Montag, 16. August 2010

Merkwürdiges Wort # 4: GRILL-BIBEL




Es muss mit Entschiedenheit gesagt werden, dass das Verzeichnen von merkwürdigen Wörtern in der letzten Zeit von Seiten des Blog-Betreuers grobe Vernachlässigung erfahren hat. Es liegt nicht an mangelndem Aufkommen solcher Wörter. Ganz und gar nicht. Merkwürdige Wörter lägen an allen Ecken und Enden zum Aufsammeln bereit, nicht nur zum Beispiel in einer Paul-Nizon-Gesamtausgabe, nein: Auch in dem Leben enger verhafteten Bereichen ließen sich eine Menge Wort-Nuggets schürfen. So hat uns eine Weile lang die Kreation „Orgel-Mai“ beschäftigt, doch hat dieses Wort letztendlich seine tönenden Blütenkelche vor uns verschlossen gehalten. Also nix. Dann gibt es die zum Großteil nutzlose und lästige Maschinerie der Medien, die alle Tage ein Füllhorn an merkwürdigem Wortreichtum über uns ausgösse, hätten wir nur die Zeit, innezuhalten und uns den Säckel füllen zu lassen. Aber da haben wir das Problem auch schon auf den Nagelkopf getroffen (Schießscheibenwortschatz!) - man hat halt so wenig Zeit, die Ernte einzufahren, muss sich also mit gelegentlichen Weizenkörnern zufrieden geben.

Es ist nun schon Monate her, dass mir das heutige merkwürdige Exemplar unter die Augen gekommen ist. Gleichwohl hat es – im Monat August – trotz des hartnäckigen Regenwetters seine Aktualität nicht eingebüßt. Gefunden habe ich es in einem Faltblatt, welches den Lesern, die heutzutage meistens LeserINNEN sind, neue Bücher anzeigte. Dieses Faltblatt lag einer örtlich wohlstbekannten Tageszeitung bei (auf diesen HTML-Seiten bereits einmal durch Genanntwerden gewürdigt). Letztere erscheint im selben Verlagshaus wie nicht unwenige der in dem Faltblatt angezeigten Bücher. All diese in dem der Tageszeitung beiliegenden Faltblatt angezeigten Bücher werden in einer Kette von Buchläden verkauft, die im geschäftsmäßigen Sinn mit dem oben erwähnten, die das die Bücher anzeigende Faltblatt enthaltende Tageszeitung in die Kioske und vor die unvorbereiteten Hirne der Menschen streuenden Verlagshaus identisch ist.

Die Grill-Bibel, also. Es war mir ein Anliegen, mehr darüber herauszufinden. Wie man weiß, ist der Leibhaftige Experte am Rost, denn schon der unvergleichliche Jaroslav Hašek schildert uns die Hölle folgendermaßen:
„Es ist ein Ort mit gewöhnlichen Kesseln mit Atmosphärendruck; die Sünder werden auf Margarine gesotten, die Roste werden mit elektrischer Kraft angetrieben, seit Millionen Jahren fahren Straßenwalzen über die Sünder, das Zähneknirschen besorgen Dentisten mit besonderen Instrumenten, das Heulen wird in Grammophonen aufgefangen, und die Platten werden ins Paradies zur Erheiterung der Gerechten hinaufgeschickt.“
 Ja, und ebenso bekannt ist, dass der Herr der Hölle jederzeit und immer alles aus der Schrift zitieren kann. Nachdem ich mir dies ins Gedächtnis gerufen hatte, besuchte ich meinen Freund Giovanni. Er ist Teufelchen von Beruf, und darüber hinaus versteht er – wie seine Freunde versichern - „zu grillen wie ein Gott“. In Giovannis Vorgarten war unter Sommerwolken ein freundliches Gedränge rund um den dreizackförmigen Pool. Nackte Anwältinnen wiegten sich verträumt zur Musik einer Live-Band mit dem einleuchtenden Namen WEICHTEILRHEUMA. Im deutschsprachigen Privatfernsehen beschäftigte Moderatoren räkelten sich in türkisfarbenen Badehosen auf Liegestühlen. Sie pöbelten Popstars im Teenager-Alter an, welche – die Boxershort unter der knielangen Badehose in die Sichtbarkeit gezogen – stark spritzende Wettspringen veranstalteten und mit einem harten Ball um sich warfen. Die Popstars im Teenager-Alter rächten sich für die Pöbelei mit progressivem Popgesang, pronominal belastetem Popsingen sowie permutativ geparstem Popgesinge:

