Dienstag, 5. April 2011

FORUM LITERATUR # 49: Gedichte von Dschalal-o'd-Din Rumi





   (Abbildung: Wikipedia)

Verstand, der ird'sche Lenker meines Strebens,
Zeigt mir der Welten Bahnen und ihr Walten.
Die Kunde vom Geheimniss meines Lebens
Ist in des Menschen Eigenschaft enthalten.
Der Worte Perlen, die mein Mund vergiesset,
O lass' an deines Geistes Ohr sie prangen:
Denn jetzt, im Augenblick der schnell verfliesset,
Hält der Begeist'rung Odem mich umfangen.
Die Männer, wandelnd auf der Wahrheit Wegen,
Befragt' ich einst mit gläubig-frommem Sinne:
»Es ist wohl Gott an jedem Ort zugegen:
Doch welchen hält er vorzugsweise inne?«
Da hört' im Augenblicke von sechs Seiten
Mein Geistesohr die Worte zu ihm dringen:
»Das Herz nur kann der Gottheit Schatz bedeuten:
Du hörst in ihm der Gottheit Stimme klingen.«
Im Lichte, das ihr Wesen stets versendet,
Konnt' ihre Schönheit ich gar leicht erspähen:
Denn in dem Schimmer den die Sonne spendet,
Kann, wo die Sonne weilt, man deutlich sehen.
O eile, Freund! denn meine Augen schauen
Jetzt einzig nur der Gottheit heil'gen Schimmer:
Erschien die Sonne strahlend auf den Auen,
Dann sieht man ja das Heer der Sterne nimmer.
Trink' aus dem Becher der geweihten Liebe
Den Wein der Ewigkeit mit reinem Munde,
Denn sein Berauschen sind verliebte Triebe,
Und Höhe liegt in seinem tiefsten Grunde.
»Woll' uns des Herzens Räthsel doch erklären,
– So bath ich – Tebris' Sonne, Hoher, Reiner!«
Er sprach: »Ich will dich mein Geheimniss lehren:
Es sind die Worte: ›Ausser Gott ist Keiner.‹«


[Rumi: Gedichte des Sams aus Täbris (Auswahl). Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 60238
(vgl. Rumi-Diwan, S. 45)
http://www.digitale-bibliothek.de/band89.htm ]


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen