Montag, 20. September 2010

FORUM LITERATUR # 29: Wolfgang Marx & Irakkrieg und Literatur



 
(Wahrnehmungspsychologe und Schriftsteller Wolfgang Marx im Stadtcafé, Bozen, August 2010)

In der letzten Ausgabe stand er uns mit einem wissenschaftlichen Kommentar zur Denkrichtung des Konstruktivismus zur Seite. In dieser Folge von FORUM LITERATUR stellen wir Wolfgang Marx als Schrifsteller vor. Dabei geht es natürlich vor allem um seine Bücher, die Romane "Die Essverwandtschaften" und "Megastar", dann die Essay-Sammlungen "Die Rückkehr des Grüns" und "Theorie der Wirklichkeit" sowie den Lyrikband "Wehrlos vor einem Kirschbaum".





Am 1. September 2010 hat US-Präsident Barack Obama den Irakkrieg offiziell für beendet erklärt. Was mag dieses Ereignis wohl an Literatur gezeitigt haben? Wir präsentieren im zweiten Teil dieser Ausgabe einige wenige Fundstücke (HörerIn ist eingeladen, sich selbst weiter auf die Suche zu begeben). Wir sprechen über die Romane "September. Fata Morgana" des deutschen Autors Thomas Lehr, "Heartland" und "Der Omega-Punkt" der Amerikaner Joey Goebel und Don DeLillo sowie über den Comic "DMZ", geschrieben von Brian Wood, gezeichnet von Riccardo Burchielli.
Die Musik in dieser Ausgabe stammt aus dem Album "Easy to Love" der in Turin geborenen Sängerin Roberta Gambarini.


Ein Dank ergeht an Otto Herbst, der alles Technische besorgt hat.










Mittwoch, 15. September 2010

THEMA LESEN: Die Internationale Jugendbibliothek in München 4




Die Internationale Jugendbibliothek in der Münchner Blutenburg ist ein lohnendes Ausflugsziel für die ganze Familie, aber auch ein wichtiger Bezugspunkt für an Kinder- und Jugendliteratur interessierte Akademiker. Wer via E-Mail seinen Forschungsschwerpunkt bekannt gibt, wird von den MitarbeiterInnen der Internationalen Jugendbibliothek mit entsprechendem Material versorgt. Informationen und Kontakmöglichkeiten bietet die Website:


 Hier noch ein abschließender Blick in das eingangs erwähnte Erich-Kästner-Zimmer (ebenfalls zu besichtigen, bitte voranmelden):



 
       (Der Lesesessel des Meisters)












THEMA LESEN: Die Internationale Jugendbibliothek in München 3


Außerdem können junge Leser auch die mehrsprachig bestückte Leihbibliothek im Bücherschloss nutzen. Entlehnfrist: 4 Wochen.


In eigens dafür eingerichteten Ateliers können zukünftige IllustratorInnen erste Berufserfahrung sammeln.


Die größten Schätze bekommen aber die zu sehen, die einen Blick in die unterirdischen Kammern der Blutenburg werfen dürfen. Hier lagern in verschiebbaren Regalen die ausgedehnten Bestände. NB: Die Internationale Jugendbibliothek kauft keine Bücher an, sondern wurde von Jella Lepmanns Anfängen an durch Schenkungen von Verlagen und privaten Sammlern gespeist.







THEMA LESEN: Die Internationale Jugendbibliothek in München 2


Die Schatzkammer der Binette Schroeder, wie sie auch genannt wird, wurde von dem in München lebenden Architekten Andrew Howcroft gestaltet, nachdem er sich intensiv mit ihren Büchern auseinandergesetzt hatte.


Wie alle anderen Einrichtungen der Internationalen Jugendbibliothek kann auch Binette Schroeders Kabinett besichtigt werden. Für die Kinder gibt es in Schubladen und Schränken jede Menge Geheimnisse zu entdecken (für Erwachsene auch).

 






THEMA LESEN: Die Internationale Jugendbibliothek in München 1



Die Sendung "Thema Lesen" ist der Buch- und Bibliothekenszene in Südtirol verpflichtet. Diesmal werfen wir allerdings einen Blick ins Ausland und besuchen eine in ihrer Art weltweit einzigartige Struktur - die Internationale Jugendbibliothek, die zur Zeit in der Blutenburg in München, Stadteil Obermenzing, untergebracht ist.


Unsere Mitarbeiterin Margot Schwienbacher hat die Internationale Jugendbibliothek besucht und sich dort mit Frau Carola Gäde (Öffentlichkeitsarbeit, Presse) unterhalten, sowie mit Herrn Jochen Weber (Leiter der Lektoratsabteilung). Die Sendung führt die Zuhörer durch das Angebot der Bibliothek. Den Schlosshof betritt man durch ein Tor mit Turm und Uhr.


