Donnerstag, 9. September 2010

FORUM LITERATUR # 28: Welt im Kopf - Konstruktivismus und Wahrnehmungspsychologie

Gleich eingangs die Frage: Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob die Welt um Sie herum nun wirklich ist oder nur Illusion oder eine Vorstellung oder der Traum eines schalkhaften Gottes? Ob Sie selbst wach sind oder vielleicht alles nur träumen? Wenn Sie jetzt mit dem Kopf nicken, dann haben Sie sich bereits mit einer der absolut zentralen Fragen auseinandergesetzt, von denen die Menschheit seit – man kann sagen – Jahrtausenden umgetrieben wird. Ich sage absichtlich nicht: die Philosophen. Denn die Konsequenzen, die sich aus einer möglichen Antwort auf diese Frage ergeben, betreffen uns alle. Es geht um nichts weniger als um unser Verhältnis zur Welt.
Beim Stöbern in den Rundfunkarchiven bin ich auf ein Tonband gestoßen. Es handelt sich um die Aufzeichnung eines Interviews aus dem Jahr 1990. Inga Hosp, die immer wieder für den RAI-Sender Bozen gearbeitet hat, hat dieses Gespräch mit Ernst von Glasersfeld geführt. Ernst von Glasersfeld ist gebürtiger Österreicher, Jahrgang 1917, und war u.a. als kognitiver Psychologe tätig. Am bekanntesten ist er jedoch als einer der Gründerväter des Konstruktivismus, einer seit den achtziger Jahren wichtigen philosophischen Richtung. Ein wenig Recherche ergab, dass im Oktober 1990 zum ersten Mal das Bozner Treffen stattfand. Dabei handelt es sich um in Bozen ausgetragene Begegnungen, bei denen Fachleute verschiedener Bereiche sich in öffentlichen Vorträgen und Diskussionen untereinander austauschen. Oder, wie Inga Hosp es in ihrem Geleitwort zum Tagungsband formuliert: „Einmal jährlich sich an einem Platz zu treffen, der aus einer Tradition eine Mittlerstellung zwischen Kulturräumen wahrnehmen kann, innezuhalten und zu versuchen, die Sprachen der verschiedenen Disziplinen verständlich zu machen und die Erscheinungswelt als Ganzes zu begreifen: Dies haben wir uns vorgenommen; denn die ständige Wechselwirkung zwischen Natur und Kultur kann ihren gemeinsamen Brennpunkt nur in der menschlichen Persönlichkeit haben.“


Ernst von Glasersfeld war bei diesem Treffen 1990 als Beobachter dabei. Ich würde vorschlagen, wir hören uns jetzt mal das Gespräch an, das Inga Hosp mit ihm geführt hat. Dabei wird durchaus ein interessantes und verständliches Bild des Konstruktivismus entworfen.

(Ernst von Glasersfeld. Foto: Christian Michelides, Wikipedia)

Der Grundgedanke des Konstruktivismus ist nicht zu leugnen – jeder erlebt die Welt in seinem Kopf, so wie er oder sie die Welt wahrnimmt. Was er oder sie an Schablonen bereits im Kopf hat, hilft beim Bau des Weltmodells; die Schablonen liefern gewissermaßen die Anleitung dazu. Von einer Wirklichkeit außerhalb dieser Kopfmodelle haben wir keine Ahnung, können wir gar nicht, denn wir können unsere Köpfe nicht verlassen und die Wirklichkeit um uns herum unmittelbar erleben. Diese Modelle sind laut Ernst von Glasersfeld auch keine kleinen Abbilder der großen Welt. Eher dienen sie uns – wie er im Gespräch sagt – als eine Art Fahrplan. In einem Aufsatz benutzt Glasersfeld das Beispiel eines blinden Läufers, der durch einen Wald zu einem Fluss gelangen will. Der Läufer bewegt sich durch den Wald, ohne die Bäume zu sehen. Er erlebt den Lauf nur als Folge von Hindernissen (wenn er also gegen einen Baum läuft) oder freiem Raum, der ihm ungehindertes Fortkommen ermöglicht. So konstruiert er in seinem Kopf durch Versuch und Irrtum eine Karte seines Weges zum Fluss, in der aber die Bäume nicht vorkommen. Es gibt darin nur Aufzeichnungen von Hindernis-Erlebnissen und Wahrnehmungen des Weiterkommens. Dieser Fahrplan im Kopf dient uns dazu, unsere Ziele in der Welt zu verfolgen. Einen Kopf-Fahrplan, der diesen Zweck erfüllt, nennt von Glasersfeld „viabel“. Das Hauptwort dazu ist „Viabilität“ und heißt nichts anderes als „Gangbarkeit“. Es geht also um für den Menschen gangbare Wege durch seine Umwelt, und gangbare Wege gibt es – dies ein Grundgedanke des Konstruktivismus – immer mehrere. So wie der Waldläufer auf vielen Wegen durch die für ihn unsichtbaren Bäume zum Fluss gelangen kann.


Wie gesagt – die Konsequenzen aus den konstruktivistischen Grundgedanken betreffen uns alle. Denn – wenn jeder seine Welt erlebt – was ist dann mit den anderen Menschen? Können wir unter diesen Umständen überhaupt erfolgreich kommunizieren? Oder eine andere Frage, die im Gespräch behandelt wurde: Was ist mit wissenschaftlicher Forschung? Lassen sich überhaupt sinnvolle Aussagen über die Welt treffen, wenn unsere Möglichkeiten zur Erkenntnis so eingeschränkt sind? Der Konstruktivismus antwortet pragmatisch: Mach dir keine Sorgen um das, was für dich unerreichbar ist; such einfach nach gangbaren Wegen und sieh, wohin sie dich führen.
Gehirn, zentrales Nervensystem, Wahrnehmung, Bewusstsein – seit einigen Jahren sind diese Themen ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt. Eine Menge Bücher dazu werden veröffentlicht, durchaus auch populäre Wissenschaftsbücher, die Zeitschrift Gehirn und Geist berichtet jeden Monat über neue Forschungsergebnisse zu diesen und verwandten Themen. Wir haben uns mit Prof. Wolfgang Marx unterhalten.


Er ist Wahrnehmungspsychologe, also durchaus im gleichen Fachbereich wie von Glasersfeld tätig. Prof. Marx war so freundlich, für uns den Konstruktivismus vom Standpunkt des Naturwissenschaftlers zu kommentieren und abzugleichen. Seine Essays zu den heute angesprochenen Themen können Sie in dem Band nachlesen: Wolfgang Marx „Die Theorie der Wirklichkeit“, erschienen in der Edition Sturzflüge bzw. im Studienverlag.


Eine gute Einstiegslektüre in den Konstruktivismus bietet der Band „Einführung in den Konstruktivismus“ mit Beiträgen von Ernst von Glasersfeld, Heinz von Foerster, Peter M. Hejl, Siegfrid J. Schmidt und Paul Watzlawick; erschienen ist dieser Sammelband im Piperverlag.



Am Schluss wie immer ein Dank an den Kollegen von der Technik; das war für diese Ausgabe Marco de Pasquale.
 


 





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