Samstag, 21. Juli 2012

FORUM LITERATUR # 100: Hamsun, Sparschuh, Johnson




(Knut Hamsun und seine Frau Marie. Quelle: Wikipedia)


Wir lieben Erzählungen über Menschen, die in schwierigen Situationen zu ihren Überzeugungen stehen – diese Erzählungen können auch etwas Beunruhigendes haben – sie konfrontieren uns nämlich mit wichtigen Fragen: z.B. ob wir es in einer ähnlichen Situation auch schaffen könnten, unsere Überzeugungen nicht zu verraten.
Was aber, wenn wir von einem Menschen lesen, dessen Überzeugungen ganz und gar nicht den unseren entsprechen? Der sich weigert, zu einer Art „Einsicht“ zu gelangen? Was für eine Art von Spannung kann eine solche Lektüre auslösen? Was lässt sich dabei lernen?


Knut Hamsun war einmal ein Name, den die literarische Welt stolz im Mund führte. 1859 als eines von sechs Kindern eines Schneiders geboren, legte er einen weiten Weg zurück und lebte ein Leben voller Wechselfälle.
1920 bekam er für seinen Roman Segen der Erde den Literaturnobelpreis. Thomas Mann kommentierte: „Die Wahl fiel nie auf einen Würdigeren.“
Die Avantgarde feierte den Norweger. Noch vor Arthur Schnitzler, James Joyce oder Marcel Proust verwendete Hamsun Techniken, die wir heute mit dem modernen Erzählen verbinden – z.B. das, was „erlebte Rede“ oder „innerer Monolog“ genannt wird und dazu dient, die inneren Vorgänge einer Figur zu zeigen; oder den Wechsel in der Erzählzeit vom Imperfekt zum Präsens, um das Geschehen ganz nahe an die Leser und Leserinnen heranzubringen.
In seinen persönlichen Überzeugungen war Hamsun alles andere als modern. Den Modernismus als kulturelle Strömung verachtete er sogar. Zweimal hielt er sich in den USA auf, arbeitete u.a. als Erntehelfer und als Straßenbahnschaffner in Chicago – kehrte dann aber zurück und äußerte sich in einem langen Artikel verächtlich über amerikanische Moral und Lebensanschauung. Sein Leben lang nahm er eine antibritische Einstellung ein – das ging v.a. auf das Verhalten der Briten während der Burenkriege in Südafrika zurück. So hatte Hamsun in Großbritannien und den USA auch nie eine breite Leserschaft. Umso mehr dafür in Deutschland, v.a. die Jugend las und liebte seine avantgardistischen Werke wie z.B. den 1890 erschienenen Roman "Hunger", in dem Hamsun seine eigenen entbehrungsreichen Zeiten verarbeitete.
Und so staunt man vielleicht nicht mehr über die Tatsache, dass Hamsun ein Bewunderer der Nationalsozialisten war. Diese Haltung ruinierte ihn zu seinen Lebzeiten, und auch sein Andenken ist immer noch davon überschattet. Aber auch in diesem Zusammenhang wirkt Hamsuns Verhalten – wie auch sonst in seinem Leben – widersprüchlich und zerrissen. Einerseits griff er Carl von Ossietzky an, als dieser bereits im Konzentrationslager saß – er nannte ihn einen „merkwürdigen Friedensfreund“, der vorsätzlich als Märtyrer erscheinen wolle. Für die Einrichtung von Konzentrationslagern werde die Regierung gute Gründe haben, schrieb Hamsun. Den Norwegern rief der 81jährige zu, sie sollten die Gewehre wegwerfen und sich nicht gegen die deutschen Besatzer auflehnen.
Zitat: „Die Deutschen kämpfen für uns alle und brechen jetzt Englands Tyrannei über uns und alle Neutralen“.
Andererseits setzte sich Hamsun für seine Landsleute ein. Für die norwegischen Gebiete war 1940 als Reichskommissar Josef Terboven eingesetzt worden. Er beutete das Land wirtschaftlich aus und führte einen harten Kampf gegen den Widerstand der norwegischen Bevölkerung. 1943 sprach Knut Hamsun persönlich bei Hitler auf dem Obersalzberg vor, und zwar auf Vermittlung von Josef Goebbels hin. Er wollte die Absetzung Terbovens erwirken. Dabei führte Hamsun seine Autorität und seinen Ruf als in Deutschland geliebter Autor ins Feld – er wagte es sogar, Hitler zu widersprechen. Einen Wortschwall des Diktators unterbrach er mit dem Satz:
Die Methoden des Reichskommissars eignen sich nicht für uns, seine 'Preußerei' ist bei uns unannehmbar, und dann die Hinrichtungen - wir wollen nicht mehr!
Hitler beendete das Treffen, bevor es zu einem Eklat kommen konnte. Den Wutanfall bekam er erst, nachdem Hamsun abgereist war.
Durch briefliche Fürsprache erwirkte Hamsun, dass viele von den Nazis inhaftierte Norweger freigelassen wurden.
Und doch schrieb er dann 1945 einen würdigenden, weihevollen Nachruf auf Adolf Hitler – im Text bezeichnete er den Diktator u.a. als reformatorische Gestalt von höchstem Rang“.
Nach Kriegsende nahm der Generalstaatsanwalt den bekanntesten Schriftsteller Norwegens ins Visier. Hamsun wurde wegen Unterstützung der deutschen Besatzung als Landesverräter angeklagt. Er wurde unter Hausarrest gestellt, dann von seinem Herrensitz abgeholt und in einem Krankenhaus untergebracht. Von dort überstellte man ihn in ein Altersheim, von wo aus es weiterging in eine Psychiatrische Klinik in Oslo, in der Hamsuns Geisteszustand untersucht werden sollte. Nach vier Monaten erwirkte der Autor, dass man ihn ins Altersheim zurückbrachte.
Während dieser gesamten Zeit war Hamsun taub und halbblind. Und während dieser ganzen Zeit schrieb Hamsun. Sein letzter Roman „Der Ring schließt sich“, war schon 1936 erschienen, also 9 Jahre vor diesen Ereignissen. Seitdem hatte Hamsun nicht mehr gearbeitet, doch während der Zeit seiner strafrechtlichen Verfolgung griff er noch einmal zur Feder. So entstand das Buch „Auf überwachsenen Pfaden“.
Hamsun beschreibt die Zeit von jenem Moment an, als man ihn von zu Hause abholt, bis zum Mittsommer 1948, als das Oberste Gericht das Urteil in seinem Prozess gesprochen hat. Für die Form, in der er das tut, gibt es keine  Vorbilder. Das kurze Buch ist unglaublich facettenreich. Dabei ist es kein chronologisch aufgebautes Tagebuch, kein akribischer Rechenschaftsbericht, aber auch keine Anklage.Der Autor beschreibt zum Beispiel die Befragungen bei Gericht, denen er sich unterziehen muss, manchmal veranlasst Hamsun eine alltägliche Begebenheit zu einer Serie kurzer Erinnerungen, er beschreibt das Altersheim und seine persönliche Nemesis, den Psychiater Professor Langfeldt.
Der Aufenthalt in der Klinik war für Hamsun eine Qual. Auch Hamsuns Frau Marie war inhaftiert worden und wurde hinter dem Rücken ihres Mannes über intime Dinge befragt. Der über 90jährige Hamsun konnte durch Geschick und geistige Wachheit verhindern, dass ihn Professor Langfeldt für geisteskrank erklären konnte. Als der Schriftsteller schließlich aus der Klinik entlassen wurde, diagnostizierte Langfeldt, er halte Hamsun „für einen Menschen mit nachhaltig geschwächten geistigen Fähigkeiten“. In seinem Buch „Auf überwachsenen Pfaden“ schreibt Hamsun diesen seinen Zustand dem Klinik-Aufenthalt und der dortigen Behandlung zu. Zitat: „Ich bin wieder heraus aus der Anstalt. Damit ist nicht gemeint, dass ich frei bin, aber ich kann wieder atmen. Und atmen ist auch wirklich das einzige, wozu ich einstweilen imstande bin, ich bin sehr herunter. Ich komme aus einer Heilanstalt und bin sehr herunter. Ich war gesund, als ich hineinkam.“ (S. 62 f).

