Freitag, 23. März 2012

FORUM LITERATUR # 88: Patrycja Pierchała - ein Porträt



Heute geht es nicht um neue Buchtipps, vielmehr haben wir ein kleines Porträt gestaltet – das Porträt einer Frau, die hier in Südtirol lebt und arbeitet und  Erzählungen und Gedanken in einer Sprache formuliert, die nicht ihre Muttersprache ist: auf Deutsch. Lernen Sie Patrycja Pierchała kennen. Vor zwanzig Jahren kam sie aus ihrer Heimat Polen nach Südtirol, um hier zu arbeiten, v.a. weil ihre Mutter sie gedrängt hatte, ins Ausland zu gehen. Wie sie das Land hier erlebt hat, welche Wendungen ihr Leben genommen hat, erzählt sie uns im Interview. Auch von ihrem Schreiben ist die Rede – und warum sie sich gerade in der deutschen Sprache ausdrückt. In ihren Texten mischt sich die Freude am Erzählen und an Geschichten mit eigenen Erfahrungen und Reflexionen darüber. Patrycja Pierchała hat noch nichts veröffentlicht - möglicherweise ist sie aber eine Autorin, von der wir noch hören werden. Hier eine Kostprobe aus dem Text "Erdichtung", aus dem Patrycja in der Sendung einen Auszug liest. Sie erzählt die Geschichte einer Frau, die sich ihr ganzes Leben lang in der Kunst der Selbstverantwortung geübt hat. Bis zuletzt will sie daran festhalten – und so nimmt sie auch die Entscheidung selbst in die Hand, in ein Altenheim umzusiedeln. Dort genießt sie es am meisten, wenn sie mit ihren Erinnerungen ungestört sein kann. Und so pendelt der Text zwischen den Erfahrungen der Protagonistin in der Gegenwart des Heimalltags und der Welt ihrer Erinnerungen hin und her.
„Ist das alles, was sie mitnehmen wollen?“, fragte der Chauffeur erstaunt. „Ein paar Bücher, eine kleine Reisetasche und sonst nichts?“ „Und der grüne Sessel“ ergänzte sie emotionslos. „Ihr ganzes Leben nur in einer Tasche?“ „Mein ganzes Leben nehme ich mit“, antwortete sie. „Es befindet sich in meinem Inneren.“  Er schaute sie verwundert an. „Die Alten…“ murmelte er leise. Sie beachtete diese Worte nicht. Ein wenig Mitleid verspürte sie mit ihm sogar. Wenn er es nur wusste, was für ein wunderbares Gefühl ist es zu wissen, dass der größte Reichtum eines Menschen in seinem Inneren zu finden ist. „Je weiter in die Tiefe, um so wärmer wird es“, hat jemand Mal zu ihr gesagt. Ja…wärmer und reicher. So hat sie das empfunden. Die Fahrt haben sie schweigsam verbracht. Sie dachte an all das zurück. Wie alles angefangen hat. Vor einer sehr langen Zeit. An alle ihre Anfänge. Jeder Einzelne von ihnen, schwierig. Am einfachsten, der erste. Obwohl sie sich an diesen nicht erinnern konnte. Wahrscheinlich war dieses Sich  - nicht – erinnern -  können der Grund dafür, dass ihr dieser als einfach erschien. Vielleicht auch besser so, dass ihr in damaligem Augenblick noch nichts bewusst war. Nicht so, wie jetzt. Hätte sie es gewusst, dann hätte sie sich vielleicht überhaupt geweigert auf diese Welt zu kommen. Wie vielleicht viele Anderen auch. Da man aber ganz unbewusst der ersten Zeit des Lebens begegnet, wächst und findet man sich mit dem Gedanken des Auf – der - Weltseins ab. Man kann sich sogar mit diesem anfreunden. Das gelingt allerdings nicht jedem. Ob ihr das gelungen ist? O ja. Was ihr am besten an dem Leben gefallen hat, war die Vorstellung, dass man die Freiheit hat, es selbst zu beenden. Und der größte Trost, dass auch dann, wenn man dazu nie den Mut finden würde (Mut? Oder wäre es eher Ausdruck einer Feigheit? Einer Feigheit, sich dem Leben zu stellen? Es anzunehmen? Es zu gestalten und es zu verändern?), wird es so oder anders eines Tages für jeden von uns zu Ende gehen. Ja. Dieser Gedanke gefiel ihr sogar noch besser. Es gefällt ihr immer noch. Jetzt vielleicht noch mehr als früher. Und dank diesem ist es ihr gelungen, sich an Dinge nicht zu binden. Sich nach dem Materiellen nicht zu sehnen. Den Sinn des Lebens fand sie in den kleinen Augenblicken der Freude und in einigen Begegnungen mit  besonderen Menschen. Und dadurch fühlte sie sich innerlich reich. Auch in diesen Zeiten ihres Lebens, in welchen sie nicht wusste, wovon sie das Geld für die nächste Rechnung nehmen soll. Das Sich – nicht – erinnern – können und noch mehr das Vergessen…zwei wunderbare Eigenschaften, welche uns das Gedächtnis ab und zu schenkt. Auch, obwohl wir uns über diese so oft und so sehr ärgern. Wie schlimm wäre es wohl, sich immer an alles, im Detail, erinnern zu können. Oder, noch schlimmer, es zu müssen. Nichts vergessen zu dürfen.

