Sonntag, 22. Juli 2012

Drawing 3



Drawing 2


 
While taking part in the Albert-Einstein-lookalike-contest Mr. Jurij M. Lotman hit upon the concept of plotdriven narrative spacetime.



Drawing 1

(click on the drawing to enlarge, thank you)





Samstag, 21. Juli 2012

FORUM LITERATUR 101-105: Lyrische Sommernächte




Vom 3. bis zum 5. Mai wurde heuer im Pavillon des Fleurs des Kurhauses der Lyrikpreis Meran 2012 abgehalten. Neun Finalistinnen und Finalisten waren zum Wettlesen angetreten. Die Jury bestand aus Hans Jürgen Balmes, Verlagsmitarbeiter, Übersetzer und Herausgeber - Hans Höller, Germanist aus Salzburg, Maria Gazetti, freie Publizistin, Verlags-Scout und Übersetzerin - Jan Wagner, Autor, Übersetzer und Lyrikpreis-Veteran aus dem Jahr 2004 - sowie Ilma Rakusa, Kritikerin, Schriftstellerin und Übersetzerin.

Wir präsentieren Ihnen in dieser und den kommenden vier Ausgaben von Forum Literatur unseren Mitschnitt von der Veranstaltung. Sie hören die Lesungen aller neun Finalistinnen und Finalisten. Eingeführt werden sie jeweils vom Moderator der Veranstaltung – Martin Sailer, vom ORF Tirol. Anschließend an die Lesung präsentieren wir die Diskussion der Jury-Mitglieder, mitunter in gekürzter Form.

Samstag, 21.07.2012 - Thomas Kunst und Andrea Heuser

Samstag, 04.08.2012 - Stefan Heuer und Marie T. Martin

Samstag, 11.08.2012 - Karin Fellner und Hartwig Mauritz

Samstag, 18.08.2012 - Christoph Wenzel und Daniela Danz

Samstag, 01.09.2012 - Uwe Kolbe



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FORUM LITERATUR # 100: Hamsun, Sparschuh, Johnson




(Knut Hamsun und seine Frau Marie. Quelle: Wikipedia)


Wir lieben Erzählungen über Menschen, die in schwierigen Situationen zu ihren Überzeugungen stehen – diese Erzählungen können auch etwas Beunruhigendes haben – sie konfrontieren uns nämlich mit wichtigen Fragen: z.B. ob wir es in einer ähnlichen Situation auch schaffen könnten, unsere Überzeugungen nicht zu verraten.
Was aber, wenn wir von einem Menschen lesen, dessen Überzeugungen ganz und gar nicht den unseren entsprechen? Der sich weigert, zu einer Art „Einsicht“ zu gelangen? Was für eine Art von Spannung kann eine solche Lektüre auslösen? Was lässt sich dabei lernen?