Was soll'n das
ihr werdet nass
macht doch Spaß
was soll'n das
yo

Giovanni, der Naturbursch', hatte in seinem Vorgarten mehrere offene Feuer entfacht, über denen er Schlögel, Schultern, Karees, Filets, Nüsse, Kaiserteile, Koteletts, Stutzen, Hälften, Vorderviertel, Mittelstücke, Backen ohne Schwarten, Bikinis ohne Nacken usw. grillte. Diese Stücke stammten nicht nur von unseren quiekenden hellrosa Genetik-Gefährten, sondern so ziemlich von jeder bedrohten Tierart auf diesem Planeten. Allein der Duft, der durch den Garten wehte, ließ die Anwältinnen vor lauter Vorfreude rülpsen. Mit geblähten Fledermausflügeln wischte das Teufelchen zwischen den Feuerstellen hin und her, drehte, wendete, übergoss, probierte, würzte nach, rührte Sößchen an und fand zwischendurch noch genügend Zeit, in die respektiven Damengesäße zu zwicken oder den Ball zurückzuholen, den die Popstars im Teenager-Alter in den Nachbargarten geschossen hatten. Als die versammelten Gäste alle ihre von Saft tropfenden Fleischstücke in Händen hielten und ihre spitz zugefeilten Zähne darein schlugen, hatte Giovanni endlich Zeit, auf meine Frage einzugehen. Er tat dies mit verschmitztem Gesicht. „Kinder!“ rief er, in die Hände klatschend. „Unser Besucher hier will wissen, was es mit den Grill-Bibeln auf sich hat.“ Träger Beifall und einige Zurufe (Was soll'n das …). WEICHTEILRHEUMA spielten einen Tusch. „Das ist unser kleiner Höhepunkt, bei solchen Veranstaltungen, bevor wir in die Heia gehen“, schmunzelte das Teufelchen. Ich antwortete leicht nervös, dass ich nicht so lange Zeit hätte, immerhin sei heute noch der Blogartikel zu schreiben etc. „Ja, ja“, sagte Giovanni, lachte und schnippte mit den Fingern: „Numitoria, Plancia, Statilia, Coponia, Spurilia, Cupennia!“ Die aufgerufenen Anwältinnen schafften beflissen in Schubkarren Bücherhaufen heran. Mit satanischem Grinsen rammte Giovanni dicke Grillspieße durch ganze Stapel von Bibeln und positionierte diese über der Glut in seinen Feuerstellen. Aus den Seiten der Bücher drang es wie weinerliches Flehen, was den Eifer des Teufelchens nur anspornte. Die Druckerschwärze ergoss sich aus den durchbohrten Schriften und rann zischend in die glühenden Kohlen. Ein Geruch nach Lakritze stieg auf, und ich musste niesen. Die Dunkelheit war hereingebrochen. Plötzlich hörte man aus allen Ecken des Gartens und vom Pool her, der rot zu leuchten und außerdem zu dampfen begonnen hatte, ein Kreischen und Singen, sehr unheimliche Geräusche, deren Schwingungen meinem spärlichen Haarwuchs übel mitspielten. Langsam näherten sich Anwältinnen, Moderatoren, Tennager-Popstars, und auch ihnen waren inzwischen Flügel gewachsen, wie der gute Giovanni ein Paar am Rücken trug, und sie kamen geifernd näher und machten sich über die gegrillten Bibeln her. „Was ist denn hier los?“ versuchte ich den Lärm zu überschreien. „Fressen die jetzt die Bücher?“ „Du weißt doch, was man sagt“, schrie Giovanni, das Teufelchen, aus vollem Hals und schwang einen Bratspieß über einem neuen Paket Bibeln: „Das Wort ist Fleisch geworden! Nicht? Siehst du? So macht man das ...“ Doch bevor er die frisch knisternden Bücher auf seinem gewaltigen Spieß pfählen konnte, wandte ich mich voll Grausen ab.




Dienstag, 10. August 2010

FORUM LITERATUR # 23-26: "Wiederholungen gefallen nicht ...", sagte Cäsar. Doch es ist Sommer ...


... und da Sommer ist, wiederholen wir für jene, die auf dem Balkon oder der Terrasse gern am Abend ein Hörbuch genießen, "Alice" von Judith Hermann, in vier Folgen, bequem portioniert, zu einer angenehmen Sendezeit. Allen Hörerinnen und Hörern erholsame Tage!

(Giulio Cesare, gut gelaunt. ("Er ist großartig." - "Wer?" - "Na, Ihr." - "Ach, er.") Foto: Wikipedia)

Außerdem möchten wir an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, dass der Post zu FORUM LITERATUR # 18 um aktuelle Aufnahmen aus Ulten (Weißbrunn) ergänzt worden ist. Darüber hinaus möchten wir an dieser Stelle ankündigen, dass wir bis Jahresende drei FORUM-LITERATUR-Sendungen zusammen mit unserer Mitarbeiterin Margot Schwienbacher gestalten werden, die Ihnen bestimmt von unserer Sendung über Hans Christian Andersen in Erinnerung geblieben ist. In diesen Folgen wird es jeweils um ein Thema aus dem Bereich Kinder- und Jugendliteratur gehen. Hier vorab schon mal die Sendedaten:

SA: 23/10/2010 - ab 20.10 Uhr
SA: 20/11/2010 - ab 20.10 Uhr
SA: 18/12/2010 - ab 20.10 Uhr