufel“. Einen unvergesslichen Auftritt hat sie in der Erzählung „Zooey“. Dort wird sie als dralle Dame mit immer noch sehr anziehenden Beinen geschildert. Außerdem trägt sie einen Kimono, ihr traditionelles Hausgewand, mit zusätzlichen aufgenähten Taschen. Die braucht sie zum einen, um ihr Tabakzubehör unterzubringen – sie ist eine sehr starke Raucherin – zum anderen ist sie auch eine tüchtige Heimwerkerin: In den Taschen ihres Hauskittels hat sie allerhand Ersatzteile wie Wasserhähne, Türangeln, Schrauben, Nägel und Kugellager. Bessie weiß, dass ihre Kinder sehr intelligent sind, sie bewundert und liebt jedes für seine besondere Eigenart; sie weiß aber auch, dass sie nicht vollständig an ihre Kinder herankommt, dass sie alle in ihrer sehr eigenen Welt leben, die sie mit einer Art von Geheimniskrämerei hüten. Und als gute Mutter macht sie sich ständig darüber Sorgen, dass die sozialen Fähigkeiten all ihrer Kinder unterentwickelt sind.

Alle deutschen Übersetzungen von Salingers Werk sind – in Gestalt preiswerter Taschenbücher – im Rowohlt Verlag erschienen. Dort liegt auch das Buch „Franny und Zooey“ vor, in dem beide Erzählungen abgedruckt sind. Wir haben über alle veröffentlichten Glass-Texte gesprochen, jetzt bleibt abzuwarten, was eventuell aus Salingers legendenumwobenen Safe auftauchen wird. Es Berichte und Gerüchte über dessen Inhalt, von zwischen zwei und fünfzehn Manuskripten ist die Rede, man weiß aber nicht, ob es sich um Romane, Erzählungen oder Reflexionen über Spiritualität und Ernährung handelt. Zur Zeit hüllen sich alle, die mit dem Nachlass befasst sind, sowie Salingers Verleger in Schweigen – es bleibt spannend.

(Hans Tirler, der Techniker diesmal)

Damit verabschieden wir uns in die Sommerpause, denn mit der nächsten Folge von FORUM LITERATUR beginnt die Wiederholung des Hörbuchs „Alice“ nach dem Prosaband von Judith Hermann. Wir möchten noch darauf hinweisen, dass wir in den Monaten Oktober, November, Dezember insgesamt drei Schwerpunktfolgen zu Themen aus der Kinder- und Jugendliteratur senden werden. Unsere Mitarbeiterin Margot Schwienbacher, Ihnen vielleicht bekannt aus der FORUM-LITERATUR-Folge über Hans Christian Andersen, wird uns ihr Wissen zur Verfügung stellen.










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