Knut Hamsun war einmal ein Name, den die literarische Welt stolz im Mund führte. 1859 als eines von sechs Kindern eines Schneiders geboren, legte er einen weiten Weg zurück und lebte ein Leben voller Wechselfälle.
1920 bekam er für seinen Roman Segen der Erde den Literaturnobelpreis. Thomas Mann kommentierte: „Die Wahl fiel nie auf einen Würdigeren.“
Die Avantgarde feierte den Norweger. Noch vor Arthur Schnitzler, James Joyce oder Marcel Proust verwendete Hamsun Techniken, die wir heute mit dem modernen Erzählen verbinden – z.B. das, was „erlebte Rede“ oder „innerer Monolog“ genannt wird und dazu dient, die inneren Vorgänge einer Figur zu zeigen; oder den Wechsel in der Erzählzeit vom Imperfekt zum Präsens, um das Geschehen ganz nahe an die Leser und Leserinnen heranzubringen.
In seinen persönlichen Überzeugungen war Hamsun alles andere als modern. Den Modernismus als kulturelle Strömung verachtete er sogar. Zweimal hielt er sich in den USA auf, arbeitete u.a. als Erntehelfer und als Straßenbahnschaffner in Chicago – kehrte dann aber zurück und äußerte sich in einem langen Artikel verächtlich über amerikanische Moral und Lebensanschauung. Sein Leben lang nahm er eine antibritische Einstellung ein – das ging v.a. auf das Verhalten der Briten während der Burenkriege in Südafrika zurück. So hatte Hamsun in Großbritannien und den USA auch nie eine breite Leserschaft. Umso mehr dafür in Deutschland, v.a. die Jugend las und liebte seine avantgardistischen Werke wie z.B. den 1890 erschienenen Roman "Hunger", in dem Hamsun seine eigenen entbehrungsreichen Zeiten verarbeitete.
Und so staunt man vielleicht nicht mehr über die Tatsache, dass Hamsun ein Bewunderer der Nationalsozialisten war. Diese Haltung ruinierte ihn zu seinen Lebzeiten, und auch sein Andenken ist immer noch davon überschattet. Aber auch in diesem Zusammenhang wirkt Hamsuns Verhalten – wie auch sonst in seinem Leben – widersprüchlich und zerrissen. Einerseits griff er Carl von Ossietzky an, als dieser bereits im Konzentrationslager saß – er nannte ihn einen „merkwürdigen Friedensfreund“, der vorsätzlich als Märtyrer erscheinen wolle. Für die Einrichtung von Konzentrationslagern werde die Regierung gute Gründe haben, schrieb Hamsun. Den Norwegern rief der 81jährige zu, sie sollten die Gewehre wegwerfen und sich nicht gegen die deutschen Besatzer auflehnen.
Zitat: „Die Deutschen kämpfen für uns alle und brechen jetzt Englands Tyrannei über uns und alle Neutralen“.
Andererseits setzte sich Hamsun für seine Landsleute ein. Für die norwegischen Gebiete war 1940 als Reichskommissar Josef Terboven eingesetzt worden. Er beutete das Land wirtschaftlich aus und führte einen harten Kampf gegen den Widerstand der norwegischen Bevölkerung. 1943 sprach Knut Hamsun persönlich bei Hitler auf dem Obersalzberg vor, und zwar auf Vermittlung von Josef Goebbels hin. Er wollte die Absetzung Terbovens erwirken. Dabei führte Hamsun seine Autorität und seinen Ruf als in Deutschland geliebter Autor ins Feld – er wagte es sogar, Hitler zu widersprechen. Einen Wortschwall des Diktators unterbrach er mit dem Satz:
Die Methoden des Reichskommissars eignen sich nicht für uns, seine 'Preußerei' ist bei uns unannehmbar, und dann die Hinrichtungen - wir wollen nicht mehr!
Hitler beendete das Treffen, bevor es zu einem Eklat kommen konnte. Den Wutanfall bekam er erst, nachdem Hamsun abgereist war.
Durch briefliche Fürsprache erwirkte Hamsun, dass viele von den Nazis inhaftierte Norweger freigelassen wurden.
Und doch schrieb er dann 1945 einen würdigenden, weihevollen Nachruf auf Adolf Hitler – im Text bezeichnete er den Diktator u.a. als reformatorische Gestalt von höchstem Rang“.
Nach Kriegsende nahm der Generalstaatsanwalt den bekanntesten Schriftsteller Norwegens ins Visier. Hamsun wurde wegen Unterstützung der deutschen Besatzung als Landesverräter angeklagt. Er wurde unter Hausarrest gestellt, dann von seinem Herrensitz abgeholt und in einem Krankenhaus untergebracht. Von dort überstellte man ihn in ein Altersheim, von wo aus es weiterging in eine Psychiatrische Klinik in Oslo, in der Hamsuns Geisteszustand untersucht werden sollte. Nach vier Monaten erwirkte der Autor, dass man ihn ins Altersheim zurückbrachte.
Während dieser gesamten Zeit war Hamsun taub und halbblind. Und während dieser ganzen Zeit schrieb Hamsun. Sein letzter Roman „Der Ring schließt sich“, war schon 1936 erschienen, also 9 Jahre vor diesen Ereignissen. Seitdem hatte Hamsun nicht mehr gearbeitet, doch während der Zeit seiner strafrechtlichen Verfolgung griff er noch einmal zur Feder. So entstand das Buch „Auf überwachsenen Pfaden“.
Hamsun beschreibt die Zeit von jenem Moment an, als man ihn von zu Hause abholt, bis zum Mittsommer 1948, als das Oberste Gericht das Urteil in seinem Prozess gesprochen hat. Für die Form, in der er das tut, gibt es keine  Vorbilder. Das kurze Buch ist unglaublich facettenreich. Dabei ist es kein chronologisch aufgebautes Tagebuch, kein akribischer Rechenschaftsbericht, aber auch keine Anklage.Der Autor beschreibt zum Beispiel die Befragungen bei Gericht, denen er sich unterziehen muss, manchmal veranlasst Hamsun eine alltägliche Begebenheit zu einer Serie kurzer Erinnerungen, er beschreibt das Altersheim und seine persönliche Nemesis, den Psychiater Professor Langfeldt.
Der Aufenthalt in der Klinik war für Hamsun eine Qual. Auch Hamsuns Frau Marie war inhaftiert worden und wurde hinter dem Rücken ihres Mannes über intime Dinge befragt. Der über 90jährige Hamsun konnte durch Geschick und geistige Wachheit verhindern, dass ihn Professor Langfeldt für geisteskrank erklären konnte. Als der Schriftsteller schließlich aus der Klinik entlassen wurde, diagnostizierte Langfeldt, er halte Hamsun „für einen Menschen mit nachhaltig geschwächten geistigen Fähigkeiten“. In seinem Buch „Auf überwachsenen Pfaden“ schreibt Hamsun diesen seinen Zustand dem Klinik-Aufenthalt und der dortigen Behandlung zu. Zitat: „Ich bin wieder heraus aus der Anstalt. Damit ist nicht gemeint, dass ich frei bin, aber ich kann wieder atmen. Und atmen ist auch wirklich das einzige, wozu ich einstweilen imstande bin, ich bin sehr herunter. Ich komme aus einer Heilanstalt und bin sehr herunter. Ich war gesund, als ich hineinkam.“ (S. 62 f).