In diesem Turm befindet sich übrigens das Erich-Kästner-Zimmer, in dem die Interviews mit Frau Gäde und Herrn Weber aufgezeichnet wurden. Gleich am Eingang findet man eine erste Möglichkeit, um sich zu orientieren:

Mit allen Anliegen wird man besten im Herrenhaus vorstellig, wo einem sofort weitergeholfen wird:


Die Internationale Jugendbibliothek verfügt über dauerhaft eingerichtete Lesemuseen zu Autoren wie Michael Ende oder James Krüss. Außerdem finden immer wieder zeitlich befristete Austellungen statt, die einen Überblick über das Werk eines Illustrators oder einer Illustratorin bieten. Im Sommer und Herbst 2010 kann man z.B. Shaun Tans Originale bewundern.


Die neueste Dauereinrichtung der Internationalen Jugendbibliothek ist das Kabinett der Autorin und Illustratorin Binette Schroeder. Auch mit ihr hat sich Margot Schwienbacher für "Thema Lesen" unterhalten. Das Kabinett ist ein eigenes kleines Museum, in dem Frau Schroeder nicht nur eigene Originale, Erinnerungsstücke, Bücher und Spielsachen untergebracht hat, sondern auch ihre umfangreiche Sammlung von Werken ihrer Kollegen.








Donnerstag, 9. September 2010

FORUM LITERATUR # 28: Welt im Kopf - Konstruktivismus und Wahrnehmungspsychologie

Gleich eingangs die Frage: Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob die Welt um Sie herum nun wirklich ist oder nur Illusion oder eine Vorstellung oder der Traum eines schalkhaften Gottes? Ob Sie selbst wach sind oder vielleicht alles nur träumen? Wenn Sie jetzt mit dem Kopf nicken, dann haben Sie sich bereits mit einer der absolut zentralen Fragen auseinandergesetzt, von denen die Menschheit seit – man kann sagen – Jahrtausenden umgetrieben wird. Ich sage absichtlich nicht: die Philosophen. Denn die Konsequenzen, die sich aus einer möglichen Antwort auf diese Frage ergeben, betreffen uns alle. Es geht um nichts weniger als um unser Verhältnis zur Welt.
Beim Stöbern in den Rundfunkarchiven bin ich auf ein Tonband gestoßen. Es handelt sich um die Aufzeichnung eines Interviews aus dem Jahr 1990. Inga Hosp, die immer wieder für den RAI-Sender Bozen gearbeitet hat, hat dieses Gespräch mit Ernst von Glasersfeld geführt. Ernst von Glasersfeld ist gebürtiger Österreicher, Jahrgang 1917, und war u.a. als kognitiver Psychologe tätig. Am bekanntesten ist er jedoch als einer der Gründerväter des Konstruktivismus, einer seit den achtziger Jahren wichtigen philosophischen Richtung. Ein wenig Recherche ergab, dass im Oktober 1990 zum ersten Mal das Bozner Treffen stattfand. Dabei handelt es sich um in Bozen ausgetragene Begegnungen, bei denen Fachleute verschiedener Bereiche sich in öffentlichen Vorträgen und Diskussionen untereinander austauschen. Oder, wie Inga Hosp es in ihrem Geleitwort zum Tagungsband formuliert: „Einmal jährlich sich an einem Platz zu treffen, der aus einer Tradition eine Mittlerstellung zwischen Kulturräumen wahrnehmen kann, innezuhalten und zu versuchen, die Sprachen der verschiedenen Disziplinen verständlich zu machen und die Erscheinungswelt als Ganzes zu begreifen: Dies haben wir uns vorgenommen; denn die ständige Wechselwirkung zwischen Natur und Kultur kann ihren gemeinsamen Brennpunkt nur in der menschlichen Persönlichkeit haben.“


Ernst von Glasersfeld war bei diesem Treffen 1990 als Beobachter dabei. Ich würde vorschlagen, wir hören uns jetzt mal das Gespräch an, das Inga Hosp mit ihm geführt hat. Dabei wird durchaus ein interessantes und verständliches Bild des Konstruktivismus entworfen.