Als „Auf überwachsenen Pfaden“ 1949 erschien, war noch am Erscheinungstag die erste Auflage ausverkauft. Mit dem Buch war es Hamsun gelungen, Professor Langfeldt ein für allemal mundtot zu machen. Jedem war klar, dass das Buch niemals von einem geistig unzurechnungsfähigen Menschen hätte geschrieben werden können.
Was auch gesagt werden muss: „Auf überwachsenen Pfaden“ enthält keine Äußerung der Reue. Knut Hamsun hielt an seinen Überzeugungen, die ihm letztlich so viele Schwierigkeiten eingebracht hatten, fest. Das Oberste Gericht verurteilte den über 90jährigen schließlich zu einer Geldstrafe von 325.000 Kronen zuzüglich Zinsen und Verfahrenskosten, was ihn finanziell ruinierte. 1952 starb der Schriftsteller auf seinem mittlerweile heruntergekommenen Gut Nörholm.
„Auf überwachsenen Pfaden“ ist ein außergewöhnliches Buch, es ist mit Sicherheit wie nichts, was Sie sonst gelesen haben. Es wird sie herausfordern, begeistern, zum Kopfschütteln bringen. Wenn Sie sich dafür interessieren, dann lesen Sie es vielleicht am besten zusammen mit einer Biographie von Knut Hamsun – z.B. „Knut Hamsun: Schwärmer undEroberer“ von Ingar Sletten Kolloen (sprich: Ingar Schletten Kólluen), erschienen im Landt-Verlag.
Außerdem in dieser Folge mit dabei:












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