Als „Auf überwachsenen Pfaden“ 1949 erschien, war noch am Erscheinungstag die erste Auflage ausverkauft. Mit dem Buch war es Hamsun gelungen, Professor Langfeldt ein für allemal mundtot zu machen. Jedem war klar, dass das Buch niemals von einem geistig unzurechnungsfähigen Menschen hätte geschrieben werden können.
Was auch gesagt werden muss: „Auf überwachsenen Pfaden“ enthält keine Äußerung der Reue. Knut Hamsun hielt an seinen Überzeugungen, die ihm letztlich so viele Schwierigkeiten eingebracht hatten, fest. Das Oberste Gericht verurteilte den über 90jährigen schließlich zu einer Geldstrafe von 325.000 Kronen zuzüglich Zinsen und Verfahrenskosten, was ihn finanziell ruinierte. 1952 starb der Schriftsteller auf seinem mittlerweile heruntergekommenen Gut Nörholm.
„Auf überwachsenen Pfaden“ ist ein außergewöhnliches Buch, es ist mit Sicherheit wie nichts, was Sie sonst gelesen haben. Es wird sie herausfordern, begeistern, zum Kopfschütteln bringen. Wenn Sie sich dafür interessieren, dann lesen Sie es vielleicht am besten zusammen mit einer Biographie von Knut Hamsun – z.B. „Knut Hamsun: Schwärmer undEroberer“ von Ingar Sletten Kolloen (sprich: Ingar Schletten Kólluen), erschienen im Landt-Verlag.
Außerdem in dieser Folge mit dabei:












Dienstag, 10. Juli 2012

FORUM LITERATUR # 99: Das Lufer-Haus, Burnside, Capus, Toole



Heute stellen wir jenen unter Ihnen, die sich gern zu Hause ein wenig gruseln, ein neues Hörspiel vor – der Titel lautet „Das LuferHaus“. Und das sagt Ihnen schon, dass hier das Motiv des Spukhauses weidlich ausgenutzt wird. Geschrieben wurde das Hörspiel von Kai Schwind.


Unser erstes (gedrucktes) Buch stammt vom schottischen Erzähler John Burnside und trägt den Titel „In hellenSommernächten“. Wenn Sie jetzt an eine romantische Erzählung denken, die zwischen römischen Ruinen, in einem Seebad mit Patina oder zwischen toskanischen Hügeln stattfindet – weit gefehlt. Nicht umsonst kommt dieser Roman gleich nach dem Hörspiel „Das Lufer-Haus“. In dieser Geschichte befinden wir uns in Norwegen, auf der fünftgrößten Insel Kvaløya – zwei Brüder, Mats und Harald Sigfridsson, sind kurz nacheinander ertrunken. Bald darauf holt sich die See den Urlauber Martin Crosbie, und auch ein älterer Mann namens Kyrre Opdahl verschwindet spurlos. Zehn Jahre nach diesen Geschehnissen erinnert sich die Ich-Erzählerin Liv an diese Ereignisse. An die Theorien, die damals gesponnen wurden. Daran, dass die Huldra, eine wilde und ungezügelte Naturgöttin, etwas mit all dem zu tun hatte. Auch von ihren eigenen Lebensumständen erzählt Liv – und von Maia, die in jeder Hinsicht ihr Gegenstück gewesen zu sein scheint.


Ein junger Mann lernt eine junge Frau kennen. Diese Geschichte hat der Schweizer Erzähler Alex Capus bereits einmal sehr fein erzählt, und zwar unter dem Titel „Etwas sehr, sehr Schönes“. Sie steht an erster Stelle in seinem Erzählband „Eigermönchundjungfrau“ – wie die drei Berggipfel, zu einem Wort zusammengefügt. „Etwas sehr, sehr Schönes“ erzählt die Geschichte, wie Capus‘ Eltern einander kennen gelernt haben. Jetzt hat sich der Autor seiner Großeltern angenommen, doch benutzt er deren Biographie nur als Richtschnur für eine fiktive Erzählung, einen Roman mit dem Titel „Léon und Louise“.


In dieser Folge erleben wir Alex Capus nicht nur als Autor, sondern auch als Übersetzer. „Die Verschwörung der Idioten“ von John Kennedy Toole ist heute ein so genannter Kultroman – aber als er 1980 zum ersten Mal erschien, betrug die Startauflage gerade mal 2500 Exemplare. Ein Jahr später gewann das Buch den Pulitzer-Preis. John Kennedy Toole, der in seinen letzten Jahren psychisch belastet war, hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits umgebracht. Sein Vermächtnis, eben der Roman „Die Verschwörung der Idioten“ wurde schließlich nur veröffentlicht, weil die Mutter des verstorbenen Autors – Thelma Toole – einfach nicht locker ließ.
Dieser Roman ist jetzt in neuer deutscher Übersetzung erschienen, die eben Alex Capus für den Klett-Cotta-Verlag besorgt hat.