Das Heim hat sie selbst ausgesucht und schon vorher angeschaut. In Wirklichkeit hat es sie aber nicht besonders interessiert. Wichtig, dass sie das Zimmer für sich alleine haben konnte. Mit einem kleinen Bad. Sie hatte nicht vor, es öfters zu verlassen. Gerne würde sie ein Balkon haben. Auf welchem sie hätte rauchen und in die Ferne blicken können. Balkone gab es aber nicht. Aus Sicherheitsgründen, hieß es. Sie lächelte. Ganz Unrecht hatten sie damit nicht. Wer weiß, zu welchem Schauplatz einige dieser Balkone hätten werden können. Und Rauchen war nur im Garten erlaubt. Vielleicht war das jetzt der richtige Zeitpunkt, um damit aufzuhören. Nicht aus gesundheitlichen Gründen. O nein. Aber es hat ihr kaum mehr geschmeckt. Sie empfand dabei nichts mehr. Es gehörte nur noch ganz einfach zu einer ihrer Gewohnheiten. Wie oft hat sie es schon versucht? Es zu lassen. Und bei jedem dieser Versuche griff sie dann zur Pfeife. Sie lächelte ein wenig. Sie hasste den Geruch ihrer Kleider, durchsickert durch den Zigarettenrauch. Und trotzdem schaffte sie es nie. Es befriedigte sie ganz einfach. Auf eine bestimmte Art und Weise, welche sie genoss. Und die Dinge, welche man genießt, solle man nicht aufgeben, betonte sie immer wieder. Sogar in vielen ihrer Ethikvorlesungen baute sie den Gedanken des Genusses ein. Manchmal sogar so, dass sie damit einige Menschen ärgerte und ein paar Mal musste sie vor den Vorgesetzten eine Erklärungen abgeben. Sie meinte, wenn man wirklich etwas genießen kann, so ganz bewusst, dann hebt dieser Genuss an sich selbst fast jede moralische, wie auch gesundheitliche, allgemeingültige Vorstellung auf. Fast, da sie einige Bereiche dazu nicht zählen wollte. Genuss des Tötens, der Gewalt z. B. Wobei sie stark bezweifelte, dass man diese Dinge in Wirklichkeit überhaupt genießen kann. Diese Thematik beschäftigte sie sehr. Und sie glaubte, es hat eher mit einer bestimmten Art der Lust zu tun. Oder vielleicht des Zwanges. Und Lust und Genuss waren für sie zwei verschiedene Sachen. Und sie passte auch auf, damit man den Begriff der Genuss nicht mit irgendeiner Suchtform verwechselt. Das war ihr wichtig. Obwohl die Grenze oft sehr fließend war. Sie wollte nicht missverstanden werden. Und trotzdem wurde sie für diese Aussagen oft stark kritisiert. Diese Kritik störte sie allerdings kaum. Sie wollte nur ganz einfach die Menschen ein wenig provozieren. Und sie von dem gewöhnlichen Denken abbringen. Und dieses Ziel hat sie, wie es ihr schien, immer wieder erreicht. Gleichzeitig war sie davon überzeugt, und das betonte sie auch deutlich, dass ein wahrer Genuss nur dann als solcher betrachtet werden kann, wenn man durch diesen einen anderen Mensch nicht bewusst verletzt. Bewusst. Da die Dinge, welche ganz unbewusst passieren, können wir oft nicht beeinflussen. Denn…was wissen wir in Wirklichkeit über diese  schon? Manchmal ging sie zu weit und verlier sich in ihrer eigenen, manchmal etwas widersprüchlichen Überlegungen. Sie entwickelte laut einen neuen Gedankenfaden. Dann brach sie unerwartet die Vorlesung ab, mit der Erklärung, sie muss diesen Gedanken in Ruhe weiter denken. (...)
 Auszug aus "Erdichtung" von Patrycja Pierchała - alle Rechte bei der Autorin.

In der Lese-Schatztruhe stöbert Margot Schwienbacher heute nach anregenden Büchern zum Thema "Religion" - für Kinder, Jugendliche, Erwachsene.









1 Kommentar:

  1. Ich kenne die ganze Erzählung. „Erdichtung“, für mich ist es mehr als „Der grüne Sessel“ in Erinnerung geblieben. Schöne Geschichte, und der Titel „Erdichtung“ verbergt die Realität, denke ich. Ich kenne auch andere Kurzgeschichte von Patrycja, die alle nach eine Veröffentlichung „schreien“. Es wäre eine Bereicherung, wenn eine breite Publikum von der Autorin, Patrycja Pierchała, mehr zu lesen bekommen.

    Viktor

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