(Ernst von Glasersfeld. Foto: Christian Michelides, Wikipedia)

Der Grundgedanke des Konstruktivismus ist nicht zu leugnen – jeder erlebt die Welt in seinem Kopf, so wie er oder sie die Welt wahrnimmt. Was er oder sie an Schablonen bereits im Kopf hat, hilft beim Bau des Weltmodells; die Schablonen liefern gewissermaßen die Anleitung dazu. Von einer Wirklichkeit außerhalb dieser Kopfmodelle haben wir keine Ahnung, können wir gar nicht, denn wir können unsere Köpfe nicht verlassen und die Wirklichkeit um uns herum unmittelbar erleben. Diese Modelle sind laut Ernst von Glasersfeld auch keine kleinen Abbilder der großen Welt. Eher dienen sie uns – wie er im Gespräch sagt – als eine Art Fahrplan. In einem Aufsatz benutzt Glasersfeld das Beispiel eines blinden Läufers, der durch einen Wald zu einem Fluss gelangen will. Der Läufer bewegt sich durch den Wald, ohne die Bäume zu sehen. Er erlebt den Lauf nur als Folge von Hindernissen (wenn er also gegen einen Baum läuft) oder freiem Raum, der ihm ungehindertes Fortkommen ermöglicht. So konstruiert er in seinem Kopf durch Versuch und Irrtum eine Karte seines Weges zum Fluss, in der aber die Bäume nicht vorkommen. Es gibt darin nur Aufzeichnungen von Hindernis-Erlebnissen und Wahrnehmungen des Weiterkommens. Dieser Fahrplan im Kopf dient uns dazu, unsere Ziele in der Welt zu verfolgen. Einen Kopf-Fahrplan, der diesen Zweck erfüllt, nennt von Glasersfeld „viabel“. Das Hauptwort dazu ist „Viabilität“ und heißt nichts anderes als „Gangbarkeit“. Es geht also um für den Menschen gangbare Wege durch seine Umwelt, und gangbare Wege gibt es – dies ein Grundgedanke des Konstruktivismus – immer mehrere. So wie der Waldläufer auf vielen Wegen durch die für ihn unsichtbaren Bäume zum Fluss gelangen kann.


Wie gesagt – die Konsequenzen aus den konstruktivistischen Grundgedanken betreffen uns alle. Denn – wenn jeder seine Welt erlebt – was ist dann mit den anderen Menschen? Können wir unter diesen Umständen überhaupt erfolgreich kommunizieren? Oder eine andere Frage, die im Gespräch behandelt wurde: Was ist mit wissenschaftlicher Forschung? Lassen sich überhaupt sinnvolle Aussagen über die Welt treffen, wenn unsere Möglichkeiten zur Erkenntnis so eingeschränkt sind? Der Konstruktivismus antwortet pragmatisch: Mach dir keine Sorgen um das, was für dich unerreichbar ist; such einfach nach gangbaren Wegen und sieh, wohin sie dich führen.
Gehirn, zentrales Nervensystem, Wahrnehmung, Bewusstsein – seit einigen Jahren sind diese Themen ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt. Eine Menge Bücher dazu werden veröffentlicht, durchaus auch populäre Wissenschaftsbücher, die Zeitschrift Gehirn und Geist berichtet jeden Monat über neue Forschungsergebnisse zu diesen und verwandten Themen. Wir haben uns mit Prof. Wolfgang Marx unterhalten.


Er ist Wahrnehmungspsychologe, also durchaus im gleichen Fachbereich wie von Glasersfeld tätig. Prof. Marx war so freundlich, für uns den Konstruktivismus vom Standpunkt des Naturwissenschaftlers zu kommentieren und abzugleichen. Seine Essays zu den heute angesprochenen Themen können Sie in dem Band nachlesen: Wolfgang Marx „Die Theorie der Wirklichkeit“, erschienen in der Edition Sturzflüge bzw. im Studienverlag.


Eine gute Einstiegslektüre in den Konstruktivismus bietet der Band „Einführung in den Konstruktivismus“ mit Beiträgen von Ernst von Glasersfeld, Heinz von Foerster, Peter M. Hejl, Siegfrid J. Schmidt und Paul Watzlawick; erschienen ist dieser Sammelband im Piperverlag.



Am Schluss wie immer ein Dank an den Kollegen von der Technik; das war für diese Ausgabe Marco de Pasquale.
 


 





Samstag, 4. September 2010

Marsch, Wanze!


Oh, dieses Tagblatt, mit dem dieses herrliche Land geschlagen ist!

Wenn sich einmal nicht der Weinberg-Gallier in seiner betulichen Stakkato-Syntax über heimische Angelegenheiten öffentlich Sorgen macht, dann werden andere Bedrohungsszenarien heraufbeschworen, um auch noch die wohlstmeinenden Leser beim Vormittagskaffee scharf zu machen. Siehe dazu die lustige Schlagzeile auf dem Titelblatt des Tagblatts:


Wir zittern. Nicht nur ob der Bedrohung durch ganze Kohorten von Cimex lectularius, sondern noch mehr wegen der miserablen Ausdrucksweise und schlechten Grammatik, durch die sich das Tagblatt immer wieder profiliert. Trotz – wie kolportiert wurde – lebenslangen Korrekturstift-Ansetzens durch Dr. Josef Rampold. „Im Vormarsch“ - jedem gewiegten Militaristen sträuben sich die Haare auf den Schultern. Bis jetzt war immer noch alles „auf dem Vormarsch“ - sei es die Aufklärung (zugegeben: nicht in diesem Land, nicht in diesen Köpfen), sei es der brave Soldat Schwejk. Man fragt sich: Liegt hier Unkenntnis der Grammatik von Seiten der verantwortlichen Redakteure vor? Dann hätte die Kürzestsyntax wohl den Zweck, pro Satz so wenige Fehler wie möglich zu machen. Oder wurde am Ende grammatische Korrektheit einigen Punkten Typengröße geopfert, sodass sich statt zwei richtig nur ein falsch platziertes Wort ausging? Um's noch einmal klarzutexten: Die Wanzen wohnen im Bett und nicht im Vormarsch.

(Cimex lectularius, die Bettwanze. Foto: Wikipedia)

So wurstelt es fort, das Tagblatt, getreu dem greisen Motto: „Die ältesten Hüte passen auf die meisten Köpfe.“ Statt uns mit Wanzen zu belästigen, die nicht einmal einen saftigen Abhörskandal ausgelöst haben, könnte man sich einmal mit weitaus gefährlicheren Schädlingen befassen. Da wir versuchen, auf diesen HTML-Seiten auch die spontanste Suada mit einem konstruktiven Vorschlag abzurunden, sei auch diesmal konstruktiv nachgefragt. Wann wird sich das Tagblatt endlich seiner Verantwortung bewusst werden und sich als ernst zu nehmendes Forum etablieren? Warum nicht endlich einmal offen und breit über wiedererstarkende faschistische und neonazionalistische Tendenzen im Land berichten? Warum nicht in einer Serie Strukturen vorstellen, die ihre Arbeit genau diesem Problem widmen, womit gleichzeitig Aufklärung und Hilfe zum Beispiel für betroffene Familien geschaffen würde? Warum nicht jenseits allen Leserbrief-Gedöns eine Seite einrichten, auf der Historiker über die Problematik diskutieren; dazu müssten auch die Vertreter des rechten Lagers Raum bekommen, damit das Wort- und Sachgefecht im Freien und im Licht geführt werden kann. Warum immer noch verkrampft die tatsächliche heterogene Südtiroler Realität hinter Postkartenidyllen von Karterle und Glasl Wein verbergen? Warum nicht aus Andreas Hofer endlich ein Schnappviech für den Egetmann-Umzug machen, und das war's dann, Rübezahl. Warum nicht endlich mehr FAZ und NZZ und weniger BILD im Tagblatt? Besser wär's, man rüstete sich endlich und ließe alte Gedankenkonstrukte hinter sich. Die Zukunft ist auf dem Vormarsch. Das ist sie immerzu.
 
 
 
 
 
 
 
 

FORUM LITERATUR # 27: Jaroslav Hašek



(Der Schriftsteller Jaroslav Hašek in den zwanziger Jahren, kurz vor seinem Tod. Foto: Wikipedia)


In der ersten richtigen Folge nach der Sommerpause präsentieren wir heute einen der buntesten Hunde, nicht nur der tschechischen Dichtung, sondern der Weltliteratur überhaupt: Jaroslav Hašek. Apotheker-Lehrling, Bankangestellter, Redakteur eines Tiermagazins, politischer Aktivist,  Bigamist und Hundehändler - ein Umfang an Lebenserfahrung, der ihn zu einem produktiven und skeptisch denkenden Schriftsteller werden ließ. Seine originellste Schöpfung ist der brave Soldat Schwejk, der im Ersten Weltkrieg für Kaiser und bröckelndes Vaterland an die Front muss.

(Der brave Soldat Schwejk. Illustration von Josef Lada, einem persönlichen Freund des Autors Hašek. Abbildung: Wikipedia)

Wir unterhalten uns zuerst ein bisschen über Schwejk und seinen Autor, anschließend gibt es zwei kürzere Erzählungen von Hašek zu hören, nämlich "Drei Männer und ein Hai" sowie "Das Bildnis Kaiser Franz Josefs I." Vorgelesen werden diese Erzählungen, in denen derselbe Schalk wirkt wie in Hašeks Hauptwerk, in kongenialer Form von Schauspieler Helmut Wlasak.